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21.9.2017 : 21:23 : +0200

Wie kritisieren? Die Rolle des Ungläubigen Thomas

von Mark Edwards

(Quelle: IP 1, 2006)

An einem Abend in Niederursel hatte ich eine (zumindest für mich) wunderbare Diskussion mit Monika Frühwirth und Dennis Wittrock.

Unter anderem kamen wir auf das Thema der Kritik zu sprechen, und wie das Etikett „Wilber Kritiker“ innerhalb der integralen Gemeinschaften verwendet wird. Monika ersuchte mich, einige meiner Gedanken zu diesem Thema niederzuschreiben. Aus meiner Sicht spielt Kritik in der Wissensbewertung in allen Bereichen des Lebens eine fundamentale Rolle. Und als Folge daraus unterstützen gesunde Gemeinschaften aller Art Foren für Kritik und für den Produktionsprozess von kritischen Analysen. Wenn wir die Entwicklung kritischer Stimmen nicht unterstützen oder wenn wir Kritik entmutigen oder ignorieren, dann berauben wir uns einer Chance, größere Einsicht darin zu erlangen, was wir sind, wofür wir stehen und was wir als wahr, gerecht, gut und schön in der Welt ansehen. Ich glaube auch, dass es besonders bedeutsam ist für jene, die sich für integrale Ansätze engagieren, um zu verstehen, wie rationale und wissenschaftliche Kritik zu der Emergenz der integralen Disziplinen und ihren Theorien, Methoden und Praktiken beitragen kann.        m. e.

Einführung

Ken Wilber hat mehrfach seine Ansichten darüber dargelegt, wie Kritik an seine Werken angelegt werden soll (so zum Beispiel auf der Shambala website, der Frank Visser Website und den vielen Antworten auf Kritiker im Laufe der Jahre). Bei vielen seiner Ansichten gegenüber Kritik stimme ich mit Wilber überein (z. B. dass viele Kritiker seine Arbeit ganz einfach nicht verstehen), aber ich stimme bei vielen anderen seiner Ansichten auch nicht überein (z. B. dass ein Kritiker in direktem Kontakt mit Ken sein müsse, um sein Werk wirklich zu verstehen – siehe auch meine Antwort auf Kens Anliegen auf Visser Webseite). Im Folgenden möchte ich einen etwas anderen Aspekt dieses „Wilber-Kritiker“-Themas erörtern und die Diskussion dahin erweitern, indem ich die Rolle von Kritik generell beleuchte.

Ich stelle folgende Fragen: Welche Rolle könnte Kritik bei der Entwicklung der integralen Vision spielen? Wie sollten die verschiedenen integralen Gemeinschaften „die Kritik“ sehen und damit umgehen?

Lasst mich das mit einem Zitat von Bertrand Russel beginnen:

„Wenn man einen Philosophen studiert, ist die richtige Haltung weder Ehrfurcht noch Geringschätzung, sondern zuerst einmal eine Form von hypothetischer Sympathie, solange, bis man ahnen kann, wie es sich anfühlt, an seine Theorien zu glauben; erst danach sollte man die kritische Haltung wiederbeleben, wobei jegliche bisher eingenommene Meinung völlig fallengelassen wird. Geringschätzung würde den ersten Teil dieses Prozesses verhindern und Überschätzung den zweiten. Zwei Dinge müssen beachtet werden: Jemand, dessen Meinungen und Thesen es wert sind, studiert zu werden, besitzt sicher einiges an Intelligenz, aber niemand ist bereits so weit, zu vollkommener und endgültiger Wahrheit gelangt zu sein.“ (Russell, 1961, S. 58)

 

Nun, als eifriger Student von Wilbers Ansichten und Thesen über mehr als 20 Jahre, muss ich gestehen, dass ich weit mehr als “hypothetische Sympathie” für sein Werk hege. Es wäre richtiger zu sagen, dass ich leidenschaftliche Empathie für sein Schreiben und seine Philosophie empfinde. Aber zugleich habe ich auch eine sehr starke “kritische Haltung” gegenüber Kens Arbeit. Das obige Zitat von Bertrand Russell weist darauf hin, dass für den authentischen Studenten der Ideen, ein sympathisierendes Verstehen und ein kritisches Analysieren Seite an Seite stehen. Ich bin mir sicher, dass Wilber hierin mit Russel übereinstimmen würde. Ebenso würde er mit Russell darin übereinstimmen (und er hat das auch auf viele verschiedene Arten gesagt), dass kein Mensch (oder keine Gemeinschaft) eine (und hier zitiere ich Russell) „vollständige und endgültige Wahrheit über irgendein Thema wie auch immer“ entwickeln werde. Wilber hat viele Male darauf hingewiesen, dass seine Ideen „work in progress“ (in der Entwicklung, unfertig) seien – das Fortschreiten der „Wilber-Phasen“ bezeugt das zur Genüge. Wie auch immer, so glaube ich auch, dass Wilbers integrale Philosophie der bei weitem beste Ansatz ist, um ein komplexeres Verstehen (und auch Erfahren) unserer derzeitigen Welt und ihrer schwierigen Probleme zu entwickeln. Als enthusiastischer Studierender der Wilberschen Ideen stimme ich mit Russell überein, dass wirkliches Lernen beides enthält: sowohl Verstehen (sich unterordnend einfühlen, „understanding“) als auch Kritik (getrennt davon stehen). Sympathisches Verstehen ohne Kritik führt zu unterwürfiger, unqualifizierter Übernahme. Kritische Analyse ohne sympathisches Verstehen verwandelt sich oft in intellektuelles Heruntermachen und Arroganz.

Ohne Zweifel würdigt weder die eine noch die andere Reaktion Wilbers Ideen. Und keine dieser Ansichten hat viel mit einem wissenschaftlichen Herangehen an Gelehrsamkeit zu tun. Scharfsichtige Kritik und engagierte Empathie sind zwei entscheidende Anforderungen für den einzelnen Studenten und die Gemeinschaft der „Gelehrten“, sowohl in Theorie wie in Praxis, sowohl in der Welt der reinen Wissenschaft als auch in angewandter Aktion, sowohl im abgehobenen Raum der philosophischen Debatte, als auch im realen Raum der alltäglichen Handlungen. Und so bekräftige ich die Wichtigkeit „des Kritikers“ für die integrale Gemeinschaft der Studierenden, Praktizierenden, Organisatoren, Aktiven, Schreibenden etc.

Definitionen (natürlich)

Das Wort “Kritiker” kommt (über das Lateinische “criticus”) von den griechischen Wörtern „kritikos“ für unterscheiden, „kritis“, für urteilen, und von „krinein“, zu trennen. Elemente dieser Wörter finden wir in den englischen Wörtern „crisis“, „critic“, „criterion“ und „endocrine“. Aus diesen Wurzeln heraus hat das englische Wort „critic“ mehrere Bedeutungen entwickelt. Nehmen wir z. B. aus dem American Heritage Dictionary folgende Deutung:

Ein Kritiker ist: 1. Jemand, der über Verdienste, Fehler, Wert oder Wahrheit einer Sache Urteile formuliert und ausdrückt. 2. Jemand, der sich spezialisiert auf Bewertung, Überprüfung und Anerkennung von literarischen oder künstlerischen Arbeiten; ein Filmkritiker; ein Tanzkritiker. 3. Jemand, der dazu tendiert, herbe oder zerpflückende Urteile zu fällen; ein Fehlerfinder.

Die erste Definition bezieht sich auf den Prozess der Wahrheitsfindung über etwas, durch logische und beobachtbare Evidenz. Unter anderem beinhaltet sie die rationale und wissenschaftliche Überprüfung einer Idee, einer Theorie, einer Faktenbehauptung, oder eines Erklärungsansatzes. Sie betrifft die äußeren Quadranten und verwendet daher die wissenschaftliche Methode.

Die zweite Definition hat mehr zu tun mit Interpretation, Zielrichtung und emotionaler Reaktion, und Versuchen, die Schönheit, den Sinn, die Qualität oder den subjektiven Wert von etwas zu behandeln. Hier liegt der Fokus bei den inneren Quadranten und der Überprüfung des kulturellen Wertes von etwas. Dies sind die beiden vordringlichsten Rollen die Kritik spielt – als Prozess der “Wahrheit”-Findung und als Mittel „Schönheit“ zu verkünden (siehe Abb. 1). Beide Prozesse, äußere Wahrheit und innere Qualität zu überprüfen, sind sehr schwierig gut durchzuführen und greifen oft zu kurz, trotz bester Absichten. Wissenschaftliche Kritik und künstlerische Kritik können beide zu engem Verurteilen und vorurteilbehaftetem Fehlerfinden verkommen.

Es ist die dritte Definition – der unverbesserliche Fehlerfinder – die bisweilen in manchen integralen Gemeinschaften von sich reden macht. Über den Fehler suchenden Kritiker könnten wir bisweilen mit Dale Carnegies Ansicht darin übereinstimmen: „Jeder Narr kann kritisieren, verurteilen und beklagen – und die meisten Narren tun es“. Manchmal schreiben wir den „Wilber Kritikern“ die unbewusste Motivation zu, „Wilber-Möchtegerne“ (Wilber-Wannabies) zu sein. Dann sehen wir Kritik, wie Emmet Fox es ausdrückt, als „eine indirekte Form des Prahlens“. Manchmal sehen wir die Kritik von integralen Ideen als verurteilendes Fehler finden, das sich hinter einem Mantel plausibler Argumente versteckt.

Was immer wir auch über die Motive des Fehler findenden Kritikers mutmaßen können, es ist ausschlaggebend, dass sie nicht mit der ursprünglichen Kritik von Ideen zusammengeworfen werden dürfen. Für die Entwicklung eines jeden authentischen Wissenszweiges ist es sehr bedeutsam, dass Pfade des kritischen Kommentars ermutigt werden, und dass Kritik wertgeschätzt wird und nicht verdammt wird, wie der Fuchs, der behauptet, dass die Trauben zu sauer seien. Das stimmt für Kritik, die von innen kommt (Schreiber/Denker, die aus einer integralen Perspektive heraus kommen) genauso wie für jene, die von außen kommt (Schreiber/Denker, die von einer anderen philosophischen oder akademischen Perspektive her kommen). Gerade weil integrale Theorie ein so weites Territorium umfasst, ist es wahrscheinlich, dass jeder Kritiker in irgendeinem Teil des Gesamtrahmens über Fachwissen verfügen wird, sei es Entwicklungspsychologie, Soziologie, Philosophie, vergleichende Religionswissenschaft etc. Fehlerfinden und räsonierende Kritik kommen aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Diese beiden miteinander zu verwechseln sagt oft mehr über unsere eigene Reife und Motive aus, als über den Kritiker.

Die “Kritik der integralen Theorie” und der “Wilber Kritiker”

Ich verwende den Begriff “integrale Theorie” oder “integrales Modell” in derselben Weise wie Wilber. Für mich bezieht sich integrale Theorie auf die Gesamtheit der Lehrsätze und Prinzipien, die in den Werken von Ken Wilber dargestellt sind. Er benennt dieses Lehrsatz-Gebäude abwechselnd „integrale Theorie“, „das integrale Modell“, und „AQAL“. Wie er sagt,

Das von mir vorgeschlagene Modell – namentlich “alle Ebenen, alle Quadranten” — versucht einen Ansatz zu liefern, innerhalb dessen alle diese „Fakten“, wenn man so will, untergebracht werden können.

(Collected Works, “Introduction to Volume 8”)

Ken offeriert uns eine „kritische integrale Theorie“, und es ist dieser Bereich, den ich von Zeit zu Zeit kritisch evaluiert habe (z. B. siehe Edwards, 2002). Während es viele Formen von „integral“ und viele unterschiedliche „integrale Ansätze“ für viele verschiedene Bereiche gibt (siehe Cacciope & Edwards, 2005), so meinen wir generell Formulierungen, wie sie durch die Ideen in Wilbers Büchern ausgedrückt werden, wenn wir von „integraler Theorie“ oder dem „integralen Ansatz“ oder einer „integralen Annäherung“ sprechen. Während viele unterschiedliche Autoren ein oder einige Elemente eines integralen Ansatzes vorschlagen, so hat doch keiner von ihnen dieselbe Reichweite oder das Detail wie Wilbers Ansätze AQAL oder IOS. In diesem Sinn ist „integrale Theorie“, wie wir sie nun kennen, praktisch gleichbedeutend mit „den Werken von Ken Wilber“. Über irgendein Thema einen integralen Ansatz vorzuschlagen, ohne auf Ken Wilbers Ideen Bezug zu nehmen, ist weder möglich noch erstrebenswert. Heutzutage einen “integralen Ansatz” zu verstehen und zu erklären, heißt, Wilbers Schriften über das Wesen eines „integralen Ansatzes“ zu verstehen und zu erklären. Und daher tendieren wir zur Annahme, dass ein Kritiker der “integralen Theorie“ genau dasselbe sei wie ein „Wilber Kritiker“. Im Weiteren möchte ich diese nicht gerade hilfreiche Verknüpfung entwirren.

Als Student und Praktiker der Sozialwissenschaft ist es Teil meiner Rolle innerhalb der größeren integralen Gemeinschaft, ein aktiver „Kritiker der integralen Theorie“ zu sein, aber das heißt nicht, dass ich ein „Wilber Kritiker“ bin. Eine Gleichsetzung dieser sehr unterschiedlichen Aktivitäten vermischt die wichtige Aufgabe der kritischen Evaluierung mit der eher minderen Absicht des Fehlerfindens. Sie vermischt auch wissenschaftliche Kritik an Wilbers Werken mit einer ad hominem und verurteilenden Form der Kritik, die direkt gegen die Person von Ken Wilber selbst gerichtet ist. Ich möchte eine kritische Wertschätzung der integralen Theorie, und möchte sie trennen von Kritik an der Person, oder ihrer Absichten oder Motive usw. Einige Kritiker (Beispiele finden sich in Frank Vissers Reading Room) haben den unglücklichen Fehler begangen, diese zwei Formen der Kritik zu vermischen. Während die rationale Kritik an Ideen die wissenschaftlichen Ziele fördert, haben ad hominem Kritiken nicht das Geringste mit Wissenschaft zu tun. Wir müssen diese beiden Formen von Kritik unterscheiden und nicht gleichsetzen – die wichtige Rolle der „Kritik der integralen Theorie“ einerseits und die irrelevante Rolle der „Wilber Kritik“ auf der anderen Seite. Die beiden Rollen sind voneinander unabhängig. Das Entkoppeln dieser beiden Formen der Kritik hilft uns dabei, Kritik an der integralen Theorie als „Wilber Kritik“ zu etikettieren. Es scheint eigenartig, etwas so Offensichtliches zu sagen, aber dennoch betone ich, dass ein Kritiker Wilber und seine Arbeit vollkommen unterstützen kann, und doch – zu gleicher Zeit – kritisch gegenüber manchen theoretischen Aspekten seiner Werke sein kann.

Von allen Seiten

Und ein anderer genereller Punkt muss hier noch vorgebracht werden. Wilber sagt: “Ich habe eine ‚integrale Theorie’ geschaffen, von der ich behaupte, dass sie mehr Arten von Wahrheiten beinhaltet als ihre Alternativen“ (Wilber, 2003, S. 58). Das bedeutet, dass integrale Theorie nicht nur die gültigen Wahrheitsansprüche anderer Theorien und Paradigmen anerkennt, sondern auch deren Begrenzungen. Und daher wird integrale Theorie wahrscheinlich auch von allen Seiten kritisiert werden, wegen ihres integrativen Potenzials. Und genauso sollte es auch sein. Und wie diese Kritiken beachtet und beantwortet werden, wird für die Entwicklung integraler Ansätze generell ein wichtiger Prozess sein. Wilber hat festgestellt, dass er eine Art “kritischer integraler Theorie” anbiete. Sich mit integralen Ansätzen und Methoden herumzuschlagen, ist schon naturgemäß eine Übung in Kritik. Jede integrative Unternehmung verlangt eine kritische Einschätzung derjenigen Ansichten, die zu integrieren sie sich anschickt. Das ist nicht nur eine theoretische Frage. Integrale Theoretiker und Praktiker arbeiten innerhalb ihrer jeweiligen Bereiche, indem sie die gültigen Wahrheiten und Begrenzungen diverser Ansichten berücksichtigen und sie in einem größeren Rahmen zusammenführen. Integrale Theorie und Praxis ist schon per Definition eine kritische Disziplin. So entstand z. B. das integrale Modell eines „Spektrums des Bewusstseins“ aus der kritischen Einschätzung der Beschränktheit vieler Bewusstseinstheorien und ihrer Integration in einen umfassenderen konzeptionellen Ansatz. Die Entwicklung einer Integralen Transformativen Praxis (ITP) entsprang einer kritischen Betrachtung der Beschränkungen mancher spiritueller Disziplinen und der Vorteile, wenn viele unterschiedliche gesundheits- und wachstumsorientierte Praktiken in einen zusammenhängenden Ansatz gebracht werden. Aus dieser Perspektive erfordert integrales Beschäftigen mit irgendeinem Thema notwendigerweise eine Art von kritischem Geist und kritischem Herzen, die für jede transformative Theorie oder Praxis essentiell sind.

Aus meiner Sicht ist diese Art von kritischer Nachfrage die Grundlage jeder ehrlichen Suche für das, was wir als wahr, gut, schön und gerecht ansehen. Wir alle verstehen, da bin ich mir sicher, die zentrale Position, die kritisches Nachforschen, vergleichende Überprüfung und vergleichende Bestätigung (Bestätigen, Falsifizieren, Wiederholen) im wissenschaftlichen Prozess innehaben. Weniger anerkannt ist jedoch, dass kritisches Nachfragen ebenso die Basis für viele Formen kontemplativer Disziplinen darstellt. In der Zen Praxis der Konzentration auf ein Koan ist es unabdingbar, dass in der Auseinandersetzung mit dem Koan eine nachforschende, unterscheidende und kritische Seite gezeigt wird. Die Gestalt des Manjushri verkörpert diesen Typus des kritischen Unterscheidens, die Praxis von Nicht-Praxis trennt (natürlich hat das nichts damit zu tun, den Wert Praxis einer Person zu beurteilen), die zwischen Authentizität und Vortäuschen unterscheidet („Verfehle es nur um ein Haar und du bist 1000 Meilen davon entfernt!“). Kritik ist Teil des Forschungsprozesses, sie taucht auf jeder Ebene der Wissensproduktion auf.

Kritik und der Kritiker spielen ebenso zentrale Rollen bei unserer Suche nach Schönheit. Ganz persönlich gesprochen entstammt meine Wertschätzung der Schönheit und ästhetischen Tiefe der zeitgenössischen Kunst hauptsächlich den kritischen Schriften des anerkannten australischen Kunstkritikers Robert Hughes. Kritik fördert ebenso unsere Suche nach Gerechtigkeit in der Welt. Die Kritische Theorie der Philosophen der Frankfurter Schule, natürlich mit ihrem herausragenden Vertreter Jürgen Habermas, hat ihren Namen aufgrund ihrer eingebauten Fähigkeit, soziale und politische Hauptrichtungen in Theorie und Praxis kritisch zu analysieren. So liegen die vielen Formen von Kritik dem transformativen Prozess zugrunde und zwar in allen Sphären des Lebens und Entwicklungsstufen. Kritik und der Kritiker sind wesentliche Weggefährten auf jedem Pfad, der hoffentlich neue Einsichten erlangt über die boomende und schwirrende Verwirrung, die uns umgibt. Und besonders gilt das für jede Disziplin, die sich integral nennen möchte.

Die dunkle Seite der (zurückweisenden) Kritik

Die dunkle Seite der Kritik ist, dass sie auch zum minder-motivierten Fehlersuchen degenerieren kann – Bertrand Russels „intellektuelle Versuchung“. Sie kann eine enge Sache werden, der es eher um das Niederreißen als um das Aufbauen geht. Wenn die Fähigkeit des Kritikers, das Gültige und Nützliche zu sehen, dominiert wird durch das Herausfinden von Schwächen und Fehlern in einer Arbeit, dann ist Kritik nur einen Bruchteil ihres Potentials wert. Hier wird das konstruktive Element der Kritik überschattet durch das destruktive Element. Ganz offensichtlich können Kritiken oft zu beschäftigt sein mit dem Negativen und damit, was „im System“ falsch ist. Allerdings stimmt auch, dass Gemeinschaften, die Kritik nicht wertschätzen, auch konstruktive Kritiker in diesem Licht sehen. Sie werden angesehen (abgestempelt) als „Nein-Sager“, oppositionell, oder Fehlersucher, die eigentlich gar nicht verstehen, worüber sie reden. Sie dürften nicht gehört werden, ihre Kritik wäre ungültig.

Wenn wir Kritiker und Kritik nicht wertschätzen, laufen wir Gefahr, “den Kritiker” als jemand außerhalb der Gemeinschaft anzusehen, und als jemand, der für unser eigentliches Ziel überflüssig wäre. Wenn wir den Kritiker als “anders” sehen, so verweigern wir unserer Gemeinschaft eine vitale Energiequelle zur gesunden Transformation. Kritiker können manchmal nicht nur oppositionell und destruktiv sein, sondern sie können natürlich auch einfach falsch liegen. Ihre Kritik kann auf Nichtwissen, Mißverstehen und Irrtum beruhen. Doch die Gültigkeit von Kritik kann nur erlangt werden, wenn sie Raum findet um gehört zu werden, und wenn sie umgekehrt selbst kritisiert wird. Gemeinschaften sind dann gesund, wenn es aktive Debatten und freie Diskussion gibt. Integrale Gemeinschaften müssen kritische Foren ermutigen, die den Prozeß der rationalen Debatte erblühen lassen, anstatt Kritik als Gefahr für das integrale Unterfangen anzusehen.

Kritik spielt für alle Entwicklungsstufen eine entscheidende Rolle

Einige konservativ orientierte Mitglieder der integralen Gemeinschaft hätten es vielleicht lieber, einfach unterwürfig die verschiedenen Elemente der integralen Theorie zu empfangen, so wie sie aus Kens Feder fließen, ohne sie zu hinterfragen. Die dissoziierten Rationalisten unter uns würden am liebsten sich um jedes I-Tüpfelchen kümmern, um für jeden Aspekt des AQAL-Modells augenscheinliche Beweise zu finden. Die sensitiven Pluralisten unter uns wollen, dass jede Stimme gehört wird, ohne Kritik. Was auch immer unsere umschatteten Vorlieben sein mögen, es kommt darauf an, dass auf jeder Ebene zahlreiche Foren vorhanden sind, um zu validieren, zu bestätigen, zu hinterfragen, zu kritisieren, zu entwickeln, zu erweitern und beizutragen zur Emergenz der integralen Vision. Wir können jeder in eigener Weise dazu beitragen, und der analytische Kritiker kann nicht weniger dazu beitragen als der pragmatische Umsetzer der integralen Vision.

Es gibt Formen von Kritik, die wichtige Rollen auf jeder Stufe der Entwicklung spielen, mögen sie nun präkonventionell, konventionell oder transkonventionell sein. Diese Formen der Kritik funktionieren innerhalb des Gültigkeit findenden Pfades in Wilbers epistemologischem Modell. Auf jeder Entwicklungsebene kommt der Kritik die Aufgabe zu, das Wissen zu testen, zu bestätigen und zu legitimieren, das enthüllt wird durch die Methoden, Erfahrungen und Interpretationen, die für eine bestimmte Entwicklungsstufe gelten. Basierend auf den epistemologischen Modellen von Wilber, Habermas und Harre, meine ich, dass ein integraler Ansatz zur Wissensentwicklung die Prozesse der Injunktion (OR), Begreifen (OL), Interpretation (UL) und Validierung (UR) einschließt. Diese Prozesse beschreiben das, was ich den Integralen Zyklus des Wissens nenne (siehe Abb. 2). Wenn irgendeine komplexe Entität (Holon) Wissen erlangt, so sind alle vier Quadranten in den Lernprozeß einbezogen. Daher schließt alles Lernen, auf jeder Stufe, den Prozeß der kritischen Validierung mit ein. Einer der Kernpunkte der Wissensentwicklung für jede Gemeinschaft (soziales Holon) ist die Validierung unserer Interpretationen durch vergleichende Überprüfung von Fachkollegen und kritische Analyse. Die mit dieser Kritik betrauten müssen in der Disziplin geübt sein, oder Erfahrung im getesteten Wissen haben, oder Expertise besitzen bei den Erkenntnissen, die durch die entsprechenden Methoden gewonnen werden.

In den wissenschaftlichen Bereichen beinhaltet der Validierungsprozeß auch Systeme, die sicherstellen, dass Wissen kritisch evaluiert wird. Diese kritischen Evaluierungssysteme gibt es in den traditionellen Wissenschaften, in den modernen Wissenschaften und in den postmodernen Wissenschaften.

Und so kommt es, dass eine Unterstützung der kritischen Stimme in einer Gemeinschaft nichts zu tun hat mit Ebenen, nichts zu tun hat mit dem Grünen Mem, nichts zu tun hat mit Pluralismus, Relativismus, etc.

Sie hat aber sehr wohl zu tun mit dem Reifegrad einer Gemeinschaft von Suchern und mit der Entwicklung von Wissen. Liste 1 beleuchtet den Schwerpunkt der Kritik, der innerhalb einer jeden Entwicklungsstruktur von Bewusstsein operiert.

Gültige Kritik kann aus jeder dieser Motivationen entstehen. Sie alle haben ihren Platz, und wir tun gut daran, den kritischen Fragen zu lauschen, die ihren Ursprung haben in den großen Lebensfragen, mit denen wir uns als Individuen und als soziale Kollektive herumschlagen müssen.

Kritik und Ratio

Es scheint, dass Kritik und begründetes Urteil es in jüngster Zeit schwer haben. Wir finden das im fundamentalistischen Angriff auf die formale Wissenschaft, in der pluralistischen Verdammung der Methoden der konventionellen Wissenschaft, im Wunsch der Neokonservativen, die parlamentarischen Mechanismen für kritische Überprüfung zu schwächen, und wir finden es im Anschlag der Traditionalisten auf die Justiz. Während gewisse Kritikformen für die Wissensbildung auf allen Entwicklungsstufen innewohnend sind, kulminiert rationale Kritik und der wissenschaftliche Prozeß des Validierens von Theorien offensichtlich auf der Ebene der formal operativen Kognition. Und so, was menschliche Entwicklung anbelangt, ist intellektuelle Kritik formal verknüpft mit der Entwicklung von Rationalität, der Welt des wissenschaftlichen Wissens, mit erfahrungsbasierendem Denken und wissenschaftlicher, vergleichender Überprüfung. Unsere formalen Kräfte des kritischen Urteilens erreichen ihren Höhepunkt im rationalen Individualismus in der Mitte des Lebens, im kollektiven Bereich der wissenschaftlichen Moderne und in der rationalen Welt des egoischen Selbstausdrucks. Dies sind sicherlich die Merkmale der formal kognitiven Strukturen für Individuen und für soziale Kollektive.

Auf jeder Seite des kritischen rationalen Selbst finden wir den Absolutismus des konformistischen Mitglied-Selbst und den Pluralismus des relativistischen Sensitiv-Selbst. Wenn wir Chakra-Farben verwenden (und dabei Kens neues Farbsystem nehmen), finden wir Bernstein und Grün auf beiden Seiten des orangenen Selbst-Systems (siehe Abb. 3).

Konformistische Bernstein-Strukturen sehen rationale, erfahrungsbasierende Kritik oft als eine Bedrohung ihrer Autorität, als eine Herabwürdigung der absoluten Wahrheit von „unseren Werten“ und als Häresie gegen „die Tradition“. Der kritische Individualismus des rationalen Selbst nagelt die 95 Thesen ans Tor der bernsteinernen Institution und wird deshalb verdammt. Das unreife pluralistische Selbst empfindet oft rationale, analytische Kritik als Bedrohung der Wahrheit des Relativismus. Der kritische Individualismus des rationalen Selbst wird verantwortlich gemacht für die Zerstörung des relativistischen Paradieses, denn er möchte analysieren, kritisieren, urteilen und das Ganze auf Teile reduzieren. Auf jeden Fall verdammen die traditionellen Konservativen und die romantischen Pluralisten oft die Welt des rationalen und kritischen Urteilens. Ebenso stimmt, dass der orange, rationale Kritiker oft unfair kritisch ist gegenüber dem, was in den traditionellen und pluralistischen Realitäten (unter anderem) schön, gut und wahr ist. Nichtsdestotrotz agiert die Welt der rationalen Kritik auf vielerlei Weise als kurative Medizin für die Pathologien der präkonventionellen Entwicklung (archaisch, magisch, mythisch, traditionell) und als Schwellenhüter und Grundstein für höhere Formen (pluralistisch, integrativ, kosmozentrisch) dessen, was gut, wahr und schön ist. In jedem Fall werden die kritischen Geschenke von Orange heutzutage nicht wohlwollend empfangen.

Die Schwellenhüter-Rolle, die orange Kritik für Höherentwicklung spielt, ist besonders wichtig. Und hier würde ich sagen, dass ohne die Unterstützung rationaler Kritik die postkonventionellen Gemeinschaften und Disziplinen in Gefahr laufen, verschiedenen prä-trans Formen kollektiver Pathologien und Fixierungen zu verfallen. Eben weil die höheren Stufen der Entwicklung per Definition post-formal sind, können sie, ohne die ungläubigen Thomasse der rationalen Kritik, oftmals dem Druck der präkonventionellen Qualitäten zum Opfer fallen. Das heißt, sie können oft konventionelle und egoische Qualitäten unterdrücken zugunsten von Formen von präkonventionellem Absolutismus und unkritischer Akzeptanz. In manchen Kreisen sehen wir, dass der Guru, die religiöse Tradition oder die spirituelle Gemeinschaft selbst fordert, dass Gefolgsleute, Studenten und Praktizierende die rationale Welt des kritischen Urteilens zurücklassen, dass sie dem Gebrauch ihrer Kritikfähigkeit abschwören und dass sie „den Weg“ beschreiten ohne irgendein kritisches Urteilen. Das Problem besteht darin, dass solche Forderungen ebenso aus der ungültigen und regressiven Domäne des präkonventionellen Absolutismus kommen können, wie sie auch aus den entwicklungsbedingt gültigen Forderungen des Transformationsprozesses selbst stammen können. Das ist ein großes und komplexes Thema, das hier nicht im Detail behandelt werden kann (siehe Anthony, Ecker & Wilber, 1987. Eine umfangreiche Diskussion zu diesem Thema). Ich erwähne das hier nur um aufzuzeigen, welch bedeutende Rolle der kritische „ungläubige Thomas“ für das Wachstum jeder postkonventionellen Gemeinschaft spielen kann.

Allzu oft wird rationale Kritik nicht als gesundes Merkmal in postkonventionellen Gemeinschaften gesehen, wobei sie aber faktisch eine zentrale Rolle spielt bei der Entwicklung einer „Gemeinschaft der Nachforschung“, die sich jenseits der Ziele der Konvention bewegen kann. Wie Wilber mehrere Male aufgezeigt hat, ist es ein Merkmal für einige sehr entwickelte spirituelle Traditionen, dass der rationale Geist auf alltäglicher Basis geübt werden muss, als Teil des kontemplativen Lebens, durch intellektuelles Studium, kritische Debatte und diskursives Nachdenken. In seinem berühmten Spruch sagte Anselm „fides quaerens intellectum“ – „Glaube versucht zu verstehen“ – was so verstanden werden kann, dass die spirituelle Erfahrung ganz natürlich unsere Rationalität mit einbezieht; beide sind essentielle Verwicklungen im Prozess der Transformation. Ähnlicherweise müssen integrale Gemeinschaften den rationalen, kritischen Prozess mit einbeziehen, um wahre Transformation zu erlangen.

Folgerung

Das war ein Aufruf an integrale Gemeinschaften, Foren für kritische Debatte und Evaluierung der „integralen Theorie“ in allen ihren Formen bereitzustellen. Das ist eine Aufgabe, die Ken Wilber allein nicht tun kann, und ist auch keine Aufgabe, deren Erfüllung wir von ihm allein erwarten sollten. Es ist eine Aufgabe, die jede Gemeinschaft, die sich um die integrale Vision schart, erfüllen kann, in gesunder und transformierender Weise. Die meisten von uns werden nicht besonders interessiert sein daran, kritische Ideen über den AQAL Ansatz oder Holons oder was auch immer zu entwickeln, und das ist auch gut so. In jeder visionären Gemeinschaft gibt es viele andere Rollen, die ausgefüllt werden können. Alle von uns sollten jedoch anerkennen, dass die Unterstützung „des Kritikers“ ein wesentlicher Teil davon ist, was integral bedeutet. Forscher, Praktiker, Studenten, Lehnsesselkritiker, Professoren, Essayschreiber, Herausgeber, Organisatoren, Konsulenten, Lehrer, interessierte Leser und andere (von innerhalb und außerhalb der integralen und akademischen, professionellen und praktizierenden Gemeinschaften), die Kritik der integralen Theorie anbieten (in allen ihren Formen), müssen gesehen werden als wesentliche Beitragende zur Entwicklung dieser bedeutenden sozialen Bewegung. Kritik und aktives Nachforschen sind zwei Seiten desselben Prozesses von Lernen und Wachstum. Ich glaube, dass integrale Gemeinschaften nur dann sich entwickelnde Gemeinschaften sein können, wenn sie kritische Foren unterstützen und tatsächlich ihre eigene kritische Stimme finden und ausdrücken.

Quellen

Anthony, D., Ecker, B. & Wilber, K. (1987), 'Spiritual Choices: The problem of recognising authentic paths to inner transformation', edn, Paragon House, New York.

Cacioppe, R. & Edwards, M. G. (2005) 'Adjusting blurred visions: A typology of integral approaches to organisations', Journal of Organizational Change Management, 18, 3, 230–246.

Edwards, M. G. (2002) 'The Way Up is the Way Down: Integral Sociocultural studies and cultural evolution', ReVision, 24, 3, 21–31.

Russell, B. (1961), 'History of Western Philosophy', 2nd edn, Routledge, London.

Wilber, K. (2003) 'On the Nature of a Post-Metaphysical Spirituality: Response to Habermas and Weis' Available from: <www. shambhala.com> [April, 2005].

 

Übersetzung durch Walter Urbanek