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29.3.2017 : 13:01 : +0200

Kollektive Schatten, individuelle Lichtungen

Zur integralen Trauma-Arbeit im interkulturellen Feld

Peter Erlenwein

Peter Erlenwein arbeitet seit mehreren Jahren freiberuflich für Refugio München, ein Rehabilitationszentrum, das seit 1994 in einem Team von Psychotherapeuten, Sozialarbeitern, Ärzten, Rechtsanwälten, Übersetzern und Mentoren mit traumatisierten Flüchtlingen (Erwachsenen wie Kindern) und  Folteropfern arbeitet. Ein dichtes Netz von Kooperationen, ganz im Sinne von AQAL. Anders als in einer normalen Individualtherapie liegt ein zentraler Schwerpunkt der Arbeit bei den beiden unteren Quadranten.

Wiewohl Millionen Menschen in der Welt oft jahrelang auf Grund politischer Verfolgungen oder ökonomischer Krisen auf der Flucht sind, ist die Zahl der Asylbewerber in Deutschland seit mehr als zehn Jahren aufgrund der europäischen Vereinheitlichung des Asylrechts ständig rückläufig. Laut Pro Asyl wurden 2008 lediglich 28,2 Prozent der knapp 28.000 Asylerst- und -folgeanträge positiv beschieden. Die übrigen Antragsteller leben in ständiger Ungewissheit über ihre Zukunft in der BRD. Die Angst vor Abschiebung ist für alle Flüchtlinge eine Dauerbelastung, die ihre eigentlichen Wunden noch überschattet.

 

Traumatische Erfahrungen gehören zum Schlimmsten, was Menschen geschehen kann. Die Arbeit damit ist Schattenarbeit im wirklich Sinn, sie taucht in die dunkelsten Aspekte des Menschseins hinab, um von dort zur Quelle des Lichtes zu gelangen. Geschieht diese Arbeit in einem interkulturellen Zusammenhang, bekommt der Begriff der Mitmenschlichkeit seine wahre Bedeutung. Das Trauma des Menschseins geht uns alle etwas an und darf uns nicht fremd sein, ebenso wie das Glück und die Freude. Erst beides zusammen ergibt den ganzen Menschen. Die integrale Perspektive öffnet uns dabei sowohl für die innerliche und die äußerliche wie auch die individuelle und die kollektive Dimension. Sie lässt uns Entwicklungsunterschiede ebenso würdigen wie jede Stufe der Entwicklungsskala und hat viel Platz für die enorme Breite und Vielfalt kulturellen Andersseins.

Die interkulturelle Dimension

Interkulturalität ist in einer globalen Welt zunehmend eine Grundwirklichkeit, die sich in ihrer Komplexität insbesondere für eine Annäherung durch die integrale Theorie eignet; allerdings auf dem schwankenden Boden einer sich ständig verändernden Empirie der psychomateriellen Gegebenheiten in den verschiedenen Kulturen dieses Planeten. Wilbers komplexes Modell der vier Quadranten, Entwicklungslinien, Bewusstseinsstrukturen, Typologien etc. bietet gerade für die interkulturelle Trauma-Arbeit einen ausgezeichneten offenen, formalen Bezugsrahmen, der sich durch die Geschichten der jeweiligen Personen oder Familien oder auch der regionalen Kulturen zu einem faszinierenden mehrdimensionalen, oft paradoxen Flechtwerk entfaltet. Beispiel Afrika: Zwar wurde durch die künstliche Schaffung von Nationalstaaten durch die europäischen Kolonialmächte ein formaler strukturell-politischer Rahmen etabliert (SD Blau), doch ist das Leben geprägt von sehr unterschiedlichen Stammeskulturen innerhalb eines jeden Staatsgebietes. Diese kulturelle Heterogenität (es gibt eine nationale Struktur, aber keine nationale Identität, sondern unterschiedliche Stammesidentitäten), verbunden mit der Tatsache, dass diese sich vielfach noch aus starken Wurzeln der mythischen Entwicklungsebene (SD Purpur bis Rot) speist, führt zu ganz besonderen Herausforderungen in der Trauma-Arbeit mit Flüchtlingen, da hier in den Quadranten UL und UR völlig unterschiedliche Wertemuster und medizinische Systeme aufeinanderprallen: uralte afrikanische, arabisch-islamische und westliche.

Divergierende Heilsysteme

Während den meisten Menschen in der BRD die Vorstellung, für ihre psychosomatischen Probleme einen Schamanen aufzusuchen, mehr als seltsam anmutet – es sei den man bewegt sich in esoterischen oder ethnologischen Kreisen –, ist ein solcher Heiler in vielen Kulturen  noch ein selbstverständlicher Ansprechpartner. Genauer gesagt, man geht zumeist mehrgleisig vor: Arzneimittel der westlichen Medizin besorgen, vielleicht auch eine Behandlung bei einem Beinbruch. Inner- wie interfamiliäre Konflikte mit psychosomatischen Konsequenzen führen dagegen zu Besuchen beim örtlichen Schamanen oder auch der Kirche, Moschee und deren Amtsträgern. Kurz und gut: Drei verschiedene Systeme werden konsultiert, deren Ratschläge mitunter höchst unterschiedlich ausfallen.

In diesen drei Heilsystemen sind die moderne westliche Psychotherapie/Psychiatrie noch gar nicht aufgeführt, denn letztere arbeiten mit Klassifikationen, die Flüchtlingen häufig unbekannt sind, da sie einem völlig anderen Weltanschauungsmodell – eben dem der  (Post-)Moderne – entstammen. Speziell die westliche Psychotherapie hat ein ausgeklügeltes Verfahren der Gesprächsführung entwickelt sowie Assoziations- und Imaginationsverfahren, die dem Klienten, schon mangels Sprachkenntnissen, ein anfangs oft unüberwindbares Hindernis vorgeben.

Das integrale Modell bietet für die interkulturelle Trauma-Arbeit einen ausgezeichneten offenen, formalen Bezugsrahmen, der sich durch die Geschichten der jeweiligen Personen oder Familien oder auch der regionalen Kulturen zu einem faszinierenden mehrdimensionalen, oft paradoxen Flechtwerk entfaltet.

 

Dass man es in der Biographie von Flüchtlingen mit schwersten seelischen wie körperlichen Leiden zu tun hat, kommt erschwerend hinzu. Scham und Schmerz bilden Hürden, die ohne Kenntnis der Identitätsformung der jeweiligen Kulturen schwer zu überwinden sind:  magisches Denken beispielsweise – in Afrika durchweg präsent – lässt Außen- und Innenwelt teilweise nahezu bruchlos ineinanderfließen und veranlasst so manchen interkulturellen Trauma-Therapeuten zu Zweifeln, inwieweit reflexive oder induktive Methoden oder – im Falle paranoid-schizoider Problematik – psychiatrisch/medizinische Mittel zur Heilung führen. Die Grundfrage „Was heilt?“ stellt sich auf diesem Feld mit großer Schroffheit neu.

Bei aller vorausgesetzten Kompetenz der Therapeuten lautet meine –  immer wieder vorläufige – Antwort: Empathie und darüber hinaus Mitgefühl (Compassion) im spirituellen Verständnis. Denn nicht von ungefähr sind es oft die uralten religiösen (!) Quellen, die traumatisierten Menschen aus anderen Kulturen Halt geben. Gelingt es, im Querverweis die Errungenschaften der modernen Welt (UL und insbesondere UR, Entwicklungsstufen SD Blau bis Grün: Menschenrechte, demokratische Strukturen, Rechtssicherheit) für den entrechteten Flüchtling in seiner Situation sichtbar werden zu lassen, ergeben sich für ihn oftmals neue Perspektiven, die seine Verletzung zwar nicht rückgängig machen können, sie aber in ein neues Licht rücken. Das Trauma ist nicht aufgelöst, doch in einer Weise befriedet, dass ein neues Leben, auch mit Rückfällen, möglich scheint – zumeist leichter in der neuen fremden Welt als in der zurückgelassenen. Abschiebung nach einer Therapie führt hingegen in vielen Fällen zur Rekonstellation traumatischer Erfahrungen mit gefährlichen Konsequenzen: Dann nämlich ist man wirklich verloren zwischen zwei Welten, denn die in der neuen Welt gewonnenen Erkenntnisse werden schnell zum Gift in der alten Heimat.

Kurzportrait einer Klientin

Wer Refugio erreicht und einen Therapieplatz erhält, hat Glück. Ihm ist es gelungen, eine erste relative Schutzzone zu erreichen, einen Fuß in den Türspalt nach Europa zu bekommen, der Raum eröffnet Richtung Freiheit – unter Umständen Heilung, vielleicht sogar einen Neubeginn. Für viele wird sich aber auch schnell, per Gerichtsbeschluss, das Tor wieder schließen. Die kleine, rundliche Frau aus Sierra Leone, Ende 20, ist so ein Mensch. Ihre Heimat hat einen dreißigjährigen Bürgerkrieg hinter sich. Dort hat sie ihr Kind bei der Flucht zurücklassen müssen. Auf nicht ganz geklärten Wegen landete sie in Wilhelmshaven; die örtliche Polizei brachte sie vorübergehend in ein Aufenthaltslager. Tage später Weiterverfrachtung nach Bayern – erst Straubing, nun München. Ein großer Fortschritt. Sie ist Analphabetin, spricht kein Deutsch, dafür etwas Englisch, Pidgin-English, Küchen-Englisch. Das ist unsere Kommunikationsbasis.

Zu Zeiten des Bürgerkriegs sah sie die täglichen Massaker an Menschen, verlor ihren Mann in den Kriegswirren, versteckte sich, in der ständigen Angst vor Vergewaltigung und Tod, verbarg ihr Kind bei Verwandten. Der Krieg tobt in ihr, und die Soldaten verfolgen sie auf ihren täglichen kleinen Gängen in und ums Asylantenheim. Nachts hat sie Albträume.

Anfangs schweigt sie lange, schaut an mir vorbei in die Leere. Ich berichte von meinen Reisen nach Afrika. Das öffnet eine kleine Tür für erstes Vertrauen. Sie beginnt selbst zu erzählen. Kleinigkeiten. Als ich ihr einmal afrikanische Musik vorspiele, bricht sie in Tränen aus. Zuviel! Sie liebt ihr mörderisches Land. Natürlich. Aber zurück? Niemals. Die Albträume, stetige Begleiter, lösen immer wieder Panik aus, Abstürze, Chaos. Übungen zum Ankommen im Hier und Jetzt, atmen – kleine Anker im neuen Leben setzen. Eine Mentorin hilft im Alltag. Ein erster Alphabetisierungskurs.

Übung im Nachdenken: Was verfolgt mich? Distanz zur Fluchtreaktion entwickeln. Und: Gegenwart zulassen – die Stadt hier und dort entdecken, Freiräume erschließen. Nachdenken statt magischer Überwältigung. Was gibt mir dieses neue Land? Irgendwann Entspannung. Erste Erfolge: Die fremde, die deutsche Sprache verstehen, sprechen lernen. Unsere Kommunikation wird dichter: Sie sagt öfter: Danke, God bless you. Das Trauma ist einen Schritt in den Hintergrund getreten. Bewegungsfreiheit beginnt, kleine Wahlmöglichkeiten.

Was ich deutlicher im Bewusstsein habe als sie: Der Gerichtsbeschluss, der darüber entscheidet, ob sie wirklich bleiben darf, ist ungewiss. Sie ahnt es – wir arbeiten auf Abruf.  Jederzeit kann in diesem Zusammenhang ein Absturz erfolgen. Trauma-Arbeit dieser Art ist nicht ohne den Geschmack des Sisyphos zu haben.


Quelle: IP 17, 11/ 2010