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20.11.2017 : 8:57 : +0100

Integral Entrepreneurship

Stephan Gerd Meyer

 

Wertschöpfung durch Wertschätzung und Kompetenz

Entrepreneurship ist ein dynamischer Prozess, der Bestehendes auf der Basis von weiterführenden Geschäftsmodellen neu arrangiert und in Innovationen überführt. Er erkennt Marktchancen, greift diese auf und setzt sie gewinnstrebend, zunehmend auch werteorientiert und nachhaltig, um. Der koordinierte Einsatz von Ressourcen gehört dazu genauso wie die kalkulierte Übernahme von Risiken. Entrepreneure treten als Innovatoren in Erscheinung, sie greifen neue Ideen auf und etablieren sie. Dabei verändern oder zerstören sie mitunter die bestehenden Strukturen, um Platz für bessere zu schaffen.

Die deutsche Übersetzung „Unternehmertum“ bzw. „Unternehmer“ ist inhaltlich nahe verwandt, wird aber im alltäglichen Sprachgebrauch und Verständnis stark mit den Faktoren GELD, MACHT und EINFLUSS in Verbindung gebracht. Ich siedle sie daher vorwiegend in den Spiral-Dynamics-Ebenen Rot, Blau und Orange an, während die internationalen Begriffe mehr für KREATIVITÄT, INNOVATION und PERSÖNLICHKEIT stehen, analog Orange, Grün und Gelb. Sie sind auch in der Wissenschaft, z.B. an den Lehrstühlen deutscher Universitäten, mittlerweile weit verbreitet. Ein gutes Beispiel dafür, wie Sprache sich in Entwicklung abbildet und jede Entwicklungsstufe entsprechende Sprachneuschöpfungen ermöglicht bzw. erfordert.

Die Entrepreneurship-Forschung konzentriert sich auf Fragestellungen in Zusammenhang mit der Gründerpersönlichkeit und Umweltfaktoren sowie auf die Erforschung von Strategien und Organisationformen, derer sich Entrepreneure bedienen, um Organisationen erfolgreich aufzubauen. Sie stellt fest, dass insbesondere Eigenschaften und Überzeugungen wie Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit der Gründerpersönlichkeit die Erfolgswahrscheinlichkeit von Entrepreneuren wesentlich beeinflussen. Wichtige Kompetenzen von Entrepreneuren aus integraler Perspektive sind:

  • Innerpsychische Kompetenz und Eigenwahrnehmung

  • Soziale und Gruppendynamische Kompetenzen

  • Fach- und Sachkompetenz, interdisziplinäre Kompetenzen

  • Systemische Kompetenz zur Weiterentwicklung von Gemeinschaften/Systemen

  • Landkartenkompetenz, z.B. Wilbers AQAL

  • Entwicklungskompetenzen allgemein

Das Verständnis von der Absicht und der Praxis, unternehmerisch tätig zu sein, verändert sich zunehmend hinsichtlich der Werte und Ziele, die damit verfolgt werden. Werte schaffen, erhalten und weitergeben - die unternehmerische Wertschöpfung - wird immer seltener rein materiell oder rein ideell definiert, sie wird eher als Energiefeld mit unterschiedlichen Formen und Auswirkungen wahrgenommen und beschrieben. In der postmodernen Perspektive des Integral Entrepreneurship entstehen Werte vor allem im Herstellen und der Aufrechterhaltung von Beziehungen, woraus dann Wirkungen und Resultate entstehen.

Beginnen wir damit, die Beziehungen wahrzunehmen und wertzuschätzen, in denen wir uns ganz von selbst befinden:

  • Naturzyklen, die im Jahreskreis zum Ausdruck kommen

  • Tier- und Pflanzenwelt, die uns unmittelbar oder indirekt ernährt

  • Familienbande, inklusive unserer Herkunft („Ahnen“)

  • Kommunikation mit Partnern, Kindern, Freunden, Kollegen, Kunden, ...

  • etc.



Von der Natur lernen

In all diesen Beziehungen geht es darum, die eigene Stellung wahrzunehmen, die daraus resultierenden Möglichkeiten zu erkennen und mit dem persönlichen Potenzial etwas zu leisten, bewirken, schaffen. Die Natur ist der beste Lehrer dafür, sie tut das unermüdlich mit einer genialen Kontinuität und Vielfalt und bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung, von eher locker (mit viel individuellen Freiheiten und Einzelgängerschaft) bis hin zu sehr durchorganisierten und hierarchisierten Gemeinschaftsformen. In der Interaktion mit Tieren, Pflanzen, Kräften und Elementen können wir unsere eigenen Werte erkennen und daraus neue Werte zum Wohle Aller erzeugen.

Im Bienenvolk der Honigbiene (Apis Mellifera) herrscht beispielsweise eine strenge Ordnung, in der jede Biene ihre klar definierten Aufgaben hat. Verglichen mit Säugetieren kann das gesamte Bienenvolk wie ein einziger Organismus wahrgenommen werden (auch wenn es, in der Wilber’schen Definition, ein soziales Holon bleibt), in dem jede einzelne Biene bestimmte Funktionen für das Gesamte hat, denen sie sich nicht entziehen kann ohne Schaden zu nehmen. Die einzelne Biene lebt ca. 6 Wochen und durchläuft in dieser Zeit verschiedene Rollen: Als Arbeiterin ist sie zunächst zuständig für die Sauberkeit und die Brutpflege, dann für das Sammeln von Pollen und Nektar und schließlich für die Produktion und Lagerung von Honig, Propolis und weiteren Produkten. Die Drohnen sorgen für die energetische Balance im Volk und begatten die Königin. Die Königin ist die größte Dienerin - sie legt die Eier und gewährleistet damit den Fortbestand des Volkes. Jede einzelne Biene schafft so in jedem Augenblick den maximal möglichen Wert für das Volk und gewährleistet dadurch ihre eigene Existenz.

Auch eine Pferdeherde hat klare Hierarchien, in der jedes Tier seine Rolle immer genau kennt und annimmt. Dadurch können sich alle Pferde jederzeit sicher fühlen, indem sie sich bei Gefahr an den ranghöheren Tieren orientieren und ihnen vertrauensvoll folgen. Der Rang gibt Sicherheit und er entspricht immer dem aktuell vorhandenen Potenzial, das durch Alter, Kraft, Erfahrung, Intelligenz, etc. bestimmt wird. Ändern sich diese Faktoren, dann ändert sich auch der Rang innerhalb der Herde. Die Pferde nehmen das nach kurzen Auseinandersetzungen gerne an, weil dadurch sofort wieder Sicherheit, Gelassenheit und Balance in der Herde entsteht, wovon alle maximal profitieren.

Das naturgegebene, instinktgeleitete Vertrauen in den persönlichen Auftrag, das eigene Potenzial und seine Grenzen sowie die damit verbundenen Rollen, Positionen und Aufgaben ist den Tieren implizit, sie sind dadurch in jedem Augenblick maximal präsent. Wir Menschen haben mit unserer Fähigkeit zur Selbstreflektion die Möglichkeit, Freiheit und die Bürde, dies für unser Leben zu hinterfragen, selbst zu bestimmen und jederzeit frei zu entscheiden was wir für richtig und angemessen halten. Welche Balance zwischen individueller Freiheit und gemeinschaftlicher Verbindlichkeit ist in welcher Lebenssituation für uns richtig? Ich finde, wir tun wir gut daran, diese Aufgabe einfach zu halten und uns dabei immer wieder auf das Wesentliche hin zu orientieren: Unsere höchste Möglichkeit zu erfüllen.

Beziehungen formen, aufbauen und unterhalten

Das integrale Prinzip der Wertschöpfung (in allen Quadranten, Ebenen, Linien, Zuständen und Typen), als ein der Materie und den Idealen übergeordnetes Energiefeld, berücksichtigt die unterschiedlichen Ebenen und Qualitäten von Beziehungen und die daraus resultierenden Möglichkeiten, die Welt zu gestalten. Es kann für alle Tätigkeiten, Projekte und Unternehmungen angewendet werden, unabhängig von ihrer Absicht, Größe oder Organisationsform. Wir wählen aus zwischen dem persönlichen Maß an Freiheit und dem Bedürfnis nach Verbindlichkeit, wir entscheiden, welche Form und Intensität von Gemeinschaft wir suchen. Dabei legen wir auch fest, wie weit wir die möglichen Spielräume ausschöpfen möchten bzw. wo wir selbst uns Grenzen setzen.

Psychologisch


Wie initiierst, ermöglichst oder erschaffst Du neue Ausdrucksformen und Gelegenheiten für persönliches Wachstum?

Verhaltensorientiert


Wie initiierst, ermöglichst oder erschaffst Du Aktivitäten, Verhalten und Fähigkeiten?




FREIHEIT


Kulturell


Wie initiierst, ermöglichst oder erschaffst Du Austausch, Zugehörigkeit und die Entwicklung von Werten?



Systemisch


Wie initiierst, ermöglichst oder erschaffst Du funktionelle Systeme, Prozesse, Abläufe und Wechselwirkungen mit benachbarten Systemen?





VERBINDLICHKEIT

Quelle und weiterführende Infos: Institute of Integral Entrepreneurship, www.integral-entrepreneurship.org

Egal ob es um eine Existenzgründung geht, das Wachstum eines bestehenden Unternehmens oder die geschäftliche Neuausrichtung - es sind dieselben Fragen und Antworten, die dabei helfen, sich mit den bestehenden Möglichkeiten und Grenzen zu verorten und die vorhandenen Potenziale optimal einzusetzen. Die folgende Aufstellung von Brett Thomas (www.consciousbusinesscoalition.com) halte ich für hilfreich zur Standortbestimmung und Stratgieentwicklung:

* Meine Absicht und Mission

* Meine Zukunftsvision

* Meine Gaben für die Welt

* Wer am meisten von meinen Gaben profitiert

* Wie ich Werte und Wohlstand schaffen kann

* Zentrale Fragen, die für mein Vorankommen zu beantworten sind

* Wie ich momentan meine Gaben in die Welt bringe

* Ressourcen, die mein Vorankommen beschleunigen können

* Was noch fehlt, um gut voranzukommen

* Wer mir dabei helfen kann

* Woran ich noch arbeiten sollte

* Hindernisse, die zu überwinden sind

 

Leben und arbeiten in Balance

 

Die Zyklen und Phänomene der Natur können dabei helfen, das persönliche Gleichgewicht zu finden: Die Natur ist immer in Balance, sie kennt viele Extreme und befindet sich - insgesamt betrachtet - zugleich immer im Fließgleichgewicht der Kräfte. Dabei gebiert, entwickelt, gestaltet, verändert, zerstört und regeneriert sie fortwährend ihre Elemente auf kreativste Art und Weise. Sich ihr auszusetzen, in und mit ihren Energien zu sein, ist ganz einfach und zugleich äußerst wirkungsvoll. Durch gleichzeitiges Transzendieren und Bewahren gelangen wir mit unserer Lebensgrundlage NATUR zur menschlichen Schöpfung der KULTUR. Wenn alle Bestandteile, wie z.B. die AQAL Elemente, in einer möglichst ausgewogenen Balance vertreten sind, dann ist Erfolg und Erfüllung möglich, weil alle Energien frei fließen. Wenn bestimmte Teile gar nicht oder besonders stark vertreten sind, sollte für Ausgleich gesorgt werden - nur wenn alle Elemente einen angemessenen Raum haben, ist das System komplett und stimmig, gesund und effizient. Was vergessen, vernachlässigt oder verdrängt wird hat das Bestreben, sich umso mehr bemerkbar zu machen und als „Störung“ aufzutreten. Sie signalisiert ein Ungleichgewicht, ein Bedürfnis nach Balance, und sollte ernst genommen werden, genauso wie ein körperliches Symptom. Die Heilung liegt im freien Fluss der Kräfte, den es dann wieder herzustellen gilt.

Wer mit kreativem Potenzial die Welt gestaltet, die persönliche und kollektive Entwicklung fördert, die erwähnten Kompetenzen aktiviert und dabei nach Balance strebt, kann eigentlich nur erfüllt und erfolgreich sein - nicht unbedingt in jedem Augenblick, aber mittelfristig betrachtet immer öfter und länger. Sie oder Er lebt das Leben aus den höchsten Möglichkeiten heraus, offen für das kreative Potenzial in jedem Augenblick.

 

(aus: integrale perspektiven Nr. 31)