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21.8.2017 : 13:55 : +0200

Das Gefühl des Eros

(aus: Ken Wilber, the loft series, The feeling of Eros, 2011)

Einleitung der IntegralLife Redaktion

Plato erklärte die Entstehung der Liebe durch einen Mythos. Er sagte, dass das Maskuline und das Feminine einst als ein Wesen vereint waren, doch dann in zwei geteilt wurden. Das Verlangen und das Streben nach dieser Einheit ist Liebe. Ken erläutert, dass die Ganzheit und Einheit schon vor der Involution gegenwärtig war und dass die Evolution nach dieser Einheit strebt. Das, was das Streben der Rückkehr zur Einheit antreibt, ist nichts anderes als Liebe. In dem folgenden Gespräch leitet uns Ken während der ersten 30 Minuten dazu an, unmittelbar in Kontakt mit dieser Kraft zu kommen. Dabei erfahren wir den grundlegenden Fehler der dabei geschehen kann, wenn wir die Quelle der Liebe einem einzelnen Objekt außerhalb von uns zuschreiben. Durch die Entspannung der Kontraktion um unser Herz erleben wir eine unbegrenzte Ausdehnung von Fürsorge, im einfachen Augenblick nicht-suchender Gegenwärtigkeit. Von dieser Erfahrung ausgehend macht uns Ken dann deutlich, wie unser relatives Ego glaubt, dass die Liebe von dort draußen kommt und annimmt, dass äußerliche Objekte oder Personen uns Liebe erfahren lassen.   

Wenn das Verlangen aufhört und die Suche nach dem vermeintlichen Liebesobjekt, leuchtet immer-gegenwärtige Bewusstheit auf, als die wahre Quelle von Liebe und Glücklichsein. Von hier aus erfahren wir ein Liebesbewusstsein, das nicht abhängt, nicht gebunden ist und auch nicht hervorgerufen wird von einem bestimmten Menschen. Was durch diesen bestimmten Menschen jedoch geschieht, ist ein augenblickliches Innehalten; ein Augenblick ohne Verlangen, Festhalten und Selbstkontraktion. Ruhst du in der Gegenwärtigkeit dieser Beziehung, dann ruhst du in deinem unbeschreibbaren Selbst – der Quelle aller Liebe und Glückseligkeit. In dieser Gegenwärtigkeit hört alle Suche auf und du liebst einfach. Diese Art von Beziehung kannst du mit allen Menschen und Wesen haben, und auch dazu lädt uns Ken in einer Erfahrungsübung ein.

Ken Wilber

Seit ich begonnen habe über das Thema „Liebe“ zu sprechen erreichen mich immer mehr Anfragen dazu, und daher möchte ich noch etwas dazu sagen. Aus einigen der Anfragen wurde mir deutlich, dass es oft nicht klar ist, was diese Liebe, über die wir sprechen, ist, wie und wo man sie findet, und wie man sie fühlen und kultivieren kann. Ich möchte zuerst darüber sprechen, und dann über die Rolle der Liebe in der Evolution und Entwicklung als Ganzes.

Beginnen wir damit, dass wir uns einen Menschen vorstellen, den wir lieben oder geliebt haben, und diese gefühlte Liebe sollte noch „frisch“ sein. Spüre beim Fühlen dieser Liebe deine Herzregion, als Wärme und eine liebende Umarmung, die vom Herzen kommt. Wenn dieses Gefühl von Wärme, Liebe und Fürsorge gegenüber der anderen Person sich eingestellt hat, dann fühle ebenso den Herzensraum als einen Bereich der Selbstkontraktion, als etwas Zusammengezogenes im Angesicht dieser Liebe. Du fühlst dabei immer noch diese Liebe und bist dir dieser Liebe bewusst, doch du bist dir auch dieses anderen, entgegengesetzten Impulses bewusst. Im Gegensatz zu Offenheit, Fülle und Entspanntheit ist dieser Impuls eine Selbstkontraktion. Es ist eine Spannung um das Herz herum, und das Herz ist auch der Ort der nicht-qualifizierbaren LIEBE. Die Selbstkontraktion umschließt daher auch die eigene unbegrenzte Essenz, die eigene letztendliche Wirklichkeit, das eigene absolute Selbst, als eine nicht zu beschreibenden und eigenschaftslose LIEBE und Gnade. Seien wir uns beider Dinge bewusst. Es gibt eine gewisse Wärme und Liebe gegenüber mindestens einem anderen Menschen und es gibt die Selbstkontraktion. Wir könnten jetzt sagen, dass das, was sich der Selbstkontraktion bewusst ist, frei ist von der Selbstkontraktion, das ist die immer-schon freie Natur des eigenen immer-gegenwärtigen SELBST. Doch jetzt begeben wir uns in den relativen Bereich, und dort ist dieses Gefühl einer Selbstkontraktion und Blockade um das Herz herum, auch wenn du dabei gleichzeitig die Wärme und Verbundenheit fühlst. Entspanne dich nun so konkret und gut du kannst und lockere dabei die Kontraktion und Blockade. Entspanne die Spannung um dein Herz und lasse sie sich auflösen. Lasse mit der Abnahme der Selbstkontraktion sich die Wärme und Liebe ausdehnen, die du für den Menschen fühlst, den du dir vorstellst. Lasse dieses Gefühl der Liebe sich zu einem anderen Menschen erweitern, so dass dieses Gefühl von Liebe nun zwei Menschen umfasst. Das Geschlecht der Menschen spielt dabei keine Rolle, weil es sich nicht um eine speziell erotische Liebe handelt sondern um Liebe allgemein. Fühle als eine Geste die Ausweitung von Wärme, Liebe und Verbindung, von deinem Herzen ausströmend zu diesen beiden Menschen. Bleibe dabei in der Entspannung der Selbstkontraktion, übe dich weiter darin dies loszulassen und dich immer weiter zu öffnen. Nimm jetzt noch eine dritte Person hinzu, und beginne die Unbegrenztheit dieser liebenden, verbindenden und fürsorgenden Bewusstheit zu fühlen, die nicht auf eine einzelne Person begrenzt ist. Diese Bewusstheit kommt aus deinem subjektiven Selbst und kann sich auf alle „Objekte“, Menschen und empfindende Wesen erstrecken, die es gibt. Es handelt sich dabei immer um das gleiche SELBST, das gleiche wahre, absolute SELBST, das seinem Wesen nach eine unbeschreibliche Liebesumarmung ist. Du kannst dabei bemerken, dass die Quelle der Liebe nicht von einem dieser Menschen kommt, sondern von deiner eigenen Bewusstheit und aus deinem Herzen, und sich von dort aus zu diesen Menschen erstreckt.

Das relative Ego tendiert zu lernen und denken, dass alles Glücklichsein und alle Liebe von äußeren Dingen kommen. „Dieses oder jenes macht mich glücklich“, ein neues Auto zum Beispiel, das mich glücklich macht, oder ein Weihnachtsgeschenk, das ich mir gewünscht habe. Doch das ist nicht das, wo Glück herkommt. Was geschieht ist, dass man etwas bekommt, was einem wichtig ist, wonach es einem verlangt und was man möchte. Hält man dies jedoch in den Händen, dann ist die Suche danach sofort beendet. Ist das Suchen beendet, ist das, was nach wie vor alles durchleuchtet und übrig bleibt, die immer-gegenwärtige Bewusstheit, und sie ist die Quelle des Glücks, die falsch verstanden und dem Objekt zugeschrieben wird. Das führt zu dem Glauben, dass die Quelle meines Glücklichseins von diesen Dingen kommt, die ich bekommen kann, und die ich daher sammle. Natürlich ist es schön Dinge zu bekommen, doch es ist eine Katastrophe zu glauben, dass sie die Quelle des Glücks wären – sie sind es nicht. Das gleiche gilt für Liebe. Wir wachsen auf, und das relative Ego macht die Erfahrung, dass es niemals wirklich geliebt hat, bevor es diesen einen und einzigartigen Menschen kennengelernt hat. Plötzlich ist man zum ersten Mal im Leben verliebt. Oft ist das eine Schwärmerei, und es ist eine sehr coole Erfahrung. Man ist davon zutiefst getroffen. Was dabei wirklich geschieht, ist, dass ein Aspekt der Welt zum Vorschein tritt, und die Konzentration darauf befreit die immer schon anwesende Liebe in der unbeschreibbaren Bewusstheit des wahren Selbst. Diese Liebe tritt befreit hervor durch etwas, von dem wir glauben, es wäre ein bestimmter Mensch. Wenn dieser Mensch dann wieder verloren wird, uns verlässt, oder auf eine andere Weise aus unserem Leben verschwindet, dann erleben wir das als Katastrophe, und die Liebe ist damit auch aus unserem Leben verschwunden. Das Liebesobjekt ist verschwunden. Man kann das Gefühl von Liebe ausdehnen und dabei bemerken, dass es nicht zu einer bestimmten Person gehört, und das geschieht schon mit der kleinsten Bewusstheit eines nicht-kontrahierten Selbst, wo sich die Liebe gegenüber der Person, die man wahrhaft liebt, erweitert, hin zu einem anderen Menschen. Dieses Liebesbewusstsein ist nicht gebunden an oder hervorgerufen durch einen bestimmten Menschen. Wodurch es hervorgebracht wird, ist die eigene Beziehung zu diesem Menschen, so dass es so erscheint, dass dieser Mensch die Ursache dieses Liebesbewusstseins ist. Was dieser Mensch einem jedoch ermöglicht, in dieser speziellen Beziehung, die man zu ihm oder ihr hat, ist, dass es möglich wird in dieser Beziehung in den Augenblick zu kommen, wo alles Festhalten und Ergreifen wollen und die Selbstkontraktion zur Ruhe kommen, in der Gegenwart und Gegenwärtigkeit des Menschen, den man liebt. Das Ruhen in der Gegenwärtigkeit des Augenblicks ist das Ruhen im nicht-beschreibbaren SELBST. Das ruft Gefühle von Liebe und Glückseligkeit hervor. Doch man schreibt es sofort dem Menschen zu, den man liebt, anstatt dem Im-Augenblick-Sein, wo alle Suche beendet ist und man einfach liebt. Die wahre Quelle davon ist das Nicht-suchende Ruhen in der reinen Gegenwärtigkeit und Bewusstheit, eine nicht-beschreibbare Liebe und Glückseligkeit, welche das Wesen des eigenen wahren Selbst ist. Diese Liebe fühlt in grundlegend gleicher Weise alle Wesen. Sie ist die gleiche Liebes-Glückseligkeit im eigenen wahren Selbst, in ihrer Beziehung zu allen anderen individuellen Selbsten. Das bedeutet nicht, dass man auch spezielle Gefühle gegenüber einem bestimmten anderen Menschen haben kann, natürlich hat man diese Gefühle. Dies ist möglich, weil man nicht nur ein absolutes Wesen ist, sondern auch ein relatives Wesen. Das relative Selbst hat weiterhin seine relativen Beziehungen, und daran ist überhaupt nichts verkehrt, besonders wenn man sich auch des eigenen absoluten Selbst bewusst ist, das keine Favorisierungen hat. Es ist das reine Spiegelbewusstsein, ein Bewusstsein eines absoluten freien Himmels, radikal offen, eigenschaftsfrei, unbegrenzt, unbehindert – es kann zusätzlich zu allen relativen Gefühlen erscheinen. Daran ist nichts falsch. Die Nicht-duale Soheit ist die Einheit von Leere, oder absoluter und nicht-beschreibbarer Bewusstheit als solcher, und der Form, dem relativen Bereich, relativen Dingen und Ereignissen und Gefühlen, Emotionen und Objekten. Beides ist in der letztendlichen Verwirklichung enthalten.   

Kommen wir zurück zum Erleben der Ausgedehntheit von Liebe auf drei Menschen bezogen, und fühlen die Wärme, die Fürsorge und die Liebe, Gefühle, die aus der Herzregion kommen, und erlauben wir diesen Gefühlen sich konkret auszudehnen auf alle Menschen in dieser Stadt. Von hier aus breiten sich die Gefühle weiter aus, auf das ganze Land, und weiter zu allen Menschen in der ganzen Welt. Dieses Erleben uneingeschränkter Liebe, Fürsorge, Herzenswärme und Glückseligkeit ist die Natur deines wahren Wesens. Das reine Bezeugen dieses Erlebens als ein spiegelnder Geist – dieser Geist hat seinen Namen, weil er alle Objekte des Bewusstseins wie ein Spiegel reflektiert, ohne daran festzuhalten – ist das eine. In einer fortwährenden Beweglichkeit werden die Objekte der Wahrnehmung gespiegelt. Wenn wir versuchen, das nicht-beschreibbare Bewusstsein zu qualifizieren, ist eines der ersten Charakteristiken das der Liebe. Liebe ist die verbindende und vereinigende Kraft, und auch dies ist eine Möglichkeit sich das spiegelnde Bewusstsein vorzustellen. Das, was den Objekten erlaubt, in der Wahrnehmung zu erscheinen ist schlicht und einfach Liebe. Das Bezeugen kann man daher auch als ein gefühltes Lieben betrachten. Wir können also diese Welt bezeugend betrachten, und mit ein klein wenig Praxis ist es uns dann auch möglich aus dem reinen Bezeugen heraus in ein reines liebendes Bewusstsein zu gelangen. Diese Liebe ist unterschiedslos, das ist wichtig. Und so können wir – weil  wir vielleicht schon ein Gefühl für das Zeugenbewusstsein haben, ein Gefühl einer immer-schon bestehenden Präsenz oder Gegenwärtigkeit – dies als Liebe fühlen. Wir können etwas vom Letztendlichen dieses Universums fühlen – was nicht nur Bewusstheit oder Bewusstsein oder Sein ist, sondern Liebe und Glückseligkeit. Diese Kraft, in ihrer Manifestation im relativen Bereich, ist die Hauptkraft des Eros, als das, was die Evolution vorantreibt. Es ist das Bestreben Dinge und Objekte miteinander zu verbinden.

Ich habe bereits über den Einfluss des Eros auf die Evolution gesprochen. Ohne dieses Bestreben der Selbstorganisation und Selbsttranszendenz ist Evolution nicht zu begreifen und auch nicht möglich. Die Wahrscheinlichkeiten, dass so etwas aus reinem Zufall geschieht, sind astronomisch gering. Die wissenschaftliche Schlussfolgerung daraus ist die, dass es eine Kraft gibt, die gegen den Zufall gerichtet ist und die inmitten all des Zufalls ihre Wirkung entfaltet. Anders ist es nicht zu erklären, wie man vom Sternenstaub zu jemandem wie Shakespeare gelangt. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas zufällig geschieht ist gleich Null. Man gelangt schon nicht von Atomen zu Molekülen zu Zellen allein aus Zufall und mit natürlicher Selektion.

Gehen wir noch einmal zurück zum Zeitpunkt des Entstehens von Atomen. Sie sind alle individuell, machen ihr Ding, und doch kommen einige von ihnen zusammen und veranstalten eine Art von gemeinsamem Tanz. Sie werden, gegen allen Zufall, von einer Kraft zusammengehalten, gegen die Tendenzen von Trennung. Diese Atome kommen plötzlich zusammen und bilden eine neues einzelnes Holon, ein Molekül. Dieses Molekül hat eine eigene Grenze und handelt als ein einzelnes Ding. Es ist zusammengesetzt aus einem oder mehreren Duzend Atomen. Und dann wird es noch verrückter. Es bleibt nicht nur bei den Molekülen, als das vielleicht Maximale, was man aus Zufall und natürlicher Selektion noch erhalten kann, so etwas kann man sich vielleicht noch als einen Zufall vorstellen, dass Atome zusammenkommen und zusammenbleiben, gehalten durch die starken und schwachen Kernkräfte. Doch beim Sprung von Molekülen zu Zellen ist die Anzahl der unterschiedlichen Moleküle, die man für eine Zelle braucht, sehr groß. Dies alles muss in gewisser Weise vorher ausprobiert sein, damit eine Zelle überhaupt funktionieren kann. Wie um alles in der Welt kann so etwas geschehen? Plötzlich kommen zwei oder drei Duzend individuell gewachsene Moleküle zusammen, und sie treffen sich nicht nur an einer Stelle, sondern um sie herum bildet sich eine Grenzschicht, eine Zellmembrane, ein neues, individuelles Holon entsteht aus Duzenden von Einzelmolekülen. Was geht hier eigentlich vor? Ich habe darüber schon oft gesprochen, und wir können es nennen, wie wir wollen, wir haben es hier mit einem selbstorganisierenden und selbsttranszendierenden Prinzip zu tun.

Für die alten Weisen war dies Eros. Wann immer Plato etwas darüber zum Ausdruck bringen wollte, verwandte er dafür die Mythologie. Rationalität ist hier nicht wirklich griffig. Wenn Plato über Ethik spricht, ist er sehr rational und ist bemüht seine Argumentation rational zu begründen. Doch wenn er über Liebe spricht, verwendet er eine mythische Sprache. Einiges davon ist schon eigenartig [goofy], doch anderes ist wirklich schön. Der Mythos der Hervorbringung von Liebe zwischen Menschen, Männern und Frauen, ist danach in seinen Worten der, dass Männer und Frauen einst ganz und eins waren, doch dann in zwei aufgeteilt wurden. Das Verlangen und das Streben nach der Ganzheit wird Liebe genannt. Es gab danach einen ursprünglichen Hermaphroditen, eine einzelnes menschliches Wesen, ohne Sex und ohne Liebe – nichts davon, nur eine Existenz für sich. Dieses Wesen wurde zweigeteilt, in eine männliche und eine weibliche Hälfte, und das Verlangen und Streben nach der ursprünglichen Einheit wird Liebe genannt. Ob wir uns nun an dieser Version von Eros orientieren, oder an modernen Vorstellungen wie der von Erich Jantsch, der sagt, dass Evolution Selbstorganisation durch Selbsttranszendenz ist, beides stimmt für mich. Es handelt sich dabei um das gleiche grundlegende Gefühl, das, ausstrahlend von der Herzregion, die Selbstkontraktion entspannt. Diese Energie geht ganz zurück bis zum Urknall, bis zur ersten Erschaffung von Atomen, Molekülen und Zellen. Dieser zusammenführende, selbstorganisierende und verbindende Antrieb zieht sich durch den gesamten Stammbaum der Evolution, wo die Dinge immer komplexer werden, und immer umfassendere, liebende Einheiten entstehen. Gerade weil die Einheiten immer komplexer werden, und auch immer bewusster, werden sie für die weitere Entwicklung ausgewählt. Dies ist die auswählende Kraft von allem,die sich im Laufe der Evolution entfaltet. Dabei gibt es keinen Stillstand. Diese immerwährende Entfaltung bis hin zum Menschen, und dann im Menschen in der Entwicklung von Werten, Weltsichten und Ethik.

Das grundlegende Prinzip der Evolution ist dabei eine Zunahme von Einheit und damit auch von Freiheit. Was die Einheit betrifft, nimmt die Identität menschlicher Wesen auf jeder Entwicklungsstufe und bei jedem Entwicklungsschritt zu, als eine neue Weltsicht, eine neue Wertestruktur oder eine neue ethische Perspektive. Mit der Zunahme und Erweiterung von Perspektiven ist gleichzeitig eine Erweiterung der Identität eines Menschen verbunden, bei der immer mehr andere Menschen und Wesen mit berücksichtigt werden. Das bedeutet, dass man sich anderen so nahe fühlt, dass man sie so behandelt wie man sich selbst behandelt. Es entsteht ein Band der Liebe zu diesen Menschen und Wesen.

Dieses Band beginnt bei einer ersten Person, wo Liebe im Wesentlichen nur für das eigene Selbst gefühlt wird, das eigene Ich-Erleben. Diese Liebe erweitert sich zu einer zweiten Person, mit der Fähigkeit die eigene Identität zu erweitern auf meine Familie, meinen Stamm, die Gesellschaft, deren Mitglied ich bin, und dabei eine Verbindung zu fühlen zu diesen anderen Menschen. Zu Menschen, die nicht zu diesen Gruppen gehören, wird die Verbindung nicht gefühlt. Doch die Entwicklung geht weiter, durch das Bestreben der Evolution zu immer höheren Einheiten und Identitäten. Wenn wir dann im weiteren Evolutionsverlauf zu einer Perspektive einer dritten Person gelangen, ist damit eine weltzentrische Fähigkeit und Perspektive verbunden. Damit verbunden sind Gefühle von Fairness, Gerechtigkeit und Fürsorge für alle Menschen, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft. So etwas hat es bis dahin nicht gegeben. Menschen können nun eine grundlegende Identität mit allen Menschen fühlen und ethnozentrischen Denken, Reden oder Handeln löst nun Empörung aus. Eine Perspektive einer vierten Person, als ein weiterer Entwicklungsschritt, ist eine Perspektive auf die Perspektive einer dritten Person, die schaut und prüft, ob diese Perspektive auch in allen Fällen zur Anwendung kommt. Universelle und weltzentrische Ansätze werden dabei manchmal verleugnet, obwohl diese Perspektive auch weltzentrisch ist, und dieser Mangel wird dann aufgehoben mit der Emergenz von second tier. Second tier ist ein neuer gewaltiger Entwicklungsschritt, den die Menschheit bisher noch nicht gesehen hat. Es ist eine integrale Perspektive, die den Wert aller vorangegangenen Perspektiven sieht und anerkennt. Das ist etwas unerhört Neues. Das hat es im bisherigen Menschheitsverlauf noch nicht gegeben. Man kann nur wild darüber spekulieren, was für eine Gesellschaftsform daraus entstehen kann. Es gab noch nie eine Weltsicht, die nicht nur diese umfassendere Perspektive eingenommen hat, sondern die auch auf eine neue echte und wirkliche Art geliebt hat, und Fürsorge für andere Menschen und Wesen empfunden hat, so als wenn diese Menschen und Wesen zu einem selbst gehören, zum eigene Selbst und zur eigenen Identität.

Was wir in der menschlichen Evolution erkennen, ist, dass sich mit der Erweiterung der Ich- Identität auch die Liebe, die wir für andere fühlen können, ausdehnt. Die Identität entwickelt und erweitert sich von einer ersten zu einer zweiten zu einer dritten zu einer vierten zu einer fünften Person, immer weiter, und unsere Identität erweitert sich hinsichtlich dessen, was wir als uns selbst fühlen. Wir können zu immer mehr Menschen und Wesen eine Verbundenheit fühlen, und Wärme, eine liebende Fürsorge. Diese liebende und fürsorgende Energie erfüllt und erweitert unsere kognitiven, unsere kinästhetischen, unsere ethischen Fähigkeiten. Der emotionale Antrieb dahinter ist liebende Glückseligkeit.

Dies betrifft sowohl die Zustände wie auch die Strukturen des Bewusstseins, und es ist eine Variation dessen, was Plato sagt, diese umfassende Liebe und Glückseligkeit, bei der der Kosmos einst ein Ganzes war, doch sich dann aufteilte in viele Einzelteile, und das Verlangen und Bestreben nach der Ganzheit wird Liebe genannt. Dies beginnt mit dem Urknall, und treibt die Bildung von Atomen, Molekülen und Zellen voran, weiter zu Organismen und menschlichen Wesen, mit immer umfassenderen Weltsichten und Perspektiven. Die Einheit und Ganzheit existierte noch vor der Involution, und in der Evolution geht es um die Wiederherstellung dieser Einheit.

Wenn du dich also das nächste Mal mit dem Thema Liebe beschäftigst, vielleicht weil du dich verliebt hast, oder auch aus der Liebe herausgefallen bist, oder verlassen wurdest, dann reflektiere über einige dieser Themen – es lohnt sich. Sie sind ein Teil dessen, was von Augenblick zu Augenblick erscheint und geschieht. 


Quelle: Online Journal 29