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24.3.2017 : 5:18 : +0100

Integrale Emanzipation

von Michael Habecker

Gender integral

Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipare: einen „Sklaven oder erwachsenen Sohn“ aus dem mancipium, der „feierlichen Eigentumserwerbung durch Handauflegen“, in die Eigenständigkeit zu entlassen.

Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung(;). Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit, meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischen Strukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern. Häufig steht der Begriff synonym für die Frauenemanzipation.

Aus: Wikipedia

 

Was mit der Befreiung aus der Sklaverei begann und dann später im Zuge der Frauenbewegung mit der Befreiung aus persönlicher und gesellschaftlicher Bevormundung und Ungerechtigkeit weitergeführt wurde, können wir heute vor dem Hintergrund der integralen Landkarte als ein Bewusstwerdungs-, Emanzipations und damit auch als ein Befreiungsprojekt aller Menschen betrachten. Alle Befreiungsbewegungen der Vergangenheit lassen sich so als Bemühungen verstehen, die weißen Flecken von Unbewusstheit und Ungerechtigkeit auf der Landkarte des Seins und Werdens mit Wissen und Weisheit auszufüllen.

Es gibt danach das große Befreiungsprojekt der Absolutheit unseres Seins – „Meide die Vielen und suche das Eine“ –, welches uns aus der Umklammerung und dem sich Verlieren in den Phänomenen des Relativen befreit. Hier haben die kontemplativen Traditionen Revolutionäres geleistet(,) und tun dies weiterhin.

Ebenso bedeutend ist die Befreiung innerhalb der Welt des Relativen und des Werdens – „Umarme die Vielen als das Eine“ – und hierbei sind die Wissenschaften, sowohl die des Geistes als auch die der Natur, unsere großen Wegweiser.

Orientiert man sich dabei an der integralen Landkarte, dann gibt es das nie endende Befreiungs und Emanzipationsvorhaben der Perspektiven, welches für alle Menschen eine Einladung bedeutet, in den Perspektiven unseres Werdens immer wacher und bewusster zu werden: innerlich und äußerlich, individuell und kollektiv.

Weiterhin gibt es das ebenfalls nie endende Befreiungs- und Emanzipationsvorhaben der Entwicklung, eine „evolutionäre Emanzipation“. Vieles von dem, was wir an Fähigkeiten und Eigenschaften haben, hatten wir bei unserer Geburt nicht, wir haben es im Laufe unseres Lebens entwickelt, von der Fähigkeit der Körperbeherrschung über die Fähigkeit mit anderen Menschen und Wesen in Beziehung zu sein bis zu der Fähigkeit uns selbst zu (er)kennen. Dieser Entwicklungsweg geht immer weiter und führt uns zu immer höheren und umfassenderen Horizonten und Möglichkeiten, uns selbst und das Leben wahrzunehmen, bis zu unserem Tod und vielleicht darüber hinaus.

Ein weiteres Befreiungs- und Emanzipationsvorhaben besteht darin, immer wacher dessen gewahr zu werden, was wir in den Perspektiven und auf den Entwicklungsstufen unseres Seins und Werdens in den Bereichen des Wachens, Träumens und des traumlosen Tiefschlafes wahrnehmen können. Eine unermessliche Fülle an Wahrzunehmendem hält das Leben für uns bereit. Es liegt an uns, immer wacher zu werden, für das, was in uns, zwischen uns und um uns herum vorgeht, und was wir durch unser Bewusstwerden mit gestalten, wenn wir wach sind, wenn wir träumen und wenn wir uns in der Leere des traumlosen Tiefschlafes befinden.

Und dann gibt es noch die typologische Emanzipation und Bewusstwerdung, die uns dabei hilft, die Breite und Fülle der Möglichkeiten unseres Seins und Werdens zu erschließen. Das klassische Beispiel hierfür ist die männlich/weibliche Emanzipation, auf die uns die Frauenbewegung hinweist. Wie leben wir Männer und Frauen sowohl unsere weibliche als auch unsere männliche Seite, individuell, kulturell und auch institutionell miteinander? Wie können wir beides in einer gleichberechtigten Unterschiedlichkeit und aus den Möglichkeiten beider sich ergänzender Polaritäten leben, unter Vermeidung von Einseitigkeiten und Ungerechtigkeiten, aber bei Würdigung bestehender Unterschiede?

Ob wir es wollen oder nicht, wir befinden uns in einem emanzipatorischen Kosmos, der uns freundlich dazu einlädt, zu dem zu erwachen, „was ist“, ein Erwachen, das im Hinblick auf die Absolutheit eine Illusion oder auch ein „großes Gelächter“ ist (zu dem, was Immer-schon-Ist gibt es keinen Weg) und was im Hinblick auf die sich entwickelnde Welt kein Ende kennt, sondern nur grenzeloses Erstaunen. Bei diesem Unterwegssein ist es keine schlechte Idee, eine gute Landkarte zu haben, die uns vor Einseitigkeiten, Absolutismen und blinden Flecken bewahren kann. Emanzipatorische und revolutionäre Bewegungen, die nur einen Teil dessen betonten, zu dem es zu erwachen gilt, unter Vernachlässigung und oft Unterdrückung anderer Bereiche, haben im Verlaufe der Geschichte viel Leid hervorgerufen. Selbst unsere heutigen Landkarten sind im Vergleich zu dem, was wir in 100 oder 500 Jahren zur Verfügung haben werden, unvollständig und bedürfen der laufenden Weiterentwicklung. Aber mit weniger als dem, was wir heute wissen und wissen können, sollten wir uns als einer Grundlage aller unserer emanzipatorischen Unternehmungen nicht zufrieden geben.

Zwei Arten von Emanzipation


(aus: Ken Wilber, IS Call on „Integral Post- Metaphysics“ Teil 8, mit Ewan Townhead)

„Das ist das Großartige bei der Integration östlicher und westlicher Weisheit, und der Integration von Prämoderne, Moderne und Postmoderne: Es geht darum etwas zu lernen. Diese Menschen waren keine Dummköpfe. Die Grundhaltung vieler Erkenntnisdisziplinen besteht darin zu sagen, dass alle anderen dumm sind. Ich kann diese Mentalität überhaupt nicht verstehen. Jeder hat Recht und überall und auf jeder Entwicklungsebene, gibt es gute Männer und Frauen mit guten Ambitionen und Absichten. Sie entdecken etwas und das ist richtig, zumindest für die Entwicklungsebene auf der sie sich befinden. Worum es also geht, ist, das für unser eigenes Wachstum zu nutzen.

Wenn es um die Frage geht, inwieweit spirituelle Traditionen Intersubjektivität berücksichtigen, dann ist es genau das, worüber wir hier sprechen, von der Akzeptanz des „Mythos des Gegebenen“. Es ist eine Akzeptanz des „Spiegels der Natur“ [mirror of nature], in diesem Fall die Akzeptanz eines über-natürlichen oder eines trans-natürlichen Spiegels der Natur. Zen sieht es als eine Tatsache an, dass man nach innen schauen und sein wahres Selbst sehen und verwirklichen kann. Das ist der Mythos des Gegebenen, angewendet auf die eigene wahre Wesensnatur.

Der tibetische Buddhismus unterscheidet zwischen relativen und absoluten Phänomenen. Alles was man sehen kann sind die Phänomene der relativen Welt, die letztendlich nicht wirklich sind – nur Leere [als absolutes „Phänomen“] ist wirklich. Doch wenn man die Leere schaut, dann erkennt man all die relativen Phänomene als reale Ornamentierungen, Ausgestaltungen und Manifestationen der Leere. Dabei gibt es ein falsches Bewusstsein, weil die endliche und relative Welt „falsch“ ist, im Vergleich zu Big Mind oder dem wahren Selbst oder der wahren Natur. Das ist etwas sehr Wichtiges.

Doch was diese [kontemplativen Traditionen] nicht wissen ist, dass es innerhalb des Welt des falschen Selbst, die sie erkennen, ein doppeltes falsches Selbst gibt. Wenn beispielsweise Marx oder Freud von einem falschen Bewusstsein oder Pseudoselbst sprechen, dann sprechen sie nicht über dasselbe wie die östlichen Traditionen. Sie sprechen darüber, dass innerhalb des endlichen Bereiches und der manifesten Welt Dinge schief laufen können.

Der Osten, der Buddhismus beispielsweise, anerkennt die Doktrin der zwei Wahrheiten, [two truths doctrin], bei der es relative und absolute Wahrheit und eine absolute und eine relative Welt gibt. Sie sind letztendlich nicht-zwei, aber sie sind auch nicht eins. Bei dieser Doktrin der zwei Wahrheiten wird die Seite der absoluten Wahrheit richtig erkannt. Was jedoch dabei von den östlichen Traditionen nicht annähernd so intensiv untersucht wurde wie im Westen ist, dass es innerhalb des Bereichs der relativen Wahrheit – welcher letztendlich „falsch“ oder illusorisch, jedoch relativ wahr ist –, eine Sphäre des Wahren und eine Sphäre des Falschen gibt.

Karl Marx sagt daher, dass es innerhalb der relativen Welt (und er spricht nicht von der ultimativen Welt) Produktions- und Gesellschaftsformen gibt, die Menschen sich und einander entfremden und verletzen und, dass es darum geht, bessere Formen sozialer Systeme zu schaffen. Marx und die marxistische Tradition sprechen in diesem Zusammenhang von emanzipatorischem Denken und dies wurde von Jürgen Habermas und anderen aufgenommen und weiter geführt. Das bedeutet nicht eine Emanzipation zum wahren GEIST oder wahren Selbst oder dem ewigen Selbst, sondern es geht dabei um eine Verbesserung der relativen Welt, weil es ein falsches Bewusstsein innerhalb des falschen [illusorischen und relativen] Bewusstseins gibt. Sie [die westlichen Forscher] kennen nur das eine falsche Bewusstsein [im relativen Bereich] und im Osten kennt man nur das andere falsche Bewusstsein [die Gesamtheit des Relativen].

 

Zen sieht es als Tatsache an, dass man nach innen schauen und sein wahres Selbst sehen kann. Das ist der Mythos des Gegebenen angewendet auf die eigenen Wesensnatur.

 

Wir haben es also mit zwei Arten von falschem Bewusstsein zu tun, die es zu überwinden gilt. Der Grund warum Marx – was das relative Bewusstsein angeht – oft in Verbindung mit Freud gesehen wird ist:

Marx betrachtete Formen der Unfreiheit im sozialen Bereich, wohingegen Freud Formen der Unfreiheit im persönlichen Bereich untersuchte, den eigenen Schatten und die Dinge, die ich mache, um mich selbst zu täuschen und wie ich der Welt mit einer Lüge [auch mir selbst gegenüber] entgegentrete. Meine Schatten sind Formen, wie ich mich selber belüge. Doch dabei geht es nicht um das wahre SELBST. Es geht darum, wie ich ein relativ richtiges und stimmiges Ego und eine gesunde Ich- Stärke erhalte.

Die Buddhisten schauen sich das an und sagen, „Oh, das ist das Schlimmste, das ist fürchterlich! ...“. Doch das ist nicht fürchterlich, sondern an dieser Stelle sind die Buddhisten, ohne es zu wissen, in ihrem Schattenbereich. Es gibt also zwei Formen von Unfreiheit und Falschheit, eine relative Falschheit und eine absolute oder ultimative Falschheit. Was wir anstreben sind zwei Arten von emanzipatorischem Denken: relatives emanzipatorisches Denken, d. h. wie können wir alle vier Quadranten so gesund wie möglich gestalten, und dann ein ultimatives emanzipatorisches Denken, d. h. wie können wir alle vier Quadranten wieder loslassen? Beides ist entscheidend wichtig. Der Osten kennt nur eine Form emanzipatorischen Denkens, „wie kann ich Samsara hinter mir lassen und Nirvana finden?“ Und auch der Westen anerkennt nur eine Form emanzipatorischen Denkens, „Wie kann ich von einem relativ falschen zu einem relativ wahren Samsara gelangen?“

Integrales Denken erkennt und umarmt beides.“


Quelle: IP 12 – 03/2009