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20.11.2017 : 4:58 : +0100

Das ZEGG-Forum - Eine integrale Praxis der Gruppenkommunikation

 

von Achim Ecker

Für sich alleine ist es den meisten Menschen möglich, ein Leben zu leben, ohne sich in der Tiefe mit sich selbst zu konfrontieren – wenn dies auch mit einem hohen Preis verbunden ist. In einer Beziehung ist dies schon schwieriger, in einer Lebensgemeinschaft kommt man nicht darum herum, mit sich selbst und anderen in eine transparente Verbindung zu treten. Gleichzeitig ist Gemeinschaft ein hervorragendes Übungsfeld, um sich den innerpersönlichen wie auch den zwischenmenschlichen Konflikten zu stellen und daran zu wachsen. Wie dies geschehen kann, wird im nachfolgende Beitrag anhand einer konkreten gruppendynamischen Praxis vorgestellt. (mh)

 

Das „ZEGG-Forum“ ist eine ritualisierte Kommunikationsform für größere Gruppen, bei der eine Person in der Mitte des Kreises der Teilnehmenden agiert. Es ist wie eine existenzielle Theaterbühne, die den ganzen Menschen mit seinem Körperausdruck, seinem Geist, seiner Sprache, seiner Kreativität und seinen Gefühlen einbezieht. Wir (das ZEGG – Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung) haben das Forum vor mehr als 30 Jahren entwickelt. Entstanden ist es 1978 aus der Notwendigkeit, eine Form zu entwickeln, die Vorgänge in der Gruppe in einem gelebten sozialen Experiment für alle Beteiligten sichtbar und verstehbar macht.

Wir wollen ein Leben schaffen, in dem die Lebensenergien und Gefühle frei fließen können; ein Leben, in dem wir Konflikte nicht vermeiden, sondern sie als Gelegenheiten betrachten, bewusst zu werden und tiefer zu gehen. Mit dem Forum bauen wir ein empathisches soziales Umfeld auf, das uns dabei unterstützt, mit allem präsent zu sein, was in uns ist, wie auch immer es sich anfühlt. Es gibt nichts in meinem Inneren, was nicht sein darf.

Schatten werden entweder erkannt und angeschaut oder im Außen bekämpft. Bewusstsein über den individuellen und kollektiven Schatten herstellen, ist die beste Methode, die Schatten aufzulösen. Bewusstsein heilt. Die Integration der Schatten ist eine Notwendigkeit für den nächsten Schritt in der Evolution.“

Ken Wilber

 

Wir haben „Visionszeit“ im ZEGG und planen das nächste Jahr zusammen. Dabei geht es auch immer um ein Zusammenkommen der Gemeinschaft, und jeden Tag findet das Forum statt. Das Forum ist ein Raum für alles, was mich bewegt, für meine Wut ebenso wie für meine Liebe oder Lust.

Es gibt zwei Forumsleiter. Sie spielen eine zentrale Rolle und unterstützen die Menschen in der Mitte. Ein Forum zu leiten, setzt große menschliche Erfahrung und Kenntnis der eigenen blinden Flecken voraus, um nicht aus einem eigenen Schatten heraus zu handeln. Nur die Forumsleiter interagieren mit der „Darstellerin“. Sie sind wie Geburtshelfer, die den Prozess des Darstellers unterstützen. Sie brauchen das Vertrauen der Gruppe und folgen ganz ihrer Erfahrung und Intuition. Die Aufgabe eines Forumsleiters ist es, die persönliche Wahrheit einer Person (das einzigartige Selbst), deren Kraft und höchstes Potential hervorzulocken.

Wenn ich ins Forum gehen will, stehe ich auf und trete in die Mitte. Das ist nicht immer leicht, z.B. wenn ich nervös bin oder mir das Thema, das ich ansprechen will, sehr unter den Nägeln brennt, etwa weil es eigene tiefe Werte berührt. Ich weiß, dass es im Forum immer um mich geht, auch in einem Konflikt mit einer anderen Person. Ich will z.B. erforschen, warum mich ein bestimmtes Verhalten so verrückt macht. Die Forumsleiter unterstützen mich darin, mit allem, was auftaucht, ganz da zu sein. Ich teile mit, was in mir gerade vor sich geht und was mich bewegt. Ich kann den gesamten Raum in der Mitte nutzen, mich bewegen, sprechen, spielen und mich mit meinen Gefühlen verbinden. Das Ziel ist es, authentisch und präsent zu werden, denn wenn ich ganz da bin, kann Heilung eintreten.

Alle im Kreis Sitzenden gehen in die innere Haltung eines wachen Zeugen. Der Kreis unterstützt den Prozess in der Mitte mit seiner aufmerksamen, liebenden Präsenz. Es kann sehr kraftvoll und berührend sein, jemanden in der Mitte wahrzunehmen, der Schritt für Schritt in die Tiefe geht. Fast immer betreffen die Themen des Einzelnen auch andere im Kreis, und deren innere Prozesse werden ebenfalls angestoßen. Wir erkennen, dass unsere eigenen emotionalen Vorgänge denen der Darstellerin ähnlich sind und dass alles, was in der Mitte passiert, Beispielcharakter hat.

Das Forum arbeitet grobstofflich (physischer Körper, Verhalten), subtil (Körperenergie, Gefühle wahrnehmen) und kausal (innerer Zeuge).

Durch den „Auftritt“ der Darstellerin in der Mitte können die Umsitzenden besser auf allen Ebenen „zuhören“, nicht nur verbal und intellektuell, sondern auch die Bewegungen des Körpers wahrnehmen, den Klang der Stimme und die Energie der Person.

Ich habe es bei vielen Foren erlebt, wie eine Person in der Mitte tiefer ging in die eigenen Schmerzpunkte und so Unbewusstes sichtbar wurde und im sozialen Kontext heilen konnte. Daher weiß ich, wie gut es ist, mit all meiner Liebe und der unterstützenden Präsenz des Kreises auch da tiefer zu gehen, wo ich sonst immer fliehen will. Ich selber entscheide, wie weit ich bei der Selbsterforschung in der Mitte gehen will. Ich habe oft gesehen, wie der befürchtete Schmerz dann bei genauerer Betrachtung gar nicht so schlimm war. Im Forum kann ich lernen, mich nicht mit meinen wechselnden Emotionen zu identifizieren.

Meine Nervosität legt sich und ich fange an auszudrücken, was mich bewegt. Manchmal benutze ich meinen Körper dafür, manchmal stehe ich aber auch still und folge der inneren Spur eines noch subtil auftauchenden Gefühls. Ich kann in der Mitte maßlos übertreiben, ohne mich hinterher rechtfertigen zu müssen, denn mein Auftritt findet in einem besonderen Erlebnisraum statt, wo niemand nachher meine Aussagen auf die Goldwaage legen wird. Sobald ich fertig bin, setze ich mich wieder und bekomme einen Applaus als Anerkennung meines Schrittes in die Mitte.

Jetzt werde ich gefragt, ob ich „Spiegel“ bekommen möchte. Natürlich will ich, denn indem ich die Außenwahrnehmungen der anderen höre, kann ich lernen, meine Eigenwahrnehmung zu relativieren. Andere, die einen Spiegel geben möchten, teilen mit, was sie wahrgenommen haben. Sie sprechen über mich in der 3. Person und nehmen keinen direkten (Blick-)Kontakt mit mir auf, weil es dann leichter ist für die angesprochene Person, zuzuhören. Der Spiegel wird ebenso wie der vorherige Auftritt in der Mitte der Gruppe gegeben, um zu unterstreichen, dass er der persönliche Blickwinkel dessen ist, der den Spiegel gibt. Meine Verantwortung ist es nun, innerlich zu lauschen, was Resonanz erzeugt und was nicht. Oft „klingelt“ es irgendwo in mir und dann weiß ich, wo ich hinschauen muss. Ein Schatten-Aspekt wurde angesprochen und dort liegt oft ein Schatz verborgen, eine Qualität in mir, die nicht leben durfte zu ihrer Zeit.

Die Spiegel sind so etwas wie das Anzapfen der kollektiven Intelligenz durch den „Organismus“ der Gruppe. Jeder hat eine einmalige Wahrnehmungsperspektive und kann diese zum Puzzle des Lebens beitragen. Zu erfahren, was andere bei ihrem Auftritt wahrgenommen haben, ist ein Angebot zur Selbsterforschung für die Darstellerin. In unserer Kultur werde ich ohne solche direkten Spiegel sozial „alleine gelassen“. Die Welt braucht diese Art der authentischen Antwort. Auf dem Weg zu einem freieren Leben ist soziale Rückkopplung ein unverzichtbarer Bestandteil.

Das Forum ist ein wesentlicher Teil unserer Reise im ZEGG hin zu einem lebendigen Raum von beweglichen und dynamischen Beziehungen, Konflikten, Gefühlen und Freundschaften. Es ist sowohl eine innere wie auch eine äußere Arbeit, die auf dem fruchtbaren Boden von Vertrauen und Transparenz gedeiht, den das Forum schafft. Wir sehen das Forum als einen Beitrag für die Welt, die wir schaffen wollen – eine Welt, die sich tief aus den Herzen der Menschen entwickelt. Transparente Kommunikation ist ein wesentlicher Teil der Verbindung, die unsere Gemeinschaft lebendig und zusammen hält. Sie ist ein Herzstück der Gemeinschaft.

Das ZEGG-Forum hat sich mittlerweile weiterverbreitet in zahlreiche Gruppen und Gemeinschaften in Deutschland, Europa und Amerika, wo es seit vielen Jahren mit Erfolg angewendet und vermittelt wird.


Quelle: IP 17 - 11/2010