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25.2.2017 : 19:10 : +0100

Wie entsteht die Zukunft des Weiblichen und Männlichen?

uwe schramm 2009

Raymond Fismer

Die Essenz des Maskulinen und Femininen

Wohl kaum ein Bereich unserer Kultur hat in den letzten Jahrzehnten einen so tief greifenden Entwicklungssprung durchgemacht wie das Verhältnis von Mann und Frau. Und ein Ende des Wandels ist noch lange nicht abzusehen – glücklicherweise, sagen wir als Evolutionäre. Wohin geht die Reise? Wodurch wird unser zukünftiges, integrales Verständnis von männlich und weiblich geprägt?

Schauen wir uns auf dem Markt der Angebote zur Selbstentfaltung für Frauen und Männer um, finden wir häufig Aussagen wie „Finde zu deiner ursprünglichen Natur zurück“, „Entdecke deine männliche Essenz“, „Die Rückkehr des weiblichen Prinzips“ usw. Dass es ein Ewig-Weibliches und ein Ewig-Männliches gibt, scheint ein sehr attraktiver und einleuchtender Gedanke. Und es rührt offenbar eine tiefe Sehnsucht an, endlich bei dem anzukommen, was den wirklichen Mann oder die wirkliche Frau ausmacht.

Auch im integralen Kontext werden „maskulin“ und „feminin“ oft als fest stehende Begriffe gebraucht. Ein prominentes Beispiel ist David Deida, der in seinen Büchern auf faszinierend eindringliche Weise die Essenz des Maskulinen und des Femininen darlegt. Und Ken Wilber führt wiederholt „männlich und weiblich“ als Paradebeispiel für eine Typologie an.

Integrale Kritik am Gegebenen

Als prominente Kritikerin solch einer Verwendung von Geschlechts-Stereotypen tritt in letzter Zeit die amerikanische Autorin und Entwicklungsforscherin Elizabeth Debold hervor; auf der Jahrestagung des Integralen Forums 2012 in Berlin hielt sie einen viel beachteten Vortrag „Die Zukunft jenseits des Gender Divide“. In mehreren Artikeln in EnlightenNext hat sie dies Thema seitdem vertieft. Ihre Kernthese in verkürzter Form: Sie wundert sich, wie viele Integrale und Evolutionäre an der tradierten Polarität von Männlich und Weiblich festhalten, da diese entwicklungshemmend wirke und die alten Herrschaftsmuster verewige. Stattdessen plädiert sie dafür, die Polarität hinter uns zu lassen, aus der Perspektive der Einheit des Seins heraus die Identitäten von Männern und Frauen ganz neu zu denken und zusammen Mensch zu sein.

Aus meiner integralen Sicht finde ich ihre Kritik fruchtbar und wertvoll, schließlich haben wir gelernt, jedem „Mythos des Gegebenen“ misstrauisch gegenüber zu stehen. Ihr Lösungsvorschlag – ein Verständnis von Mann und Frau „beyond gender“ zu suchen – ist eine inspirierende Vision, greift meines Erachtens aber zu kurz. Ich möchte daher versuchen, ihn um eine vollständigere Evolutionsperspektive zu ergänzen.

Gehen wir zunächst der Frage auf den Grund: Gibt es das absolute Männliche und das absolute Weibliche, als archetypische Bilder, welche durch die ganze Geschichte quasi als Attraktoren der Entwicklung wirken und auf deren Realisierung die Evolution zusteuert? Geht es nur noch darum, unsere „Essenz“ zu verwirklichen?

Evolution der Geschlechts-Archetypen

Die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie wir sie heute kennen, sind das Ergebnis von Jahrtausenden von Kultur-Evolution, die auf die biologisch gegebenen Unterschiedlichkeiten aufbaut.

Prä-modernes Denken nimmt ganz selbstverständlich fest stehende Geschlechterrollen an. In magisch geprägten Gesellschaften ist die Aufteilung der Lebenswelten von Männern und Frauen seit Erschaffung der Welt durch die Ahnengeister gegeben. In allen mythologischen Kulturen besteht der Olymp aus männlichen und weiblichen Göttern: Zeus und Hera, Mars und Venus, Thor und Freya, Shiva und Parvati - die Polarität der Menschenwelt findet bei den Himmlischen ihr Vorbild. In diesem Weltbild ist die Spaltung in männlich und weiblich eine Urpolarität, die ganz am Anfang der Manifestation der Welt steht. Und in den konventionellen, monotheistischen Religionen ist das rechte Verhältnis von Mann und Frau in Geboten fixiert, die von Gottvater gesetzt sind.

Erst die Moderne entwickelt die Vorstellung, dass die Welt sich entfaltet von der Vergangenheit in die Zukunft. Evolution ist ein modernes Konzept. Und der Impuls der Aufklärung verspricht die Möglichkeit der Veränderung der Verhältnisse; nichts muss bleiben, wie es ist. Somit können auch die Geschlechterrollen erst nach der Aufklärung zum ersten Mal in Frage gestellt werden – auch wenn es zur Verwirklichung der Emanzipation der Frau noch einiger Jahrhunderte und des Impulses der Postmoderne bedurfte.

Das kritische Denken der Postmoderne entlarvte die vorgefundenen Geschlechterrollen als historisch bedingte gesellschaftliche Konstruktionen. Befreit von aller Präformierung schien nun das zukünftige Verhältnis von neuem Mann und neuer Frau völlig frei aushandelbar.

Für die integraler Sichtweise ist der Evolutionsgedanke zentral: Das Bewusstsein entwickelt sich Stufe für Stufe; jedes Individuum vollzieht im Heranwachsen die Schritte der kulturellen Evolution nach.

Auch das Geschlechterverhältnis unterliegt der Evolution. Was wir heute als Typen von Maskulin und Feminin wahrnehmen, ist ein Kondensat unserer gesamten Vergangenheit. Dadurch, dass die Evolution des Geistes nicht willkürlich abläuft, sondern im Großen einer gesetzmäßigen Stufenfolge gehorcht, gewinnt dieses Bild seine Allgemeingültigkeit, seinen scheinbar globalen und ewigen Charakter. Die Götter sind ein Spiegel der Vergangenheit und nicht das Idealbild der Zukunft. Die Archetypen von Mann und Frau gelten nur bis zur Gegenwart hin, ihre Macht über die Zukunft ist eine beschränkte: Das Neue, das entsteht, muss auf dem Alten aufbauen, aber es entfaltet sich in einen freien Raum hinein. So wird auch die Typologie „Mann-Frau“ einer allmählichen Wandlung unterliegen, oder genauer, einer Weiterentwicklung, einer Ergänzung.

Richtig verstanden, ist der Begriff der Essenz also durchaus sehr treffend: Eine Essenz ist ein Auszug, ein Konzentrat. Wir haben es mit der Essenz unserer (historischen wie psychologischen) Geschichte als Mann bzw. Frau zu tun, und diese Essenz wird im Gärkessel der Evolution weiter reifen.

Auf die Frage nach der Zukunft der Geschlechterrollen antwortet die Prämoderne: „Wieso Zukunft? Es ändert sich doch nichts!“ Die Moderne eröffnet das Feld für Wandel und Entwicklung, und die Postmoderne ruft aus: „Die Zukunft ist frei!“ Dieser emanzipatorische Fortschritt wird aufgegeben, wenn man – wie anfangs zitiert – sagt: „Die Zukunft steht bereits geschrieben, wir müssen sie nur noch in uns verwirklichen.“ Beidem gegenüber ist eine integrale Position differenzierter: „Die Zukunft ist nicht frei wählbar, aber sie liegt in unserer Hand.“

Das Paradoxon der Zukunft

Damit ist das Paradoxon angedeutet, wie im evolutionären Verständnis die Zukunft entsteht: Sie fußt auf dem Vergangenen, und sie wächst in den offenen Raum. Diese Spannung gilt es zu begreifen: Zukunft kann immer nur auf der bisherigen Konstellation der Welt aufbauen, sie entsteht nicht im leeren Raum. Alle Kritik an den gegebenen Verhältnissen, alle Dekonstruktion schafft keine tabula rasa, so sehr wir uns dies auch wünschen mögen. Unser gesamtes Denken ist bis in die letzten Hirnwinkel bestimmt durch unsere Geschichte, individuell wie kulturell.

Andererseits entsteht das Neue unvorhersagbar, seine Quellen liegen für uns im Dunkeln. So unterschiedliche Autoren wie C. Otto Scharmer und Andrew Cohen richten unseren Blick auf den leeren Raum der Möglichkeiten, auf das, was im Entstehen begriffen ist.

Bildlich könnte man die Evolutionsdynamik so beschreiben: Von unten her schiebt der Veränderungsdruck des Gewordenen, von oben her zieht das Vakuum der Zukunft.

Die Geschlechtsrollen integrieren und transzendieren

So betrachtet, deckt Elizabeth Debolds These nur die eine Seite ab: die Zukunft der Geschlechter aus dem leeren Raum der Zukunft heraus ganz neu zu denken. Eine integrale Sichtweise, die den Evolutionsgedanken ernst nimmt, darf aber die andere Seite nicht negieren: die Zukunft der Geschlechter durch Integrieren und Transzendieren der gewachsenen Rollen zu entwickeln.

Ich bin überzeugt, dass zum Wachstum des Bewusstseins eine integrierende Auseinandersetzung mit der eigenen Gewordenheit unumgänglich ist. Das ist ein Kerngedanke der „Integralen Lebenspraxis“: Schattenarbeit tut not, Meditation alleine wird selten reichen, um eine allseitige Entwicklung zu gewährleisten (ganz zu schweigen von den weiteren Praxis-Bausteinen wie Körper, Geist, Beziehung…).

Ich habe immer wieder erlebt, welch kraftvollen Impuls zur Entfaltung der Gesamt-Persönlichkeit die Klärung der eigenen Geschlechtsrolle darstellen kann. Erst nachdem man eine gesunde Identität mit dem eigenen Geschlecht entfaltet hat, kann man beginnen, über diese Identifizierung hinaus zu wachsen.

Es ist fruchtlos, wenn man vorher versucht, die Rollen hinter sich zu lassen; das wissen wir seit der Entdeckung des Unbewussten durch die Psychologie. Prägende Strukturen lassen sich nicht ignorieren oder verleugnen. Wir können und müssen sie wandeln, integrieren, heilen. Sonst behalten die verdrängten Muster weiterhin ihre Wirksamkeit auf unser Fühlen und Handeln, nur versteckt und unbewusst.

Schritte zum integralen Mann / zur integralen Frau

Wenn wir die Geschlechtsrollen im oben entwickelten Sinn nicht als ewig konstant, sondern als Evolutionsschritte verstehen, dann muss ein Betonen des Frauseins oder Mannseins nicht zum Festhalten an tradierten Strukturen führen. Vielmehr ermöglicht es uns, die in den alten Formen verborgenen Schätze zu bergen und zu Bausteinen einer integralen Geschlechtsidentität zu machen.

Auf Seiten der Männlichkeit (was als Mann mein wesentliches Erfahrungs- und Forschungsfeld ist) kann das etwa heißen: Die Kraft des Mannes ist nicht mehr erobernd, egozentrisch und zerstörerisch, sondern steht konstruktiv im Dienst einer höheren Moral. Seine Autorität ist nicht mehr eine herrisch-feudale, sondern eine leise, charismatische, die von Einfühlungsvermögen und Integrität getragen ist. Seine Tatkraft ist nicht mehr unterwerfend und verdrängend, sondern umsichtig, verantwortlich, ethisch. Seine Autonomie macht ihn nicht mehr zum einsamen Wolf, sondern gibt ihm Gelassenheit, Sicherheit und macht Nähe möglich. Analoges gilt für eine entfaltete Weiblichkeit.

Wir sind nicht mehr mit unserer Geschlechtsrolle identifiziert, auch wenn wir eine haben. Wir haben die Wahl, uns anders zu verhalten. Jeder Mensch ist viel mehr als sein Geschlecht. So wird es möglich, dass sich Frauen und Männer in vielen Lebensbereichen auf einer Ebene jenseits von Gender begegnen – sachlich zusammen arbeiten, offen voneinander lernen, einfühlsam kommunizieren. Und es gibt die Bereiche persönlicher Begegnung, wo sie ganz in ihre (erneuerte) Polarität als Frau oder Mann hineinschlüpfen und diese genießen können.

Integrale Männerarbeit und Frauenarbeit

Eine integrale Männerarbeit und Frauenarbeit braucht demnach sowohl eine bewusste Entfaltung der eigenen Weiblichkeit bzw. Männlichkeit, als auch eine Öffnung für das Neue, das entstehen will.

Schaffen wir Erfahrungsräume, in denen Frauen und Männer die Evolution ihrer Geschlechterrollen nacherleben und verstehen können. Wenn dabei klar ist, dass es keinesfalls um ein Zurück geht, können wir auf dieser Basis den Blick in die Zukunft öffnen und neue Identitäten organisch wachsen lassen.

(aus: integrale perspektiven Nr. 27)