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27.6.2017 : 12:32 : +0200

¡Hasta la vista postmodernismo!

Bericht von der AIE Konferenz in Spanien

Von Dennis Wittrock

„Postmoderne: Körper, Gesellschaft und Bewusstsein“ – unter diesem Titel fand vom 22.-23. Oktober 2011 die mittlerweile bereits neunte Tagung der Asociación Integral Española (AIE) in den Räumlichkeiten der nationalen Hochschule für Arbeitsmedizin an der Universität in Madrid statt. Eingeladen wurde ich von Raquel Torrent, quasi der „grande dame“ der integralen Bewegung in Spanien, transpersonale Psychotherapeutin und Übersetzerin. Sie war die Gründerin der AIE und hat auch bereits an verschiedenen integralen Veranstaltungen in Deutschland teilgenommen.

Gemäß des Tagungsthemas sollte herausgearbeitet werden, inwiefern die integrale Theorie und Praxis Alternativen für Probleme aufzeigen können, die die postmoderne Sichtweise oftmals mit sich bringt: Relativismus, falsch verstandener Egalitarismus, sowie „Boomeritis“ – eine unheilvolle Kombination von Narzissmus und Multiperspektivität („Alle Perspektiven sind gleich – also hat mir niemand zu sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe!“). Nach einer Einführung durch Dr. Leontino García und Javier Arranz, den Präsidenten der AIE, begann David G. Raga, der Übersetzer von Wilbers Büchern in Spanien, mit einer geführten Meditation als Einstimmung.

Anschließend erläuterte Dr. Alejandro Villar, Biologe, Yoga-Lehrer und BigMind Facilitator, in seinem Vortrag auf profunde Weise die Größe und die Grenzen des postmodernen Bewusstseins. Aufgrund meiner nur anfängerhaften Spanisch-Kenntnisse wurde mir freundlicherweise ein Großteil der Vorträge simultan übersetzt. Nach allem, was ich mitbekommen habe, lieferte Villar hier vor allem eine solide Zusammenfassung von Wilbers kritischer Würdigung der Postmoderne.

Ein großes Thema im Hintergrund der Tagung war der fortwährende Bezug zur 15-M-Bewegung. In Anlehnung an die Proteste in der arabischen Welt, insbesondere in Kairo, hatte sich am 15. Mai eine breite Protestbewegung in Spanien gebildet, die auf den zentralen Plätzen der Hauptstadt ihrem Unmut über soziale Ungerechtigkeit, Korruption, hohe Jugendarbeitslosigkeit, Folgen der Finanzkrise, sowie Chancen- und Perspektivlosigkeit, Luft machte. Viele der Teilnehmer und auch einige der Referenten nahmen daher direkt oder indirekt Bezug auf die Indignados, die „Empörten“ – nicht zuletzt weil die Protestwelle bekanntlich mittlerweile bis in die Wall Street geschwappt ist.

So passte es gut, dass im Anschluss Cristóbal Cervantes, respektierter politischer Aktivist und vielgelesener Blogger innerhalb der 15-M-Bewegung ein von ihm herausgegebenes Buch mit dem gleichnamigen Titel seines Blogs „Spiritualität und Politik“ vorstellte. Dort hatte er rund 20 Autoren versammelt, u.a. auch Ken Wilber, Ervin Laszlo und Raquel Torrent, um diese beiden Themen auf neue Art zu verbinden.

Erfreulich war zu sehen, wie die deutsch-spanische integrale Freundschaft bereits Spuren im Tagungsdesign hinterlassen hatte: Im Anschluss folgte eine Runde Worldcafe zur Vertiefung der Thematik – eine Anregung, die  Raquel Torrent von der IF-Tagung mitgenommen hat. Joe Yaki Pérez, den vielleicht einige als Gast von unseren Tagungen her kennen, gab danach in seinem Beitrag eine Bestandsaufnahme der integralen Bewegung in Amerika und Deutschland aus seiner Sicht und schlug ebenfalls eine inhaltliche Brücke zu den weltweiten Protestbewegungen „Möglichkeiten eines post-postmodernen Denkens in den Plätzen des arabischen Frühlings“.

Ich freute mich schon auf die Telekonferenz mit Mark Forman, Psychologe von der JFK University, die nach dem Mittagessen angesetzt war – doch zu früh gefreut: Wer nach Spanien reist und deutsche Ansprüche an Eventlogistik ansetzt, sitzt einem interkulturellen Missverständnis auf. So irrten wir als Gruppe von etwa 15 Teilnehmern (darunter der AIE Präsident und die Gründerin!) ziemlich lange ziemlich planlos über den Uni-Campus, um dann schlussendlich doch noch etwa eine halbe Stunde später in einem Straßencafé aufzuschlagen. Niemand fühlte sich so recht bemüßigt, auf die Zeit zu achten, man unterhielt sich ausgiebig und trudelte dann gerade noch rechtzeitig zu den Schlussworten von Mark Formans Beitrag ein. Schade eigentlich, aber „so sind sie halt, die Spanier“. Interessante Gespräche am Mittagstisch entschädigten immerhin ein wenig.

Es folgte die feurige Rede von Joan Melé, seines Zeichens Subdirektor der Triodos Bank, mit dem Titel „Das Herz des sozialen Organismus“. Hierin zeichnete er eine alternative Vision von der Rolle der Banken in unserer Gesellschaft. In biologischer Hinsicht wissen wir heute, dass das Herz mehr leistet als lediglich eine mechanische Pumpe zu sein – es ist auch ein sensibles und regulatives Wahrnehmungsorgan für die Vorgänge in allen Teilen unseres Körpers. Dieses Bild übertrug Melé auf die Rolle, die Banken in unserer Gesellschaft spielen können und sollten: als bewusste Verteiler des gesellschaftlichen Lebenselixiers „Geld“ im sozialen Körper.

Abendessen scheint im Bio-Rhythmus der Spanier ein Ereignis zu sein, das erst nach 22.00 Uhr an Relevanz gewinnt – jedenfalls ging es nahtlos weiter mit dem Ken Wilber-Interview. Frei nach dem Motto: „Wer geistige Nahrung bekommt, muss nicht darben...“ Raquel Torrent führte und dolmetschte das Gespräch mit Fragen, die als Input von den Teilnehmern ausgewählt worden waren. Auf die Frage, wie denn seine Haltung zur Legalisierung von Drogen sei, zitierte Wilber zahlreiche Studien über die negativen Effekte von Kriminalisierung  und positionierte sich letztlich als Befürworter eines liberaleren Umgangs mit Drogen. Nach den üblichen Fragen und Antworten zum Thema Reinkarnation war noch Platz für spontane Fragen aus dem Publikum. 

Da das Thema massiv im Raum war, stellte ich Ken die Frage, wie er die globalen Protestbewegungen sehe, sei es nun in der arabischen Welt, in Spanien oder auch in den USA. Zur allgemeinen Überraschung sah er sich nicht in der Lage, qualifiziert dazu Stellung zu nehmen, da die mediale Berichterstattung in den USA zu diesen Themen völlig voreingenommen und partial sei. Um Abhilfe zu leisten, bildete sich spontan eine Initiative von mehreren Leuten, die nun für Ken einen kurzen Bericht über die Ereignisse zusammenstellen werden. Der erste Tag endete mit einem meditativ-musikalischen Beitrag des Künstlers Luis Paniagua.

Der Sonntag begann wieder mit einer geführten Meditation. Die konnte ich gebrauchen, war ich doch auf der chaotischen Hinfahrt zu sechst im Auto nur knapp dem Unfalltod entronnen (zumindest subjektiv). Man muss sie einfach lieben, „die“ Spanier…  Im Anschluss sprach der Cyberaktivist Nacho Gallego in seinem Beitrag „Cyberkulturen, Bewusstsein und Revolutionen“ über die Bedeutung des Internets als Erweiterung des menschlichen Bewusstseins. Gleichzeitig warnte er vor möglichen negativen Folgen, wie etwa Bewegungsmangel und Verlust realer menschlicher Beziehungen.

Nun war ich dran: Als Thema für meinen Vortrag hatte ich mir „Holacracy: eine integrale Praxis zur Erweckung des Körpers der Organisation“ gewählt. Holacracy ist eine Art „neues Betriebssystem“ für Organisationen, das Menschen auf allen Ebenen (sowohl organisatorisch als auch bewusstseinsmäßig) neue Möglichkeiten der Partizipation und Einbringung zur Verwirklichung des Ziels der Organisation bietet. Der Beitrag wurde in mehrfacher Hinsicht dankbar aufgenommen. Zum Einen als neue Möglichkeit der Strukturierung und Organisation der 15-M-Bewegung, die offenbar von  postmodernen Unannehmlichkeiten, wie endlosen Debatten, Konsenssuche und unklaren Strukturen geplagt wird. (Man wollte mich am liebsten vom Fleck weg am nächsten Tag noch auf einem öffentlichen Platz dazu sprechen lassen.)

Aber auch die Vertreter der AIE zeigten sich inspiriert und interessiert an mehr Struktur für ihre Organisation, die derzeit eher eine lockere Assoziation mit etwa 40 zahlenden Mitgliedern und zahlreichen Interessenten ist. Raquel Torrent betonte mir gegenüber mehrfach, wie wichtig meine Präsenz bei dieser Tagung für die AIE sei. Zunächst übte ich mich noch brav im Understatement, doch im Vergleich wurde mir klar, wie viel wir bereits an Strukturen im deutschsprachigen Raum geschaffen haben mit unserer umfassenden Webseite, dem weit verzweigten Salonnetzwerk, der Zeitschrift, der Akademie, der Stiftung und unseren Tagungen. Wir sind in dieser Hinsicht einfach schon zwei bis drei Schritte weiter und haben dadurch eine inspirierende Vorbildfunktion für andere nationale integrale Bewegungen in Europa (so z.B. auch für die zwei anwesenden Vertreter der integralen Bewegung in Portugal). Mir kam dazu das Bild eines „integralen Entwicklungshelfers“ in den Sinn. Ich denke, dass es eine besondere Aufgabe für uns Deutsche ist, hier unserer Führungsverantwortung gerecht zu werden und uns nicht aufgrund historischer Fehltritte kleinzureden. In ähnlicher Weise haben wir in Deutschland wiederum über viele Jahre viele Schätze und Anregungen von Ken Wilber und anderen Pionieren der integralen Bewegung erhalten. Nun schien die Zeit gekommen zu sein, selber etwas weitergeben zu dürfen.

In der folgenden Worldcafe-Runde unter dem Motto „und jetzt, wie weiter?“ wurden entsprechend Vorschläge zur Dynamisierung der integralen Salons gesammelt. Ein Salon für Barcelona wurde aus der Taufe gehoben, sowie eine Koordination von ILP-Praxisgruppen und von regelmäßigen Telekonferenzen. Interessanterweise wurde die gesamte Tagung bereits via Webcam für Interessierte als Livestream direkt ins Netz übertragen. Auch eine Interaktionsmöglichkeit via Chat mit den Zuschauern wurde genutzt.

Da wir Deutsche ja nicht unbedingt als „Meister der Lebensfreude“, dafür aber „als Meister der Organisation“ gelten, rief ich unserem „National-Karma“ gemäß das Publikum in der Abschlussdiskussion dazu auf, der AIE als Mitglied beizutreten, sie aktiv in der Strukturbildung zu unterstützen und so das hervorzubringen, wovon man mehr sehen will in der Welt. Das wurde dankbar aufgenommen, insbesondere von der AIE Führungsriege.

Rückblickend war das eine wichtige Reise, die geholfen hat die internationale integrale Gemeinschaft zu vertiefen und gemeinsam an den Herausforderungen der Zukunft zu arbeiten. Und wer weiß: Vielleicht werden selbst die „Indignados“ am Ende noch zu „Integralos“...

Links:

http://jornadas.asociacionintegral.es/programa/

http://www.asociacionintegral.es/