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21.9.2017 : 21:37 : +0200

„Grow Up, Wake Up, Clean Up, Show Up!“

Fotos: Sri Vishva

Rückblick zur Tagung des Integralen Forums 2011 in Nürnberg

Dennis Wittrock

Welche Antworten hat integrales Bewusstsein auf die drängenden Fragen unserer Zeit? Wer mit dieser Frage zur Jahrestagung des Integralen Forums mit dem Titel „Integral Handeln – Lösungen für eine komplexe Welt“  von 17.-19. Juni nach Nürnberg gekommen war, der fand sich nicht nur in bester Gesellschaft, sondern erhielt mit Sicherheit auch einige überzeugende Antworten auf seine Fragen. So erlebten die rund 200 Teilnehmer, die ins katholische Caritas Pirckheimer Haus in der Nürnberger Altstadt gekommen waren, ein straffes und abwechslungsreiches Programm mit Stars und Newcomern der integralen Szene, einem Live-Interview mit dem integralen Philosophen Ken Wilber, diversen Show-Acts, Möglichkeiten zum Austausch im Open Space, eine Party und diverse Angebote zur Integralen Lebenspraxis.

Am Freitag staunten die Besucher nicht schlecht, als der erweiterte Vorstand des Integralen Forums nach der Begrüßung durch Hilde Weckmann und Dennis Wittrock und einer kurzen Hinführung zu der Frage „wie macht man eigentlich eine ‚integrale’ Tagung?“ komplett zu einer Theatercombo mutierte und mal eben in drei pointierten Sketchen die Planung einer Tagung auf der traditionellen, modernen und postmodernen Entwicklungsebene durchdeklinierte. Irgendetwas war anders. Das merkten die Besucher spätestens beim Auftritt von „Meta-Man“, mit bürgerlichem Namen Rolf Lutterbeck, der im Laufe der Tagung immer mal wieder in sein weißes Sakko schlüpfte, um die Ereignisse aus integraler Sicht zu meta-kommentieren. Er repräsentierte die erweiterte Fähigkeit zur Reflektion und Sinngebung, die man der integralen Ebene gemeinhin zuschreibt. Als Meister der Landkarten führte er die Teilnehmer danach als Kennlernübung zu einer fiktiven Weltreise ins Foyer, wo sie einander an exotischen Orten begegnen konnten.

Anschließend betonten Michael Habecker und Sonja Student in ihrem Einführungsbeitrag, dass weder gute Absichten, noch gute Landkarten (wie die Theorie von Wilber) ausreichen, um integral zu handeln. Die gute und schlechte Nachricht laute heute: Wir müssen und können heute integral handeln – doch wollen wir es wirklich? Begnügen wir uns mit der grandiosen Theorie? Warten wir immerzu auf die anderen? Schieben wir die Perfektion des So-Seins als spirituelle Entschuldigung für unser Nicht-Tun vor? Haben wir womöglich Angst vor der eigenen Größe? Sie zeigten zwei Wege Integralen Handelns auf: erstens, wir können in unserem direkten privaten und beruflichen Umfeld beginnen als Faktor zum Wohle der gesamten Entwicklungsspirale zu wirken. Zweitens, wir können explizit integrale Strukturen aufbauen helfen in uns Selbst, in der Kultur und im System.

Nachdem also die generelle Marschroute ausgegeben worden war, folgte das jährliche Live-Interview mit Ken Wilber. Neu war in diesem Jahr, dass er von seinem Kollegen Dr. Marc Gafni interviewt wurde, um die „nächsten Schritte in der integralen (R)Evolution“ zu diskutieren. Marc Gafni ist der Direktor des kürzlich gegründeten Center for World Spirituality in San Francisco, das sich die Schaffung einer neuen Form integraler Spiritualität auf die Fahnen geschrieben hat. Im Interview verfolgte er den integralen Impuls in Kens Arbeit zurück bis in dessen Teenager-Zeit, wo dieser sich bereits an der Integration von Psychoanalyse, Gestalttherapie und Zen in ein großes „Spektrum des Bewusstseins“ versuchte. Die Essenz des Gespräches wurde dann in die Kurz-Formel für einen integralen Aktivismus destilliert: „grow up, wake up, clean up, show up“.  Wir müssen aufwachsen (Ebenen), aufwachen (Zustände), aufräumen (Schatten) und uns handelnd mit unserem einzigartigen Beitrag in der Welt zeigen (als ein Einzigartiges Selbst).  Das anschließende Shakuhachi-Konzert von Jim Franklin führte die Teilnehmer kollektiv in eine tiefe meditative Stille, die nur vom sanften Widerhall der Worte und den Klängen der japanischen Bambusflöte unterbrochen wurde.

„Der Gott an den ihr nicht glaubt, existiert nicht. Lasst diesen mythischen Gott gehen“. Wenn ein jüdischer Rabbi am Samstagmorgen in einer altehrwürdigen katholischen Kirche in Nürnberg munter Praktiken aus östlichen und westlichen spirituellen Traditionen kombiniert, ist eines klar: mit verstaubter Religion hat das nichts zu tun. Vielmehr zelebrierte Marc Gafni hier den ersten World Spirituality Gottesdienst auf deutschem Boden, inklusive Praktiken für alle drei Antlitze Gottes: Praktiken der ersten Person (Meditation, Chant),  der zweiten Person (Gebet: „Gebet bekräftigt die Würde meiner persönlichen Bedürfnisse“) und  der dritten Person („Dharma“, hinweisende Instruktionen zur Erkenntnis der Wirklichkeit). Die St. Klara Kirche bot optisch wie akustisch eine beeindruckende Kulisse für die Begegnung von Tradition und Post-Postmoderne und alle Teilnehmer zeigten sich tief bewegt von den Konturen dieser emergierenden Form von Spiritualität.

In seinem anschließenden Hauptvortrag gab Marc Gafni eine Kostprobe aus dem neuem Weltspiritualitäts-Dharma: „a Map of Pleasure“ – eine Landkarte der fünf möglichen Arten Vergnügen/ Freude aus der Welt zu schöpfen, angefangen mit der Ebene der sinnlichen Freuden, hin zu Freuden aus Beziehungen, aus der Verwirklichung seiner Vision, der Seligkeit des reinen Seins, bis hin zur Ebene des befreiten Wirken in der Welt. Dazu erläuterte er zahlreiche Prinzipien, z.B. jede Ebene ist legitim und wichtig, es gibt keinen „Wechselkurs“ zwischen den Ebenen, jede Ebene hat ihre Version von „Falschgeld“, bzw. „Blüten“ und dergleichen mehr. Diese „Landkarte der Fülle“, ist, zusammen mit den Landkarten der Leerheit aus den kontemplativen Traditionen ein wesentlicher Bestandteil einer nichtdualen Spiritualität. 

Der Samstag war ganz den Workshops gewidmet und ging entsprechend in die Breite, bzw. in die Fülle. So gab es in der ersten Workshopphase die Themen „Wille“, „Frauen“, „Männer“ und „Stressreduktion“ aus dem Blickwinkel des integralen Handelns. Die zweite Workshopphase behandelte die Themen „evolutionäre Erleuchtung“, „Organisation“, „Kunst“, „Medizin“ und „Ökologie“.  Themen der dritten Phase waren „Psychotherapie“, „Bildung & Erziehung“, „Beziehungen“ und „Aufstellungen“.

Im darauf folgenden Open Space vernetzten sich die Teilnehmer zu selbst gewählten Themen, die in Kleingruppen bearbeitet und auch protokolliert wurden. Überraschend meldet sich dann am Abend noch mal Ken Wilber zu Wort - sogar per Videobotschaft. Er hatte zuvor fünf Deutsch-Englisch Wörterbücher gelesen und sprach zum allgemeinen Erstaunen jetzt schon sehr passabel deutsch, während er im Muskelshirt ein paar Hanteln stemmte. Spätestens jetzt war allen klar, dass es sich um eine Parodie handelte – angezettelt von der Integral Roadshow in Person von Martin Bruders (als Ken) und Interviewer Axel Perinchery, wobei „Ken“ Axels vier Quadranten eloquent anhand eines Torjubels erläuterte. Der Applaus war vorprogrammiert, insbesondere als „Ken“ zum Schluss alle aufforderte auf der nun folgenden Integralen Party mal so richtig abzurocken. Ein langer Tag endete mit einer langen Nacht.

Am Sonntag Morgen ging es los mit ILP Angeboten für den Körper, bzw. alle drei Körper: „3-Body-Workout“, angeleitet von Klaus Tröger, „Integraler Yoga“ von Matthias Ruff, sowie "Stimmarbeit" mit Adelheid Hörnlein. Kurz darauf folgte mit dem Hauptbeitrag „Gott 9.0 – wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird“ von dem Autorenteam Marion & Werner Tiki Küstenmacher und Tilmann Haberer ein weiteres Glanzlicht der Tagung. Wie schon in ihrem gleichnamigen Buch erläuterten sie die Anwendung einer Entwicklungssicht (basierend auf dem Spiral Dynamics-Modell) auf das Christentum, so dass sich anstelle des monolithischen mythischen Gottesverständnisses ein breites Spektrum von Ebenen des Glaubens innerhalb einer religiösen Tradition abzeichnete – und zwar buchstäblich. Werner Tiki Küstenmacher, bekannter Karikaturist und Ko-Autor des Bestsellers „Simplify your Life“ fesselte das Publikum mit live projizierten Karikaturen über ‚Gott und die Welt’, während seine Frau Marion und Tilmann Haberer auf gleichermaßen lockere und theologisch solide Weise Themen wie eine Re-Interpretation der Trinität und Jesus-Bilder auf allen Ebenen erklärten. Wenn Wilber Recht haben sollte und die Traditionen zum religiös legitimierten „Förderband“ für Bewusstseinsentwicklung genutzt werden könnten, so gibt es mit „Gott 9.0“  zumindest für das Christentum im deutschsprachigen Raum nun eine hervorragende Blaupause.

Rolf Lutterbeck sah sich in seinem folgenden Hauptbeitrag „Menschen und Systeme integral begleiten“ sportlich herausgefordert, die hohe Messlatte, die seine Vorredner etabliert hatten, nicht zu unterlaufen. So brannte er dann auch ein wahres Feuerwerk von Folien, Methoden, Übungen und Live-Demonstrationen ab, wobei er sein Vorgehen als integraler Coach beim Umgang mit Einzelpersonen und Unternehmen detailliert erläuterte – quasi ein Blick über die Schulter eines im professionellen Sinne integral Handelnden.

Im Anschluss machte Marc Gafni noch mal „integrale Prinzipien sexy und lebendig“, indem er seine zuvor begonnene Landkarte des Vergnügens/ der Freuden komplettierte und in allen Nuancen und mit zahlreichen Beispielen und Geschichten auskleidete. Nachdem alle Referenten und das Tagungs-Organisations-Team, allen voran Erich Carl Derks aus Nürnberg, sich den gebührenden Applaus abgeholt hatten, kam die Tagung im gemeinsamen Abschlussritual zu einem emotionalen Finale.

Und jetzt – zurück im Alltag – beginnt das Integrale Handeln: grow up, wake up, clean up, show up!

Tagungsdokumentation auf DVD

Die komplette Tagungsdokumentation ist auf DVD erhältlich über AV Records: http://www.avrecord.de/AVRecord/katalog/kongresse.php?shorty=IFT11