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17.8.2017 : 1:23 : +0200

Christliche Mystik und integrale Spiritualität

Ein Erfahrungsbericht von Helmut Dörmann

Ich“ ist nicht real. In dem Maße wie das Ich Realität besitzt, wird das Nicht-Ich irgendwie auch real.

 
Einleitung

Ken Wilber hat sich in den letzten Jahren zunehmend mit christlichen Mystikerinnen und Mystikern (oder „Kirchenheiligen“, wie er sie nennt) wie Theresa von Avila, Gregor von Nyssa oder Meister Eckhart befasst. Ein Ergebnis seiner Auseinandersetzung ist die Entdeckung der „drei Gesichter Gottes“, im Speziellen das „zweite Gesicht Gottes“. Hierzu später mehr. In diesem Artikel möchte ich am Beispiel einer christlich orientierten Kontemplationsgruppe beleuchten, wie christliche Mystik und Integrale Spiritualität zusammenpassen, welche Schwierigkeiten, Freuden und Entwicklungsschritte damit verbunden sind und wie letztlich ein Zusammenfließen aussehen kann.

Was versteht man nun unter christlicher Spiritualität oder Mystik? In der christlichen Spiritualität gibt es ähnlich wie in anderen Traditionen verschiedene Richtungen. Eine von ihnen ist die „Würzburger Schule der Kontemplation“ (WSdK), deren Vorstandsmitglied ich bin. Momentan gehören zur WSdK etwa 120 Lehrende und damit ebenso viele Sitz- oder Kontemplationsgruppen. Sie wurde initiiert von Willigis Jäger, Benediktiner und Zen-Meister www.benediktushof-holzkirchen.de.

Die Kontemplation kann als ein spiritueller Erfahrungsweg der christlichen Mystik verstanden werden, der in die Stille führen will. Er wurde bis zum Anbruch der Neuzeit gelehrt und ist dann weithin in Vergessenheit geraten. Er ist den Schulungswegen anderer Hochreligionen wie dem Sufismus im Islam, dem Yoga des Hinduismus und dem Zen oder Vipassana des Buddhismus vergleichbar. Ziel dieses Übungsweges ist das Schauen ins eigene SEIN (oder in die eigene Wesensnatur), welches jenseits von Denken und Fühlen erfahren werden kann. Das Wort „contemplare“ kommt aus dem Lateinischen. Frei übersetzt kann man Kontemplation als „Schauen in den eigenen Tempel“ übersetzen.

Rückblick

2002 gründete ich die „Kontemplationsgruppe Minden“. Mir war damals wichtig, eine Möglichkeit für christlich orientierte Menschen zu schaffen, Kontemplation zu praktizieren. Die Gruppe traf sich in der Sakristei der Marienkirche – ein unglaublich schöner und inspirierender Ort. Man atmete diese besondere Atmosphäre einfach mit ein. Schnell fanden sich etwa sieben, acht Interessierte. Zuerst trafen wir uns vierzehntägig, später dann jede Woche. Im Mittelpunkt der Abende stand die Praxis der Kontemplation (dreimal 25 Minuten), unterbrochen durch meditatives Gehen. Die Abende begannen in der Regel mit Tai- Chi oder Qigong. In der Gruppe waren etwa gleich viele Frauen und Männer vertreten.

Unzufriedenheit und Umbruch

Die Kontemplationsabende in der Marienkirche hatten nun über mehrere Jahre ihren ganz eigenen Charakter gefunden, und immer wieder fanden Interessierte den Weg in die Gruppe. Einige ließen sich auf den Weg der Kontemplation ein. Andere verließen die Gruppe nach einiger Zeit. Die Praxis der Kontemplation stand nach wie vor im Vordergrund. Durch regelmäßige „Austauschrunden“ entwickelte sich allmählich ein Miteinander. Aber richtig zufrieden war ich darüber nicht. Ich erkannte schmerzlich, dass etwa ein Drittel (oder mehr) nach wie vor ausschließlich wegen des Meditierens kam. Sie suchten die Stille (das Absolute), waren aber wenig offen für körperliche, mentale und psychische Dynamiken (das Relative).

Unzufrieden machte mich auch, dass Gruppenmitglieder sehr unregelmäßig erschienen. Hinzu kam, dass die kleine Sakristei im Winter nicht warm zu bekommen war. Wir saßen manchmal in unseren Mänteln und froren und übten uns zugleich in der Kontemplation. Gespräche mit dem Pfarrer bezüglich des Raumproblems zeitigten keinen Erfolg. So entschloss ich mich im Frühjahr 2007 schweren Herzens, nach einem anderen Raum Ausschau zu halten. Nach längerem Suchen wurde mir in einer Bildungsstätte ein Raum angeboten, der mir sehr geeignet schien.

Auseinandersetzung mit Ken Wilber

Ich beschäftigte mich in dieser Zeit zunehmend mit den Schriften Ken Wilbers und wurde 2003 Mitglied im damaligen Arbeitskreis Ken Wilber. Durch das Studium seiner Bücher lernte – und lerne ich immer noch – mein Verständnis von der Welt, von mir selbst und anderen in einem größeren Rahmen und Zusammenhang zu sehen (AQAL). Immer mehr floss bei Kontemplationsabenden, aber auch bei Vorträgen und während Vertiefungstagen in spontanen Impulsen Wilbers integraler Ansatz mit ein.

Neue Räumlichkeiten und neue Wege …

Im Oktober 2007 bezogen wir unsere neuen Räumlichkeiten, und ich nutze die Gelegenheit, um einiges zu ändern. So wurde aus der Kontemplationsgruppe eine Jahresgruppe „Integrale Spiritualität“. Teilnehmer zahlen einen Jahresbeitrag von 135 Euro. Wir treffen uns (immer noch) wöchentlich für knapp zwei Stunden. Der Schwerpunkt liegt in der Einübung von Kontemplation (etwa eine Stunde). In der verbleibenden Zeit werden verschiedene Module einer Integralen Lebenspraxis (ILP) eingeübt.

Die Entwicklung, die dann einsetzte, überraschte mich sehr. Mehr als die Hälfte der „alten“ Gruppenteilnehmer ließ sich nicht auf „Integrales“ ein. Dafür kamen in kurzer Zeit umso mehr neue Leute dazu, unter anderem einige meiner engsten Freunde und Freundinnen und auch meine Frau. Ich wusste in dieser Umbruchphase nicht, was da wirklich geschah. Ich wusste nur …, dass etwas geschah. Ich spürte deutlich: Etwas „Neues“ will sich seinen Weg bahnen und ich ließ mich nach einigem Zögern ganz auf dieses Neue und Unbekannte ein.

Innerhalb eines Jahres wuchs die Gruppe dann auf über 20 Leute an. Meine Hoffnungen, Vorstellungen und Wünsche wurden mehr als erfüllt. Die meisten Teilnehmer kamen regelmäßig und es entwickelte sich schnell eine Gruppendynamik, wie ich sie mir immer erhofft hatte. Die Abende waren von Offenheit und Herzlichkeit geprägt. Für den Inhalt entwickelte ich folgende Kernpunkte einer integralen Spiritualität:

Grundsätzliches

Wir sind göttlichen Ursprungs – das gilt es zu erkennen.

  • Unsere Seele will wachsen – wir folgen dieser Sehnsucht nach Vervollkommnung.
  • Leben bedeutet Veränderung – wir heißen alles willkommen.
  • Zu sich selbst stehen – wir übernehmen Verantwortung für unser Denken, Fühlen und Handeln.
  • Der „Marktplatz des Lebens“ – wir kümmern uns um das, was in uns, zwischen uns und um uns herum geschieht.
Was bedeutet das für die Jahresgruppe „Integrale Spiritualität“?
  • „Kontemplation der Stille“ ist die zentrale Übung.
  • Wir beziehen Körper, Seele und Geist mit ein und praktizieren konkret mit ihnen.
  • Religionsübergreifende Praxis (aus West und Ost).
 Was heißt das konkret?
  • Wir üben uns in der Kontemplation.
  • Wir üben uns in Achtsamkeit für unseren Körper.
  • Wir üben uns im transformierenden Tönen.
  • Wir beziehen emotionale Praktiken wie z. B. Tonglen (eine buddhistische Mitgefühlspraxis) mit ein.
  • Wir tauschen uns aus: Herzensgespräche, Erfahrungsaustausch und Einzelgespräche.
  • Wir setzen uns auch mit unseren Schatten auseinander.
Die drei Gesichter Gottes und Gebetsgebärden

Die Auseinandersetzung mit der von Ken Wilber entwickelten Idee der „drei Gesichter Gottes“ hat mich unglaublich bereichert (siehe dazu auch die Ausgabe 13 der „Integralen Perspektiven“).

Das erste Gesicht Gottes ist das ICH BIN, der GEIST als der große Zeuge in uns. In diesem „reinen“ Bewusstsein ist alles immer gegenwärtig. Buddhisten nennen es Buddhanatur und Christen sprechen von Christusbewusstsein.

Das zweite Gesicht Gottes ist das große DU, die strahlende, lebendige Gottheit (wie es der deutsche Mystiker Meister Eckhart ausgedrückt hat). Hier geht es um eine gefühlte Hingabe und Verbindung zu dem, was in unserer westlichen Gesellschaft „Gott“ genannt wird. Ein christliches Meditationsmantra drückt es so aus: „Ich in DIR und DU in mir“.

Das dritte Gesicht Gottes ist das große ES, das große Gewebe des Lebens, die große Vollkommenheit der Existenz selbst. Die bekanntesten Ausdrucksformen sind Naturmystik (Natur, Himmel, Sonne, die Erde, das Universum ...) oder Philosophie und Theologie. Ein berühmter Satz, der dies verdeutlicht ist: „Alles schmeckt nach Gott.“

Aus Gesprächen weiß ich, dass sich viele spirituell Suchende mit dem zweiten Gesicht Gottes schwertun, obwohl gleichzeitig eine Sehnsucht in diese Richtung existiert. Das betrifft auch Menschen, die den Weg der christlichen Mystik gehen. Häufig wird damit einfach ein personaler Gott (Mann mit Bart) verbunden. Dass dies für postmoderne Menschen nicht mehr verständlich und akzeptierbar ist, liegt auf der Hand – entspringt es doch einem magisch/mythischen Bewusstsein. Deshalb ist ein neues, vertieftes Verständnis eines göttlichen Gegenübers sehr zu begrüßen.

Die „drei Gesichter Gottes“ finden sich an den Gruppenabenden in einem Körpergebet (Gebetsgebärden) auf wunderbare Weise wieder. Dabei wird es in seiner Ausführung natürlich mit dem Körper ausgedrückt, bezieht aber Seele und GEIST mit ein. Diese Gebetsgebärden knüpfen an eine urchristliche Tradition an, z. B.:

Ich stehe, spüre nach innen und erfahre mich in meiner Ganzheit; ich stehe und umarme mit meinen Armen die Welt, den Nächsten, das Universum …; ich verwurzele mich mit der Erde und strecke mich zum Himmel, um Segen, Liebe und Heilung zu erfahren; ich strecke meine Arme aus und komme in die Segenshaltung. Die Segenshaltung kann ausdrücken: Wir sind gesegnet und können andere mit unserem So-SEIN und unseren guten Absichten und Taten segnen; ich komme in die Niederwerfung und verneige mich vor Gott als dem lebendigen Prinzip allen Seins. Ich falte meine Hände und bin dankbar.

Integrale Lebenspraxis

Eine weitere Fragestellung bei der konkreten Durchführung der Gruppenabende ist die, inwieweit das, was Ken Wilber im Rahmen der Integralen Lebenspraxis vorstellt, eingebracht und praktiziert werden kann. Meiner Erfahrung nach ist ein richtiges Maß von Praxis, aber auch von Theorie von entscheidender Bedeutung für eine gute Gruppendynamik. Ein Zuviel an Praktiken kann mehr Energie nehmen, statt freisetzen. Eine andere Erkenntnis ist, dass die verschiedenen Praktiken einen festen Platz im Ablauf des Abends haben sollten. Ich sehe die Entwicklung der Abende nach wie vor als einen Prozess, den man im Grunde nicht vorhersehen kann. Für mich ist es ein gemeinsames Lernen. Ein Lernen, dass auf Erfahrung und Erkenntnis ausgerichtet ist.

Als eine Orientierung haben sich für unsere Abende folgende Module bewährt:

      Grundmodule

  • Körper: Gebetsgebärden, manchmal auch etwas Tai Chi, Qi Gong oder andere Körperarbeit
  • Verstand: Regelmäßige Vorträge mit Diskussion (einmal im Monat), Rezitieren von Texten
  • GEIST: Kontemplation der Sammlung (auf den Atem oder ein Wort) und „Schauen ins nackte Sein/Reines Gewahrsein“
  • Schatten: Bewusstwerdung und transformierendes Tönen (für eigene Blockaden und Nöte)

     Zusatzmodule

  • Emotionen: Tonglen (Transformationsübung für die Nöte anderer)
  • Beziehungen: Mitfühlender Austausch, Erfahrungsaustausch (alle ein bis zwei Monate), Einzelgespräche, Lehrer-Schüler-Beziehung
  • Ethik: Kultivierung von Liebe, Freundlichkeit und Mitgefühl

      Module, die bislang nicht gelebt werden

  • Sexualität
  • Arbeit

Meiner Erfahrung nach ist ein richtiges Maß von Praxis, aber auch von Theorie von entscheidender Bedeutung für eine gute Gruppendynamik.

 

Wie verläuft nun so ein Abend?

Wir beginnen den Abend mit Gebetsgebärden. Als „Einstimmung“ folgt in der Regel eine kurze Spontangestaltung. Anschließend praktizieren wir die Gebetsgebärden. Als Einstieg in die Kontemplation folgt dann das Tönen. Wir tönen auf „Shalom“ oder auf tibetische Silben (A, OM, HUNG, RAM, TSA). Der Schwerpunkt der Abende liegt aber in der Kontemplation (dreimal 20 Minuten). Eingebettet in eine Meditationseinheit ist das Tonglen. Am Ende rezitieren wir einen Text oder einen Vers. Bevor wir auseinandergehen, stellen wir uns im Kreis zusammen, fassen uns an den Händen, spüren nach innen, nehmen die Energie der anderen auf und geben selber von Herzen Energie weiter.

Was bringt die Zukunft?

Bezogen auf die Gruppe hier in Minden denke ich, werden wir bestehende Praktiken und Übungen vertiefen sowie neue integrieren und den Integralen Salon weiter führen.

Fazit

Ich freue mich sehr über das, was sich in den letzten zwei Jahren entwickelt hat. Meine Erwartungen und Wünsche (vor diesem Schritt) wurden bei Weitem übertroffen. Ich bin gespannt auf die Zukunft. Integrale Wege zu gehen, ist für mich die Verbindung von christlicher Mystik und postmoderner Spiritualität. So entsteht etwas Neues und hoffentlich ganz Wunderbares.

In einer Metapher ausgedrückt: Christliche Mystik und integrale Spiritualität „tanzen“ gemeinsam voll Vertrauen, ohne zu wissen, wie der ganze Weg aussehen mag. Auch ist nicht immer klar, wer eigentlich führt. Die (göttliche) Musik des Tanzes lädt zum nächsten Schritt ein. Der nächste Schritt entsteht ganz von selbst – er ergibt sich aus dem vorherigen. Das Paar tanzt und der Weg entsteht ...


Quelle: IP 14, 2009