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21.9.2018 : 4:53 : +0200

Autobiografisches Erzählen

Wie Leichtigkeit UND Anerkennung von Komplexität gelingen kann

Integrales autobiographisches Erzählen als Praxis des Brücken Bauens


Stephanie Nowicki

Kaum ein anderes Thema beschwert Deutschland durch seine Komplexität aktuell so sehr wie der Umgang mit den Flüchtlingsströmen. Wir können uns dazu nicht nicht verhalten. Im Angesicht der Not unserer Mitmenschen ist jeder Einzelne gefragt. Welchen Beitrag kann, soll und will ich leisten?
Das autobiographische Erzählen des eigenen Gewesen- und Geworden-Seins kann uns den Weg zu einer bewussten Positionierung weisen. In dieser Praxis beleuchten wir durch den schonungslosen und liebevollen Blick auf uns selbst unser individuelles Konzept der eigenen Identität. Wir lernen, die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, anders zu hören, auf eine neue Weise zu deuten und dem Zuviel-an-Komplexität, das uns von innen und außen raubtierartig belagert, couragiert zu begegnen. Gleichzeitig reift in uns eine integrierte, bewusste Leichtigkeit im Umgang mit dem Bild, das wir uns von uns selbst machen.
Im So-Miteinander-Erzählen ermutigen wir uns gegenseitig – auch durch eine neue Form des Zuhörens – das unerschrockene Hinschauen und das Teilen unserer Geschichten zu wagen. Wir unterstützen einander darin, die jeweils eigenen Begrenzungen mitfühlend anzuerkennen, sie aktiv in ein neues Selbst-Verständnis zu verwandeln und dadurch für den Einzelnen (oder auch für Gruppen) neuen Handlungsraum zu eröffnen.

Eine Geschichten von vielen möglichen


Ich bin in Sicherheit. Für Millionen von Menschen gilt das nicht. Ich sitze hier. An meinem Schreibtisch. In meiner Wohnung. Niemand kann hier eindringen, wenn ich es nicht will. Ich muss nicht einmal Nachrichten hören. Die nächste Flüchtlingsunterkunft ist 3 km entfernt. Ich bin in Sicherheit.
Die Komplexität der Gesamtsituation verstehe ich sowieso nicht. Und die Welt kann ich auch nicht retten. Mir geht es heute nicht gut. Ich muss gut für mich selbst sorgen. Wenn ich die Kraft hätte, sollte ich besser meiner Arbeit nachgehen. Damit am Ende der Umsatz stimmt. Wenn ich mein Soll erfülle, heißt das noch nicht, dass ich auch ausreichend an meine Altersvorsorge gedacht hätte...
„Ist das nicht Jammern auf hohem Niveau? Wie wäre es mit einem Blick in den Spiegel? Willst Du die sein, die Du dort siehst?“ bohrt sich eine Stimme in meinen Gehörgang. Ich nehme sie wahr. Deutlich. Auf den Spiegel habe ich keine Lust. Fühle mich auch viel zu schlapp.
„Andere zögern nicht. Andere verlassen ihre Burgen und packen an.“ Ich will das nicht hören. Setze mich an einen anderen Platz. Vielleicht habe ich ja hier meine Ruhe.
„Ja, so kennen wir Dich. Erst große Reden schwingen und dann den Hintern nicht hochkriegen. Soviel zum Thema Integrität.“ Während ich mich verbal vernichte und mir meine hehren Werte rezitierend vor die eigenen Füße kotze, höre ich ein leises Wimmern. Aus irgendeiner Ecke. Meine Brust zieht sich zusammen, mein Hals ist zugeschnürt.
Ja, ich habe eine Scheißangst. Vor dieser Komplexität. Vor dem, was ich sehe, während ich es gleichzeitig vor mir zu verbergen versuche. Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe, die richtige Haltung zu finden. Eine achtenswerte integrale Position. Für heute, für morgen. Für die Zukunft.
Es ist an der Zeit mein inneres Theater auf die Bühne zu bringen. Den Blick nach innen zu richten. Auf die Suche nach meiner Identität zu gehen. Ich werde sie brauchen, wenn ich vorwärts gehen will.
Wer? Bin? Ich? Angesichts dieses Moments. Angesichts all’ dieser Mit-Menschen, die gerade erleben müssen, dass ihre Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit, Wärme, Schlaf und Nahrung nicht erfüllt sind. Dass sie obendrein noch für ihre Kinder und Angehörigen sorgen müssen.
Wie so oft, wenn ich um Haltung ringe, geht es zunächst darum, meinen Körper aus seiner Schockstarre zu befreien. Erst wenn ich diese non-verbale, somatische Geschichte, die ich mir gerade erzähle, richtig verstehe, kann ich umfassend und aufrichtig mit mir sprechen.
Ich setze mich und schließe die Augen. Atme und lausche. Atme. Lausche. Es dauert nicht lang und die Tränen schießen mir in die Augen. Klagende Laute dringen aus meiner Kehle. Lauter. Es schüttelt mich. Und dann spüre ich sie. Eine Verzweiflung, die sich wie eine riesige Schlammwelle durch meinen verhärteten Körper schiebt. Meine Überforderung. Ich sehe alles. Das Damals. Das Grauen. Den Kinderkörper, der sich in die Ecke des Zimmers presst. Mit weit aufgerissenen Augen. Der Faust im Mund, um die Schreie auszubremsen. Starr. Das Ich bereits vor Stunden ins Außen geflohen. Eingefroren, das Kind. Handlungsunfähig.
Ich sehe es.  
Mein Kopf sinkt auf meine Brust. Meine Tränen strömen heiß aus meinen Augen. Aus den Zehen, aus den Fingerspitzen, aus dem Herzen. Überall lösen sie sich und suchen ihren Weg nach oben, bis sie durch meine geschlossenen Lider dringen, die sie nicht mehr halten wollen. Meine Tränen bewegen meinen gesamten Körper, umarmen und streicheln dieses kleine Kind von früher. Sie umspülen das verzagte ICH immer weicher werdend und halten damit nicht nur mich, sondern auf wundersame Weise alle Menschen, die ich gerade noch draußen wähnte. Auf der anderen Seite der Tür.
Ich spüre mich wieder UND ich kann dem Leid der anderen ins Auge sehen, es durch mich hindurch bewegen. Ohne daran zu zerbrechen. Anstatt dessen atmend lebendig bleiben, Anteil nehmen: Hinsehen ohne den Blick abwenden zu müssen. Akzeptieren ohne hinzunehmen.

Entleert und neu gefüllt erwacht eine gewaltige Kraft in mir. Platz für Neues. Der Wunsch, der Wille, das Bedürfnis meinem Mitgefühl Ausdruck zu verleihen. Ich will da sein, in Kontakt gehen. Mich einsetzen, zur Verfügung stellen. Ich will aufbrechen.
Also öffne ich die Schleusen, stelle die Nachrichten an, sehe die Bilder der Flüchtlinge. Wut schiebt sich aus meinem Bauch durch meinen Körper. Eine höllische Wut. Wie kann es sein, dass Männer, Frauen und Kinder einfach so entheimatet werden können? Wie kann es sein, dass Heimaten wirtschaftlich nicht so mitgewachsen sind, dass sie genügend Lebens-Gestaltungs-Raum bieten? Wie kann es sein, dass Menschen ihr Leben riskieren, weil sie keinen anderen Ausweg sehen als auf einen neuen, besseren Platz zu hoffen? Ich könnte toben. Das lasse ich lieber, denn Wutausbrüche bringen nichts, habe ich schon als Kind gelernt. Anstatt dessen entlade ich meine Energie in einer Recherche. Ich höre Berichte an, lese, suche überall nach Informationen. International. National. Regional. Im Fernsehen. Im Netz. In mir.
Und plötzlich ist mein Impuls komplett verpufft. Meine Müdigkeit kehrt zurück. Die Schwere. Mit ihr das Gefühl des Versagens. Die Scham. Was um Himmels Willen ist mit mir los? Wie kann es sein, dass ich mich als erwachsener Mensch nicht ins Handeln bewegen kann? Ich habe so viele Fähigkeiten, ernstzunehmende Möglichkeiten. Ich bin ein so glücklicher Mensch. Normalerweise! Und jetzt das.
Dieses Mal verstehe ich schneller, dass sich nun ein weiteres ICH in mir zeigen und erforscht werden will. Welche Geschichte will es mir erzählen? Welchen Hinweis will es geben?
Vor mir sehe ich das Kind, den Teenager, die junge Erwachsene. Das Ich, das Zeit seines Lebens nach seinem Platz suchen musste. Mich.
Direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben, vorübergehend in einem Heim untergebracht, dann der Wurzeln beraubt und mit einem neuen Etikett versehen. An Kindes statt angenommen und in einer erkrankten Familie aufgewachsen, in der kaum eine Form von Missbrauch nicht stattfand. Die offizielle Erklärung: Abwehr eines Angriffs von außen. Täter: Das Kind mit den falschen Genen.
Selbst als Erwachsene konnte ich das Rätsel um meinen Platz im Leben lange nicht knacken, denn als meine leiblichen Eltern mich später unabhängig voneinander suchten und fanden, spitzte sich die Situation noch stärker zu. Meine Adoptiveltern nutzten die Chance, um sich von mir loszusagen, meine leiblichen Eltern um ihre Schuldgefühle zu beruhigen. Während mich die Einen ausschlossen, sprachen die anderen ihre Einladungen aus. Als jedoch klar wurde, dass dieser Schritt auf mich zu sich nicht ohne ihre emotionale Beteiligung vollziehen lassen würde, folgten den Einladungen die Ausladungen. Und so blieb am Ende von drei Familien keine, die mich wollen konnte.  
Schmerz durchfährt mich. Und ja, ich will ihn fühlen. Ganz.
Ich habe nie einen Platz geschenkt bekommen. An einigen verharrt, ja, mir immer wieder auch temporär Plätze erkämpft, aber anstrengungslos war es nie. Die Sicherheit des Dazugehörens, weil ich ich bin, gab es in meinem Leben nicht. So war es. Und das tut weh.
„Musst Du Dich wirklich immer noch als Opfer erzählen?“ schießt die Stimme des Selbstanspruchs provozierend dazwischen.
Mitten in meinem Schmerz zucke ich zusammen, weiß nicht mehr, was richtig ist, habe Angst, auseinanderzufallen. Da springt mir ein weiteres Ich bei.  
„Ja.“, antwortet die Stimme der Weisheit bestimmt und fügt dann in sanfterem Ton hinzu, „Die Stimme des Opfers geht der ganzheitlichen Wahrnehmung einer Situation immer wieder neu voraus. Sie verhindert die Reduktion auf die rein kognitive Perspektive. Lass’ nicht zu, dass Dein Kopf diesen Opfer-Anteil wie irgendeinen räudigen Köter abzuschütteln versucht. Auch er gehört dazu. Lade ihn ein. Es geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern um beide. Beide sind ICH.“
Während ich so zuhöre, fallen verschiedene Gedanken wie Puzzlestücke an ihren Platz. Ja, sie haben plötzlich einen. Denn genau darum geht es für mich jetzt: Den eigenen Platz einzunehmen. Den, den wir qua unseres Mensch-Seins auf dieser Erde haben.
Die Flüchtlinge fühlen sich gezwungen ihren Platz neu zu suchen. Und in der Flüchtlingshilfe suche ich meinen Platz. Obwohl ich mich so unbeholfen fühle und fürchte nicht willkommen zu sein.
Erst wenn ich mich eingeladen weiß, wenn ich meinen Platz bekommen habe, erst dann verspüre ich genügend Daseinsberechtigung, um helfen zu dürfen. So war es, seit ich denken kann. Was für eine peinliche Ironie!
Meine Frage nach dem richtigen Umgang mit der Komplexität des Flüchtlingsthemas hat meinen Blick in meine Vergangenheit gelenkt und mir gezeigt, weshalb ich heute feststecke.
Im Bild des „Platzfindens“ eröffnet sich mir eine Verbindung zu meinem heutigen Verhalten. Zögern statt Zupacken. Warten statt Wirken. Abtauchen statt Sich-Aufdrängen. Bis hierher kenne ich diese Version meiner persönlichen Geschichte. Ich habe sie mir schon ein Dutzend Mal erzählt. Bis hierher. Und ohne Happy-End.
Doch ich bemerke, dass es heute einen Unterschied gibt: All’ die Menschen, die sich gegenwärtig nach Europa durchkämpfen, drängen mich stärker, als dass ich meine Geschichte so stehen lassen könnte. Die Erzählung über das „Wer-bin-ich?“ will weitergeschrieben werden. Im Angesicht all’ derer, die morgen meine Nächsten sein werden und in diesem Moment eine Einladung und einen Platz brauchen, will ich mir ein Ausharren in meiner persönlichen Angst nicht mehr leisten. Ich will, meine erinnerten Gefühle achtend, dazulernen, persönlich wachsen und mich selbst überschreiten.

Sowie wir uns der Komplexität stellen, werden wir mit unseren blinden Flecken konfrontiert. Mit unserem Nicht-Wissen, Nicht-Einschätzen-Können, mit unseren Ängsten, die das Durchleben unserer Gefühle in Schach halten. Vorübergehend ist das schwer. Vorübergehend wird das immer so sein. Solange wir Teil der Evolution und Menschen unter Menschen sind.  
Dem gegenüber steht das Wissen und die Erfahrung, dass wir jeden Moment der Schwere durch das Erzählen unserer Geschichte verwandeln können. Indem wir lernen, dass wir in unserer menschlichen Identität stets eine neue Version unserer Selbst werden. Das ICH ist nicht so stabil wie wir immer dachten. Und das hat angesichts der Komplexität auch sein Gutes: Das Bedürfnis nach dauerhafter Kohärenzerfahrung kann in ein Gewahrsein überführt werden, dass Kohärenz eben nicht das Normale ist, sondern nur einer von zwei Polen. Sosehr unsere heutige Gesellschaft diejenigen für erfolgreich hält, die dem Kohärenzdruck standhalten und zu jedem Zeitpunkt die Kontrolle über ihre Identität haben, sosehr steigt die Zahl derer, die zumindest unterschwellig realisieren, dass sie sich in der Gefolgschaft eines solchen Wertesystems auf brüchigem Eis bewegen.

Inwiefern der Einzelne seine Identität oder die aus seinem Identitätskonzept erwachsenden Handlungsanforderungen als komplex erlebt, ist subjektiv. Es hängt vom Individuum in seinen jeweiligen Umweltbezügen ab, von der wahrgenommenen Divergenz zwischen den Umweltanforderungen und den zur Verfügung stehenden individuellen Bewältigungsmechanismen. Hinsichtlich einer Herausforderung wie die der in Europa Zuflucht-Suchenden, kann dieses Divergenzerleben von Mensch zu Mensch und von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich ausfallen.
Je nach wahrgenommener Weite und Tiefe von Welt und je nach dementsprechender Ausprägung der beschriebenen Divergenz, wird sich das Subjekt selbst in Frage stellen, seinen inneren Raum als Perspektivenpool und Schattenreich bewusst mit einbeziehen und neue Blickwinkel erforschen, um Lösungen zu entwickeln. Ab einem bestimmten Grad misst der Einzelne die Güte seiner Lösungen an der  Ver-Antwortbarkeit des eigenen Handelns für einen größeren Ausschnitt der Welt als das Ich, die Familie oder das eigene Volk. Hier tritt die Menschheit selbst oder gar der Kosmos in den Fokus.

Schaut der Mensch hinsichtlich einer sich stellenden Herausforderung bewusst auf sein Konzept von Identität und wagt er polar gegenüberstehende, sich fremd anfühlende Standpunkte zu erproben, gelingt eine zunehmende Differenzierung. Wenn er sich aus seiner vorherigen Identifizierung mit seinem Identitätskonzept löst und das Subjekt von vorher zum Objekt der Betrachtung wird, hat der Mensch sein Konzept transzendiert. Von diesem höher gelegenen Ort, von dem er nun auf die vorherige Wahrnehmung seiner selbst herunterschaut, entdeckt er sich als Gewesenen. Nun ist er ein Gewordener und kann herunter- und rückblickend in einem bestimmten Maße über sein neues Sein, das Geworden-Sein und die Qualität des Werdensprozesses Auskunft geben. Wird der Blick bewusst auf die Tatsache des Gewesen- und Geworden-Seins gelenkt, kann sich anschließend durch gerichtete Reflexivität eine bewusste Wahrnehmung des Werdensprozesses entfalten. Je differenzierter diese durch eine kontinuierliche Praxis ausfällt, desto komplexer der Antwortfindungsprozess auf die Fragen: „Wer bin ich?“ und „Wer will ich in diesem Leben sein?“
Erst, wenn wir die jeweilige Geschichte, die wir uns selbst und anderen über unser Geworden-Sein erzählen, als Teil unserer Antwortfindungsprozesse anerkennen, entwickeln wir reifere Formen unseres Selbstkonzepts. In einer Art Metaprozess können wir das Bewusstsein über unser Geworden-Sein selbst sowie die Art und Weise unserer diesbezüglichen Realitätskonstruktion zum Gegenstand unserer Beobachtung machen. An dieser Stelle setzt das Konzept des integralen autobiografischen Erzählens an. Indem wir unsere Identität nicht länger als etwas Gegebenes, sondern als etwas Sich-für-uns-ständig-neu-Konstituierendes betrachten, das nur situativ ein Kohärenzerleben ermöglicht, können wir uns in eine neue Leichtigkeit hineinleben. Wenn wir unser ICH immer wieder neu erzählen und dabei jede vorherige Identitätskonstruktion als etwas Bereicherndes wertschätzen, gelingt ein neuer Umgang mit Komplexität.
Dann darf ich die sein, die somatisch reagiert und ihre Geschichte durch das Medium Körper erzählt. Dann darf ich mich als Opfer erzählen, auch wenn ich an anderer Stelle erwachsene Reife für mich beanspruche. Dann darf ich das Erzählen meiner Geschichte als Recht und Verpflichtung begreifen, darf mich als Super-Heldin erzählen, als ob es kein Morgen gäbe, an dem meinem Höhenflug ein erschöpfter Fall folgen könnte. Dann ist es mir möglich, mir meine Bedürfnisse inklusive meiner romantischen Friedenswünsche für die Menschheit einzugestehen und mich selbst zu ergründen, bis durch totale Dekonstruktion nichts mehr von mir übrig bleibt. Nicht zuletzt ist auch meine Scham, meinen Werten und meiner Verantwortung niemals gerecht zu werden, willkommen.
Wenn all’ dies Teil-von ist, darf ich eine Forscherhaltung einnehmen, darf spüren, fühlen, lauschen und mit Hypothesen jonglieren. Wenn es so ist, dass Schmerz, Trauer, Wut und Verzweiflung ebenso dazugehören wie Freude, Dankbarkeit und Stolz, kann ich in Anerkennung des Jeden-Tag-neu-Werdens eine spielerische Haltung der Neugier einnehmen. Dort, wo ich meine Identität nicht in Form einer Statue verankern muss, sondern in dem Vertrauen lebe, mich – empfindend, selbstachtend, neu schauend, (selbst-)mitfühlend – in eine hoffnungsvolle Zukunft hineinerzählen zu dürfen, dort kann ich ganz Mensch sein.


Im Blick eines syrischen Flüchtlings begegnet mir die Frage „Wer bin ich?“
Ich will zu einer Antwort beitragen können. Und so erzähle ich mir meine Geschichte solange neu, bis sich mir ein Jetzt eröffnet, aus dem ich hervortrete und meinen Platz einnehme.
Heute schaue ich entspannt in den Spiegel. Freude ist in mir. Ich bin auf dem Weg. Habe mich an verschiedenen Orten ins Gespräch gebracht, um meine Plätze des Handelns zu finden. Jetzt fühlt es sich ganz an. Und leicht. Willkommen!

                                    


(aus: integrale perspektiven Nr. 32)