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20.10.2017 : 21:42 : +0200

WEIBLICH SEIN

Von Mag. Johanna E. Schwarz

 

Was ist WEIBLICH? Ist es nature oder nurture? Kommt man als Frau zur Welt, oder wird man zu ihr gemacht?

Meint Frau sein fürsorgend mütterlich, benachteiligt, zickig, dominant oder etwa Vamp-irisch? Wodurch wird unser Frauenbild bestimmt?

Unsere Gruppe von AQAL-informierten Frauen, die sich in Spielfeld an der südsteirischen Weinstraße im Sommer 2008 zusammenfand, um WEIBLICH SEIN zu diskutieren und zu erfahren, wollte sich den zahllosen Forschungsergebnissen zu diesem Thema aus der Soziologie, Biologie, Anthropologie, Theologie oder Psychologie nicht undifferenziert anschließen. Sie entarten leicht zu Klischees, wenn man sie willkürlich verallgemeinert und die unterschiedlichen Bewusstseinsstrukturen, Perspektiven und Zustände nicht benennt, auf welche sie sich beziehen.

Wir gingen davon aus, dass ‚Wahrheiten‘ kontextuell sind und sich aus folgenden Fragestellungen ergeben:

  • spezifischen Bewusstseinsstrukturen (archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral, die ich jeweils in einem Feld charakterisieren werde). Beispielsweise können sich Frauen in einer magischen Trance als Schamaninnen erleben, während eine mythische Bewusstseinsstruktur von Frauen eine konventionelle Rollenerfüllung erwartet – als sich unterordnende Gattin und Mutter, die sich möglicherweise als Freiwild fühlt, wenn sie kein Kopftuch trägt – wohingegen eine pluralistische von ‚Selbstverwirklichung‘ träumt. 

  • aus einem von zumindest 4 Quadranten oder 8 Zonen/Perspektiven (subjektiv, intersubjektiv, objektiv) 

  • einem von vier Zuständen: grobstofflich (=Tagesbewusstsein), subtil (=Trance, Traum), kausal (=reines Gewahrsein), nondual (Leere = Fülle)2 


Wir legten unseren Untersuchungen die von Jean Gebser benannten Bewusstseinsstrukturen und die Wertestrukturen von Spiral Dynamics1 zu Grunde, die auch Wilber verwendet. Jede dieser Strukturen unterteilten wir in vier Quadranten: subjektive, zwischenmenschliche und objektive Perspektiven von ICH, WIR, und ES singular und plural, die jede Wahrnehmung von Wirklichkeit erzeugen.

Den Zugang zum Quadranten oben links, den Ich-Perspektiven der jeweiligen Stufen oder Bewusstseinsstrukturen, eröffneten uns verschiedene Erfahrungsübungen, die uns in verschiedene Zustände brachten. Beispielsweise ermöglichte eine Visualisierung die archaische Erfahrung absoluter Geborgenheit und von dort aus die magische eines Labyrinths und die Erfahrung der großen Mutter in einer Trance.

Darüber spannten wir in einem weiten Bogen die Frage nach der Großen Mutter und der Großen GÖTTIN.

Es stellte sich die Frage: Welche Frauenbilder erscheinen in diesen verschiedenen Strukturen, Perspektiven und Zuständen, und wie verändern sie sich? Bestätigen Forschungen und eigene Erfahrungen unsere Ergebnisse – oder presst unsere differenzierte Betrachtungsweise dieses komplexe Thema doch nur in neue Korsette?

Bewusstseinsstrukturen

In diesem Essay werde ich ausführlicher vor allem auf die wichtigen ersten Bewusstseinsstrukturen eingehen, archaisch, magisch und mythisch und die höheren nur streifen, da die Basisstrukturen des Bewusstseins eine prägende Matrix der Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung ausbilden. Sie begrenzt und färbt automatisch alles Wahrgenommene ein, wie eine Brille, vor allem so lange sie nicht bewusst gemacht und relativiert wird.

Früheste Strukturen sind die Basis für spätere; sind sie unausgeglichen, wird alles, was darauf aufbaut, schief. In Krisen greifen wir häufig unbemerkt auf grundlegendere Strukturen zurück.

Spätestens seit Gänseküken die Stiefel von Konrad Lorenz für ihre Mutter hielten, wissen wir von frühen Prägungen, beispielsweise der archaischen Bewusstseinsstruktur unbedingter Zugehörigkeit, die prä-rational ist, ein Zustand der Nichtunterscheidung, dem die 4 Quadranten noch nicht bewusst sind. Subjekt und Objekt sind noch nicht ausdifferenziert und daher eins.

Diesen Zustand vorbewusster Verschmelzung mit der ersten Bezugsperson, zumeist der Mutter, die sog. projektive Identifikation, nannte Ken Wilber uroborisch, schlangenhaft – ein in sich selbst Ruhen, wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beisst.

Die Große Mutter

Die früheste individuelle Wahrnehmung des Weiblichen durch männliche oder weibliche Personen dreht sich demnach im Idealfall im Reigen von Geborgenheit, Versorgung, Wohlbehagen, Zugehörigkeit, ja, Verschmelzung – Symbiose. Das sind Prägungen des biologisch-sensorisch-instinkthaft Vorbewussten, weil das Mentale noch nicht entwickelt ist. Ken Wilber datiert die archaisch-uroborische Stufe auf ca. 6 Mill. Jahre bis vor 200 000 Jahren. Sie ist sozusagen ein prä-personales Paradies, der Übergang von Säugern zu Menschen, eine vorbewusste Harmonie, die selbstgenügsam, narzisstisch ist, dem Kleinkind und dem Reptilienhirn entsprechend. Weil die Potenziale noch eingefaltet sind, Subjekt und Objekt noch eins, gibt es auf der archaischen Entwicklungsstufe noch keine Artefakte. Aber sie finden, wie es scheint, ihren Ausdruck bereits auf der magischen Stufe.

Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt lässt nicht auf sich warten. In einem immerwährenden Schöpfungsprozess faltet sich Einheit zu Dualität aus; bei jeder physischen Veränderung, ja, sogar bei jedem Gedanken, jedem Gefühl, die ins Bewusstsein treten. Im individuellen Leben genau so wie im kollektiven. Beispielsweise ist das erste, einschneidende, prärationale Erlebnis sicherlich die Geburt, deren ‚perinatale Phasen‘ von Angst verursachender, schmerzhafter Trennung bis rauschhafter Freude Stanislav Grof ausführlich beschrieb.

Rückblickend erzählen höhere Bewusstseinsstufen diese Vorgänge als die Vertreibung aus dem Paradies oder als Aufteilung von Adam ‚dem Menschen‘ in Adam und Eva. In China entstehen aus der heiligen Frau T‘ai Yüan, Yin und Yang. Im T‘ai Chi Diagramm wird das Yin als dunkler schlangenförmiger Körper oben angeordnet, aus dem, von unten her, das helle Yang aufsteigt. In Indien wird in den Brihadaranyaka-Upanishaden berichtet, wie Atman in Mann und Frau zerfällt, die in der Folge alle Tiere erzeugen. (Wahrlich, ich selbst bin die Schöpfung = srishtih = das Ergossene, Geworfene, Hervorgebrachte, Erzeugte). All diese Berichte symbolisieren die Aufspaltung von ursprünglicher paradiesischer Einheit zu Dualität.

Die Ausformung von Objekten, die verehrt und angebetet werden, richtet sich dann an etwas, das als von einem getrennt wahrgenommen wird. In vielen frühen Kulturen finden sich Rituale und Artefakte für diese Übergänge. Labyrinthe in Irland, auf Kreta, Durchschlüpfsteine, Spiralformen, Spiraltänze (Griechenland) aus der Frühgeschichte sind erhalten und geben Zeugnis. Zahlreiche, sehr frühe, vorgeschichtliche Figurinen stellen das Weibliche als Große Mutter dar.

Einheit bedeutet unhinterfragte Harmonie, Dualität hingegen Polarisierung – und in der Folge Konkurrenz, Frust und Lust, Wahl und Qual, Sieg und Niederlage, Mangel und Fülle. Die archaische Struktur der Nichtunterscheidung geht über in eine magisch – dualistische. Was zunächst ungeschiedene Einheit mit dem Weiblichen war,

spaltet sich – doch auch das erste Gegenüber ist zumeist wiederum weiblich, die Mutter.

Wie erlebt eine magische Bewusstseinsstruktur das Weibliche?

Machtgewinnung über die Umwelt durch magische Vorstellungen.

Ethnozentrisch

Ist es nicht so, dass alle Menschen beim Säugen abwechselnde Erfahrungen von Hunger und Befriedigung, Schmerz und Freude machen, die das vormalige Bewusstseinskontinuum (Piaget), durch Trennung oder gar existenzielle Bedrohung schmerzhaft stören?

Vielleicht erfährt das Kleinkind, dass etwa die Mutter nicht auf sein Schreien reagiert, und wenn sich diese Vorkommnisse wiederholen, empfindet es sie als existenzielle Ent – Täuschung. Auch wenn Sigmund Freud in vielem überholt ist, bestätigt die Gehirnforschung doch, wie entscheidend sich erste Prägungen auswirken.

Diese Urerfahrungen können das vorbewusste Urvertrauen empfindlich untergraben und sich möglicherweise zu einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber allem Weiblichen – im individuellen oder auch kollektiven Leben verfestigen. Oder aber, wenn das Schreien immer wieder die Mutter ‚herbeizaubert‘, können sich ähnliche Verhaltensmuster als erfolgreich einprägen. Frauenfigurinen aus der Jungsteinzeit, aus Frankreich, Österreich, Sibirien, Jakutien, scheinen diese Beziehungsverhältnisse zu bestätigen. Die sog. Venuse werden als Hüterin der Hütte oder der Herden, als Herrin des Mammuts beschworen: ‚Mach, dass wir gesund bleiben, mach, dass wir viele Tiere erschlagen.‘

Die Aspekte des Weiblichen als unhinterfragte Allmutter, der fürsorglich Leben und Nahrung Spendenden, vermehren sich um weitere früheste, dualistische Prägungen von Gewährung oder Verweigerung oder gar Vernichtung.

Magische Bewusstseinsstrukturen unterscheiden kaum zwischen grobstofflichen und subtilen Zuständen. So werden nicht nur grobsondern auch feinstoffliche Kräfte von Kleinkindern oder frühen Kulturen als übermächtig erlebt und als Große Mutter, Hexe, Schamanin, Engel, Zauberin, Nymphe, Sirene, Meerjungfrau, Kundri, Kali oder Hel gefürchtet oder angefleht.

Mit ca. 2 Jahren wird die Beherrschung der Ausscheidung zum Thema. Nach Freud scheidet sich die Welt damit endgültig in Gut und Böse, in den schmutzigen Kot, die Sünde, die Hölle einerseits und anderseits die Sauberkeit, die Tugend, den Himmel. Diese moralischen Kategorien führen über in die nächste, die mythische Bewusstseinsstruktur, geprägt durch Zugehörigkeit zu größeren Gesellschaften. Nicht länger Blutsverwandtschaft, sondern der Glaube legitimiert den Zusammenhalt durch absolutistische Wahrheiten und Gebote.

Die ursprünglich allumfassende Grosse Mutter, die biologische Allmacht, die Geborgenheit und Nahrung gewährt oder vorenthält, wird nun zur Sinn Gebenden und zur moralischen Instanz – die das Verhalten in einer Gemeinschaft begründet, lobt oder bestraft. Auf der individuellen Ebene trat dem sich herausbildenden Ich nun auch im Geistigen zunächst die Mutter als übermächtiges Du gegenüber. Dieses weibliche Du gestaltet auf der individuellen Ebene über Jahre und auf der kollektiven über zig Tausende von Jahren das Selbstbild des heranwachsenden Ich entscheidend mit.

Zwischen 3 und 5 Jahren beginnen Kinder, sich mit ihrer Geschlechtsidentität auseinander zu setzen, und Freud spricht von Identifizierung mit dem andersgeschlechtlichen Elternteil, von Penisneid oder Kastrationsangst. Bilder der Vagina dentata etwa, oder der Spinne verweisen auf diese inneren Konflikte. Fragen der eigenen Geschlechtsidentität können sich als Ödipusoder Elektra-Komplexe manifestieren. Odysseus wird von Kirke in die kosmischen Geheimnisse eingeweiht, seine Gefährten jedoch in Schweine verwandelt, während Sirenen, Scylla und Charybdis ihn zu verderben drohen.

Auf der kollektiven Ebene wird in frühen Agrar-Kulturen die Urmutter, die Hüterin der wandernden Herden, zur Göttin der Landwirtschaft, des Säens, Erntens, Sterbens und wieder Auferstehens. Die Wahrnehmung weitet sich auf immer umfassendere Räume und Zeiträume aus. Die Ur-Einheit mit der Großen Mutter geht über in eine kosmische Vorstellung von der Großen Göttin. Der große Mythenforscher, J. Campbell, datiert früheste Mutterkulte auf ca. 7500-3500 v. Chr. in der Levante. In Sumer ca. 3500-2350 sollen sie schon damals mehr als nur die Verehrung einer Fruchtbarkeitsgöttin gewesen sein. „Sie ist die Erzpersonifikation der Kraft von Raum, Zeit und Materie, in deren Bezirk alle Wesen entstehen und vergehen: der Stoff ihrer Leiber, die Gestalterin ihrer Leben und Gedanken und Empfängerin ihrer Toten. Und alles, was Form oder Name hat – einschließlich des als gut und böse, gnädig und zornig personifizierten Gottes – war ihr Kind, in ihrem Schoß.“ 4 Die Urmutter, als Nut, als Symbol für Raum und Zeit, verbindet sich in vielen Kulturen, wie etwa in Indonesien, mit der MondTrinität: Göttinnen als junge Frauen, als reife Frauen und als der Tod, die Tür zur anderen Welt, als Übergang der Seele ins Land der Toten und der Wieder-Auferstehung.

Somit wandelt sich – mit dem sich ausfaltenden Bewusstsein – in frühen vorgeschichtlichen Mitgliedschafts-Kulturen – das Bild einer Großen Mutter als Körper, Natur, Wasser und Erde, die für Nahrung, Wärme, Behausung und Sicherheit sorgt, zur Großen Göttin. Sie ist Raum und Zeit, in dem der Sinn erstmalig entsteht. Als Große Göttin faltet sie den unteren linken Quadranten auf. Es ist der intersubjektive Wir-Bereich, in welchem das Beziehungsverhalten und die Kultur nun von der Großen Göttin mit ihren Geboten regiert wird. Als kosmische Ahnherrin ist sie beispielsweise die Uräus Schlange auf die Stirn der Pharaonen, die sie beschützt und ermächtigt.

Frühe Mitgliedschafts-Kulturen verehren das Weibliche als Raum, Zeit und Sinn, infolgedessen Moral, als alles, was darin entsteht, stirbt und wieder geboren, versorgt oder bestraft wird.

In Ephesos wird Artemis als Große Göttin, Mutter alles Seienden, als primium mobile, erster Anfang, die stoffliche Matrix, verehrt. 431 n. Chr. wird ebenda beim Konzil die hl. Maria zur wahrhaften ‚Gottesgebärerin‘ erklärt. Die Lauretanische Litanei ruft die hl. Maria mit den Namen der Isis an: „Heilige Mutter Gottes, Mutter der göttlichen Gnade, Jungfrau voller Güte, Spiegel der Gerechtigkeit, Sitz der Weisheit, Pforte des Himmels, Morgenstern, Zuflucht der Sünder, Königin des Friedens, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus“.

Die Göttin von Sais wiederum spricht: ‚Niemand hat mein Gewand aufgehoben und meinen Schoß angeschaut, geschweige denn ihn bezwungen und befruchtet ... Ich bin die Mutter ohne Mann, die Urmutter; alle sind meine Kinder, darum hat keiner gewagt, meinem Schoße zu nahen.‘4 Diese frühen mythischen Kulturen sind matriarchal-agrikultural. Das Weibliche wird mit Materie, Instinkten, Ernte, Erde, Fruchtbarkeit, Sexualität, Gefühl, Wunscherfüllung, Magie identifiziert. Erste Familienformen sind matrilinear.

Mutter, Göttin, Jungfrau, Vestalin

So lange die Fortpflanzung noch unklar war, wurde in frühen mythischen Kulturen die Große Göttin als ewige Jungfrau verstanden, deren Männer kommen und gehen. Sogar Phallus-Kulte kann man als Kulte für die große Mutter interpretieren, so lange es noch kein richtiges Vater-Prinzip gibt. Auch die Kulte des Geschlechtsverkehrs mit Tempeljungfrauen passen in diesen Kontext. Opfer für die Große Göttin sollten das eigene Überleben und das der Gemeinschaft sichern, wie auch die Übertragung ihrer Macht über die Elemente, über die Natur.

Magische Praktiken werden zum Ersatz für Transzendenz und geistige Unsterblichkeit. Die Große Göttin ist das Ewige, doch wie lässt sich das Produkt des sich nun erweiternden Raumes und der Zeit – die Vergänglichkeit – darstellen?6

Wenn die Mutter, Demeter, die Erde ist, wird ihre Tochter Persephone in der Unterwelt gefangen, für ein halbes Jahr, um im Frühjahr als neue Vegetation wieder aufzuerstehen. In Eleusis feierte man das Fest der Kornähre: ‚Der Tod ist kein Übel, sondern ein Segen‘. Der Wunsch nach absolutem Leben und der Erlösung von Todesschuld als separates Ich wird durch den ‚Sündenbock‘, ‚die Tochter, den Sohn‘, die Opferung an Statt, erfüllt.

Es ist der Sohn, der zwar noch untrennbar mit seiner Mutter verstrickt ist, als ihr männlicher Begleiter, der sich aber zunehmend seiner selbst bewusst wird. In Notzeiten wird er getötet, wie auch Persephone in die Unterwelt muss. Er wird hingeopfert für das ewige Werden und wieder Auferstehen, als der ‚Sohn seiner Mutter‘, der sterbende und wieder auferstehende Teil des Ewigen. In den frühen Stadtstaaten des Zweistromlandes wurde das vermeintlich ‚zurückgehaltene‘ Blut der Großen Göttin während der Schwangerschaft durch Blutopfer, auch den König und später durch Tieropfer, ersetzt, damit die Erde fruchtbar werde. Er gibt sein Blut, stirbt und steht wieder auf, während die Große Göttin ewig ist. – Schildert die Kreuzigung des Gottessohnes im Neuen Testament Vergleichbares? Wie auch die Mythen von Innana, Tamuz, Ishtar, Osiris und Isis, Venus und Adonis?

Doch der Uroborus, die Ur-MutterSchlange, die sich in den Schwanz beißt, erhebt ihren Kopf! – und er ist menschlich, er ist männlich. Am Übergang von magischen und frühen mythischen zu antiken mythischen Bewusstseinsstrukturen finden wir im Mittelmeerraum ein überaus faszinierendes Symbol: aus ihrem zyklischen Kreisen in sich selbst richtet die Schlange ihren Kopf auf: der Uroborus wird zum Typhon, ein Wesen halb Schlange, halb Mann.

Und nun geschieht das Unerwartete: der Sohn setzt sich zur Wehr. Er will ewig leben und schlägt zurück in einem Machtkampf auf Leben und Tod. Sein aufgerichteter Kopf, Symbol für den emergierenden Geist, differenziert sich durch lineares, kausales Denken von der zyklischen Wiederkehr des ewig Gleichen, das der Schlangenleib symbolisiert. Der Geist, das Mental, löst sich vom erdhaft, chtonisch, materiell, vorbewussten Weiblichen und wird bewusst. Das ist der Stoff unzähliger Mythen, der ersten ‚geschichtlichen‘ Erzählungen. Diese Mythen spinnen die vorzeitlichen Geschichten aus Ur und aus Babylon weiter, vom tödlichen Kampf, dem die ‚Mutter‘ zum Opfer fällt, – oder aber der Sohn. Jenen Kampf einer Abgrenzung aus den zärtlich umfangenden, oder erdrückenden Armen des weiblichen Archetypus – auf biologischer, emotionaler, mentaler oder moralischer Ebene. Jenen Kampf, den bis heute jedes Individuum durchfechten muss, sei es Mann oder Frau. Wir werden noch sehen, ob diese notwendigen Trennungen in höheren Strukturen wieder ausgesöhnt werden können.

Für jeden Mann und jede Frau wird eines Tages die Fürsorge des mütterlichen Aspekts auch einengend. Das wird besonders auffällig im ‚Trotzalter‘ und in der Pubertät. Jedoch ist die Abgrenzung vom weiblichen Archetypus, der sich in der Mutter manifestiert, die Voraussetzung für Eigenständigkeit. Gelingt sie nicht, bleiben Mädchen genau so wie Jungen gefangen in Fixierung oder Regression.

Parzival beispielsweise verlässt seine Mutter Herzeloyde, mit der er seine Kindheit fernab der Zivilisation verbrachte, und nimmt in Kauf, dass sie über die Trennung an Herzensleid stirbt. So kündet dieses Epos, dass dem Parzivals Leben sich erst rundet, als er zusätzlich zu den Tugenden des Rittertums den weiblichen Wert der Empathie verinnerlicht; das Leiden des Weiblichen als mütterlichem Aspekt des Göttlichen.

Ewig gebärend und kreißend schickt die ‚Mutter‘ ihre Kinder in die ‚Welt‘ hinaus, wohl wissend um die Dornen und das Leid, die Früchte der Dualität, die sie dort erwarten. In der Hl. Maria, die getreulich die Wege ihres Sohnes mitwandert, deren Herz von sieben Schwertern durchbohrt wird, – und in der Pietà, die ihren gekreuzigten Sohn wieder in ihren Schoss zurücknimmt, wird dieser Aspekt des WEIBLICHEN GOTTESPRIN ZIPS gewürdigt.


Auf der kollektiven Ebene erstarkte, durch die Erkenntnis der Rolle des Mannes bei der Zeugung, allmählich die gesellschaftliche Position von Männern. In Vieh züchtenden Gesellschaften, die in den Mittelmeerraum, wie auch nach Indien vordrangen und dort die Oberschicht bildeten und durch den Übergang von der Gartenbaukultur zur Ackerbaukultur, die für die Pflugschar sowohl kräftige Männerarme brauchte, als auch Sesshaftigkeit und Datierung von Zeugungsvorgängen, sowie eine Vererbung von Liegenschaften ermöglichte. Außerdem schuf die Vorratshaltung die Voraussetzung für eine prosperierende Ackerbaukultur, Arbeitsteilung im großen Stil und die Entwicklung zu höherer Kultur. Sokrates konnte dem ‚Müßiggang‘ frönen und weise reden, während Xanthippe sich keifend um die Küche kümmerte.

Die ursprüngliche Zugehörigkeit zur Mutter, zur Herkunftsfamilie, zur Materie, wird nun durch neue umfassendere, körperliche und vor allem geistige Zugehörigkeiten zu größeren Gemeinschaften überwunden, beispielsweise in Glaubensgemeinschaften, in Männerbünden oder neuen Lebensgemeinschaften. Pubertierende etwa finden typischerweise in dieser Phase neue Heimaten in Idealen, in peergroups oder bei idealisierten Geschlechtspartnern.

 

Die Differenzierung aus vorherigen magischen Bewusstseinstrukturen gelingt durch den Verstand. Sein Instrument ist das ‚Wort‘. Das Wort von Propheten, Geboten, Kosmologien, Heldensagen, heiligen Schriften, wird zum neuen Machtinstrument. Nun können auch Männer kreieren – durch Denken und Sprechen. Ist das der Grund, warum geistige Kreativität so lange als Domäne von Männern eifersüchtig verteidigt wurde und jetzt, wo Frauen sie zurückerobern werden, werden sie kollektiv als Sex-Objekte, Prostituierte auf ihre ureigenste Leiblichkeit zurück verwiesen?

Sprache ermöglicht das Zusammenleben und die geistige Organisation immer größerer Gemeinschaften. Sie vermag Vergangenheit in Geschichten, Genealogien, Kosmologien, Geschichtsschreibung und objektiver Forschung darzustellen, – und komplexe religiöse, wissenschaftliche, soziale, technische, wirtschaftliche und politische Systeme zu organisieren.

Schon im Magischen schrieb man dem Wort Zauberkraft zu. In den Merseburger Zaubersprüchen soll es sowohl Knochen heilen, als auch himmlische Jungfrauen beschwören, die gefallenen Krieger ins Jenseits zu bringen. Tausende Jahre zuvor gelang es Marduk im babylonischen Schöpfungsmythos, seine Mutter zu entmachten und als oberster Gott anerkannt zu werden, weil er durch sein Zauberwort ein Kleidungsstück wieder zusammenfügt. In der Genesis ist es nicht länger die Allmutter, die aus sich selbst Leben hervorbringt, bewahrt und erhält, es ist ein Geist, ein Atem (Pneuma, Spirit), der über den Wassern schwebt, Wirbel erzeugt und durch das Wort: ‚Es werde Licht‘ schöpft. Im Hinduismus ist ‚AUM‘ der Schöpfungslaut.

Die These eines ‚Gebärneides‘ erscheint nicht so abwegig, wenn man heutige Genmanipulationen oder gar das Streben nach künstlicher Erschaffung und Manipulierung neuen Lebens bedenkt. Vorläufig braucht es allerdings noch Leihmütter, Lieferantinnen von Eizellen.

 

Die Große Mutter verschwindet, und im Christentum wird die Große Götting zur Magd. Einerseits wird sie mit den Namen der Isis verherrlicht, und muss, den alten Traditionen entsprechend, natürlich Jungfrau sein, doch spaltete der heftige Streit um ihre Rolle die Mutter Kirche.

Die Frau hört nicht nur auf Allmutter zu sein, als Schlange treibt sie den Keil zwischen Mensch und Gott und vertreibt ihn dadurch aus dem Paradies. Ist das nicht ein weiterer, uralter Grund für jüdisch-christlich-islamische Frauenfeindlichkeit? Beruht unter anderem darauf die unversöhnliche Spaltung in ‚Heilige‘ oder ‚Hure‘? Jene ungeheuerliche Abspaltung des Ur-Weiblichen und seine Reduzierung auf die Körperfunktionen der Sexualität. Sie macht Frauen zu Sex-Objekten, sei es in den Medien, der Arbeitswelt, im Bordell, in der Partnerschaft oder im Ehebett als Leihmütter. Ist wegen dieser ungesunden Verdrängung primärer Bedürfnisse unsere Gesellschaft derart übersexualisiert? Werden, wenn Frauen sich nicht länger „zur Verfügung stellen“, Kinder häufiger sexuell missbraucht?

Das Weibliche wird aus dem öffentlichen Raum an den heimischen Herd oder aufs Feld verwiesen, als Arbeitstier, und auf Rollenfunktionen als Hausfrau, Mutter, Magd, Sklavin oder Tochter reduziert. Beispielsweise fällt es auf, wie selbstverständlich Frauen bei (magischen) Naturvölkern öffentlichen Raum zur Verfügung haben. In späteren Jahrhunderten werden im erbitterten Kampf um die Fleischtöpfe zahlreiche traditionelle Bereiche des Weiblichen, etwa Erziehung und Gesundheit, von Männern besetzt und vermarktet. Priester, Ärzte, Sternköche, allerorten!

Frauen bleiben Rollen als: Heilige und Hure, Hausfrau, Tochter, Kebsweib, Weibsteufel, Klageweib, Sklavin, Genitalverstümmelte.

Späte mythische Bewusstseinsstrukturen grenzen sich von vorherigen ab und unterscheiden zwischen Materie und Geist. Materie wird als vorbewusst und weiblich gesetzt, Geist als bewusst und männlich. Dieses Bewusstsein konzentriert sich zunächst auf das Machtfeld des Glaubens, auf Gottvater, Gottsohn und Hl. Geist. Erst nach und nach entspringen ihm die Wissenschaften. Zunächst werden Mythen und Religionen als der Weisheit höchster Schluss und im nächsten Evolutionsschritt der rationale Verstand und Wissen als absolut überlegen deklariert.

Rationale Bewusstseinsstrukturen

Der rationale Geist schafft rationale Ordnung. Messbare Leistung ist ein hoher Wert. Weltzentrisch

Das dialektische Denken ist das Skalpell, das neue rationale von vorherigen magisch-mythischen Bewusstseinsstrukturen trennt. Mythische Bewusstseinsstrukturen betonen das Geistige als Glauben und unterscheiden es somit vom Stofflichen; rationale Strukturen betonen das Geistige als Wissen. Dabei setzen sich individuelle oder kollektive männliche Ichs immer entschiedener als Subjekt und machen das Stoffliche, als das weibliche ‚Andere‘, zum Objekt.

Mit den Werkzeugen von Logik und Verstand, die sich immer mehr verfeinern, lassen sich nun Objekte beobachten, analysieren und in neutraler Es-Sprache beschreiben. Wilbers Rechte Quadranten der objektiven, ‚wissenschaftlichen‘ Perspektiven, werden bedeutsam.

Werden allerdings alte mythische Strukturen nicht aufgearbeitet, korrumpieren sie die vorgebliche ‚objektive‘ Wissenschaftlichkeit und bewirken Verleugnung, Entwertung und Instrumentalisierung des Stofflichen, weil es angeblich dem Geist unterlegen ist.

Im Buddhismus waren, den vorhandenen sozialen Gefügen entsprechend, Frauen zumeist nicht gleichberechtigt, es war ja auch Mara, die Buddha verführen wollte. Im Hinduismus wirken Shiva und Parvati zusammen die Schöpfung, und doch werden Frauen unterdrückt, ausgebeutet, getötet. Im Symbol des T‘ai Qi, oder in der Vorstellung von der Kundalini, der Schlange, sind das Weibliche und das Männliche gleichberechtigt. Die Schlange ringelt sich zweigeteilt als Energiebahnen um die Wirbelsäule aufwärts, um den Zentralkanal für Transzendenz zu öffnen. Ein Symbol, das sich im Caduceus von Hermes, dem Seelenführer, wiederfindet.

So bleibt häufig das analytische Denken in Gegensatzpaaren, wie weiblich und männlich, stark und schwach, nicht objektiv wertneutral. Es drängt das Vorbewusste und das Irrationale, wie Glaube, Gefühle, Emotionen, Psyche, Beziehungen, subtile Zustände, wie Trance-Erfahrungen, als weiblich an den Rand. Im Christentum etwa wurde der Schlange der Kopf zertreten. Macht euch das ‚Andere‘– Gefühle, Kinder, Küche, Kirche, die ‚Mutter‘ Erde – untertan‘! Wen wundert es, dass sie als personifizierte Verführerin, Vamp, femme fatale, Domina, Hure unbemerkt wieder hereinkriecht?

Die Opfer allerdings, welche diese Verdrängungen von ihren stolzen Schöpfern einfordern, sind gewaltig. Wiederum sind es viele ‚Söhne‘ die Kriege, Attentate, Revolutionen, Kolonialismus, Industrialismus, sportliche und berufliche HöchstLeistungen mit ihrem Leben bezahlen. Denn wenn das Stoffliche mit dem Weiblichen konnotiert und abgespalten wird, entgleist das Geistige. Als Materialismus und Gier zündet es Weltwirtschaftskrisen und die Zerstörung der Umwelt an und frisst als maßloser Moloch seine Kinder. Das ursprüngliche ‚ma‘ oder ‚matr‘ im Sanskrit, die Wurzel von Mutter, Maya, Maß, kippt durch die Dissoziation des weiblichen Archetypus in Maßlosigkeit.

Welche Rollen sind nun dem Weiblichen zugedacht? Hausfrau, Arbeiterin, Sekretärin, Leih-Mutter, Model, Star, Vamp, Sex-Objekt, Prostituierte (= mit ihren Geschlechtsteilen ‚Gewerbe Treibende‘), früher noch ‚Gunstgewerblerinnen‘, les Précieuses; zugleich auch Instrumentalisierung, Ausbeutung der Umwelt.

Männer an der Macht und willige Besetzerinnen von Machtnischen helfen, das Weibliche nicht nur zum ‚Anderen‘, zum abhängigen, untergeordneten Objekt zu deklarieren, sondern es zu instrumentalisieren. Körperbezogenheit wandelt sich zu Ausbeutung durch Machismo, Leistungsdenken: Möglichst viele Nachkommen; die schlankste Taille, der größte Busen; im gesellschaftlichen System Kapitalismus, Nationalismus, Imperialismus.

Die Abgrenzung vom Weiblichen, die in magischen Bewusstseinsstrukturen durch Initiationsriten von Männerbünden erstmalig bei Naturvölkern unterstützt wurde, (gruselige Details bei J. Campbell), wird im Mythischen und Rationalen ausgeweitet.

Männerbünde schaffen Zugehö-
rigkeit in Priesterorganisationen,
die Vorräte verwalten, Politik und Wirtschaft dominieren. Justitia weicht dem Weltenrichter, Kinder entstehen in der Retorte. Körperfeindlichkeit zeigt sich in exzessiver Askese, im Mönchstum, aber auch in Völlerei, und der von der Wirtschaft erwünschte Konsumismus zerstört die Umwelt.

Macht haben Frauen nur noch als Hausfrauen, Mütter von Söhnen, Handwerksmeistergattinnen, Kurtisanen, jungfräuliche Königinnen. Und einigen Privilegierten ist es vorbehalten, ihr Heim und Herd anderen ‚Geistreichen‘ als Salon zu öffnen. Welch ein Wandel zum Integralen Salon!

Pluralistische Bewusstseinsstrukturen

Wahrheiten werden relativiert, werden kontextuell, individualistisch, pluralistisch. Toleranz ist ein hoher Wert. Kosmozentrisch. Erst diese Strukturen distanzieren sich von der ausschließenden Polarisierung des rationalen Dualismus. Sie erkennen, dass Wahrheiten relativ, kulturell und kontextuell sind und ordnen sie systemisch in die Quadranten unten links und unten rechts ein. Auch der Quadrant oben links, die subjektive Perspektive, die von den ‚objektiven‘ Wissenschaften ausgeklammert worden war, rückt wieder ins Blickfeld. Frauen dürfen nun ihre Empfindungen, Gefühle und Visionen in Worte kleiden und darstellen. Nun können erstarrte Rollenvorschreibungen relativiert werden.

Beispielsweise haben Frauen typischerweise mehr Östrogen und Oxytocin, die den Körper und das Sozialverhalten beeinflussen, wie auch typische Männer mehr Testosteron haben. Als Individuen werden sie allerdings nicht darauf festgelegt, es wird zugestanden, dass Menschen von einer Vielzahl von physischen, emotionalen, mentalen, sozialen, kulturellen, ökologischen Veranlagungen und Umständen beeinflusst werden. Daher können sie sich völlig unterschiedlich entwickeln und verhalten.

In pluralistischen Bewusstseinstrukturen stellt sich erstmals die Frage, was Menschen mehr bestimmt – nature oder nurture? Der Streit um ihre prozentualen Anteile will nicht enden. Jedoch hält keine der Angaben einer Prüfung stand. Wenn nature und nurture einander in Rückkoppelungsprozessen beeinflussen, lässt sich kein Schicksal vorausberechnen. Weder sind die Veränderungen der Umwelt vorhersehbar, noch Schicksalsschläge, noch wie Rollenvorstellungen sich in Zukunft entwickeln werden. Sigmund Freud stellte vor allem bei seinen weiblichen Patientinnen fest, dass abgespaltene Bedürfnisse nicht verschwinden und einseitige Wertestrukturen die Persönlichkeit verbilden und den bewussten Willen des Ego sabotieren. Soll das Ego wieder lebensfähig werden, müssen verdrängte Bedürfnisse des Leiblich-Geistigen bewusst gemacht und legitimiert werden. Was bei unausgegorenen Persönlichkeiten leicht in Narzissmus, ‚Boomeritis‘ (Wilber) und ‚Ballermann‘ kippen kann. Dann wird auf individuellen wie auf kollektiven Ebenen das harsche Entweder/Oder des Rationalismus ergänzt durch ein pflegliches Sowohl-als-auch des Pluralismus. Dann dürfen Frauen genauso wie Männer sowohl aktiv als auch passiv sein.


Nach den Katastrophen im Abendland, welche die Todeskulte faschistischer ‚Übermenschen‘ herbeigeführt hatten, begann man sich zu besinnen. Um die Sehnsucht nach ‚Heilung‘ zu erfüllen, muss das verleugnete ‚Andere‘ als gleich würdig anerkannt werden. Nach den ‚Schwarzen‘ gelingt es Frauen und anderen an den Rand gedrängten Gruppen, Roma, Kindern, Behinderten, Kriminellen sich zu emanzipieren; ‚feinstoffliche Energien‘, Trance, Tanz, Leiblichkeit, die ‚Umwelt‘ bekommen Raum und eine Stimme, die gehört wird. Sogar der ‚Penisneid‘ wurde als sozialer Neid auf die Vormachtstellung von Männern uminterpretiert.

Nun öffnen sich auch Frauen bisher ungekannte Möglichkeiten der Identitätsfindung in unzähligen Rollenmodellen, auch dank der nun erleichterten Geburtenkontrolle durch die ‚Pille‘ – „Mein Bauch gehört mir!“ als: Managerin, Künstlerin, Wikka, Priesterin, Akademikerin, Politikerin, Extremsportlerin, berufstätige Mutter und Familienmanagerin, Superweib, Aussteigerin, Lesbe, Angestellte.

Weil wirtschaftliche Eigenständigkeit eine Voraussetzung für Selbstbestimmtheit ist, war die legale und ökonomische Gleichberechtigung das primäre Anliegen von Frauenbewegungen.

Wenn allerdings in dieser pluralistischen Bewusstseinsstruktur Ego-Bedürfnisse noch unausgeglichen sind, oder das Leistungsdenken der rationalen Stufe noch überwiegt, zahlen Frauen genauso wie Männer einen hohen Preis. Sie überfordern sich oder gleiten in unbekömmliche Beliebigkeit ab, weil ja alles erlaubt ist. ‚Swingen‘ oder ‚Superfrau‘ sein – wie toll!

Erst allmählich wird die weibliche Wertschätzung des Lebens an sich, in all seinen Aspekten, seine Weitergabe, nährende Förderung (jetzt auch empowerment), hingebende Akzeptanz, als universell wertvoll erkannt. Gaia als ein lebender Organismus Mutter Erde, und alles, was darin enthalten ist: Gesundheit, Ernährung, Erziehung, Wissen, Fürsorge, soziale Netze, soziale Marktwirtschaft, Ökologie. Schon paradieren ‚Stars‘ stolz ihre schwangeren Bäuche, das anorexische, präpubertäre Model-Ideal ist im Auslaufen.

Integrale Bewusstseinsstrukturen

Luzider, intuitiver, Über-Geist. Würdigung und Einordnung der verschiedensten Wahrheiten als Teile und Ganze. Kosmozentrisch.

C.G. Jung nannte die Integration der aus dem Ego-Bild verdrängten Persönlichkeitsanteile Individuation. Diese Anteile können sich in allen Männern oder Frauen als weiblich oder männlich zeigen, als Anima oder Animus.7 Erst der partnerschaftliche Umgang mit dem Abgetrennten und seine Sublimierung bringt die Persönlichkeit in ‚nachhaltiges‘ Gleichgewicht, harmonisiert sie selbst und ihre Beziehungen und stabilisiert Transzendenz und ‚Generativität‘, die fördernde Patenschaft für alle Wesen.

Integrale Bewusstseinsstrukturen können würdigen, wie sich eine Bewusstseinsstruktur aus der anderen entwickelt, wie sich jedes Ereignis aus zumindest vier Perspektiven/acht Zonen zusammensetzt – und wie Zustände die Erkenntnismöglichkeiten mitbestimmen.

Eine wirkliche Vision

Dann kann das Leiblich-Stoffliche, das mit dem Weiblichen assoziiert worden war, durch das Geistige des sog. Männlichen als Kontinuum von Leib – Geist – Seele anerkannt werden. Diese Bereiche werden im diskursiven Denken polarisiert, wenn man beispielsweise von psychosomatischen Erkrankungen spricht, als ob nicht immer alle drei Bereiche auf einander einwirkten und mit dem materiellen, sozialen, emotionalen Umfeld in Wechselwirkung wären. Oder wenn man die Vorstellung vom Ich im Gehirn lokalisieren will.

Natürlich vermitteln nicht nur grobstoffliche Energien zwischen ihnen, sondern ebenso subtile Energien. Sie erscheinen in Form von Gefühlen, Gedanken, Trance, Schwingungen, die alle Systeme unablässig miteinander verbinden. So beginnen auch Naturwissenschafter anzuerkennen, dass immer komplexer organisierte Materie immer komplexere geistige Systeme ermöglicht und stützt.

Der Geist erwarb in langen Evolutionsschritten Fähigkeiten, Materie immer weiter zu verlebendigen, zu integrieren und Körper zu ungeahnter Kreativität und schöpferischen Taten zu beflügeln. Wir könnten beispielsweise Burka-Trägerinnen auf sensible Art und Weise bei ihrer SelbstBefreiung begleiten. Es käme darauf an, ihnen die nächsten evolutionären Bewusstseinsschritte schmackhaft zu machen und sie beim Gehen zu stützen.

Auch der uralte weibliche Wert der Zugehörigkeit, der uns seit den frühesten archaischen Bewusstseinsstrukturen vertraut ist, kann auf verschiedensten Ebenen erfahren werden. Immer umfassendere Systeme im Materiellen, Geistigen und Spirituellen ge-hören einander zu. Die Globalisierung, innovative Formen der Kunst, Kommunikation, Internet bezeugen es.

In einer Holarchie des Seines werden Ganze gleichzeitig als Teile erkannt. Wir sind eins, Nester in Nestern in Nestern.

Auf der individuellen Ebene etwa sind Körper, Geist und Seele eins (Quadrant LO); auf der WIR-Ebene (LU) bilden sich immer umfassendere Systeme, die Es-Ebenen (RO und RU) zeigen alle Materie als einen Organismus mit immer umfassenderen Strukturen in immer umfassenderen Systemen. Alle Quadranten wirken im Kreuzungspunkt der Quadranten zusammen. Dort ist Einheit in der Fülle, doch erst im absoluten Kreuzungspunkt ist in der Leere alles Eins. Das Erleben dieses Webstoffs des Lebens ohne Anfang und Ende entlarvt auch alle rationalen Theorien der Naturwissenschaften, denen jedes neu entdeckte Subatom unter den Händen ‚zerfällt, wie modrige Pilze‘, als ‚Mythos vom Gegebenen‘ (Wilber).

Das Erfühlen von Zugehörigkeit beeinflusst den Umgang mit einander. Wir gewahren, dass alle ‚Wörter‘– wie auch ‚das Weibliche‘ – Definitionen sind, Gedankenkonstrukte, die das Be-greifen erleichtern. So löst auch die Kommunikation die Rhetorik in ihrer Bedeutung ab. Selbstverständlich wird nur dann effektiv kommuniziert, wenn die Begriffe genau definiert sind. Es gibt weibliche und männliche Körper in Variationen sonder Zahl; es gibt typisch weibliche oder männliche Verhaltensweisen, doch welches Individuum wird von ihnen determiniert?

Selbstverständlich können Männer, wenn auch unter anderen, etwa physischen, Voraussetzungen hervorbringen, verbinden, nähren, nähen, putzen, vorenthalten und gewähren, strafen und loben, ähnlich wie Frauen. Wie auch das T‘ai Qi Diagramm Yin und Yang als einander ergänzende Prozesse und Gestaltungsweisen symbolisiert, die als Urprinzipien gemeinsam die Schöpfung formen.

Schöpfung bringt keine festen Erzeugnisse hervor, sie alle sind im Wandel.

 

Die eigentliche Schöpfung im Werden ist unser Mit – ein – ander. Die Wahrnehmung des Anderen sind jene Perspektiven, die unser Weltbild zusammen-setzen:

Dass aus dem unendlichen Kontinuum des Seins an sich, die isolierte Form, das Ego als Sohn oder Tochter werdend entsteht, vergeht und wieder aufersteht, wie Fäden in Schuss und Kette aufund untertauchen und so die Muster des Wirkwerks gestalten.

Dass alle Definition, Abwertung oder Aufwertung aufregende Durchgangsphasen durch individuelle oder kollektive Entwicklungsprozesse sind. Dass allerdings die Ausrufung weiblicher Göttinnen, Hexen oder Schamaninnen weniger ein Ausgleich für vergangenes Unrecht ist als ein Rückschritt zur Aufarbeitung von Magie oder Mythos.

Dass Big Mind eins ist mit Big Heart. Der Große GEIST und das Große HERZ, wie Genpo Roshi8 das reine, unbeteiligte Gewahrsein (nirvana) und die Leben fördernde Liebe (mahakaruna) nennt – und anleitet, sie als Zustände zu erfahren.

Das Bestreben des mönchischen Hinayana Buddhismus war es, den Großen GEIST im eigenen Inneren zu erfahren. Als dieser – wie auch das Judentum – zu verknöchern drohte, gab es um Christi Geburt zwei entscheidende Reformbewegungen: Das Christentum und der Mahayana Buddhismus verkünden den Weiblichen Wert des Mitfühlens, das Große HERZ, als gelebte Spiritualität. Heute wird er auch als emotionale (Goleman) und spirituelle (Wilber) Intelligenz eingekleidet.

Das GROSSE HERZ ist der Aspekt des Göttlichen, die/der gebiert, seine/ihre Kinder in die Selbstbestimmung zur Selbstfindung entlässt, den Schmerz ihrer EgoLeiden erträgt und sie trotz scheinbarer Entfernung immer inniglich am Herzen hält, wie die Pietà ihren Sohn. ‚Ich und der Vater sind eins‘ – wie auch ‚Ich und die Mutter, Geliebte, Tochter, Schwester, Tante, Großmutter....‘

 

(1) Don Beck,Christopher Cowan, Spiral Dynamics 1995


(2) K. Wilber, Integrale Spiritualität, Kösel 2007


(3 ff) K.Wilber, UP from EDEN, Quest 2007, S 32


(4) J. Schwarz, Das wahre Märchen von Hänsel und Gretel, 2004, S 34

(5) J.Campbell: Mythos der Urvölker, 1991, S 81

(6) K. Wilber, The Atman Project, The Quest, 1996


(7) Schwarz, Das wahre Märchen von Hänsel und Gretel

(8) Genpo Roshi, Big Mind


Quelle: integrale perspektiven 12 – 03/09