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9.12.2016 : 20:13 : +0100

ip Nr. 35 "Mobilität"

Die Ausgabe 35 des IF-Magazins "integrale perspektiven" mit dem Titel "Mobilität" ist im Oktober erschienen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Das Schwerpunktthema dieser Ausgabe der integralen perspektiven ist „Mobilität“. Wollte man versuchen, Manifestation in einem einzigen Begriff zu fassen, dann wären Beschreibungen wie Bewegung, Veränderung, Dynamik oder eben Mobilität keine schlechte Wahl. Der Impuls zur Ortsveränderung und seine daraus entstehende Bewegung, sei es nur vom Schreibtisch zum Kühlschrank oder um die ganze Welt und bis zum Mond und weiter zum Mars, gehört zu den selbstverständlichen Grundrechten, die Menschen in Anspruch nehmen. Entsprechend groß ist die Freude von Eltern, wenn sie sehen, wie ihr Kind selbstständig zu krabbeln und dann später zu laufen beginnt. Doch nicht immer sind wir aus Freude, Unternehmens- und Lebenslust oder aus Gründen der Erholung unterwegs. Krieg und Eroberung sind ein entsetzlicher Ausdruck einer expansiven Mobilität und verursachen in ihrer Folge Flüchtlingsbewegungen, wie wir sie derzeit weltweit erleben. Außerdem machen sich Menschen auch auf der Suche nach einem (wirtschaftlich-gesellschaftlich) besseren Leben auf den Weg – und wer wollte es ihnen verdenken? Neben den gesellschaftlichen Auswirkungen treten auch systemische Auswirkungen, wie die Belastung unserer Umwelt durch unsere Mobilität, in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Vordergrund.

Einmal mehr werden die Spannungen sichtbar, die sich aus den drei gesellschaftlichen Hauptperspektiven von liberaler Freiheit, gemeinschaftlicher Solidarität und gesellschaftlichen Möglichkeiten und systemischer Nachhaltigkeit ergeben. Liberale Freiheit fordert – mit Recht – Freizügigkeit für alle und das schließt die Bewegungsfreiheit mit ein. Diese trifft jedoch auf die Sesshaftigkeit derer, die bereits an einem Ort sind und gerne bleiben möchten, vielleicht auch so, wie sie sind. Das gilt für die „Ureinwohner“ überfüllter Ferieninseln, die sich von Touristen überrannt fühlen ebenso, wie für diejenigen, die sich von Flüchtlingsströmen „überfremdet“ fühlen. Das – weltzentrische – Gefühl, als eine große Menschheitsfamilie in einer Welt zu leben, ist in vielen Teilen der Welt erst noch zu entwickeln (und dazu ist jeder und jede eingeladen, beginnend bei sich selbst). Und auch dieses gefühlte Erleben ist erst ein Anfang, denn damit stellt sich die komplexe Frage und Aufgabe, wie denn dieses Leben der Menschheitsfamilie auf einem Planeten miteinander organisiert werden kann, bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Interessen derer, die sesshaft „vor Ort“ heimatlich sind, und derer, die unterwegs sind und gerne auch irgendwo ankommen möchten. Doch vorrangig steht erst einmal die Auseinandersetzung mit ungesunden Formen von Nationalität auch in diesem Jahrhundert auf der Menschheitstagesordnung. Es geht, wie es so schön heißt, um die „Gesundheit der gesamten Entwicklungsspirale.“ Die systemische Nachhaltigkeitsperspektive schließlich weist auf die Grenzen des Wachstums, d. h. auch auf die Grenzen des Wachstums unserer Mobilität hin, mit den Konsequenzen von Klimaveränderung, Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung.

Der vermeintlich einfache Weg, der auch in öffentlichen Diskussionen oft beschritten wird, ist der, die Problematik lediglich nur von einer oder zwei Teil-Perspektiven zu betrachten und alles andere auszublenden. Lösungen erhält man dadurch allerdings nicht. Der viel schwierigere Weg besteht darin, die den Perspektiven innewohnenden Spannungen auszuhalten, auch in sich selbst, sie in einem gesellschaftlichen Diskurs miteinander zu besprechen und zu einer demokratischen Entscheidung zu führen, die sowohl das freiheitliche wie auch das soziale wie auch das nachhaltige Element würdigt und von einer möglichst hohen Entwicklungsstufe aus betrachtet. (Das Kriterium für „hoch“ ist dabei die Integrationskraft für eine größtmögliche Anzahl von Perspektiven). Das ist tausendmal leichter gesagt als getan, doch dies scheint die Aufgabe und Herausforderung zu sein, welche die Evolution uns am Anfang dieses Jahrhunderts stellt.

Neben diesem Themenschwerpunkt haben wir noch eine Reihe anderer interessanter Beiträge im Heft und wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Michael Habecker für das ip-Team