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18.11.2017 : 12:51 : +0100

ip Nr. 38 "Eine Welt"

Die Ausgabe 38 des IF-Magazins "integrale perspektiven" mit dem Titel "Eine Welt" ist im Oktober erschienen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

auf der Suche nach der einen Welt, falls es sie überhaupt gibt, kann uns einmal mehr unsere Sprache wichtige Hinweise geben. Einer davon ist der, dass vieles in Erscheinung Tretende in uns und um uns herum als Polarität erscheint. Es gibt Verständnis und Missverständnis, es gibt Mit-Gefühl und ohne Gefühl, es gibt Miteinander und Gegeneinander, es gibt Krieg und Frieden. Und ja, es gibt eine Welt und es gibt viele Welten. Zu den großen Ernüchterungen, ja auch „Kränkungen“  * des Menschen gehört für die meisten Menschen die Erfahrung, dass sie irgendwann in ihrem Leben an einen Punkt kommen, wo sie feststellen: Eine Welt ist nicht automatisch meine Welt, andere Menschen haben andere Wahrnehmungen und Vorstellungen von der und über die Welt. Wissenschaftsphilosophisch ist dies der Durchbruch vom Reflexionsparadigma (eine gegebene Welt wird einfach nur wahrnehmend – von mir – reflektiert) zum Inszenierungsparadigma (der Vorgang der Wahrnehmung ist an der Erschaffung der Welt mitbeteiligt). Anders ausgedrückt: Subjektivität steht für die Einzigartigkeit jeder Weltwahrnehmung eines jeden empfindenden Wesens. Objektivität steht für das, worüber sich diese Wesen miteinander (inter-subjektiv) verständigen, und was sie, zumindest für eine gewisse Zeit, als objektiv gegeben annehmen. Subjektivität steht für Freiheit, Einzigartigkeit und die Vielen, die sich objektiv dem Einen (als etwas Gegebenem) gegenübersehen, und die Brücke dazwischen ist der Dialog, der Austausch, das Miteinander und manchmal auch das Gegeneinander. Darin wird auch eine politische Dimension deutlich. Wenn es nur Einzelnes und Vereinzeltes gibt, dann ist das Ergebnis Isolation, Zersplitterung und Unverständnis, eine babylonische Kakophonie, wo niemand niemanden versteht und es nichts Verbindendes gibt – das Chaos. Betont man jedoch nur die Einheit (Frage: welche bzw. wessen Einheit?), unter Verleugnung von Vielfalt und Unterschiedlichkeit, ist das Ergebnis ein Totalitarismus, geprägt von den Vorstellungen eines oder weniger Individuen. Wenn wir beides nicht wollen, weder Individualismus/Isolationismus noch Gleichmacherei/Kollektivismus, dann sollten wir uns auf die Suche begeben, wie genau diese geheimnisvolle „Einheit in Vielfalt“ bzw. „Vielfalt in Einheit“ funktioniert.

Ken Wilbers Landkarte ist ein Angebot dazu. In jahrzehntelanger Arbeit hat er durch immer mehr Differenzierungen die Unterschiedlichkeiten beschrieben und erläutert – 90% der „integralen“ Arbeit ist nach meiner Einschätzung Differenzierungsarbeit. Doch dann, wenn die Puzzlestücke auf dem Tisch liegen, ergibt sich ein dynamisches, differenziertes, sich entwickelndes und immer weiter verfeinerndes Bild. Und dieses Bild ist nicht nur klar und schön, es lädt auch zu Kritik, Diskussionen und Austausch ein, bringt Menschen zusammen  und ist – als das Wichtigste – eine Einladung, dieses wunderbar mysteriöse Territorium der einen Welt und der vielen sich entwickelnden Welten innerlich und äußerlich zu (er)leben.

Michael Habecker für das ip-Team