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25.5.2017 : 1:21 : +0200

Wilber über Gafni, Dezember 2011

Abschließende Stellungnahme von Ken Wilber bezüglich Marc Gafni und dem Zentrum für Weltspiritualität, Dezember 2011

Der Vorstand des Zentrums für Weltspiritualität legte kürzlich eine öffentliche Stellungnahme ab, die ihre Unterstützung von Marc Gafni als Leiter und Lehrer des Zentrums erklärt.

In einem früheren post auf der Integral Life Webseite kommentierte ich die Situation, die vor einigen Monaten in der Blogosphäre entstanden war.

In diesem post erkannte ich an, dass Marc, wie die meisten großen spirituellen Lehrer und Pandits, über große Gaben und menschliche Komplexität verfügt. Ich merkte an, dass jeder für sich selbst entscheiden muss, ob er mit Marc arbeiten oder sein Schüler sein möchte.

Nun schreibe ich, um mitzuteilen, dass ich für mich selbst eine Entscheidung getroffen habe. Ich trete wieder dem Weisheitsrat des Zentrums für Weltspiritualität bei, an dem ich viele meiner Kollegen eingeladen hatte, teilzunehmen.

Ich freue mich auf die zukünftige Zusammenarbeit mit Marc, um die Konturen einer auf integralen Prinzipien basierenden Weltspiritualität zu artikulieren und zu entwickeln.

Einige meiner Gründe warum ich mit Marc arbeiten möchte, befinden sich in dem Brief, den ich 2008 gemeinsam mit Sally Kempton schrieb. Ich will dem jedoch jetzt noch eine Sache hinzufügen. Ich arbeite mit Marc nicht trotz der kürzlichen Explosion in der Blogosphäre, sondern aufgrund seiner Reaktion darauf.

Mich beeindruckte an Marcs Reaktion auf diese Situation besonders, dass er, obwohl er allen Grund gehabt hätte, über die Geschehnisse verärgert oder verletzt zu sein, sich im Großen und Ganzen darauf konzentrierte, durch die Bitte um Rückmeldungen von jeder möglichen Quelle zu erforschen, warum dies geschehen war. Er wollte wissen, auf einer tieferen Ebene, wie er vielleicht selbst dazu beigetragen habe und was er tun könne, um die Situation zu heilen – einschließlich der Anteile, die er selbst daran hatte. Was am Bemerkenswertesten war, für einen spirituellen Lehrer, dass er in diese Liste – um sie wirklich umfassend zu gestalten – die Suche nach einem guten Therapeuten einschloss, den er aufsuchen könnte. Er unternahm eine ernsthafte und weitreichende Suche und fand schließlich einen ungeheuer kompetenten und angesehenen Therapeuten – bei dem er sich anmeldete.

Dies geschah nicht, weil er notwendigerweise Therapie benötigte, sondern einfach, weil er sich vorgenommen hatte, alle Möglichkeiten abzudecken, um eine wirklich umfassende und komplette Suche nach einer Herangehensweise für den besten Umgang mit der Situation durchzuführen. In anderen Worten, er tat alles was nötig war, um jegliche Schattenelemente mit einzubeziehen, sofern vorhanden. Ich kenne nur extrem wenige spirituelle Lehrer, die dies tun würden – die ihrer eigenen Integrität genug verpflichtet sind, um alle möglichen Herangehensweisen einzubeziehen, und sie dann tatsächlich bis zu Ende durchzuführen. Dies ist für mich ein Hinweis auf einen wahrhaftigen spirituellen Lehrer, der sich sehr in der Arbeit an sich selbst engagiert, egal wie „peinlich“ dies auf Andere wirken mag. In dieser Hinsicht werden selbst seine Kritiker wenige bis gar keine Gründe für Beschwerden haben. Selbst sie haben anerkannt, dass er in vielerlei Hinsicht ein sehr begabter spiritueller Lehrer ist – und dieser kürzliche Schritt macht ihn in meiner Meinung zu einem wirklich begnadeten Lehrer.

Persönlich gesprochen habe ich das Gefühl, dass jegliche Schattenthemen, die Marc (wie die meisten spirituellen Lehrer) noch haben mag, jetzt aktiv und ernsthaft angegangen werden. Ich wiederhole, dass ich sehr wenige spirituelle Lehrer kenne, die dazu den Mut haben und ich zumindest ziehe meinen Hut vor diesem Ehrenmann.

Dieser Schritt gibt mir auch Vertrauen, dass Marc weiterhin eine guter spiritueller Leiter für das Zentrum für Weltspiritualität sein kann und wird. Jeder spirituelle Lehrer sollte meiner Meinung nach irgend eine Form von Schattenarbeit ausführen, aber Marc ist einer der wenigen, von denen ich weiß, dass er es tatsächlich tut. Dies ist meiner Meinung nach wirklich sehr beeindruckend.

Ich hoffe also, dass Alle da draußen mit mir zusammen Marc das Allerbeste für seine ernsthafte innere Arbeit wünschen – oder ihm zumindest dafür gratulieren, dass er entschlossen und integral genug ist, um sich zu entscheiden, alle Punkte abzudecken und es tatsächlich auch zu tun. In vielen spirituellen Traditionen ist Vergebung ein Weg zu Gott und ich weiß, dass Marc hart daran gearbeitet hat, alle Beleidigungen – real oder gefühlt – zu vergeben, die er kürzlich erlitten hat. Vielleicht ist es also angemessen für Andere auch daran zu arbeiten, alle Beleidigungen – real oder gefühlt – zu vergeben, die sie durch Marc erfahren haben. In dieser Atmosphäre der Herzensgüte, Fürsorge und Vergebung können wir uns alle wieder dieser ungeheuer wichtigen Arbeit der integralen Spiritualität widmen.

Ken Wilber

Winter 2011

Wilber über Gafni, Oktober 2011

Ich bin nach meiner Meinung zu Marc Gafni als einem spirituellen Lehrer gefragt worden, und in diesem Fall empfehle ich, dass jeder sich hier selbst ein Bild mittels seinem eigenen Gewissen und seiner eigenen Intuition machen sollte. Wie die meisten Menschen erlebe ich einiges sehr Gutes hinsichtlich Marc, und auch einiges Problematisches, was auch bei etlichen anderen bekannten spirituellen Lehrern nichts Ungewöhnliches ist. Jeder sollte sich in diesem Gebiet auf seine Weise zurechtfinden, unter Einsatz der bestmöglichen Hilfsmittel.

Die aktuelle heftige Diskussion in der Blogsphäre wurde ausgelöst durch eine Stellungnahme von Tami Simon (von Sounds True), und nicht durch öffentliche Beschwerden oder Behauptungen von den betroffenen Frauen. Die Aussage von Tami enthält den unverblümten Satz “Ich vertraue Marc Gafni nicht”. Die geplante Veröffentlichung von Marcs Buch bei Sounds True wird dort nun nicht erfolgen. Natürlich entstehen Aussagen wie die von Tami (oder meine), aus einem komplexen Kontext heraus. Es gibt Faktoren in allen vier Quadranten, die – für das öffentliche Auge oft unsichtbar – komplex sind und sich entwickeln. Ich habe Gründe zu hoffen, dass Tami und Marc zu einer gegeben Zeit ihre Freundschaft wieder aufnehmen werden. Aber das liegt bei ihnen.

Eine der involvierten Frauen hat eine öffentliche Aussage gemacht, und darin ein positives Bild ihrer Beziehung mit Marc gezeichnet. Dem gilt meine Anerkennung. Die andere Frau hat sich für den gleichermaßen noblen Weg einer persönlichen Privatsphäre entschieden, und möchte private und zwischenmenschliche Dinge nicht in die Blogsphäre stellen, und auch dem gilt meine Anerkennung.

Das Problem mit einer Situation wie dieser ist, dass unterschiedliche Themen miteinander vermischt und in einen Topf geworfen werden, was eine Entscheidung sehr schwierig macht. Jedes dieser Themen ist eine Art „Risikofaktor“, und je mehr Risikofaktoren es gibt, desto wahrscheinlicher ist es das eine Beziehung kein gutes Ende nimmt. Einige dieser Risikofaktoren sind: das Thema von Hierarchie (gute bzw. Wachstumshierarchien gegenüber schlechten bzw. Machthierarchien); das Thema von romantischen Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern überhaupt; weiterhin spielt der Typus des Lehrers eine Rolle (die Risikofaktoren sind für spirituelle Lehrer oder Therapeuten sehr viel größer als für, sagen wir, Musiklehrer oder Mathelehrer); dann das generelle Thema von Beziehungen zwischen Männern und Frauen (wie gut oder schlecht verhalten sich die Beteiligten einer Beziehung?); die Frage ob eine Schüler/Lehrer Beziehung ohne Machtausübung gelebt werden kann; die Bedeutung von Transparenz in Beziehungen und die Frage von Diskretion und Verschwiegenheit; weiterhin die Bedeutung von Schattenaspekten in jedem Menschen.

Jede Beziehung ist eine Mischung aus all diesen Dingen und muss daher auch individuell von Fall zu Fall betrachtet und beurteilt werden, wobei berücksichtigt werden muss, wie jedes der genannten Themen oder Risikofaktoren in der jeweiligen Beziehung zusammenwirken. Wurde jedes einzelne Thema gut oder schlecht von den Partnern gehandhabt? Was ist das Endergebnis für diese bestimmte Beziehung und jeder Person darin? Allzu oft werden all diese Themen oder Risiken in eine Topf geworfen, und Menschen nehmen eine der Faktoren und bilden sich darüber eine Meinung (z. B. die Schüler/Lehrer Beziehung), und wenden dieses Urteil (z. B. „das ist falsch“) auf die ganze Beziehung an, ohne alle Risikofaktoren sorgfältig zu betrachten und erst dann zu einer Gesamteinschätzung zu kommen.

Das gleiche gilt auch für diese ausgesprochen komplexe Situation. Viele in der Blogsphäre haben aktuelle Beziehungsthemen mit früheren Beziehungsthemen zusammengeworfen, anstatt, wie von mir vorgeschlagen, jede dieser Beziehungen für sich und in ihrer Zeit zu untersuchen. Dann werden auch „Fakten“ mit den „Interpretationen von Fakten“ durcheinandergeworfen, was, wenn man das noch mit der erwähnten Vermischung früherer mit aktuellen Beziehungen verbindet, zu ethischen Beurteilungen führt, die entweder keine klare faktische Grundlage haben, oder die auf unbegründeten Informationen beruhen und oft nur aus emotionalen Reaktionen bestehen. Schattenelemente sind dabei sehr verbreitet – wie ein Sprichwort sagt, „ein Hund bellt seinen Schatten an, und Tausend andere Hunde nehmen das für bare Münze.“ 

Wie ich schon sagte, sehe ich, dass Marc in jedem dieser Themen sehr positive Fähigkeiten zeigt, ich sehe aber auch einige problematische Dinge in jedem der genannten Aspekte, wie bei anderen Lehrern auch. Jeder muss daher, wie immer, für sich zu einer Einschätzung gelangen, durch eine sorgfältige Betrachtung und Abwägung der einzelnen Themen und Risikofaktoren, wie die Risikofaktoren von den Betroffenen gehandhabt wurden und dann der Gesamtsumme der Risikofaktoren einer Beziehung. Pauschale Aussagen, wie die, dass derartige Beziehungen grundsätzlich falsch oder grundsätzlich richtig sind, helfen niemandem. Eine sorgfältige Betrachtung jeder einzelnen Situation und der dort auftretenden Themen und Risikofaktoren, und eine Einschätzung von richtigem und falschem Verhalten in Bezug zu diesen Themen ist der einzige dabei einzuschlagende Weg.

Dies erfordert das Beste von uns allen – wir müssen dabei auf unsere höchsten Fähigkeiten zurückgreifen hinsichtlich spiritueller Unterscheidung, Beurteilung, Mitgefühl, Gnade, Einsicht und Bewusstheit. Dies trifft auch auf die aktuelle Situation betreffend Marc zu.

Möge ein jeder von euch seine oder ihre größte Tiefe und Fähigkeit für Weisheit und Beurteilung dabei finden, und diese nicht nur auf die Gafni-Situation anwenden, sondern auch auf das eigene Leben, von Augenblick zu Augenblick. Lasst uns diesen Fall als eine weitere Gelegenheit betrachten, bei der wir unser spirituelles Urteilsvermögen schärfen, um es dann weise anzuwenden.

Es werden niemals alle Informationen hinsichtlich dieser Situation der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Es gibt daher auch keine Möglichkeit eines vollständigen Wissens. Wir müssen an dieser Stelle alle Betroffenen würdigen und sie ihr Leben weiterführen lassen. Und wir müssen die integrale Arbeit weiter voranbringen. 

Dies bedeutet jedoch nicht, dass ich zum Thema selbst überhaupt nichts zu sagen habe. Ich habe mich entschieden, mich für 90 Tage vom Center for World Spirituality zurückzuziehen (und werde dann eine Entscheidung treffen). Diese Entscheidung ist in Abstimmung mit meinen langjährigen Schülern getroffen worden. Zwei von ihnen, Kelly Bearer und Dustin DiPerna arbeiten im Center for World Spirituality, und auch sie werden sich für 90 Tage daraus zurückziehen. Was mich betrifft, ist damit keine Beurteilung von Marc verbunden. Das „Center“ wird seine wichtige Arbeit fortsetzen. Wir werden bei Integral Life im Verlauf dieses Zeitraums eine sehr gründliche Untersuchung zum Thema einer  integralen Ethik durchführen. Ich wollte einfach nicht mit einer Sofortreaktion in die oft hysterische Atmosphäre des Internets eintauchen, mit den vielen Kommentaren (auch wenn ich viele der geäußerten Perspektiven wirklich wertschätze). Ich möchte mir eine Atempause nehmen bevor ich zu diesem sensiblen Thema Stellung nehme. Die Auszeit von 90 Tagen erleichtert dies nicht nur, sondern scheint mir auch die angemessenste und mitfühlendste Handlungsweise dabei zu sein, im Einklang mit dem, was meiner Einschätzung der bleibenden Bedeutung einer Integralen Spiritualität entspricht, auch mit Marcs beachtenswerten Beiträgen zu dieser Diskussion. Wie ich schon sagte, ob man von Marc lernen oder mit ihm zusammen arbeiten will, ist eine persönliche Entscheidung, die jeder und jede für sich treffen muss. Weitere Stellungnahmen zu einer Integralen Ethik finden sich auf  www.IntegralLife.com.

Ken Wilber, 6. Oktober 2011