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24.4.2017 : 7:23 : +0200

Eros, Sex, Lust und Liebe

von Michael Habecker / Nadja Rosmann

 

Die Suche nach dem „Motor“ der Evolution hat eine lange philosophische und in der jüngeren Geschichte auch wissenschaftliche Tradition. Beide versuchen, die letztere von zwei Grundfra­gen zu beantworten:

  • Warum ist überhaupt irgendetwas? und
  • Warum entwickelt sich dieses Irgendetwas (und bleibt nicht einfach so, wie es ist)?

Warum bleiben die ersten Wasserstoffatome und Gaswolken im Universum nicht einfach Atome und Gaswolken, sondern for­men sich zu Sonnen, die nach ihrem Sterben in gewaltigen Ex­plosionen neue Elemente hervorbringen? Warum formen sich aus dem Sternenstaub dieser frühen Explosionen Sonnensyste­me mit Planeten, auf denen dann immer komplexere Formen von Leben (und Bewusstsein) entstehen? Warum kommt dieses Leben nicht irgendwann einmal an den Punkt, an dem es „ge­nug ist“, sondern schreitet in aufeinanderfolgenden Stufen von Komplexität und Bewusstheit immer weiter fort? Warum kann dieser Augenblick und der nächste und der darauffolgende nicht einfach so bleiben, wie er ist, sondern präsentiert sich in einer unablässigen Folge von Veränderungen, die, auf längere Sicht betrachtet und unter Berücksichtigung vieler Schlingen und Schlaufen, wieder in eine Richtung von zunehmender Komple­xität und Bewusstheit zeigen? Wer oder was steckt hinter dieser Dynamik, die sich wie ein roter Faden und kosmischer Strang durch die gesamte Geschichte der Manifestation zieht und heu­te so quicklebendig ist wie am ersten Schöpfungstag?

Eros ist ein liebender, schöpferischer Impuls, der in einer unbändigen Freude und Kreativität unsere Entwicklung vorantreibt.

 

LIEBE als Prinzip der Entwicklung

Eine frühe philosophische Antwort auf diese Frage, oder, ge­nauer, eine Bezeichnung dieser geheimnisvollen Kraft, ist Eros, der als ein liebender, schöpferischer Impuls in einer unbändi­gen Freude und Kreativität die Entwicklung, unsere Entwick­lung, vorantreibt. Dieser Eros ist die Kraft und Liebe, welche die Sterne ebenso bewegt wie unsere Gefühle, Gedanken und Taten. In diesem Sinne ist alles, wirklich alles, was sich im Uni­versum ereignet, ein Ausdruck von LIEBE. Ausgedrückt in der wissenschaftlichen Sprache der Systemtheorie wird in diesem Zusammenhang von Autopoiesis oder der Kraft der Selbstor­ganisation gesprochen. Das klingt „vernünftiger“ als Liebe oder Eros, bezeichnet aber letztendlich auch nur etwas, was sich zwar ständig erfahren, beobachten und in seiner Wirkung beschreiben, aber im Hinblick auf seine Herkunft nicht erklären lässt, und so lan­den wir wieder beim Fragenpaar

  • Warum ist überhaupt irgendetwas? und
  • Warum entwickelt sich dieses Irgendetwas (und bleibt nicht einfach so, wie es ist)?

Die Beschreibung und das Philosophieren aus einer kosmi­schen-universellen Perspektive heraus ist das eine, doch so richtig interessant wird es, wenn wir die irdisch menschliche Dimension in ihrem Eingebettet-Sein in diese evolutionäre Strömung eines die Entwicklung immer weiter vorantreibenden Geschehens betrachten. Die Aussage „alles ist letztendlich ein Ausdruck von LIEBE“ wird buchstäblich relativiert, wenn wir unseren Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und -wesen und unseren Umgang mit der Natur betrachten. Im Rahmen der allumfassenden LIEBE gibt es hier ein breites Erlebensspektrum von totaler Lieblosigkeit bis zu einer über­menschlich erscheinenden Liebesfähigkeit. Die LIEBE bringt offensichtlich in einer unerschöpflichen Kreativität immer neue, höhere und weitere Möglichkeiten und Formen von Liebe hervor, die wir Menschen in uns, zwischen uns und auch gegen­über der Natur zum Ausdruck bringen können. Die Entwick­lung schreitet offenbar voran, auch die Entwicklung von Liebe, und wir mit ihr, mehr oder weniger.

Entwicklungsstufen auf dem Weg zur LIEBE

Können wir in einer kosmischen Dimension von einem allum­fassenden Eros und einer alles durchdringenden und absoluten LIEBE sprechen, müssen wir in einem sich entwickelnden Uni­versum, wenn wir die durch die LIEBE hervorgebrachte For­men- und Erscheinungswelt wirklich würdigen wollen, von Ebe­nen des Eros, der Liebe, der Lust und der Sexualität sprechen. Auf jeder Entwicklungsstufe, so einer der wichtigen Hinweise einer integralen Theorie und Praxis, wird der begrenzte Lie­beshorizont erweitert und umfasst immer mehr Perspektiven, Wesen und Sein – von egozentrisch zu ethnozentrisch zu welt­zentrisch zu kosmozentrisch, von narzisstisch zu absolutistisch zu aufgeklärt/modern zu multiperspektivisch/postmodern zu integral und noch weiter. Doch was bedeutet das konkret, wie wird Liebe auf den unterschiedlichen Entwicklungsstufen ge­lebt und drückt sie sich aus, welche Formen von Beziehung sind weiter entwickelt als andere, und was bedeutet „Sexualität auf einer höheren Stufe“ konkret?

Auf jeder Entwicklungsstufe wird der Liebeshorizont erweitert und umfasst immer mehr Perspektiven – von egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch zu kosmozentrisch.

 

Eine Personengruppe, die diesbezüglich unter besonderer Beobachtung steht, ist die der spirituellen Lehrer. Deren Lehren betonen immer wieder die Dimensionen von Absolutheit, Liebe und Eros, und viele sprechen auch konkret über Sexualität (oder „erleuchtete Sexualität“ und „tranzendente Beziehungen“). Da liegt es nahe zu schauen, wie diese Lehrer diesen Ansprüchen in ihrem öffentlichen und privaten Leben genügen, und inwieweit „talk“ und „walk“ übereinstimmen. Ein aktueller „Fall“ diesbe­züglich ist Marc Gafni, ein Lehrer, mit dem auch das Integrale Forum (IF) im Austausch steht und der bereits an IF-Tagungen beteiligt war. Ohne auf die aktuelle Diskussion einzugehen (Stellungnahmen des IF finden sich auf www.integralesforum.org), sollen hier einige allgemeine Hinweise gegeben werden, abgelei­tet aus Elementen der integralen Theorie und Praxis, als Mög­lichkeiten der Orientierung bei der schwierigen Diskussion der Beurteilung der Integrität von Menschen in Liebesbeziehungen (einschließlich der eigenen Person).

Ebenen von Beziehungen

Die Bedeutung der Berücksichtigung einer Entwicklungspers­pektive für das Thema Beziehungen wurde schon erwähnt und soll hier noch einmal unterstrichen werden. Auf jeder der Ent­wicklungsstufen, z. B. traditionell zu modern zu postmodern und darüber hinaus wird Beziehung neu definiert, im Sinne eines „transzendiere und bewahre“. Bewährtes wird übernom­men, als eine notwendige Voraussetzung für weiteres Wachs­tum, und neue Elemente und Perspektiven kommen hinzu. Die gesunde Weiterentwicklung von Beziehungen braucht daher neben einem progressiven Element immer auch etwas Konser­vatives. Die Frage, was sich in Beziehungen bewährt hat und „treu und verlässlich“ beibehalten werden sollte und was nicht, ist bereits eine erste große Herausforderung. Was hat sich wirk­lich überlebt und gilt es loszulassen, mit den dazugehörigen (Verlust)Ängsten, und wo läuft man einfach nur vor einer Ver­antwortung oder Schwierigkeiten davon?

Ebenen von Beziehungsaspekten

Durch eine Ebenenbetrachtung bekommen auch Diskussionen um Begriffe und Grundaspekte von Beziehungen eine Tiefe, die ohne die Berücksichtigung einer Entwicklungsdimension verschlossen bleibt. Treue, Zuverlässigkeit, Freiheit, Integrität, Selbstverwirklichung, Transparenz und vieles mehr haben jeweils eine unterschiedliche Bedeutung, je nach dem, auf welcher Ent­wicklungsstufe sie betrachtet werden. Manche Merkmale wie Ego­zentrik sind typisch für eine Entwicklungsstufe, andere hingegen wie Treue werden auf jeder Stufe neu definiert und verhandelt.

Form und Inhalt

Kann man einer Beziehung von außen (an ihrer Form) ansehen, auf welcher Entwicklungsstufe sie gelebt wird? Die Antwort darauf ist „Nein“, jedenfalls für die meisten Formen von Bezie­hungen. Monogamie gibt es traditionell, modern, postmodern und sicher auch auf Ebenen darüber hinaus, wenn auch im In­nenverhältnis ganz unterschiedlich gelebt, von strikten Rollen­festlegungen (traditionell, „bis dass der Tod euch scheidet“) zu modernen Ehen (mit Scheidungsrecht) über gleichberechtigte monogame Partnerschaften (postmodern) bis hin zu „conscious monogami“, einer bewussten, post-postmodernen Monogamie (ein Begriff des Psychotherapeuten und Lehrers Robert Augus­tus Masters).

Ähnliches gilt für polygame Beziehungen, von denen es tra­ditionelle Formen wie den Harem und die „Vielehe“ gibt, mo­derne Formen wie die „offene Ehe“, postmoderne Weiterent­wicklungen wie in der Bewegung der Polyarmorie, und sicher auch Formen, die darüber hinaus weisen. Entscheidend für die Bestimmung der Entwicklungshöhe sind einmal mehr das in­nere Gelebte dieser Formen und die Anzahl der Perspektiven, Gesichtspunkte, Gefühle und Gedanken der die Beziehungen Lebenden, die dabei berücksichtigt und integriert werden. Und die Frage, wie kann die „größte Tiefe für die größte Anzahl“ ge­fördert werden, d. h. was trägt zur Weiterentwicklung aller Be­teiligten und der Welt als Ganzes am besten bei?

Spanne und Tiefe

Die Spannweite und Tiefe einer Beziehung hängt nicht nur von der Entwicklungsstufe ab, auf der sich Beziehungspartner befin­den, sondern auch von deren Fähigkeit, die ihrem gegenwärtigen Entwicklungsschwerpunkt vorangehenden Stufen auf gesunde Weise zu integrieren. Diese Fähigkeit zur Integration verwirk­licht sich nicht von selbst, sondern ist Ergebnis bewusster Refle­xionsprozesse und der konstruktiven, auch praktischen Ausein­andersetzung mit Beziehungsmodellen verschiedener Stufen.

Die Spannweite und Tiefe einer Beziehung hängt nicht nur von der Entwicklungsstufe ab, auf der sich Beziehungspartner befinden, sondern auch von deren Fähigkeit, die ihrem Entwicklungsschwerpunkt vorangehenden Stufen auf gesunde Weise zu integrieren.

 

Entscheide ich mich für eine monogame Beziehung, weil ich mich bereits in postmodern-polygamen Beziehun­gen ausgetobt habe und nun ganz bewusst mit einer Partne­rin/einem Partner eine Eins-zu-Eins-Beziehung des Wachstums eingehen möchte (=integrales Verständnis) oder ist das Vertei­digen eines monogamen Standpunkts meinen Verlustängsten geschuldet (=egozentrische Perspektive mit ungeheilten Antei­len früherer Entwicklungsstufen)?

Kreisen meine Werte, mein Denken, Fühlen und Handeln auf gleicher Entwicklungshöhe oder ist meine Entwicklung in ein­zelnen Bereichen noch ausbaufähig? Lässt beispielsweise mein postmodernes oder vielleicht schon integrales Denken mich nach einer polyarmoren Beziehung streben, die dann von Eifer­sucht oder meiner mangelnden Fähigkeit, mich auf alle meine Partnerinnen bzw. Partner in gleichem Maße einzulassen, über­schattet ist? Und: Auf welcher Flughöhe vollzieht sich die Inter­aktion zwischen den Beziehungspartnern? Ist sie symmetrisch oder asymmetrisch? Ist eine Person „weiter“ als die andere – und kann sie die andere auf dem Weg „mitnehmen“?

Wahrheit, Täuschung und Lüge

Die „Wahrheit“ einer Beziehung entsteht in der Wechselseitig­keit zwischen den Partnern. So werden „polyarmore“ Beziehun­gen zum schlichten „Fremdgehen“, wenn ein Beziehungspartner sich auf die Monogamie des/der anderen verlässt und in dieser Haltung ent-täuscht wird. Oder ein bewusst gegebenes Einver­ständnis mit diesem Beziehungsmodell basiert auf einer Selbst­täuschung, wenn ich mir meiner Besitzansprüche nicht bewusst bin und dann darunter leide, dass sie nicht erfüllt werden.

Immer stellt sich die Frage, ob Beziehungspartner dem jeweiligen Entwicklungsschwerpunkt der eigenen und der anderen Person gerecht werden.

 

Wo der Raum der Wahrheit verlassen wird und der Grenzbe­reich der Täuschung sich öffnet, ist dabei ein sehr subtiles Feld, denn immer stellt sich die Frage, ob die Beteiligten in ihrer Selbsteinschätzung und dem Erkennen des Beziehungspartners dem jeweiligen Entwicklungsschwerpunkt der eigenen und der anderen Person gerecht werden. So können sich zwei Partner zu einer „offenen“ Beziehung bekennen, aber ganz unterschied­liche Motivationen haben, z.B. egozentrische Triebhaftigkeit oder ein pluralistisches Denken, das aus der Vielfalt der Bezie­hungspotentiale schöpfen möchte. Solche Asymmetrien wer­den ob kurz oder lang zu Problemen führen, wenn die Diver­genzen von den Partnern schließlich wahrgenommen werden.

Schwierig wird es auch, wenn einer der Partner bereits ein integrales Beziehungsverständnis entwickelt hat und sein Gegenüber sich in der eigenen Zustimmung zu einem sol­chen Modell überschätzt, denn nicht geheilte Beziehungs­perspektiven früherer Entwicklungsstufen werden sich dann zeigen. Nimmt der höher entwickelte Partner dies wider besse­res Wissen einfach hin, wird die Beziehung schnell zur Lüge, an der mindestens der weniger entwickelte Partner leidet.

Schatten und Projektion

Womit wir bei der Frage der Schatten und Projektionen sind, denn asymmetrische Beziehungen sind nicht zwingend einer klar erkennbaren Lüge geschuldet, sondern können ebenso durch das Unerkannte, nicht Bewusste entstehen. Ist meine kognitive Entwicklung stärker vorangeschritten als meine emo­tionale, werde ich mir vielleicht ein Partnerschaftsmodell aus­suchen, dem ich gefühlsmäßig noch gar nicht gewachsen bin. Die spürbare Unerfülltheit meiner Beziehung werde ich dann unbewusst auf meinen Partner projizieren. Umgekehrt kann es mir immer wieder passieren, dass ich an Partner oder Partne­rinnen gerate, die mir emotional „noch nicht gewachsen“ sind. Die Vorwürfe, mit denen ich dann im Zweifel konfrontiert wer­de, sind jedoch nicht nur Indiz für die tatsächliche Asymmetrie, sondern konfrontieren mich mit dem eigenen Schatten, den/ die Partner/in nicht auf seinem/ihrem Beziehungsschwerpunkt angemessen berühren zu können.

Überall da, wo heftige Abwehrreaktionen auftreten, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass eigene Aspekte und Selbstanteile auf dem Entwicklungsweg verdrängt und projiziert werden.

 

Die heutige Pluralität und Vielfalt gelebter Beziehungsformen ist auch eine Möglichkeit, eigenen Schattenanteilen nachzuspü­ren. Überall da, wo heftige Abwehrreaktionen auftreten, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass eigene Aspekte und Selbstanteile auf dem Entwicklungsweg verdrängt und projiziert wurden und im Außen bekämpft werden, anstatt sie innerlich zu integrie­ren. Wer Monogamie aufwertet unter gleichzeitiger Ablehnung, Abwehr oder gar Verteufelung von Polyarmorie, der oder die hat dort wahrscheinlich einen Schatten, und würde selbst gerne mehr polyarmor leben. Andersherum kann sich eine uneingestandene Sehnsucht nach monogamer Verlässlichkeit und Konvention in einer heftigen Gegenreaktion auf alles „Traditionelle“ zeigen. Be­ziehungen, in welcher Form auch immer, sind ein sehr direkter Weg zur Schattenintegration, vorausgesetzt wir sehen unsere Irri­tationen darin auch als eine eigene Lernaufgabe und nicht nur als Fehler oder Probleme der anderen.

Schüler-Lehrer-Beziehungen

Das angesprochene Dilemma von Asymmetrie und die Schat­tendynamik ganz allgemein zeigen sich immer wieder auch in Schüler-Lehrer-Beziehungen, im schlimmsten Fall als Miss­brauch. Ob Schüler-Lehrer-Beziehungen platonisch oder sexu­ell sind – immer bildet ihren Rahmen eine institutionalisierte Asymmetrie, die darauf basiert, dass der Lehrer/die Lehrerin höher entwickelt ist als diejenigen, die ihm/ihr folgen. Der wun­de Punkt: Kaum ein Mensch erreicht in allen Lebensbereichen die gleiche Entwicklungshöhe. Sexuelle Verfehlungen spirituel­ler Lehrer sind dann ein Indiz dafür, dass sie die eigene Kom­petenz überschritten und/oder die Fähigkeiten der Betroffenen überschätzt haben.

In der Schüler-Lehrer-Beziehung wird das Thema Verantwortlichkeit zum heißen Eisen.

 

Die Frage der Verantwortlichkeit wird hier zum heißen Eisen. Traditionell argumentierend trägt der Lehrer die Verantwortung für seine Schüler, so dass ihm die „Schuld“ an Grenzüberschrei­tungen zugemessen wird. Ein moderner Blickwinkel wird auch die Eigenverantwortlichkeit der Schüler ins Spiel bringen, die Notwendigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen und ihnen gemäß zu handeln. Entwickelt sich dann eine vermeintlich tran­szendente Liebesbeziehung zum amourösen Desaster, kann die damit verbundene Ent-Täuschung im günstigen Fall zu einem konstruktiven Lernprozess werden (der, das scheint unvermeid­lich, auch mit schmerzhafter Selbsterkenntnis verbunden ist).

Eine solche Einsicht führt nicht zwangsläufig zu postmoder­ner Beliebigkeit, die Lehrer von ihrer Verantwortung freispricht. Sie könnte es bestenfalls sogar ermöglichen, dass Lehrer, die von einem mündigen Gegenüber mit den eigenen Schwächen konfrontiert werden, Einblicke in die eigenen Schatten gewin­nen. Das tatsächliche Gefälle zwischen Lehrer und Schüler wird im postmodernen Pluralismus gerne unterschätzt. Wo der Leh­rer zum Geliebten wird, gewinnt auf Schülerseite nur allzu leicht (nicht zuletzt aus hormonellen Gründen) eine emotionale Kom­ponente die Oberhand, die sich nach integraler Flughöhe sehnt, diese aber noch nicht halten kann. Erkennt der Lehrer das nicht, sind die Konsequenzen tragisch; erkennt er es und setzt sich über diese Einsicht wissend hinweg, verletzt er bewusst die Integrität seines Gegenübers.

Öffentlichkeit und Privatsphäre (Transparenz und Diskretion)

Da diese Schattenaspekte für die Betroffenen nicht erkenn­bar sind, kommt der Frage der Transparenz im Kontext von Schüler-Lehrer-Beziehungen eine besondere Bedeutung zu. Die Dramatik vieler Missbrauchsfälle ist nämlich der Heimlichkeit geschuldet, dem Fehlen einer konstruktiven Außenperspektive auf die Beziehungsrealität, die manche Verwerfung bereits im Keim hätte sichtbar machen können. Während in Beziehungen auf Augenhöhe die Frage, welche Aspekte der Beziehung öffent­lich gelebt werden wollen und welche sich in diskreter Privatheit abspielen, eine bewusste Entscheidung unter Gleichen abbildet, kann davon in per se nicht symmetrischen Beziehungen nicht ausgegangen werden. Transparenz wird dann zur Chance, das eigene Verhalten in weiteren Kontexten zu spiegeln und einer kritischen Supervision zu unterziehen, während Heimlichkeiten eher ein Indiz für unbewusste Verschleierungstaktiken sind.

Transparenz ist eine Chance, das eigene Verhalten in weiteren Kontexten zu spiegeln und einer kritischen Supervision zu unterziehen.

 

Zeitgeist und skilful means

Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass Spiritualität und Eros ein Wachstumsfeld der besonderen Art markieren, das – schlicht weil die Menschheit als Ganzes noch weit von einer integralen Perspektive entfernt ist – allzu leicht zum Minenfeld wird. Gerade wenn es um die Betrachtung von Verfehlungen anderer geht, schwingt nur allzu leicht auch die Kompensation des eigenen – oft unbewussten – Schmerzes mit. Der Stand­punkt unserer Urteile und Erklärungen ist immer relativ, und gerade dann, wenn es uns gelingt, diesen Standpunkt zu erken­nen, können wir die Reibungen, die in unseren Beziehungen entstehen, konstruktiv als Wachstumsimpulse nutzen. Deshalb möchten wir Sie an dieser Stelle einladen, Ihre eigene Perspek­tive zum Thema tiefer zu erkunden. Im Kasten „Das spirituelle Urteilsvermögen schärfen“ finden Sie verschiedene Fragen, die Ihnen dabei helfen können. „Junge Menschen, die Anfänger in allem sind, können die Liebe noch nicht: Sie müssen sie lernen. Mit dem ganzen Wesen, mit allen Kräften, versammelt um ihr einsames, banges, aufwärts schlagendes Herz, müssen sie lieben lernen. Lern­zeit aber ist immer eine lange, abgeschlossene Zeit, und so ist Lieben für lange hinaus und weit ins Leben hinein“, sagte der große Dichter Rainer Maria Rilke. In diesem Sinne wächst unsere Liebesfähigkeit mit den Fragen, denen wir uns stellen.

Eros und Ethik: Das spirituelle Urteilsvermögen schärfen

Möge ein jeder von euch seine oder ihre größte Tiefe und Fähigkeit für Weisheit und Beurteilung dabei finden und diese nicht nur auf die Gafni-Situation anwenden, sondern auch auf das eigene Leben, von Augenblick zu Augenblick. Lasst uns diesen Fall als eine weitere Gelegenheit betrachten, bei der wir unser spirituelles Urteils­vermögen schärfen, um es dann weise anzuwenden.

(Ken Wilber in einem aktuellen Kommentar zu Marc Gafni)

  • Was informiert mich in Diskussionen (wie der über das Verhalten von Marc Gafni) über das Thema Eros und Ethik, und was affektiert mich (regt mich auf, ärgert mich, lässt mich nicht los ...)?
  • Tauchen dabei Gefühle von Hass, Wut, Unversöhnlichkeit, Selbstgerechtigkeit, Schadenfreude, Rache in mir auf – und wie gehe ich damit um?
  • Welche Themen stehen für mich im Vordergrund (Macht, Ohnmacht, Sex, Abhängigkeit, Wahrhaftigkeit, Täuschung, Gerechtigkeit, Missbrauch, ...)
  • Warum sind es gerade diese Themen, und wie ist mein biografischer Hintergrund dazu (wie habe ich diese Themen auf meinem Lebensweg erfahren)?
  • Um welche anderen Themen könnte es dabei noch gehen (die ich bisher ausgeblendet habe)?
  • Informiere ich mich offen oder selektiv?
  • Ist mir bewusst, dass sich eine Informationslage entwickelt und dass niemand jemals eine „totale Informiertheit“ haben wird?
  • In welcher Art von hierarchischer Abfolge sehe und werte ich das ethische Verhalten von Beziehungs-Beteiligten (z.B. egozentrisch, traditionell-soziozentrisch, modern-weltzentrisch, integral)?
  • Wie verhält es sich meiner Meinung nach mit Vorsatz (Absicht) und Fahrlässigkeit (z. B. Leichtgläubigkeit) in einer gegebenen Situation?
  • Welche meiner Mindsets und Glaubenssätze werden durch die Thematik aufgerufen (welche „Stimmen“ höre ich in mir – und kann sie mir damit bewusst machen)?
  • Übernehme ich für meine Wahrnehmung die volle Verantwortung?
  • Habe ich eine klare Meinung zum Thema Eros und Ethik und wie würde ich diese in ein paar Sätzen formulieren?
  • Welche Perspektiven sind für mich völlig inakzeptabel und warum?
  • Wie erlebe ich in dieser Situation die „Täter/Opfer“-Dynamik?
  • Bin ich bereit, meine Meinung auch zu ändern, oder habe ich mich festgelegt?
  • Wie wäge ich in diesem Kontext die Balance von Gnade und Recht ab?
  • Inwieweit kann ich (will ich) die Perspektiven von verschiedenen Beteiligten einnehmen (soweit ich Kenntnis davon habe)?
  • Wie ist die Ausgewogenheit von a) subjektiver eigener Reflektion, b) intersubjektivem Austausch und c) objektiver Faktensuche bei mir?

 


Quelle: IP 21 - 03/2012