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26.6.2017 : 10:47 : +0200

Beziehung, unsere versteckte Identität

Marie-Rose Fritz


In Beziehung und Gemeinschaft sein und werden ist so allumfassend und gehört so selbstverständlich zum Leben und zu unserer Wirklichkeit dazu, dass wir uns der ganzen Tragweite der Beziehungsgefüge nur sehr bruchstückhaft bewusst bleiben. Über die Augen, über die Ohren, über unsere äußeren Sinne ebenso, wie über die Tiefenwahrnehmung, über unser Denken und Fühlen, treten wir ständig auf irgendeine Art und Weise in Beziehung mit allem und jedem außerhalb und innerhalb von uns selbst.  Über den Atem und über die Nahrungsaufnahme verwebt sich diese Beziehungsaufnahme n gar nicht beir in ständiger beerem Wechsel hen, wenn man sich total verÜberÜber den Atem und über die Nahrungsaufnahme verwebt sich diese Beziehungsaufnahme auf eine noch manifestere Art und Weise mit unserem Selbst, respektive mit dem was wir meinen, das unser Selbst ist. Außer den Beziehungen, derer wir uns bewusst sind, und derjenigen, die wir vielleicht sogar eigenständig angegangen sind, werden wir über auftretende Probleme, Schmerzen, Unstimmigkeiten oder unerwartete Verschiedenartigkeiten dahin geführt, uns mit weiteren Beziehungselementen in unserem Leben zu beschäftigen. Sind wir daran interessiert uns der ganzen Tragweite auch nur annähernd bewusst zu werden, können Achtsamkeits- und Bewusstseinstrainings uns dabei unterstützen.  Glücklich vermag sich der zu schätzen, der auf diesem Weg Erfahrungen sammeln kann, in denen er sich in Verbindung mit dem großen Ganzen, in harmonisch verwebter Beziehung  mit allen Wesen und Erscheinungen erlebt. Und wenn diese Zustände auch vorübergehend sind, so erlauben sie es uns einen Geschmack zu bekommen von göttlicher Beziehung und Gemeinschaft.

Darüber, ob Beziehung das Primäre ist und Stoff das Sekundäre, respektive, ob es „Materie im Grunde gar nicht gibt sondern nur Beziehungsgefüge, ständigen Wandel und Lebendigkeit“, wie der Quantenphysiker Hans Peter Dürr behauptet, ist das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen.1 Aber die Beschäftigung mit unserer Beziehungsfähigkeit zu den verschiedensten Aspekten des Lebens wird dringlicher in einer näher zusammenrückenden Weltengemeinschaft, zwischen Menschen verschiedener Kulturen und zwischen dem Menschen und einer Natur, deren Grenzen nicht zu übersehen sind.

In guter Gemeinschaft sein, heißt etwas gemeinsam haben, das einen Mehrwert ergibt. Was braucht es, damit aus Beziehungen Gemeinschaft entsteht, wann erleben wir Beziehung als lebensförderliche und nährende Gemeinschaft? Was braucht es, damit wir zukunftsträchtige Visionen von Beziehung und Gemeinschaft ins Leben bringen? Der Mensch hat unendlich viele Möglichkeiten unterschiedliche Beziehungs- und Gemeinschaftsaspekte zu erfahren und ein erfülltes Leben in Gemeinschaft hängt davon ab, wie viele davon er wahrnimmt und ob er im Stande ist sie seinen Bedürfnissen und dem Wohl des Ganzen entsprechend zu gestalten.

In Beziehung zur Mineralwelt

Wir haben sie in uns, die Stofflichkeit, die sich im Außen in so mannigfaltigen Formen zeigt und genauso vielfältig sind die Beziehungsmöglichkeiten zu diesem Aspekt der Wirklichkeit. Ein jeder kann für sich herausfinden welcher Weg es ihm leicht macht diese Dimension in sich zu aktivieren, zu pflegen und zu entwickeln. Der eigene Körper, Mineralien, Gartenerde, Wüstenlandschaft, materielle Artefakten jeglicher Art, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Im Allgemeinen wird bei Beziehung zur Mineralwelt noch nicht von Gemeinschaft gesprochen.

In Beziehung zur Pflanzenwelt

Mit den Pflanzen verbindet uns das Leben, wie sie werden wir geboren, wachsen und gedeihen, um schließlich zu sterben. In Beziehung zu ihnen kann der Mensch etwas vom Leben in seiner ursprünglichsten Form lernen. Mit ihnen können wir Lebensgemeinschaften bilden. Ein Hobbygärtner in seinem Reich, ein Bauer, der noch mit der Hand über das Korn streicht, um dessen Reife zu erfassen, Wanderungen in Wäldern vermögen uns zu zeigen, wie stimmig das Wort Gemeinschaft sein kann wenn wir in wahrhaftige Beziehung zu Pflanzen treten.

In Beziehung zur Tierwelt

Obwohl die Beziehung zu Tieren etwas grundsätzlich anderes ist als die zu Menschen, weil der Mensch reflektierendes Bewusstsein hat und ein Tier nicht, haben wir mit den Tieren die Möglichkeit Gefühlsgemeinschaften zu bilden und das kann zu sehr intensiv erlebten Beziehungen führen. In Kontakt gehen mit  einer Katzen-, Hunde- oder Pferdeseele, um einen Geschmack von göttlicher Mensch-Tier-Einheit zu bekommen, gehört zur lebendigen Erfahrung vieler Menschen, aber leider zeugen Massentierhaltung und Achtlosigkeit im Umgang mit Lebensräumen von Tieren davon, dass der Mensch in seiner Beziehung zur Tierwelt ganz unterschiedliche, nicht gerechtfertigte Maßstäbe anlegt.

Zwischenmenschliche Beziehungen

Aus einem ursprünglichen mehr oder weniger zufälligen Nebeneinander hat der Mensch im Laufe der Zeitgeschichte  unterscheiden gelernt zwischen den Beziehungen, die ihn mit seinen Mitmenschen verbinden; Eltern-Kind-Beziehung, Geschwister und Nachbarn, Lehrer-Schüler und Führer-Untergebener, Geschäftsbeziehungen, Freundschaft, integrale Beziehungen, transparente Beziehungen. Unterschiedliche Arten von Gemeinschaft haben sich daraus ergeben und entstehen auch weiterhin. Im Dschungel der zwischenmenschlichen Beziehungsgeflechte, aber auch der vorher genannten, lassen sich individuelle Schwerpunkte ausmachen. Beziehungen wandeln sich im Laufe des Lebens, können unwichtig werden oder wegfallen. Neue kommen hinzu, Beziehungsfähigkeit entwickelt sich.



Jede Beziehung erfüllt Bedürfnisse. Ähnliche Bedürfnisse und Schwächen, aber auch sich ergänzende können zu Anziehung führen. Je mehr Facetten eine Beziehung hat, je flexibler der Umgang damit ist, desto befriedigender wird sie. Je mehr wir im Stande sind unterschiedliche Qualitäten zu integrieren, desto umfassender wird unser Erleben in Beziehung, desto unterschiedlichere Situationen können in einer gleichen Beziehung zufriedenstellend gelebt werden. Erfüllung erlangen wir in den Bereichen, in denen wir aus unserem innersten Sein heraus das jeweilige höchstmögliche Potential einer Beziehung erkennen und dieses Zusammensein uns kokreativ werden lässt. Akzeptanz und Toleranz genügen nicht, es braucht das Zelebrieren der Andersartigkeit und die Hingabe an das Gemeinsame, damit Beziehung sich entwickeln und Neues in ihr entstehen kann.


Sieben Milliarden Menschen leben nebeneinander auf unserer Erde, sie gehören einer einzigen Menschheit an, aber jeder einzelne hat scheinbar nur wenige Beziehungen, die über ein Nebeneinander hinausgehen. In Großstädten können tagtäglich Millionen hautnah aneinander vorbei laufen, ohne in Kontakt zu gehen, ohne wirklich etwas von einander mitzubekommen, und wären heillos überfordert, wenn es anders wäre.

Wie mag es wohl gewesen sein, als ein Mensch sich zum ersten Mal bewusst wurde dass er Vater oder Mutter geworden ist? Es hat gedauert, bis diese Begriffe entstanden sind, bis Familienbeziehungen als solche benannt und als spezifisch erlebt wurden. Zusammen aufzuwachsen mit mehreren Geschwistern lässt einen früh erfahren, dass jede Beziehung einzigartig ist. Die Möglichkeit nicht in konkrete Interaktion zu treten, sich selbst zu manifestieren, gibt es dort nicht. Mit Geschwistern hat man viele Gelegenheiten sich auseinander zu setzen und wieder zusammen zu kommen. Sie sind einfach da, im Guten und im Nervigen, man isst zusammen, schläft eventuell in der gleichen Kammer, spielt zusammen, streitet und verträgt sich wieder. Eine geteilte Kindheit verbindet auf magische Weise, sie wirkt im späteren Leben nach und lässt sich nur langsam ins Bewusstsein heben. Die Beziehung mit Nachbarn stellt einen vor ähnliche Herausforderungen. Hierarchische Beziehungen, wie die zwischen Lehrer und Schüler oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, bringen über Regeln klare Rollenverteilungen. Unter dem Begriff Geschäftsbeziehungen kann man alle zweckdienlichen Beziehungen verstehen, die eingegangen werden, um etwas zu erreichen, sei dies im Privaten oder im Beruflichen, in Gesellschaft oder Politik. Freundschaft bringt uns Begegnung auf Augenhöhe und hat die Qualität von Freiheit und Gleichwertigkeit, egal wie unterschiedlich man ist.

Mit fortschreitender Bewusstwerdung und Integration der vielen Formen und Qualitäten, die Beziehung haben kann, mit zunehmendem Kennenlernen der persönlichen Beziehungsmuster, bei aktiver Auseinandersetzung mit den vielfältigen und komplizierten Wechselwirkungen in Beziehung und Gemeinschaft, tut man sich leichter mit dem ständigen Wandel und der Prozesshaftigkeit. Je mehr man erkennen kann, dass alles zusammenhängt, desto mehr wird Wirklichkeit zu Beziehung und Verbundenheit. Es kommt zu Erfahrungen, die einem zeigen, dass es da etwas Numinoses gibt, das voneinander weiß und das führt zu vermehrter Transparenz in Beziehung.

In Beziehung zu Geistigem

Die Beziehung zu geistigen Inhalten, zu Geschichten und Theorien, zu Philosophie und Spiritualität öffnet Tür und Tor zu subtileren Welten.

In Beziehung zu spirituellen Dimensionen

Das Wort spirituell wird hier gebraucht im Sinne einer Dimension, die das Menschliche transzendiert, d.h. die umfassender und komplexer ist als die menschliche Dimension. In Kontakt zu kommen mit dem göttlichen Chaos oder der göttlichen Ordnung bringt eine Steigerung der Lebendigkeit im Hier und Jetzt. Dies kann als Herausforderung oder als Geschenk erlebt werden, es führt allemal zu einer Transformation mit auf andere Beziehungsbereiche übergreifenden Folgen. Begriffe wie Beziehung oder Gemeinschaft lösen sich auf, verlieren ihren Sinn, werden transzendiert. Das Abenteuer der Evolution von Beziehung und Gemeinschaft bleibt auf jeden Fall spannend.


(aus: integrale perspektiven Nr. 28)