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24.8.2017 : 6:44 : +0200

ip Nr. 37 "Gefühltes Leben-gedachte Wirklichkeit"

Die Ausgabe 36 des IF-Magazins "integrale perspektiven" mit dem Titel "Integral Unterwegs" ist im Februar erschienen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Die redaktionelle Arbeit hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, die mich immer wieder aufs Neue bereichern und überraschen. Mit Beginn der Planung der Konferenz „Mut zum Fühlen“, die nun schon wieder als gelebte und lebendige „Geschichte“ mit ihren wertvollen Erfahrungen hinter uns liegt, war klar, dass das Thema dieses Heftes das Fühlen sein wird, zusammen mit seinem Geschwisterteil, dem Denken. Bei der Themensuche, Recherche und vielen Gesprächen zeigte sich für mich einmal mehr die faszinierende Dialektik zwischen dem integralen – und weitgehend „inhaltsleeren“ – Rahmen und dem, was ein bestimmtes Thema inhaltlich zu bieten hat.

Seit der Aufklärung mit ihrer Tendenz, das Denken über das Fühlen zu stellen, hinkt die wissenschaftliche Bearbeitung dieses Themas der allgemeinen Entwicklung hinterher. Daher habe ich es als eine besonders erfreuliche Aufgabe erlebt, mit den aktuellen integralen perspektiven Schritte in diese Richtung zu unternehmen.

Das Thema ist, wieder einmal, von existentieller Bedeutung. Von Anfang an, so scheint es, ist alles Individuelle, von Quarks bis zum Menschen, zu seiner Orientierung mit einer Perspektive einer ersten Person und einer Perspektive einer dritten Person ausgestattet und steht gleichzeitig über eine Perspektive einer zweiten Person mit anderen in Beziehung. Durch unsere Subjektivität erleben wir uns unmittelbar als fühlende Wesen und erfahren bei all unseren Begegnungen mit unserer Umwelt, von Augenblick zu Augenblick, einen ersten, orientierenden Impuls, z. B. Sympathie oder Antipathie. Über die Fähigkeit zur Objektivität und Reflektion kann diese Erkenntnis dann weiter differenziert, verfeinert und auch geändert werden. Beide Perspektiven sind für unser Leben in der Welt von entscheidender Bedeutung.

Es sieht so aus, dass der Mensch mit seiner Begabung zur Selbstreflektion und in seiner Suche nach Erkenntnis die distanziert-objektivierende Perspektive auf Kosten der Unmittelbarkeit des – oft auch noch sehr schmerzhaften – Fühlens zum alleinigen Erkenntnisweg erhoben hat, mit verheerenden Konsequenzen. Anstatt sich auf den schwierigen mittleren emotionalen Weg zwischen blindem Ausagieren und totaler Verdrängung zu begeben, als einen lebenslangen Lernweg „auf allen Entwicklungsstufen“, herrschen die Extreme. Wo der öffentliche Raum, vor allem auch der Arbeitsbereich, „überdistanziert“ ist, – sachlich bleiben! – entlädt sich im Privaten (wo die meisten Gewaltverbrechen stattfinden) und in den Medien eine „unterdistanzierte“ Emotionalität zwischen Brutalität und Sentimentalität. Hinzu kommt, dass nicht angemessen ausgefühlte Gefühle, also z. B. eine Wut, die nicht „verraucht“ ist, sich zu emotionalen Charakterhaltungen verfestigen wie Ressentiments, Verbitterung, Verächtlichung, Zynismus, Sentimentalität, Neid, Geiz usw. Tritt dann noch ein Demagoge auf den Plan, der oder die diese kollektiven Haltungen und Strömungen steuert und verstärkt, braucht man sich über manche „demokratisch“ zustande gekommenden Wahlergebnisse nicht zu wundern. Derartige Dynamiken, als Anzeichen individueller und gemeinschaftlicher emotionaler Defizite, sind unsere Begleiter auf allen Entwicklungsebenen. Sie sind bisher zu wenig im gesellschaftlichen Fokus und auch im Rahmen der integralen Theorie und Praxis noch ein weitgehend weißer Fleck auf der Landkarte. (Allerdings, in Wilber’s Papier zu Trump spielt der Begriff „Ressentiment“ eine zentrale Rolle). Selbstverständlich wollen wir dabei nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und jetzt das Fühlen vor und über alles andere stellen – als einen wieder neuen Absolutismus. Es gibt jede Menge sozial-struktureller Ungerechtigkeiten, die nach einem Handlungsausdruck verlangen. Doch gerade weil das so ist, braucht es für einen angemessenen Handlungsausdruck zu Beginn eine lebendige und unverzerrte Gefühlswahrnehmung, die nicht aus einer verfestigten emotionalen Haltung kommt. Wir brauchen daher eine Lern- und Praxiskultur nicht nur für unsere Kognition, sondern auch für unsere Emotionalität, letztendlich ist beides auch nicht voneinander zu trennen, wobei Letzteres noch wichtiger scheint – denn was nützen uns schlaue Gedanken auf der Basis von verzerrenden und desorientierten Gefühlen und verhärteten Gefühlshaltungen? Erst auf der Grundlage eines wirklichen Fühlens kann sich dann auch das wunderbare Geschenk unseres Denkens in voller Schönheit entfalten.   

Michael Habecker für das ip-Team