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24.8.2017 : 7:01 : +0200

Magie versus Psychisch

Ken Wilber
aus: Ken Wilber on Magic vs Psychic, aus http://www.integrallivingroom.com/

Einführung von Jeff Salzman
Ich habe Ken Wilber eine Frage gestellt betreffend magisches Denken im Unterschied zu realen psychischen Phänomenen (wie Nahtoderfahrungen, Vorahnungen, Träume, telepathische Kommunikation, Synchronizitäten). Sie scheinen sich materialistischen Erklärungen zu entziehen und scheinen gleichzeitig tiefe Wahrheit und Bedeutung zu vermitteln. Was können wir davon halten, wenn die Wissenschaft “Nein“ sagt und wir gleichzeitig spüren, dass hier etwas Wesentliches stattfindet? In seiner Antwort klärt Ken den Unterschied zwischen vorrationaler Magie und transrationalen subtilen Energien und den Bereich der Transformation.

Jeff Salzman: Ich möchte eine Frage zum Magischen stellen, nicht nur betreffend, wie sich das Magische in unserer eigenen Erfahrung zeigt, sondern auch, wie es sich objektiv in der Welt zeigt. Letzte Woche hatten wir ein Gespräch mit jemandem, der uns von integral informierten Menschen in Europa berichtete, die mit Naturgeistern, Feen und anderen Wesenheiten arbeiteten. Und er glaubt, dass wir mit diesen Wesenheiten in Kontakt treten können, um Wirkungen in der natürlichen Welt zu erzielen, so zum Beispiel, dass Pflanzen schneller wachsen oder dass es regnet. So etwas wird in der wissenschaftlichen Welt natürlich außen vor gelassen - was können wir davon halten?


Ken Wilber: Nun [Harry] Houdini, der größte Magier und Zauberkünstler seiner Zeit bot jedem 25.000 $ an, der ihn davon überzeugen könnte, dass irgendetwas von den genannten Dingen sich tatsächlich ereignet. Doch niemand hat diesen Test bestanden. Houdini hat alles das, was ihm gezeigt wurde, buchstäblich entzaubert.

Man muss hier wirklich sehr vorsichtig sein. Es gibt eine Tendenz dahin, dass sich Magisches im eigenen Leben ereignet, und ich spreche jetzt auch über Magie als eine Bewusstseinsstruktur - und natürlich gehört auch das dazu, was in der subtilen Dimension wie Magisches aussieht. Doch reden wir über das strukturell Magische, z.B. all die Wunder und all das Magische, was sich ereignen kann - die Kinder schauen sich Cartoons an, Superhelden, sie glauben, man kann wirklich durch die Luft fliegen, verfügt über magische Kräfte, kann Wunder bewirken. Menschen auf der Bewusstseinsebene eines magischen Christentums wollen auf Wasser laufen können, wollen Wasser in Wein verwandeln können, wollen die Toten auferstehen lassen.

Wir haben dieses starke Verlangen, speziell wenn wir aufwachsen und uns durch die magische Entwicklungsstufe hindurch bewegen. Wenn diese Bewegung zu schnell geschieht oder dabei etwas abgespalten wird, zum Beispiel weil die Eltern besonders rational oder wissenschaftlich eingestellt sind, dann kann eine Anhaftung an diese Entwicklungsstufen zurückbleiben. Das ist wie eine Sucht, und das bedeutet ein permanentes und unbewusstes Verlangen nach konkreten magischen Dingen. Dadurch entsteht die Bereitschaft, Dinge zu sehen, die vielleicht gar nicht vorhanden sind. Vielleicht gibt es sie, doch es gibt eine Menge an Faktoren, die dazu führen, dass wir sie sehen möchten, dass wir möchten, dass es sie gibt, auch wenn sie gar nicht existieren.
Der Trick dabei ist, wie sehr halten wir an der magischen Entwicklungsstufe fest, durch die sich alle Menschen hindurchentwickeln? Wenn wir das an den Chakren festmachen wollen, dann ist die orale Stufe Chakra 1, die emotional sexuelle Stufe Chakra 2, und das steht in Verbindung mit dem Magischen. Auf der dritten Stufe kommen Intentionalität und Macht ins Spiel, das ist das 3. Chakra. Das Magische mit Fantasien und Voodo – Voodo ist klassische Magie, bei der zum Beispiel eine Puppe einen konkreten Menschen repräsentiert und das Verletzen der Puppe führt zu einer Verletzung des konkreten Menschen. Das ist pure Magie. Dasjenige, was das Objekt repräsentiert, wird mit dem Objekt verwechselt. Die Beschädigung der Repräsentation des Objektes wird gleichgesetzt mit der Beschädigung des realen Objektes oder des Menschen. Beides wird nicht voneinander differenziert. Hier ist das Kindlich-magische zu unterscheiden vom echten Psychischen.


Wenn Menschen dieses Magische unterdrücken oder wegschieben und auf eine zu rigide Weise transzendieren, dann entsteht daraus eine Fixierung an diesen magischen Antrieb. Es entsteht eine Tendenz, die Dinge in der Welt magisch zu sehen. Das verschafft ihnen Vergnügen, hier besteht eine Sucht. Sie wollen es überall sehen und glauben daran. Es gibt Tausende UFO Sichtungen und sehr viele glauben daran. Diese Tendenz besteht und wir müssen hier wirklich vorsichtig sein. Ist das Magische nicht vollständig integriert, bleibt eine Sucht daran und danach zurück.

Was wir brauchen, ist eine Fähigkeit, das Magische in unserem Bewusstsein zu halten - aber eben nicht ausschließlich – so dass wir nicht nur in magischen Kategorien denken. Sind wir jedoch damit identifiziert, dann schauen wir vom Magischen auf die gesamte Welt als das Magische. Diese Identifikation kann sehr in die Irre führen. Worum es geht ist, von einer höheren Entwicklungsstufe - Bernstein, Orange, Grün, Türkis - auf das Magische zu schauen. Es geht um ein Transzensieren und Bewahren des Magischen, so dass wir nach wie vor Zugang dazu haben zu seiner Vitalität, Kraft, Freude, Kreativität und anderen wunderbaren Dingen des Magischen. So können wir weiterhin kindlich sein ohne kindisch zu werden. Wir bleiben in einem unmittelbaren Kontakt mit der magischen Stufe.


Doch die magische Stufe ist eine Stufe, die überall auf der Welt von jeder Menschheitsgemeinschaft aufgegeben wurde, auf dem Weg zur magisch-mythischen Stufe, zum Mythischen und dann zur rationalen Entwicklungsstufe. Warum, so kann man sich fragen, haben die ursprünglichen magischen Stämme das getan? Wenn das bereits die ideale Entwicklungsstufe gewesen wäre, wenn das bereits das Paradies gewesen wäre, als ein paradiesischer Zustand, wo alles vollkommen war, warum hätte man das aufgeben sollen?


Mit der Entdeckung des Gartenbaus hat sich praktisch jeder Stamm von Jägern und Sammlern in eine Gartenbaugemeinschaft verwandelt. Gartenbau war effizienter. Im Magischen wurde zum Beispiel versucht, durch einen Regentanz etwas zu erreichen, und zwar Regen. Nachdem man das viele tausend Jahre lang ausprobiert hatte und zunehmend feststellte, dass dies nicht oft nicht funktionierte, glaubte man irgendwann nicht mehr daran. Wounded Knee ist ein entsetzliches Beispiel dafür. Die amerikanischen Ureinwohner vollführten den Geistertanz als einen magischen Tanz, von dem sie überzeugt waren, dass ihnen dadurch die Kugeln des weißen Mannes nichts mehr anhaben konnten. Und sie wurden alle abgeschlachtet. Das Magische funktionierte nicht, und deshalb wurde es aufgegeben.

JS: Wie sieht es mit psychischen Phänomenen aus, wie Telepathie, Vorahnungen, Fernwahrnehmung, solche Dinge?
KW: Das ist etwas anderes. Es ereignet sich umso wahrscheinlicher, je weniger ein Mensch dies aus narzisstischen, egozentrischen Motiven heraus tut, d.h. nur für sich selbst. Menschen müssen sich bereits in höhere Perspektiven hinein entwickelt haben, in Perspektiven einer zweiten und dritten Person. Menschen auf der Entwicklungsstufe einer ersten-Person-Perspektive – egozentrisch - können kaum echte psychische Phänomene wahrnehmen.

Bei Menschen mit einer weltzentrischen Perspektive, einer Perspektive einer dritten Person oder vierten Person gibt es eine Menge Evidenz dafür, dass bestimmte paranormale Phänomene sich tatsächlich ereignen. Es gibt eine Metaanalyse von wissenschaftlichen Tests, die zweifellos zeigt, dass es bestimmte paranormale Ereignisse gibt. So etwas existiert. Und hier ist der Unterschied zwischen transrationalen psychischen Phänomenen und prä-rationalen magischen Phänomen. Sie befinden sich an unterschiedlichen Enden des Entwicklungsspektrums, ihre Erfolgsrate ist sehr unterschiedlich - und natürlich funktionieren nicht alle psychischen Phänomene, aber es gibt Menschen, die hierin eine besondere Begabung zu haben scheinen, und wenn sie sich auf den höheren Entwicklungsstufen befinden, gibt es eine hohe Erfolgsrate.
Wo wir wieder sehr vorsichtig sein müssen: jemand kann eine Erfahrung eines echten paranormalen Phänomens haben, jedoch ohne das nötige kritische Unterscheidungsvermögen sein. So wird alles, was paranormal aussieht, egal wie prä-rational, albern, infantil es auch sein mag, als real gesehen. Das Urteilsvermögen ist dabei verloren gegangen. Es gibt Untersuchungen hinsichtlich der Fähigkeiten von Menschen, Gedanken zu lesen oder Fernwahrnehmungen zu haben, die aussagen, dass wenn dies sorgfältig gemacht, die Erfolgsrate sehr viel höher ist. Das Magische und das Psychische sehen ähnlich aus und daher werden sie leicht verwechselt.


Hier stoßen wir wieder auf die Prä/Trans Verwechselung, wo Menschen, die Paranormales wahrnehmen, dann alles, was nicht rational ist, als paranormal erklären. Dann wird z.B. alles, was Kinder tun, als psychisch betrachtet. Wir dürfen dabei unser Unterscheidungsvermögen nicht über Bord werfen. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen jemanden, der glaubt, er und nur er alleine wäre Jesus Christus, und jemandem, der erkennt, dass er genau wie jeder andere Mensch Jesus Christus ist. Der Unterschied besteht in etwa vier Hauptentwicklungsstufen oder Fähigkeiten zur Perspektiveinnahme. Es erscheint auf den ersten Blick ähnlich, doch beides befindet sich an gegensätzlichen Enden des Entwicklungsspektrums. Das müssen wir unterscheiden - das kindisch Magische vom erwachsenen Psychischen.

(aus: Online Journal Nr. 55)