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13.12.2017 : 17:53 : +0100

integral Spiritual Experience 2

Der nutzen des integralen Methodenpluralismus für Mensch und Gesellschaft

 

Mathias Weitbrecht

 

Das Event Integral Spiritual Experience (ISE) fand über Neujahr 2010/11 zum zweiten Mal statt (siehe auch IP 15, März 2010) mit dem Thema „The Future of Love – Evolutionary Integral Relationships”.

 

ISE als Event war nach drei Phasen der Liebe aufgebaut: 1. Sich verlieben, Hingabe, Identifikation, 2. Trennung, Disintegration, 3. „Sweetness”. Diese drei finden sich auch in den Weisheits- und Glaubenstraditionen und wurden hier mit Parallelen aus der Entwicklungspsychologie zusammengebracht. Jedes Erreichen einer neuen Strukturstufe des Bewusstseins ist mit Identifikation, Trennung von der vorherigen Stufe/Identifikation und der Süße der neuen Stufe verbunden. Somit sind die drei Stufen Bestandteil jeglichen Übergangs menschlicher Entwicklung. Jede Station transzendiert und beinhaltet die vorherige.

Über 40 integrale Lehrer, von denen jeder alleine tagelang zum Thema lehren könnte, kamen bewusst zusammen, um zu teilen und ihre Arbeit gemeinsam anzubieten. Dies bereits trägt zu dem besonderen „Meta-Raum” oder dem fraktalen Charakter bei, den die ISE auf kollektiver Ebene verkörpern kann und möchte. Mit dabei: Arjuna und Chameli Ardagh, Cynthia Bourgeault, Deepak Chopra, Gabriel Cousens, Stuart Davis, Warren Farrell, Clint Fuhs, Marc Gafni, Diane Hamilton, Sally Kempton, Daphne Rose Kingma, Huy Lam, David McCallum, Tery Patten, Jun Po Roshi, Jeff Salzman, Tami Simon und viele mehr.

Was ist Liebe? Dies wurde in aller Tiefe erörtert, kontempliert und praktiziert; weit über die verbreitete Wahrnehmung hinausgehend, dass Liebe nur in Verbindung mit einem anderen Menschen zu finden ist bzw. der teilweise zu findenden gesellschaftlichen Verwässerung von Liebe. Der Rahmen für Liebe wurde bei der ISE deutlich größer gesetzt: sowohl Ken Wilber (via Video), Deepak Chopra als auch Marc Gafni setzten Liebe in einen kosmischen Kontext und zwar als fundamentale Kraft im Universum, die unaufhörlich zu höheren und höheren Ebenen von Integration, Kooperation und Bewusstsein führt.

Teilchen schließen sich zu Atomen zusammen – Selbstorganisation, um höhere Einheiten zu bilden. Atome bilden Moleküle – Eros beim Entstehenlassen größerer Komplexität. Daraus die Bildung von Zellen, die wiederum eigene Einheiten darstellen usw. bis zum Entstehen des Bewusstseins, welches sich in Stufen wie ego-, ethno- und weltzentrisch entwickelt. Wenn immer wir Liebe auf einer dieser Stufen erfahren, spüren wir diese sich durch das Universum erstreckende Kraft, die bis zum Urknall zurückreicht – ob wir sie Eros, Selbstorganisation oder Selbsttranszendenz nennen. Einfach Liebe.

Mit einem solch großen Kontext wurde mir einmal wieder klar, wie sehr wir die Welt nach wie vor durch die Brille des modernen Zeitalters erleben, nach wie vor getrennt sind von der Welt, nach wie vor auf sie schauen. Dabei half mir auch Sally Kempton, die zeigte, wie stark in den ersten Lebensjahren verankerte Gottesbilder in uns noch wirken. Sie wies darauf hin, dass enorme evolutionäre Kraft frei wird, wenn jegliche Emotion und Einstellung zu Instrumenten der Transformation werden. Und Rollie Stanich übte mit uns das Erleben des Göttlichen in 1., 2. und 3. Person: In allem „Spirit“ zu erleben, durch Gottes Augen die Welt sehen und die eigene Perspektive als einzigartiges Selbst dem Ganzen zur Verfügung zu stellen, waren sicher einige der Erfahrungen, in die ISE-Teilnehmer sich auf dieser Reise verliebten.

Jeder der drei Phasen von Liebe wurde bei der ISE ein eigener Tag gewidmet, an dem diese ausführlich praktiziert und besprochen wurde.

 

Phase 1: Sich verlieben, Hingabe, Identifikation: Auf jeder Entwicklungsstufe sind wir, verliebt oder nicht, mit etwas Bestimmtem identifiziert. Ob Familie, Firma oder Nation, ob Job oder Lebensphase, ob Mythologie oder Religion. Doch bei jedem Wachstumssprung heißt es Abschied nehmen, sich trennen und lösen – was oft schmerzhaft ist. Und doch gibt es keine Entwicklung ohne diesen Prozess. Wir betrachteten und übten dies im reichen Angebot der vielen ISE-Kleingruppen.

 

Phase 2: Trennung, Disintegration: Hier kommt das Kräfte - paar Eros und Thanatos ins Bild: Eros als treibende Aufwärtskraft zu Höherem und Thanatos als disruptive Kraft, die das System für Neues öffnet. Höhere Differenzierung hat also stets eine auflösende, trennende Komponente, die eine zu starke Identifikation mit dem bestehenden Zustand beendet und weiterentwickelt. Ein paradoxes Gefühl neuer Freiheit und erweiterten Handlungsraumes paart sich mit dem Getrenntsein und dem Verlust der Harmonie – eine Vorahnung von Höherem kommt hinzu. In der mit dieser Stufe verbundenen Arbeit zu bleiben und nicht „davonzulaufen”, ist Voraussetzung für die dritte Phase.

In Kleingruppen erzählten wir uns gegenseitig eigene Geschichten von Trennung und Disidentifikation. Dabei hörten wir nicht nur Geschichten aus Partnerschaften, sondern auch das in der integralen Szene öfter mal auftauchende Sich-Lösen, Herauswachsen bzw. Weiterentwickeln aus einer spirituellen Tradition heraus. Da klassische Glaubens- und Weisheitstraditionen oft auf bernsteinfarbener/blauer Stufe sind, wird vertikale Entwicklung selten toleriert und Wachstum teilweise erschwert. Das Wachsen in höhere Stufen kann in einem solchen Kontext eine große Herausforderung sein.

Zu diesem Thema lehrte Mariana Caplan zu den drei Gesichtern der Liebe einer Lehrer-Schüler-Verbindung: 1. Hingabe/Übertragung, in der der Schüler den Lehrer oft auf einen hohen Thron hebt; 2. Desillusionierung, in dem wichtiges Infragestellen stattfindet; und 3. Süße/Commitment, in dem Individualisierung und tieferes Lernen des Schülers stattfinden kann. Dies konnte ich nur bestätigen, kenne ich es doch aus meiner eigenen Verbindung zu Traditionen.

 

Phase 3: „Sweetness”: Den Übergang von Separation zu Sweetness bot Marc Gafni in seiner Keynote. Darin zeigte er, wie das Erotische, in der Form von Eros als Triebkraft des Universums, in Sprache, Mythen und Traditionen weitgehend verlorengegangen ist und heute in Kultur und Gesellschaft teils rein in das Sexuelle ausgelagert ist. Tatsächlich aber ist er uns jederzeit zugänglich. Er kann in den Dimensionen von Sein und Werden gefunden werden: der ruhigen, subtilen geistigen Durchdringung von allem, was ist, dem evolutionären Entfalten allen Lebens und aller Entwicklung. Eros bedeutet, das Innere des Inneren zu betreten: Das Innerste eines Momentes zu leben und dabei in voller Präsenz ganz im göttlichen Potenzial des eigenen Wesens zu ruhen – während die zeitlose Fülle ebendieses Moments erlebt wird.

In dieser Phase ist die persönliche Eigenständigkeit wieder mit der anderen Person oder Gruppe verbunden, und zwar aus einer integrierten Perspektive jenseits der Trennung der vorherigen Phase. Die resultierende „Sweetness” erörterte die ISE in zahlreichen Übungen und Perspektiven.

Die ISE ist eher Retreat als Konferenz, wozu auch der wilde Pazifik, in dem Wale gen Süden zogen, riesige windgeformte Bäume um die Häuser und die vielen offenen Kamine in fast allen Räumen beitrugen. Die ISE bot eine Vielzahl an Praxisgruppen (bei allen Kombinationen aus Morgen-, Mittags- und Nachmittagsgruppen sowie den Plenumsessions waren sicher hunderttausende individuelle Wege durch die ISE möglich). Abends konnten die Themen des Tages in uns einsinken und wirken, während außergewöhnliche kulturelle Beiträge geboten wurden. So spielte die bekannte Kirtan-Band „Wah!“ und eine Lesung von Rumi-Gedichten zu Celloklängen von David Darling begeisterte die ca. 500 Anwesenden.

 

Der „spirituelle Superstar” Deepak Chopra ist bekannt dafür, Quantenphysik, Medizin, Bewusstseinsforschung und das Göttliche gekonnt miteinander zu verweben. Er präsentierte dies rund um das stufenweise Entstehen des Universums – durch und als Liebe. Als er das Zeugenbewusstsein beschrieb, tat er dies durch feine „Pointing-out Instructions“, die die Energie des Raumes veränderten und dabei ganz einfach blieben. Deepak Chopra ist ein Beispiel dafür, wie ein spiritueller Lehrer vollkommen in der heutigen Welt des 21. Jahrhunderts steht (z.B. bewusst Twitter als kollektives Mittel nutzt) und dennoch die Wurzeln seiner Tradition (Advaita Vedanta) nicht abgeschnitten hat. Symbolisch dafür zückte er am Ende seiner Rede sein Handy und las uns daraus einige Rumi- und Tagore-Gedichte vor. Der dadurch initiierte „Deepak-Effekt” führte dazu, dass andere Sprecher ebenfalls ohne Zögern ihr iPhone hervorholten, um daraus vorzulesen ...

 

Meine ISE-„Experience” war dieses Mal anders als letztes Jahr, da ich mich als freiwilliger Mithelfer im Team zu Verfügung gestellt hatte. Das gegenseitige Bereichern und Voneinanderlernen der integralen Szene Europas und der USA liegt mir am Herzen und dies war eine gute Gelegenheit dazu. Auf diese Weise konnte ich weniger Gruppen und Sessions selbst wählen – eine willkommene Chance, mal den Kopf abzuschalten und mich dem hinzugeben, was sich mir aus dem Reichtum des Angebots zeigte. In der Auswahl angebotener Gruppen waren unter anderem: Atemübungen (Venwoude/Holland), Radikale Ehrlichkeit (Decker Cunov), Yoga (Sofia Diaz), Männergruppe (Rob McNamara), Sacred Chant (Miriam Maron), Shamanismus (Julie Kramer), Christliches Gebet (John Foreman), Zazen (Michael Mugaku Zimmermann), Integral 3D Workout (Terry Patten), Vocal Toning (Linda Bonder), Sacred Relationships (Arjuna und Chameli Ardagh), Integral Coaching, Mondo Zen (Jun Po Roshi), Vajrayana-Praxis (Tami Simon), Evolutionärer Aktivismus (Terry Patten) und vieles mehr.

Die ISE endete mit einem großen Abschluss-Event, in dem alle Traditionen und Richtungen ihren Platz hatten. Eine der letzten Aussagen an alle Teilnehmer lautete: „Don’t just look for community – build community” – und dies gilt auch für uns, für die von Liebe getragene integrale Arbeit in Deutschland! Ich freue mich darauf – und auf die ISE 3 Ende Dezember 2011.

 

Berichte über ISE: 

integrallife.com/node/92886

Fotos:

www.flickr.com/photos/integralia/sets/72157625648492969/

www.flickr.com/groups/ise/pool/

 

Fotos: Mathias Weitbrecht, Clint Fuhs, Adam Shemper


Quelle IP 19, 2011