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26.6.2017 : 20:55 : +0200

Daimon und Dämon – das Auspacken von Kreativität

Michael Habecker

Auf welche Weise kommt Kreativität, der evolutionäre Impuls, der GEIST-in-Aktion zum Ausdruck? Im Buch Eros Kosmos Logos spricht Ken Wilber am Ende vom „Auspacken des GEISTES“:

„Die Intuition ist wie ein kostbares Geschenk, das behutsam ausgepackt werden muss. Behutsames Auspacken der neuen Tiefe durch Interpretation ist das Emergieren dieser neuen Tiefe.“

 

Dies gilt umso mehr für jeglichen (kreativen) inneren Impuls, der nach Ausdruck drängt. Doch wie geht das, wie drückt es sich aus und was kann dabei schiefgehen? Im Buch Mut und Gnade unterscheidet Ken Wilber im Hinblick auf die persönliche Dimension (und auch anwendbar auf die kollektive Dimension) einen Daimon und einen Dämon:

„Wir nannten das, was Treya suchte, schließlich ihren Daimon – in der klassischen griechischen Mythologie der Ausdruck für die innere Gottheit, den leitenden Geist eines Menschen, man könnte auch sagen seine Schutzgottheit, sein Genius ...

Ich hatte mein Schicksal, meinen Daimon, schon gefunden, nämlich in meiner schriftstellerischen Arbeit. Ich wußte genau, was ich gerne tun wollte und warum; ich wußte, wozu ich hier bin und was ich zu erreichen habe. Mein höheres Selbst kam im Schreiben zum Ausdruck, daran zweifelte ich keinen Augenblick. Mit dreiundzwanzig, nach zwei Abschnitten meines ersten Buches, wußte ich, dass ich nach Hause gefunden, mich selber gefunden, meinen Lebenssinn und meinen Gott gefunden hatte. Nicht ein einziges Mal seither habe ich daran gezweifelt. Aber mit dem Daimon hat es eine seltsame und furchtbare Bewandtnis: Achtet man ihn und folgt ihm, dann ist er wirklich der Geist, der einen leitet. Erkennt man ihn jedoch und folgt ihm nicht, dann wird aus dem Daimon ein Dämon, ein böser Geist – göttliche Energie und Begabung werden zu selbstzerstörerischem Handeln. So sagen etwa die christlichem Mystiker, dass die Flammen der Hölle nur die abgelehnte Liebe Gottes sind, zu Dämonen gewordene Engel.“

 

In seinem Buch Der Kampf mit dem Dämon beschreibt Stefan Zweig auf psychologisch ebenso einfühlsame wie eindringliche Weise anhand der Biografien von Hölderlin, Kleist und Nietzsche eben diesen Kampf um das Auspacken einer großen Intuition und Inspiration, die alle drei hatten, als ein Ringen mit dem Dämon. Ihnen gegenüber stellt er Goethe, nicht als das bessere Beispiel, sondern als eine polare Möglichkeit eines Lebens zwischen Daimon und Dämon.

Nachfolgend einige Auszüge aus dem Vorwort des Buches (Stefan Zweig, Der Kampf mit dem Dämon, Fischer Taschenbuch) als exemplarische Extreme, zwischen denen sich auch unser Leben bewegt.

„Die drei heroischen Gestalten Hölderlins, Kleistens und Nietzsches haben eine sinnfällige Gemeinsamkeit schon im äußeren Lebensschicksal: Sie stehen gleichsam unter demselben horoskopischen Aspekt. Alle drei werden sie von einer übermächtigen, gewissermaßen überweltlichen Macht aus ihrem eigenen warmen Sein in einen vernichtenden Zyklon der Leidenschaft gejagt und enden vorzeitig in einer furchtbaren Verstörung des Geistes, einer tödlichen Trunkenheit der Sinne, in Wahnsinn oder Selbstmord. Unverbunden mit der Zeit, unverstanden von ihrer Generation, schießen sie meteorisch mit kurzem strahlenden Licht in die Nacht ihrer Sendung ... Dämonisch nenne ich die ursprünglich und wesenhaft jedem Menschen eingeborene Unruhe, die ihn aus sich selbst heraus, über sich selbst hinaus ins Unendliche, ins Elementarische treibt … Der Dämon verkörpert in uns den Gärungsstoff, das aufquellende, quälende, spannende Ferment, das zu allem Gefährlichen, zu Übermaß, Ekstase, Selbstentäußerung, Selbstvernichtung das sonst ruhige Sein drängt; in den meisten, in den mittleren Menschen wird nun dieser kostbar-gefährliche Teil der Seele bald aufgesogen und aufgezehrt; nur in seltenen Sekunden, in den Krisen der Pubertät, in den Augenblicken, da aus Liebe oder Zeugungsdrang der innere Kosmos in Wallung gerät, durchwaltet dies Heraus-aus-dem-Leibe, dies Überschwengliche und Selbstentäußernde ahnungsvoll selbst die bürgerlich banale Existenz. Sonst aber ersticken die gemessenen Menschen in sich den faustischen Drang, sie chloroformieren ihn mit Moral, betäuben ihn mit Arbeit, dämmen ihn mit Ordnung: Der Bürger ist immer Urfeind des Chaotischen, nicht nur in der Welt, sondern auch in sich selbst... Goethe: damit ist nun schon der Name für den polaren Typus ausgesprochen, dessen Gegenwart sinnbildlich dieses Buch durchwaltet. Goethe war nicht nur Naturforscher, als Geologe ‚Gegner aller Vulkanität‘ – auch in der Kunst hat er das Evolutive über das Eruptive gestellt und alles Gewaltsam-Krampfhafte, alles Vulkanische, kurz, alles Dämonische mit einer bei ihm seltenen und geradezu erbitterten Entschiedenheit bekämpft... Goethe verbraucht ebensoviel heroische Kraft, um sich zu erhalten, wie die Dämonischen, um sich zu verschwenden.

Was zunächst an Hölderlin, Kleist und Nietzsche sinnfällig wird, ist ihre Unverbundenheit mit der Welt. Wen der Dämon in der Faust hat, den reißt er vom Wirklichen los. Keiner der drei hat Weib und Kind, keiner Haus und Habe, keiner dauernden Beruf, gesichertes Amt. Sie sind nomadische Naturen, Außenseiter, Sonderbare, Mißachtete und leben eine vollkommen anonyme Existenz… Ihre Freundschaften werden brüchig, ihre Stellungen zerstieben, ihr Werk bleibt ohne Ertrag: immer stehen sie im Leeren und schaffen ins Leere ... Goethe wurzelt fest und immer tiefer, immer breiter greifen seine Wurzeln aus. Er hat Weib und Kind und Enkel, Frauen umblühen sein Leben, eine kleine, aber sichere Zahl von Freunden umsteht jede seiner Stunden. Er wohnt im weiten, wohlhabenden Haus, das sich mit Sammlungen und Seltenheiten füllt, er wohnt im warmen, schützenden Ruhm, der mehr als ein halbes Jahrhundert seinen Namen umfängt. Er hat Amt und Würde, ist Geheimrat und Exzellenz, alle Orden der Erde blitzen von seiner breiten Brust.

Leidenschaftliche Hingabe bis zur Auflösung ins Elementare, leidenschaftliche Bewahrung im Sinne der Selbstgestaltung – beide Formen des Kampfes mit dem Dämon fordern aber höchsten Heroismus des Herzens, beide schenken die herrlichen Siege im Geist. Die Goethische Lebenserfüllung und der Dämonischen schöpferischer Untergang – beide bewältigen sie, aber jeder Typus in einem anders bildnerischen Sinn, die gleiche, die einzige Aufgabe des geistigen Individuums: an das Dasein unermeßliche Forderungen zu stellen. Wenn ich ihre Charaktere hier widereinander stellte, geschah es nur, um das Zwiefache ihrer Schönheit im Sinnbild zu verdeutlichen, nicht aber, um eine Entscheidung herauszufordern… Immer ist darum das Außerordentliche das Maß aller Größe. Und immer – auch in den verwirrendsten und gefährlichsten Gestaltungen – bleibt das Schöpferische Wert über allen Werten, Sinn über unsern Sinnen.“

 

Die gleiche kreative Kraft, welche Teilchen zu Atomen zusammenbindet, daraus Moleküle entstehen lässt welche wiederum zu Zellbestandteilen werden, die sich ihrerseits zu mehrzelligen Organismen zusammenfügen – die gleiche kreative Kraft, welche Stämme zu Nationen zusammenfügt, welche wiederum – mit Vor- und Rückschritten und über verschlungene (Um)wege zu Kontinentgemeinschaften und letztendlich zu einer Weltgemeinschaft streben – diese Kraft ist auch in jedem Augenblick in uns spürbar. Diese nach immer Neuem vorwärtsstrebende Kraft, ob wir sie nun mit evolutionären Impuls, Selbstorganisation, Eros oder einfach nur mit Kreativität bezeichnen, wirkt auch hier und jetzt in jedem von uns und auch zwischen uns gemeinschaftlich. Was wir daraus machen und wie wir sie „auspacken“ liegt an uns. Biologie, Psychologie und Soziologie und eine integrale Landkarte insgesamt können uns eine Menge darüber erzählen, unter welchen Vorbedingungen dieses Auspacken geschieht und unter welchen Bedingungen dieses Auspacken segensreich oder katastrophal geschieht – und wie wir sowohl unseren Dämonen wie auch unserem Daimon begegnen und beide miteinander versöhnen können. Die kreative Kraft ist uns und dem Kosmos insgesamt geschenkt, als ein Geschenk welches wir nicht ablehnen können. Was wir daraus machen liegt an uns.

(aus: integrale perspektiven Nr. 29)