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12.12.2017 : 14:58 : +0100

Die drei „S“: Strukturen, Zustände und Schatten (des Bewusstseins)

(Quelle: Ken Wilber, Integral Naked, Casting Shadow)

Eine der wahrhaft großen Entdeckungen des modernen/postmodernen Westens sind [Bewusstseins]Stufen – die Stufen der Zone 2 im oberen linken Quadranten – dies sind die Stufen, die man findet, wenn man bei Clare Graves nachschaut, bei Spiral Dynamics, Piaget, Kohlberg, Gilligan, Jenny Wade, Bill Torbert, Jane Lovinger usw. Diese Art von Stufen findet man in keinem der kontemplativen Texte irgendwo auf der Welt. Man findet sie nicht in den Sutren/Tantren, bei Johannes vom Kreuz oder der heiligen Teresa usw. Sie haben zwar Stufen, doch dabei handelt es sich um phänomenologische Stufen, die man sehen kann, wenn man in den eigenen Geist schaut. Man findet jedoch nicht die Art von Stufen, die aus Forschungen kommen, wie sie diese Genies und Pioniere des Westens betrieben haben. Man kann 20 Jahre auf seiner Meditationsmatte sitzen, doch man wird niemals etwas sehen, was einem sagt: „Dies ist ein Gedanke der moralischen Stufe 2“, „dies ist ein Gedanke der moralischen Stufe 3“, „dies ist ein orangener Gedanke, dies ist ein blauer Gedanke...“. Der Grund dafür ist: Diese Art von Stufen sind Stufen, die auf spezifische Problemstellungen, Konflikte und Fragen Antworten geben, und dabei handelt es sich um etwas, was Menschen miteinander gemeinsam haben, wenn sie sich durch diese Stufen hindurchentwickeln. Man kann durch die Betrachtung des eigenen Geistes jedoch nicht erkennen, was vielen oder allen Menschen gemeinsam ist, man sieht lediglich das, was bei einem selbst ist. Die großen Traditionen haben also manchmal Stufen, aber es handelt sich dabei um Stufen von Zuständen – grobstoffliche, subtile und kausale Zustände. Im allgemein entfalten sich Zustände nicht in einer Stufenabfolge, jedenfalls nicht die natürlichen Zustände wie Traumzustände, emotionale Zustände usw. – sie entfalten sich nicht in einer Reihenfolge. Das Wesen eines Zustandes ist wie das eines Wirbelsturms – er kommt, lebt sich aus, und vergeht wieder. Zustände, die geübt werden, haben jedoch die Tendenz sich stufenweise zu entfalten, und diese Zustände findet man in den meisten der kontemplativen Texte, und deren Abfolge dabei geht allgemein von grobstofflich zu subtil zu kausal zu Leere zu nichtdual. Der Big Mind-Prozess ist ein Beispiel für einen nichtdualen Zustand. Man kann in diesen Zustand hier und jetzt eintreten.

Werfen wir nun einen Blick auf die anderen Stufen, die wir technisch als Strukturstufen bezeichnen [um sie von den Zustandsstufen zu unterscheiden]. Man kann Spiral Dynamics zwanzig Jahre lang studieren, doch man wird dabei keine Erfahrung eines Satori haben, man wird durch dieses Studium nicht dorthin geführt, jedoch darauf hingewiesen, dass es so etwas gibt. Wenn man nun den Big Mind Prozess macht oder meditiert, und sich dabei – in der Terminologie von Spiral Dynamics – z. B. auf der blauen Ebene des Bewusstseins befindet, und ich sage „lass mich jetzt zum türkisen Geist sprechen...“, dann wird das nicht geschehen. Das ist nicht vorhanden. Es braucht [im Durchschnitt] 5 Jahre, um sich zur nächsthöheren Stufe des Bewusstseins zu entwickeln. Hier handelt es sich um eine sehr komplexe Entwicklungsaufgabe. Es wäre das gleiche, wie wenn ich im Verlauf irgendeines meditativen Prozesses sagen würde, „lass mich zum Konzertpianisten sprechen“. Das wird nicht möglich sein. „Lass mich zum Gehirnforscher sprechen“. [Lachen] Das geht nicht. „Lass mich zu türkis sprechen“. Auch das geht nicht.

Mit Meditation gelangt man nicht zu diesen [Struktur]Stufen. Man kann bei Rot, Blau oder Orange sein – sagen wir bei Blau, und den Big Mind Prozess machen. Man erreicht Big Mind, man erreicht das nichtduale Bewusstsein, man bekommt einen Geschmack dieser Zustände  – und man ist immer noch bei Blau. Das ist interessant. Es ist ein Grund dafür, warum wir mit beidem arbeiten [Zuständen und Strukturen des Bewusstseins].  

Es ist gibt noch eine dritten Aspekt [zusätzlich zu den Strukturen und Zuständen des Bewusstseins], den man weder durch Spiral Dynamics erreicht, noch durch Meditation oder Big Mind, und das ist der Schatten. Der wirkliche Schatten. [Lacht]. Der wirkliche Schatten ist etwas, dessen man sich nicht bewusst ist. Manche sagen, „Schatten, na klar, ich weiß Bescheid, ich habe Aggressionen, zu denen ich keinen Zugang habe ...“, nein, wenn man sich dessen bewusst ist, ist das kein Schatten [Lachen], es ist das wirklich Unbewusste...

Wir wollen also drei Dinge berücksichtigen: Meditation, die sich mit den Zuständen befasst, dann Stufen und Schatten. Es geht um diese Drei, und ich kenne keine einzige Tradition oder Methode, die sich mit allen Dreien befasst. Wir haben sie erstmals [z. B. im Rahmen einer integralen Lebenspraxis] auf eine sehr effektive Weise zusammengebracht. Dies ist eine der effektivsten Weisen sich zu entwickeln, sowohl um eine horizontale Entwicklung [translation] als auch eine gesunde transformatorische Entwicklung zu fördern. Der 3-2-1 Prozess beispielsweise [eine Methode zur Schattenarbeit] geht folgendermaßen vor: Nehmen wir an jemand begegnet in einem Traum einem Monster. Es gibt verschieden Möglichkeiten damit umzugehen, aber nehmen wir an da ist dieses Monster, und du erlebst Angst. Nach dem Aufwachen sagst du, „ich bin ein Schüler des vajrajana, ich bin schon fortgeschritten, ich kann damit umgehen, ich bin im Kontakt mit meiner Angst, ich werde sie nicht verstecken, sondern jetzt fühlend erleben, ich bin dabei sehr erfahrungsorientiert, und nicht intellektuell – ich spüre meine Angst ..., meine Angst ..., [Lachen]. Wenn man diese Emotionen umwandelt, kann man diese Emotion, diese Angst, in ihre entsprechende Weisheit verwandeln. Das kann sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Angst kann zu einer Offenheit werden oder zu einer Weisheit von Gleichmut – begibt man sich also ganz in die Angst hinein, gelangt man zu der tieferliegenden Weisheit, die darin liegt. Unglücklicherweise ist diese Angst eine nicht authentische Emotion, es ist ein (be)trügerisches Gefühl. Das Monster ist in Wahrheit dein eigener projizierter Schatten. Was wir daher anbieten – und zwar bevor man den Kontakt zu einer nicht authentischen Emotion aufnimmt – und diese dann in die Unendlichkeit erweitert – und das dann GEIST nennt, ist zu sagen: „Augenblick mal, identifiziere dich doch erst einmal mit dem Monster, und schau, was sich dahinter verbirgt.“ Im Rahmen des 3-2-1 Prozesses beginnt man daher sich das Monster anzuschauen, mit ihm zu reden, und es dann zu sein. Man identifiziert sich also mit dem Monster, und was dabei vielleicht hochkommt, ist ein „ich bringe dich um“. Du sprichst jetzt als das Monster, und jetzt kommt Bewegung in die Sache. Du bist jetzt im Kontakt mit einer mörderischen Wut, und das ist eine authentische Emotion, die projiziert wurde. Es ist also nicht Angst sondern Wut, zu welcher der Kontakt verloren ging. Es geht nicht um den fühlenden Kontakt zur Angst - es geht um Wut, und diese kann jetzt verwandelt werden, z. B. durch vipassana – jetzt ist die Emotion authentisch und kann in eine authentische Weisheit umgewandelt werden. Angst ist hierbei die falsche Grundlage, und die Meditation darüber dissoziiert die Emotion, zu der man keinen Kontakt hat [in diesem Fall Wut]. Jede Art von Zeugenbewusstheit – da ist Angst ... da ist Angst ... da ist noch mehr Angst ... immer mehr Angst taucht auf ... [Lachen] Angst, Angst, Angst, Angst, - jetzt bist du im Kontakt mit der Angst und betrachtest sie als ein Objekt und nicht als ein Subjekt. Das ist das Problem. Was dabei wirklich geschieht, ist eine Abspaltung und Dissoziation. Jedes Mal, wenn du die Angst bezeugst und beobachtest, dissoziierst du die wahre Emotion dahinter. Du spaltest einen grundlegenden Aspekt deines Selbst immer weiter ab. Das ist der Grund, warum so viele dieser ansonsten wunderbaren Traditionen [an dieser Stelle] versagen, der Schatten folgt einem auf dem Weg zur Erleuchtung, und wenn man sich darum auf der relativen Seite des Lebens nicht kümmert, wird einen das in große Schwierigkeiten bringen. Und dann hast du diese wunderbare Erleuchtungserfahrung, die dich den relativen Körper-Geist [bodymind] transzendieren lässt, der relative Körper-Geist erscheint in der Leere, und du bist damit nicht länger identifiziert, doch innerhalb des relativen Körper-Geistes gibt es eine Abspaltung von Wut. Erleuchtung bedeutet, dass alles so gelassen wird, wie es ist. Der spiegelnde GEIST lässt alles so, wie er es vorfindet. Da wird nichts verändert. Änderungen würden bedeuten, dass man sich von einem Ort ohne GEIST zu einem Ort mit GEIST bewegen würde. Doch der erleuchtete GEIST ist der spiegelnde GEIST, der alles so belässt, wie es ist, einschließlich deiner Abspaltung von Wut. Und jetzt kommst du aus dieser Erleuchtung heraus, dissoziiert und glücklich darüber, [Lachen] und so wirst du auf die Welt losgelassen. Das ist das, was passieren kann, wenn man sich nicht um den Schatten kümmert.

Wir arbeiten also an diesen drei Dingen. Das eine ist: auf welcher Stufe du dich auch immer befindest – das ist OK. Du kannst dich auf Rot oder Blau oder Orange oder Grün oder Gelb oder Türkis oder Indigo befinden – das ist in Ordnung. Jeder hat das Recht dort zu sein, wo er oder sie ist, und man ist sowieso dort, wo man ist. Wenn man also bei Blau oder Orange ist, dann ist das als Ausgangspunkt völlig in Ordnung. Nehmen wir an jemand ist bei Blau und beginnt das Praktizieren meditativer Zustände, einschließlich Big Mind und einschließlich veränderter Bewusstseinszustände, welche größer sind als die Bewusstseinsstufe, auf der man sich befindet. Wenn das geschieht, dann gibt es eine Mikro-Disidentifikation mit dieser Stufe, die dabei hilft sich schneller zu Orange zu bewegen. Das ist etwas, was Meditation leisten kann, doch jeder beginnt dort, wo er sich gerade befindet. Das ist die Arbeit mit Stufen und Zuständen, und auf jeder Stufe und in jedem Zustand geht es darum auch mit dem Schatten zu arbeiten, der Schatten hat einen enormen Einfluss. Diese drei Dinge zusammen ergeben ein differenziertes Psychogramm. Es geht – noch einmal – nicht darum nach Türkis zu gelangen – wenn das geschieht, ist das wunderbar, doch Erfolg lässt sich nicht durch die Erreichung der nächsthöheren Stufe definieren. Wenn man dort angelangt ist, z. B. bei Türkis, dann stellt sich die Frage: „Warum bist du nicht bei Indigo? Du bist ein Versager, wenn du dich nicht weiter nach oben entwickelst.“ Doch 90% von dem, worum es geht, ist gesunde horizontale Entwicklung [translation]. Eine gute Definition für eine gesunde horizontale Entwicklung ist die gleichwertige Betonung aller vier Quadranten, auf welcher Ebene des Bewusstseins auch immer. Eine Gleichwertigkeit des Ich, des Du und des Es. Eine zu große Betonung des „Ich“ ist narzisstisch, egal auf welcher Stufe – eine „männliche“ Gefährdung, eine zu große Betonung des „Du“ kann zu einer Verschmelzung führen, zu einem Sich-Verlieren-in Anderen, eine „weibliche“ Gefährdung, eine Überbetonung des „Es“ führt zu einer Dissoziation, einem allgemeinen Verlust von Innerlichkeit. Wir wollen also mit einer gesunden horizontalen Entwicklung beginnen, auf welcher Stufe auch immer, das bedeutet sich der Quadranten bewusst zu sein, sie in das eigene Leben so gut es geht aufzunehmen und dann sich auch um den eigenen Schatten kümmern. Drittens gibt es die Praxis von Zuständen. Das Training von Zuständen führt zu zwei sehr wichtigen Dingen: grobstofflich, subtil, kausal, - ich wähle beispielhaft nur diese drei -, sind authentische Zustände des Seins. Sie sind der Nirmanakaya, der Sambhogahkaya, und der Dharmakaya. Auch ein Neugeborenes hat diese drei. Es ist also nicht wahr, wenn jemand sagt: „Oh, wie deprimierend, ich bin bei Blau und ich werde Gott nicht kennen lernen, bevor ich mich nicht weiterentwickle.“ Du kannst den Dharmakaya hier und jetzt authentisch erfahren, wie auch den Big Mind. Doch wenn man aus diesem Zustand wieder herauskommt wird man ihn „blau“ interpretieren und sich entsprechend verhalten. Man hat ein Verständnis davon, doch man wird entsprechend „Blau“ reagieren. Das hilft einem jedoch, sich schneller durch die Stufen des Bewusstseins hindurch zu entwickeln.

Wir wollen also – neben anderen Dingen – diese drei kombinieren. Dies ist eine ausgewogene Weise zu horizontaler und vertikaler Gesundheit – und beides ist sehr wichtig. Es bedeutet auch, dass man sich keine Sorgen darüber zu machen braucht, wie viele Entwicklungsstufen man noch zu gehen hat, man kann mit einem authentischen Dharmakaya hier und jetzt in Kontakt treten. Man kann mit Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt in Kontakt treten. Und das kann eine Grundlage für jedes weitere Wachstum sein.


Quelle: Online Journal 02/ 2007