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24.7.2017 : 6:50 : +0200

Spirituelle Wissenschaft und wissenschaftsbasierte Spiritualität

Ein Plädoyer für eine erkenntnisbasierte Spiritualität und eine spirituelle Wissenschaft

Michael Habecker

Würde und Katastrophe der Moderne

Neben den großen Segnungen die uns die Moderne gebracht hat, wie die Menschenrechte, die Frauenbewegung und gewaltige technologische Fortschritte, gab es auch Fehlentwicklungen die wir zu korrigieren haben, wenn wir die Menschheitskrisen des 21ten Jahrhunderts bewältigen wollen. War die Aufklärung zu ihrem Beginn etwa um 1500 noch eine Bewegung,  die Wissenschaftlichkeit, Emanzipation und Bewusstheit in alle Lebens- und Seinsbereiche bringen wollte, konzentrierte sich sie Aufmerksamkeit mit der Zeit zunehmend auf die naturwissenschaftliche Außenseite der Manifestation, und die Erforschung des Geistes oder der Innerlichkeit trat mehr und mehr in den Hintergrund, oder galt sogar als unwissenschaftlich[1]. Dies hat zur Konsequenz, dass in der Öffentlichkeit nur das als wirklich und real gilt, was äußerlich erkennbar und durch Messung beschreibbar ist, wohingegen der Bereich von Innerlichkeit irgendwo zwischen exotisch und esoterisch angesiedelt ist, aller geisteswissenschaftlichen Tradition zum Trotz. Wissenschaft wird heute vielfach gleichgesetzt mit Naturwissenschaft. Dies ist eine „moderne Katastrophe“, eine Einschränkung, die denjenigen, die den Menschen und die Welt wissenschaftlich verstehen wollen, lediglich das Äußerliche und quantitative zur Verfügung stellt. Doch die Zukunft der Menschheit hängt nicht nur von unserem naturwissenschaftlichen Verstehen der Welt und des Menschen, sondern noch mehr vom geistigen Verstehen beider ab, von Intentionen, Hoffnungen, Ängsten und individueller und kollektiver innerlichen Entwicklung, um nur ein paar wenige Aspekte des „Weltinnenraums“[2] der Schöpfung zu beschreiben.

Die Wissenschaft des Innerlichen

Wir wollen und können, das ist klar, nicht mehr hinter einem wissenschaftlichen Anspruch zurückbleiben, sondern unsere Erkenntnisse auf so sichere Grundlagen wie nur möglich stellen, aber wir wollen auch, dass alle Aspekte des Lebens und Seins dabei berücksichtigt werden. Dabei ist durch die Veröffentlichungen des amerikanischen Philosophen und Autors Ken Wilber, beginnend in den Jahren 2003[3], wertvolle Grundlagenarbeit geleistet worden, auf der aufgebaut werden kann. Dieses Modell soll im Folgenden im Hinblick auf seine Anwendbarkweit für eine wissenschaftliche begründete Spiritualität betrachtet werden. 

Vier Quadranten

Ausgehend von vier vermuteten Grunddimensionen aller Manifestation, dem Innerlichen und Äußerlichen, und dem Individuellen und Kollektiven, lassen sich vier voneinander unterschiedene, wenn auch miteinander zusammenhängende Daseinsbereiche differenzieren, die von Wilber so genannten „Vier Quadranten“:

Abb.1: Die vier Quadranten

Der Einfachheit halber kürzen wir die Quadranten wie folgt ab: OL = oben links, OR = oben rechts, UL = unten links, UR = oben rechts. Jeder Augenblick hat (mindestens) diese vier Aspekte, einen (bezogen auf einen Menschen)

  • subjektiv innerlichen Aspekt als das, was ein Mensch in sich erlebt,
  • einen kollektiv innerlichen Aspekt als das, was Menschen in Beziehung zueinander erleben,
  • einen individuell äußerlichen Aspekt als die Physiologie und das Verhalten eines Menschen, und
  • objektiv kollektiv äußerliche Aspekte als das systemische Eingebundensein dieses Menschen in Umwelt und Systeme.

Jeder dieser Bereiche kann für sich erforscht, entdeckt und weiter entwickelt werden.

Dimensionen von Erkenntnis

Wir erkennen die großen Gruppen der Naturwissenschaften (OR und UR) und der Geisteswissenschaften (OL und UL), und sehen dass sie jeweils die Außen- und die Innenseite einer Wirklichkeit beschreiben. Weiterhin erkennen wir die wichtige Unterscheidung zwischen der Erkennung von Einzelnem, wo ein (inneres oder äußeres) Erkenntnisobjekt im Vordergrund steht (OL, OR), und der Betrachtung von Gemeinschaften und Systemen, bei der das Verstehen einer Gesamtheit im Vordergrund steht, die Kultur- und Systemwissenschaften (UL, UR). Die linksseitigen Quadranten betrachten die Welt von innen her, die Naturwissenschaften von außen her.

Wenn diese Unterscheidung von Wilber nicht erfunden, sondern gefunden wurde, dann können wir erwarten dass die Erkenntnistraditionen der Menschheit hierzu schon von Anfang an Beiträge geliefert haben, und so ist es auch.

Abb.2: Beispiele von Wissenschaft und Untersuchungsmethodik in den vier Quadranten

Im oberen linken Quadranten finden wir die Untersuchungen der Innerlichkeit von Menschen (und aller empfindenden Wesen), wie sie beim Menschen beispielsweise durch Meditation und (Entwicklungs)Psychologie vorangetrieben wird mit der Frage: „Was ist ein Ich?“ Im unteren linken Quadranten lautet die Fragestellung „Was ist ein Wir?“, was ist Gemeinschaft, Intersubjektivität und gegenseitige Verstehen, und wie entwickelt diese sich?, und eine der Möglichkeiten dieser Frage nachzugehen ist die Wissenschaft der Hermeneutik. Im oberen rechten Quadranten geht es darum zu verstehen was ein „Es“ ist, und hier finden wir den Untersuchungsbereich der Naturwissenschaften wie Physik, Chemie und Biologie[4]. Im unteren rechten Quadranten schließlich werden nicht Einzeldinge betrachtet und untersucht  sondern Systeme, als die Außenseite des Kollektiven[5].

Konkret bezogen auf die Spiritualität können wir sagen: Im OL finden wir die Phänomenologie, den Strukturalismus, und die Psychodynamik der Spiritualität. Die Phänomenologie liefert uns die Fülle aller Bewusstseinsphänomene, die Menschen als spirituell (oder auch religiös) bezeichnen. Hier können wir auf ein einen großen Erfahrungsschatz der Traditionen zurückgreifen, und eigene phänomenologische Untersuchungen anstellen. Der Strukturalismus betrachtet demgegenüber nicht die Phänomene, sondern die Strukturen des Bewusstseins, insbesondere in ihrer Entwicklung (Entwicklungspsychologie). Für die Spiritualität bedeutet dies die Aufdeckung der Interpretationsstrukturen, mit denen spirituelle Erfahrungen interpretiert und kommuniziert werden. Ein anderer Ausdruck dafür wären die Glaubenssätze, Verstehensmuster, Charakterstrukturen oder der „mindset“ von spirituellen Menschen, um den es hier geht. Die Psychodynamik schließlich trägt der Tatsache Rechnung, dass die Bewusstseinsphänomene und die sie tragenden Bewusstseinstrukturen in einer lebendigen Dynamik miteinander stehen, und dass es eine Vielzahl von Mechanismen[6] gibt, die, auch bei spirituelle Menschen, einen enormen Einfluss darauf ausüben, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen. Zur Bewusstwerdung in diesem Bereich tragen Disziplinen wie die Psychoanalyse bei. Aus den gesagten wird bereits deutlich, dass eine Praxis wie die Meditation alleine für die Bewusstwerdung im OL nicht ausreicht.

Analoges gilt für den UL Quadranten, wo wir es auch mit Bewusstseinsphänomenen, Bewusstseinsstrukturen und Psychodynamiken zu tun haben, nur jetzt bezogen auf eine Gemeinschaft von Menschen, als miteinander geteilte Erfahrungen.

Im OR Quadranten finden wir im Hinblick auf Spiritualität das Verhalten von Menschen und deren Physiologie, einschließlich dessen was man z. B. bei Meditierenden im Gehirn messen kann.    

Im UR Quadrant schließlich erforschen wir die Organisationen und Systeme von Spiritualität, als äußerlich feststellbare Prozesse, Abläufe und Strukturen.  

Spiritualität ist damit weit mehr als „nur“ eine Anzahl von erfahrenen und beschriebenen Bewusstseinsphänomenen. Durch die Quadrantenbetrachtung erstreckt sich Spiritualität, als eine integrale Spiritualität, auf die Totalität des gesamten Seins, und kann so in allen ihren Aspekten, innerlich wie äußerlich, individuell wie kollektiv, erforscht werden.

Vorteile

Welche Vorteile hätte eine derartige Einteilung und Unterscheidung? Zum einen wird jede der Erkenntnismethodiken für sich in ihrer Größe gewürdigt. Alles kommt „auf den Tisch“[7]. Zweitens werden auch die Grenzen einer jeden Erkenntnismethodik erkannt - was kann Meditation und was nicht, was kann Physik und was nicht? Und drittens können die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Erkenntnis- und Seinsbereichen genauer untersucht und beschrieben werden: 

Wechselwirkungen

Abb.3: Die vier Quadranten, Wechselwirkungen

Neben der Entdeckung und Untersuchung der einzelne Bereiche (oder Quadranten) für sich ist natürlich auch deren Beziehung zueinander interessant, mit Fragestellungen wie: 

  1. wie beeinflusst eine individuelle Bewusstseinsänderung das individuelle Verhalten, und umgekehrt?
  2. wie wirkt sich eine individuelle Bewusstseinsänderung auf das kollektive Bewusstsein aus, und umgekehrt[8]?
  3. wie wirkt sich eine individuelle Verhaltensänderung auf das kollektive System aus, und umgekehrt?
  4. wie beeinflusst eine kulturelle Veränderung das System, und umgekehrt?
  5. wie wirkt eine individuelle Bewusstseinsänderung auf ein System, und umgekehrt?
  6. wie wirkt eine individuelle Verhaltensänderung auf eine Kultur, und umgekehrt?

Entwicklung

Erkenntnis und Wissenschaft entwickeln sich, und daher ist die Entwicklungsdimension von Wahrnehmung und Erkenntnis ganz wesentlich für eine Wissenschaft der Spiritualität. Forschung und deren Ergebnisse entstehen nicht aus dem Nichts, sondern werden von Menschen betrieben, die einen bestimmten Entwicklungs-, und damit auch Erkenntnisstand haben, der sich auf ihre Untersuchungen auswirkt[9]. So werden beispielsweise systemische Zusammenhänge nicht von jedem gesehen, sondern können erst ab einer bestimmten (kognitiven) Entwicklungsstufe erkannt werden. 

Relative und absolute Erkenntnis

Wären mit der Erforschung aller Manifestation, geistig und materiell, individuell und kollektiv das Untersuchungsspektrum einer Wissenschaft der Spiritualität vollständig beschrieben? Nein, denn was, ausgehend von einer nicht-dualen Wirklichkeitsvorstellung, bei der Leere gleich Form und Form gleich Leere ist, noch fehlt, ist die „Erfahrungs“dimension der Absolutheit, auch wenn diese, wie die MystikerInnen und Mystiker immer wieder betonen, keine Erfahrung wie alle anderen Erfahrungen ist, sondern diesen allen vorausgeht als der Seinsgrund, vor dessen Hintergrund jede (relative) Erfahrung kommt, etwas verweilt, und wieder geht. 

Auch die Absolutheit oder das JETZT[10], wie es auch genannt wird, ist wissenschaftlicher Untersuchung zugänglich, eine Untersuchung die seit Jahrhunderten in den kontemplativen Traditionen der Menschheit stattfindet, als die Krönung spiritueller Erkenntnis, bei der Menschen ihren Wesenskern erfahren, von dem alles Geschaffene gleichermaßen durchdrungen ist, so wie die Naßheit eines Ozeans alle seine Wellen durchdringt.

Relative Wissenschaft, um im Bild zu bleiben, untersucht und erkennt, wie oben beschrieben, die Unterschiedlichkeit einer jeden Welle des Ozeans, mit ihren innerlichen, äußerlichen, individuellen und kollektiven Merkmalen und Einzigartigkeiten und ihrer Entwicklung in Raum und Zeit. Absolute Wissenschaft erkennt den Einen Geschmack der Nassheit einer jeden Welle als den zeitlosen und dimensionslosen Seinsgrund aller Manifestation. Eine Wissenschaft der Spiritualität, ausgehend von einer nicht-dualen Wirklichkeit, untersucht und lebt beides, um so einen Beitrag leisten zu können zu mehr Bewusstheit, Gerechtigkeit, Emanzipation, Freiheit und Erfülltheit in der Welt. Die Aufklärung in einer sich entwickelnden Welt ist kein historisches Ereignis, sondern eine „work in progress“, zu der wir alle eingeladen sind.      


[1] In der Heftreihe "GEO Kompakt Die Grundlagen des Wissens" widmet sich die Zeitschrift GEO in der Nr. 14 (Frühjahr 2008) dem Thema "Die 100 größten Forscher aller Zeiten", und erwähnt dabei fast ausschließlich Naturwissenschaftler. Im Editorial, heißt es: „Zudem haben wir uns ausschließlich den klassischen Naturwissenschaften gewidmet, sodass Grenzgänger wie Sigmund Freud, dessen Thesen nicht im Experiment nachprüfbar sind, unberücksichtigt bleiben.“ Naturwissenschaften sind, mit andere Worten, klar und eindeutig, wohingegen Geisteswissenschaften etwas „grenzgängerisches“ anhaftet.

[2] So lautet der Titel einer Buchreihe die im Kamphausen Verlag erscheint.

[3] Insbesondere die Exzerpte A, B, C und D zum Band 2 der „Kosmos-Trilogie“. Siehe dazu auch www.IntegralLife.com.

[4] aus dieser einfachen Darstellung wird bereits deutlich, dass die seit Jahrzehnten in Büchern wie Das Tao der Physik propagierte Ähnlichkeit oder gar Gleichheit von Quantenphysik und Mystik nicht gegeben sein kann, weil kontemplative Mystik klassischerweise eine Ich-Untersuchung darstellt, wohingegen die Quantenphysik eine Es-Untersuchung ist. Beides hat seine Berechtigung, ist jedoch nicht dasselbe.

[5] In einer weiteren Differenzierung der vier Quadranten unterscheidet Wilber in einem von ihm so genannten „Methodenpluralismus“ 8 Hauptperspektiven der Erkenntnis und des Seins, denen sich alle bekannten Untersuchungsmethodiken der Menschheit zuordnen lassen. Siehe dazu die erwähnte Exzerpte, und Kapitel 1 von Integrale Spiritualität.   

[6] Einige Beispiele für Psychodynamiken sind: Abspaltung, Abwehr, Adaption, Ausagieren, Fehlleistungen, Fixierung, Hemmung, Kompensation, Komplex, Projektion, Regression, Sublimierung, Symptomatisierung, Übertragung, Verdrängung, Vergessen, Verschiebung.

[7] Das hilft, Absolutismen, wie Wilber sie nennt, zu vermeiden, die bisher für die Wissenschaftsgeschichte bestimmend waren. Die „Idealisten“ neigen zur Verabsolutierung der Erkenntnisdimensionen von OL und UL, die Materialisten neigen zur Verabsolutierung der Erkenntnisdimensionen OR und UR, die Konstruktivisten neigen zur Überbetonung von UL, und die System-isten erklären praktisch alles allein aus UR heraus. Sie alle haben eine wichtigen Beitrag zum Gesamtbild zu leisten, in ihrer Verabsolutierung jedoch blenden sie andere Erkenntnisdimensionen aus, und führen so zu einem Zerrbild des Menschen und der Welt.  

[8] ein zur Zeit häufig verwendeter Begriff ist der eines „höheren Wir“. Bei der Darstellung in den vier Quadranten wird deutlich, dass ein höheres Wir immer im Zusammenhang steht mit den anderen Quadranten, die Quadranten entwickeln sich gemeinsam. Es gibt kein höheres Wir, ohne dass nicht auch Entwicklung in den anderen Bereichen/Quadranten geschieht.   

[9] Ken Wilber spricht in diesem Zusammenhang von einer „kosmischen Adresse“, als der Kombination von Perspektive (Quadranten) und Entwicklung. Wir sehen nicht die gleiche Welt, sondern betrachten die Welt und uns selbst aus einer jeweils spezifischen Perspektive und einer jeweiligen Entwicklungsstufe aus. Die Berücksichtigung der „kosmischen Adresse“ jeder Erkenntnis wäre ein wesentliches Merkmal einer „inner science“. (Siehe Integrale Spiritualität S. 342 f.)

[10] So der Titel eines Bestsellers von Eckhart Tolle, eines Mystikers unserer Zeit.