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25.9.2017 : 18:54 : +0200

Freiheit – Solidarität – Nachhaltigkeit

Die Solidarökonomie der Lebenstraumgemeinschaft Jahnishausen


Michael Habecker

Anlässlich eines Supervisionswochenendes in Jahnishausen hatte ich Gelegenheit, mit der Lebensgemeinschaft über ihre Ökonomie zu sprechen und gestalterisch beizutragen.

Den Einstieg dazu bildeten drei Grundperspektiven, aus denen heraus sich Menschen orientieren, abgeleitet aus den vier Quadranten Ken Wilbers (die beiden oberen Quadranten sind zusammengefasst). Jeder Mensch – das können Sie selbst bei sich unmittelbar nachprüfen – hat ein individuelles Erleben als ein Ich-Erleben, ein gemeinschaftliches Erleben als ein Wir-Erleben und sieht sich weiterhin – Abstand nehmend – als ein Teil von Systemen unterschiedlichster Art, politisch, gesellschaftlich, organisatorisch, ökologisch, finanziell, familiär usw.

So lag es nahe die Gemeinschaftsmitglieder dazu einzuladen, diese unterschiedlichen Perspektiven für sich einzunehmen – allgemein und auch vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Ökonomie. Dabei sind diese Perspektiven als unterschiedliche Blickwinkel auf ein Geschehen nicht voneinander zu trennen, es lohnt sich jedoch, sie erst einmal zu differenzieren, bevor sie dann wieder zusammengeführt werden:   

Abb.: 3 Hauptperspektiven mit typischen Einzelmerkmalen

Diese drei Hauptperspektiven wurden auf dem Boden als Bodenanker sichtbar gemacht, und die Gemeinschaftsmitglieder waren eingeladen, sich frei zu und aus jeder der Perspektiven zu äußern. Die Äußerungen wurden gesammelt und den jeweiligen Perspektiven zugeordnet. Nachfolgend sind sie nacheinander aufgeführt.

Subjektiv: Individualität und Freiheit in Gemeinschaft


Die Stellungnahmen machten deutlich, dass Individualität in der Gemeinschaft ein hoher Wert ist. Im Einzelerleben ist dies ein Gefühl von Freiheit mit unterschiedlichsten Aspekten:
die Freiheit …

  • in Gemeinschaft sein zu wollen
  • für sich sein zu wollen
  • auch in Gemeinschaft Beziehungen unterschiedlich zu pflegen
  • Ämter und Aufgaben zu übernehmen und niederzulegen
  • unentgeltlich für die Gemeinschaft tätig zu sein
  • Entgelt für Tätigkeiten zu beanspruchen
  • mit anderen zu teilen (Zeit, Aufmerksamkeit, Geld …)
  • nicht mit allen gleichermaßen teilen zu wollen
  • eigener subjektiver Bewertungen
  • der Dankbarkeit
  • zu sich zu stehen und zu dem was Mann/Frau braucht und macht
  • Vergleiche anzustellen
  • ohne Zwang zu geben
  • zu sagen „ich brauche …“
  • in einer „kontrollfreien Gemeinschaft“ zu sein

 

Intersubjektiv: Gemeinschaft und Verbindlichkeit


Auch Verbindlichkeit und Solidarität sind in der Gemeinschaft für ihre Mitglieder hohe Werte. Dazu gehören vor allem:  

  • Der Wunsch nach einem sorgenfreien Leben für alle
  • Solidarität nach innen (Gemeinschaft) und außen (Umfeld, Gemeinde und darüber hinaus)
  • das Prinzip von Schenkung auf Gegenseitigkeit ohne Aufrechnen
  • die Erwartung des sich Einbringens an alle
  • die Vorstellung, dass alle Arbeit Gemeinschaftsarbeit ist
  • die Möglichkeit der Leistung eines „Bedarfseinkommens“ an diejenigen, die finanzielle Unterstützung brauchen
  • das solidarische Aufteilen der für die Aufrechterhaltung des „Systems“ Gemeinschaft (siehe der nächste Punkt) notwendigen Arbeiten
  • die Notwendigkeit der Bewertungen und Entscheidungen (welche Arbeiten sind unbedingt nötig und welche nicht, wer kann/soll wie bezahlt werden und wer nicht …)?
  • der Wunsch, Menschen (statt Arbeit) zu bezahlen
  • keinerlei Diskriminierungen
  • Vertrauen als wichtigstes Gemeinschaftsgut
  • Geben in Gemeinschaft ist etwas Wunderbares und Schönes
  • die Forderung nach gleicher Bezahlung für alle


Schon bei der Gegenüberstellung der beiden Perspektiven von Individualität und Gemeinschaft wird ein natürliches Spannungsfeld deutlich, in das jeder Mensch gestellt ist, unabhängig wo oder wie er oder sie lebt. Gemeinschaftsleben und kollektive Verbindlichkeit bedeutet auch eine teilweise Zurückstellung individueller Freiheit. Andererseits ist es die Verbindlichkeit, welche ein Miteinander überhaupt erst möglich macht und das individuelle Erleben bereichert und entwickeln hilft und damit auch neue individuelle Freiheiten eröffnet.

Ein zusätzlicher Aspekt, der für weitere „natürliche“ - weil aus unterschiedlichen und gleichwertigen Perspektiven entstehende - Spannungen sorgt, ist das Eingebundensein in verschiedenste Arten von Systemen. Bei der Betrachtung hier lag der Schwerpunkt auf der Lebensgemeinschaft als ein infrastrukturelles Wirtschaftssystem.

Interobjektivität und Vernetztheit: System, Organisation und Nachhaltigkeit


Jedes System braucht zu seiner Aufrechterhaltung funktionierende Kreisläufe von Versorgung und Entsorgung (Material, Energie, Informationen, Finanzen, Lebensmittel, …). Das Ziel dabei ist eine nachhaltige Gestaltung dieser Kreisläufe. Im Hinblick auf das Wirtschaftssystem waren insbesondere folgende Aspekte von Bedeutung:

  • die Schaffung der Möglichkeit eines Grundeinkommens in der Gemeinschaft
  • der Wunsch eines „anderen Systems“ als ein realer Gegenentwurf für das existierende Wirtschaftssystem (auch in den Köpfen)
  • Experimentierformen von Schenkökonomie mit dem Ideal einer „Welt ohne Geld“
  • die Einrichtung selbstverwalteter Betriebe
  • das Schaffen und der Ausbau von Arbeitsplätzen in der Gemeinschaft
  • die Sichtbarmachung auch der Systemgrenzen
  • die Definition, welche Arbeiten das System aufrechterhalten
  • die Würdigung der Unterschiedlichkeit (von Bezahlsystemen) als Reichtum



Historische Aspekte


Als ein wichtiger historischer Aspekt, der die Gemeinschaft als ein sich entwickelndes System (Außenperspektive) und eine sich entwickelnde Kultur (Innenperspektive) im Blick hat, wurde erwähnt, dass früher alle Arbeit unbezahlte Gemeinschaftsarbeit war. Das Prinzip war, dass jeder und jede mit seinem bzw. ihrem Einkommen für sich selbst zu sorgen hatte. Doch im Verlauf der Zeit ist hier ein Wandel eingetreten.

Austauschbeziehungen in der Gemeinschaft


Bei der Supervisionsarbeit wurden auch Grundsätze und Prinzipien der Austauschbeziehungen in der Gemeinschaft deutlich, die im Folgenden zusammengefasst sind.

Die Basis: Unentgeltliche Gemeinschaftsarbeit füreinander zu leisten ohne diese gegeneinander aufzurechnen (und zwar je nach Lebenssituation, Leistungsfähigkeit, Kenntnissen, Fertigkeiten und Freude/Lust) ist nach wie vor ein ganz wesentliches Gemeinschaftsprinzip. Es basiert auf der Solidarität untereinander (als ein sich verantwortlich fühlen, und, ganz konkret, als ein "sich mit offenen Augen und Ohren im Gelände bewegen" und schauen, was wo gemacht werden kann).

Eine weitere wichtige Dynamik ist eine Ausgewogenheit der Polarität von 

 

Verbindlichkeit gegenüber Bestehendem/Vereinbartem

UND

Offenheit für Weiterentwicklungen

 

Zu wenig Verbindlichkeit und Verlässlichkeit hat sich ebenso wenig bewährt wie ein Zuviel an Regelungen und eine damit verbundene Starre gegenüber Neuerungen. In dieser Dynamik spiegelt sich auch das Entwicklungsprinzip von Transzendieren (Offenheit) und Bewahren (Verbindlichkeit).

Mit diesen Prinzipien und den oben erwähnten perspektivischen Schwerpunkten konnte das derzeitige System der Solidarökonomie in der Gemeinschaft explizit und verbindlich gemacht werden.

Ausblick


Am Ende der Supervision wurde dann noch der Weg der Weiterentwicklung der Solidarökonomie diskutiert, beginnend mit einem Meinungsbild:  

Abb: Meinungsbild

Angeboten waren 4 Positionen, und zwar (die Zettel „X“ gehören nicht zum Meinungsbild):

Es soll kein generelles Modell geben wie bezahlt wird (pauschal, Stunden, Projekt …)
(A).
Beibehaltung des Ist-Zustandes (B, Zettel verdeckt). Unbezahlte Gemeinschaftsarbeit ist die Basis und es werden anfallende Arbeiten mit einem generellen Stundensatz von 12,00 Euro bezahlt.
Einführung geldlicher Pauschalleistungen als Regel mit Ausnahmemöglichkeiten
(C).
Einführung geldlicher Pauschalleistungen ohne Ausnahme (D).

Zur weiteren Bearbeitung der Thematik wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet.  

(aus: integrale perspektiven Nr. 30)