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24.7.2017 : 6:52 : +0200

Wilber über Gafni, 2006

Rabbi Marc Gafni und sexuelles Fehlverhalten

(Quelle: Ken Wilber,  www.kenwilber.com, 15.5.2006, Zugriff Mai 2006. Dieser Blogeintrag wurde gelöscht).

Am Dienstag den 9. Mai gaben drei Frauen von Bayit Chadash, einer spirituellen Gemeinschaft in Israel, die von Rabbi Marc Gafni geleitet wird, Beschwerden über Gafni wegen sexueller Verfehlungen bei der Polizei zu Protokoll. Nach einer Überprüfung der Aussagen entschied sich das Leitungskomitee von Bayit Chadash, Marc Gafni von seinen Leitungsfunktionen auszuschließen.

Dies löste in der Folge eine Reihe von Spekulationen aus. Nach langen Gesprächen mit den betroffenen Parteien komme ich zu den nachfolgend aufgeführten Schlussfolgerungen. Dies sind im Augenblick meine persönlichen Eindrücke, welche ich bei Änderung der Sach- und Informationslage unverzüglich revidieren werde.

Marc Gafni ist ein enger Freund von mir, doch in Situationen wie diesen muss Freundschaft hinter Ethik und Gerechtigkeit zurücktreten. Die Ansicht, welche die meisten Perspektiven berücksichtigt, ist meiner Meinung nach hier eine moralische Beurteilung, mit der grundlegenden moralischen Intuition als letztendlicher Richtschnur im Hintergrund.

Hier nun meine Schlussfolgerungen zum jetzigen Zeitpunkt:

1. Es gibt einen substanziellen Wahrheitsgehalt für einige der Behauptungen.

2. Dies ist so etwas wie ein Festmahl für das rasende gemeine grüne Mem [mean green meme], was verständlich, aber in dieser Form unentschuldbar ist. Einiges davon hat, offen gesagt, erbärmliche Ausmaße angenommen.

3. Dennoch haben diese Anschuldigungen einen Wahrheitsgehalt aufgrund eines Fehlverhaltens auf Seiten von Marc, und ich glaube dass dieses Fehlverhalten nicht einfach nur auf einer falschen Einschätzung von Marc beruht, sondern auf einer Pathologie oder Störung von Marc.

4. Marc hat selbst in einem Brief an Bayit Chadash zugegeben, dass einige seiner Handlungen von einer Pathologie herrühren, einer wie er es nennt „Krankheit“.

5. Ich denke nicht. dass jemand mit einer anerkannten emotionalen Krankheit oder einer sexuellen Pathologie dazu befähigt ist, öffentlich Spiritualität zu lehren. Darum wird Marc - bis auf weiteres - keine öffentlichen Lehren oder Präsentationen jeglicher Art am Integralen Institut mehr durchführen.

6. Mit Marcs Einverständnis habe ich Frances Vaughan gebeten eine Beratung zu beginnen, welche sich speziell mit Marcs Störung befasst.

7. Ich habe weitere Empfehlungen für Marc für eine therapeutische Unterstützung, und mein Eindruck ist, dass er dies ernsthaft machen möchte. Er wird regelmäßig in Boulder/Denver Station machen und mit mir und Rabbi Zalman darüber sprechen.

[Korrektur: Nachdem ich dies geschrieben hatte, habe ich mit Rabbi Zalman gesprochen. Zalman hat sich entschieden bis auf weiteres nicht mit Mordechai (Marc Gafni) zu sprechen.]

8. Mir ist klar, dass Menschen an der Aufrichtigkeit von Marc zweifeln. Das ist verständlich. Ich empfehle daher mit Nachdruck ein Gremium, welches die therapeutische Arbeit von Marc beaufsichtigt. Ich habe bisher noch mit niemandem im Einzelnen darüber gesprochen, aber ich könnte mir dafür Persönlichkeiten wie Frances Vaughan, Rabbi Tirzah Firestone (der in Boulder ist), und Diane Hamilton vorstellen. Dieses Gremium könnte sich zweimal jährlich mit Marcs Fortschritt beschäftigen und spezielle Empfehlungen abgeben. Das Gremium müsste aus Menschen gebildet werden die für beide Seiten (d.h. für Bayit Chadash und Marc Gafni) vollständig akzeptabel sind.

9. Ich bin zu diesen Schlussfolgerungen gekommen, nachdem ich mich mit den Fakten und Aussagen befasst habe, und so viele Perspektiven wie möglich eingenommen habe. Mir ist dabei klar geworden, dass die Behauptungen einen Wahrheitsgehalt haben, und dass diese zum Teil mit Marcs Krankheit zu tun haben, und so lange diese Störung nicht behandelt wird, sollte Marc, so meine Meinung, nicht lehren. Ich möchte jedoch auch darauf hinwiesen dass emotionale Krankheiten behandelt und in vielen Fällen geheilt werden können. Marc kann dabei aufrichtig sein oder auch nicht, und die Therapie kann Erfolg haben oder auch nicht,  doch das ist genau dasjenige was ein therapeutisches Kontrollgremium dabei leisten kann: diese Entscheidungen zu treffen, und das nicht einer der beiden Seiten alleine überlassen. Ich weiß nicht ob diese Lösung funktioniert, doch beim derzeitigen Stand der Dinge ist es die einzig rationale, mitfühlende, und faire Möglichkeit die ich kenne, und daher auch die einzige die Gerechtigkeit verspricht.

10. Was immer dazu auch entschieden wird, ich bin der Meinung dass es keine Grund gibt warum Marc nicht weiter schreiben sollte. Wir alle anerkennen die  hervorragenden Beiträge die er auf diesem Gebiet zu leisten vermag. Wenn wir davon ausgehen, dass es so etwas wie „Ebenen und Linien“ gibt, dann erscheint es mir vernünftig, Marc weiterhin auf dieser Linie weitermachen zu lassen, jedenfalls würde ich das empfehlen.

Dies ist eine außerordentlich schwierige Zeit für alle die davon betroffen sind. Bayit Chadash wurde verletzt. Integral Institute wurde verletzt. Mordechai wurde durch seine eigenen Handlungen verletzt. Und am allerwichtigsten: die unmittelbar Betroffenen wurden verletzt.

Doch ich möchte euch alle bitten die Situation nicht weiter anzuheizen durch mehr Schmerz, mehr Leiden und mehr Qual. Wenn man Marc noch mehr Schmerzen zufügt, dann wird das nicht die Schmerzen lindern, die alle von uns erleiden. Lasst uns nicht nach dem Prinzip „Auge um Auge“ verfahren, sondern Gerechtigkeit und Gnade miteinander abwägen. Bitte lass keinen Hass in deine Seele eintreten, darum bitte ich dich wirklich; das dient niemandem, am wenigsten denjenigen, die dem Hass eine Heimat geben.

Mein Herz ist offen für die betroffenen Frauen – ich bin zutiefst traurig über den Schmerz und die Aufregungen die sie erleiden; mein Herz ist offen für die Männer und Frauen die von diesen tragischen Ereignisse betroffen sind. Mein Herz ist auch offen für Mordechai, einen lieben Freund, dessen sehr helles Licht einen sehr dunklen Schatten hervorgebracht hat, auf eine Weise die unbeabsichtigt so viel Schaden verursacht hat. Ich bin jedoch der Überzeugung dass emotionale Krankheiten geheilt werden können; ich glaube dass eine Wiedergutmachung möglich ist; ich glaube dass Vergebung und Mitgefühl stärker sind als das Böse in dieser Welt; und ich weiß, dass die Hervorbringung unserer aller Barmherzigkeit und liebenden Güte letztendlich siegen wird.

Liebe, Licht und Leben für euch alle

Ken