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15.12.2017 : 1:25 : +0100

Annäherungen an den interkulturellen Dialog

Erfahrungen aus Namibia

von Peter Erlenwein

Einleitung der Redaktion

Unser Autor Peter Erlenwein ist als Reisender viel in der Welt herumgekommen. Die EINE globalisierte Welt ist im Äußeren durch internationale Märkte, Kommunikation, Reisen und das Zusammensein verschiedener Kulturen vor der Haustür schon Realität. Aber wie real ist das Zusammenkommen in der inneren Realität von Individuen und Gesellschaften? Dieses wirkliche Verstehen, Zusammenkommen und Wertschätzen des Anderen setzt eine Entwicklungsstufe voraus, bei der wir das Andere nicht als das Feindliche, Fremde ausgrenzen, sondern als Teil der unermesslichen Vielfalt einer Menschheit begrüßen. Das setzt das Aufweichen von Selbstsucht und Egozentrismus wie auch von Rassismus und Ethnozentrismus zugunsten einer mindestens weltzentrischen Perspektive voraus. Je mehr Menschen auf dieser Ebene von Entwicklung ankommen, nicht nur als abstrakte Idee, sondern als gelebte Toleranz, desto geringer die Basis für wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kolonialismus. Je mehr wir alle Entwicklungsebenen und Typen des Menschseins in uns selbst und unserer eigenen Kultur integriert haben, desto besser können wir die Vielfalt der Welt schätzen und überall die Entwicklung zu mehr Gerechtigkeit und Fürsorge für alle Menschen und alle fühlenden Wesen begleiten und fördern und das zurückweisen, was diesen Prozess der vollen Menschwerdung behindert. Geistige Wachheit, Präsenz und die Erfahrung der Einheit allen Seins und Werdens sind im Rahmen einer integralen Lebenspraxis eine unerlässliche Voraussetzung, um die tiefen eigenen Konditionierungen durch Biografie und Kultur zu überwinden und einen möglichst „ungefärbten“, wachen Blick auf das Andere zu ermöglichen. Interkulturalität verlangt Multiperspektivität, die Integration aller Perspektiven und zugleich die Freiheit von allen Perspektiven. Unser Alltag der Interkulturalität ist der beste Weg, beides zu praktizieren – die Fülle in der Welt und die Freiheit von der Welt.

„Die kapitalistische Globalisierung ist der zentrale Angriff auf die Verschiedenheit der Kulturen, ihre unglaubliche Vielfalt. Die Nivellierung auf ein paar touris- tische Highlights, die Standardi- sierung westlicher Stadtkultur bei gleichzeitiger Errichtung immer größerer Trennwände zwischen arm und reich, hieße, die Arten- vielfalt von homo sapiens auf dramatische Weise zu dezimieren.“

(Ilija Trojanow, Schriftsteller: „Kampfabsage“, zusammen mit R. Hoskote)

 

An einem Sommernachmittag in München: Mitten auf der belebten Straße sehe ich ihn, ich glaube, meinen Augen nicht trauen zu dürfen: groß und breit, dunkle Haut, ein- gehüllt in eine blaue Tunika, den Kopf mit dem schwarzen Schech, dem Tuch umwickelt, strebt er mir direkt entgegen. Ein Tuareg! Fehlt nur noch das Kamel. Als er mich freundlich auf Französisch anspricht, bin ich einen Moment sprachlos, bis ich hinter ihm eine alte Bekannte aus afrikanischen Zeiten erblicke. Wir hatten uns zu einem Treffen verabredet, und ihr Kollege aus dem Niger war ein wichtiger Partner in unseren Angelegenheiten. Als wir uns eine halbe Stunde später zum Mittagessen wiedersehen, scheint ein anderer Schwarzer neben ihr zu sitzen. Erst im unmittelbaren Gegenüber erkenne ich „meinen Tuareg“ – nun im westlichen Anzug mit Krawatte. Er schien geschrumpft. Kleider machen Leute, denke ich. Oder bin ich nur einer obstinaten Projektion aufgesessen, dem Klischee – im Unbewussten wie in der Doku-Soap gespeicherten Bildern vom wilden Afrika? Gibt es überhaupt „ungefärbte“ Blicke auf eine andere Kultur?

Wer bin ich (eigentlich), wenn du bist?

Interkultureller Dialog ist, mit Blick auf diese Fragestellung, wohl einer der komplexesten geistigen Prozesse auf unserem Planeten. Wiewohl als solcher durch lange Zeiten der Geschichte belegt – von den frühesten Seefahrern, über Menschen wie Herodot, den griechischen Chronisten des frühen Altertums, über arabische Reisende nach Europa oder Marco Polos Reisen in Asien: Immer haben Menschen unterschiedlicher Rassen und Kulturen im Austausch miteinander gestanden, immer war die Neugier auf das Andere, Unbekannte groß; größer noch offenkundig als alle möglichen Ängste und Zweifel. Was unsere Zeit von früheren unterscheidet, sind die Dimensionen, die dieser Austausch im 21. Jahrhundert erreicht hat. Nicht nur die Möglichkeit, sozusagen jeden Moment an jedes „Ende“ des Globus zu reisen, nicht nur die schier unüberschaubar gewordene Komplexität des Internet sind gemeint, sondern die simple Tatsache, gleich vor der eigenen Haustür dem Fremden unmittelbar begegnen zu können – ob man nun in Grönland, Niederbayern oder im hintersten Winkel Afrikas lebt. Der, die, das Andere ist zu meinem jederzeit möglichen Gegenüber geworden: Die Wirklichkeit der Einen Welt als manifester Teil des Alltags von Jedermann/ frau findet in unserer Zeit statt. Der zentrale Satz aus der Ubuntu-Philosophie des südlichen Afrika: Ich bin, weil du bist ist mir auf meinen Reisen wie daheim daher näher gerückt denn je.

Kann ich, will ich das integral ordnen? Also nach einem Schema greifen, um was? – vielleicht der ungeheuerlichen Vielfalt der sinnlichen, seelischen, geistigen Eindrücke Dämme entgegenzusetzen, nicht verloren zu gehen in den Fluten eines indischen Slums, eines arabischen Souk, einer afrikanischen Trancezeremonie. Wer bin ich (eigentlich), wenn du bist? könnte man die Frage umkehren, um so die latente Beunruhigung, die für die meisten weiterhin hinter dem fremden, vielleicht dunkel- häutigen Gesicht, hinter dem Schleier, hinter dem seltsamen Klang einer anderen Sprache lauert, spielerischer zu fokussieren, also die Perspektive wechseln, um mich neu, aktiv ins dialogische Spiegelspiel einzubringen.

Interkulturalität verlangt und fördert Multiperspektivität

„Zusammenfluss ist für Kultur das, was die Schwerkraft für die Natur ist. Ohne Zu- sammenfluss keine Kultur. Nur durch die Interaktion mit dem Anderen bleibt Kultur lebendig. Wiederholung ist die Mutter des Dogmas ...“

(Trojanow, ebd., S. 18/19).

Mit anderen Worten: Wir sind unbedingt Mitagierende „in einem offenen System, das über das Streben nach Gewinn und dem eigenen Vorteil hinausgeht, mit einem Interesse an dem, was man nicht gemeinsam hat. Ein typisches Beispiel hierfür wäre eine Hafenstadt, und keine ist berühmter als das antike Alexandria“ (ebd., S. 25). Trojanow, der literarische wie existenzielle Weltensammler bestimmt m. E. mit diesen Sätzen einen guten Ausgangspunkt für eine integrale Perspektive in Bezug auf den melting pot der Kulturen.

Der interkulturelle Dialog verlangt multiple Anschauungsweisen, die sich immer wieder neu aus nicht vorhersehbaren Situationen, Eindrücken, Phantasien etc. speisen, d. h. einer phänomenologischen Empirie.

AQALisch gesprochen bilden Innen /Außen hierbei ein ebenso einfaches wie spannendes Begriffspaar, weil nirgends Vorstellung/Phantasie, sprich Eindruck und entsprechender Ausdruck (Verhalten) so komplex ineinandergeflochten sind wie im interkulturellen Dialog. Durch eine fremde Stadt zu gehen (ohne Führer) und mit allen Sinnen Geräusche, Farben, Gerüche, Essen, Kleidungen, Gesichtszüge, Haltungen und Gebärden auf sich einwirken zu lassen, so urteilsfrei als möglich, ist immer wieder eine Grundübung zum integralen Gewahrwerden – Weitwinkelperspektive und Nahaufnahme in einem. Innere Blitzlichter von Erregung, Freude, Angst oder Verunsicherung, ja Verwirrung zulassen können. Solch emotionale Resonanzen liefern hervorragende Basisdaten als spontane Ausdrucksformen innerer Werthaltungen. Geistige Wachheit durch leibliche Präsenz – ein Muss im interkulturellen Dialog.

„Während die gutgekleidete Frau aus dem Stamm der Hereros uns von ihrer Tra- dition der Ahnenverehrung erzählte, flocht sie verschiedene Traumsequenzen mit ein; plötzlich verwandelte sich der Raum, der Körper war elektrisiert, die Ahnen waren ‚eingetreten‘, es gab keine bloßen Wort- hülsen mehr ...“ (aus einem persönlichen Erfahrungsbericht).

Wo wäre eine solche blitzartig aufleuchtende Wahrnehmung anzusiedeln, wenn nicht in allen vier Quadranten gleichzeitig – für Spiral-Dynamics-Freaks wohl ein Erleben der magischen Art – ja vielleicht, und doch viel mehr; und was genau sagt mir diese Einordnung? Authentische Evokation einer Bewusstseinsebene oder vielleicht nur Halluzination von mir oder durch sie? Berühren einer subtilen Wirklichkeitsstufe, für das wir Westler die Antennen verloren haben? Oder bloß ein okkultes Phänomen, dem die Ratio nur noch ein akademisches Interesse abzugewinnen vermag? Solche Fragen führen direkt in den unteren linken Quadranten, berühren Grundprobleme beim Zusammen- prall der Tiefenstrukturen verschiedener Gesellschaften. (Vgl. hierzu Johan Galtung)

Die Herero schöpfen, wie die afrikanischen Kulturen im Allgemeinen, aus solchen Ahnenwahrnehmungen Trost und Kraft und Zusammenhalt ihrer Tradition. Die Überlappung der Spektren des Bewusstseins zeigt sich an derartigen Beispielen besonders eindringlich. „Wenn mich die Ahnen ansprechen, bin ich Herero, wenn ich in der Kirche singe, Christin“, sagt Joanna, die mit Laptop und Power-Point-Vorführungen durch Europa reist, um das Erbe ihrer Kultur ins Gedächtnis einer weißen Welt zu bringen. Und: „Manchmal kann ich die zwei Identitäten nicht auseinanderhalten, und doch lebe ich täglich damit.“

Spiral Dynamics hier als System von Bewusstseinsebenen oder hierarchischen Strukturstufen in Stellung zu bringen oder als bloßes Instrument analytischer Aufklärung – einer Aufklärung von wo nach wo? – zu benutzen, reicht bei Weitem nicht, um zentralen Fragestellungen wie dem Verhältnis von personaler Identität und gesell- schaftlich-kulturellen Mustern gerecht zu werden. Es bedarf vielmehr einer dynamisch-organischen Anwendungspraxis, die mehr auf die Übergänge fokussiert als auf sogenannte Durchschnittswertigkeiten. In solcher Anschauung kann vielleicht, statt der schnellen Analyse, das die Gegensätze jeweils transformierende Heilpotenzial integraler, schöpferischer Perspektivität zum Tragen kommen: sprich ein tieferes Erfassen, ein Innewerden konkreter Situationen, Wahrnehmungen und Haltungen. Schattenarbeit als Erkennen und Anerkennen von Zwischenreichen und ihrer Potenziale im Eigenen wie Fremden.

Das Ich gewinnen,
ohne das Wir zu schwächen.

 

Einer neuen Kultur beitreten und die eigenen Ressourcen bewahren

Noch eine weitere Kategorie aus der integralen Theorie sei hier aufgeführt: die Bedeutung der intersubjektiven/objektiven Perspektive: „Wenn die Verheiratung eines weiblichen Kindes mit einem alten Mann Ausdruck unserer Kultur ist, dann verweigere ich einer solchen Tradition meinen Zuspruch“, sprach eine namibische Frau vom Lande und siedelte sich aufgrund eines solchen Ereignisses außerhalb ihres Dorfes an. Binnen Wochen taten ein Dutzend Frauen das Gleiche und gründeten ein neues „Frauendorf“. „Die Kultur muss sich nach uns Menschen richten, immer wieder“, war ihr Wahlspruch. Austrittserklärung aus patriarchalen Strukturen zugunsten einer sich solidarisch erklärenden Frauengemeinschaft, die eine andere Zukunft ihrer Kinder im Blick hat! Ein radikaler Bruch mit der Tradition, ein fast postmoderner Satz; möglich geworden auf dem Hintergrund von TV und Internet und zivilgesellschaftlichem Engagement, hier vermittels verschiedener afrikanischer Frauenorganisationen.

Womit wir gleich wieder im vibrierenden Feld von Spiral Dynamics und ihren Werteebenen angelangt sind. Werte-Meme, so Beck und Cowan, sind „Organisationsprinzipien, Denkmuster, Gravitationszentren, sich selbst replizierende Kraftfelder, wie eine DNS also, die kulturelle DNS. Sie sind nicht als Typologien von Menschen gedacht, sondern als Denksysteme in Menschen(gruppen).“

Wilbers frühe Aussage sei hier erinnert, dass es vor allem darum gehe, die Ganzheit der Spirale zu fördern. Für den Kontinent Afrika scheint mir diese Aussage von besonderer Bedeutung, denn nur durch die archaisch, magisch- mythischen bzw. biopsychisch- kollektiven Ressourcen vermochten viele afrikanische Stämme (seit 500 Jahren), der entfesselten Globalisierungswut westlicher Länder einen ursprünglichen élan vital entgegenzuhalten, der oftmals verhinderte, dass der Lebensmut des afrikanischen Menschen und der Gemeinschaft seiner Völker völlig gebrochen wurde. Dass aus solcher Kraft die Musik des Blues, des Jazz geboren wurde und große Geister wie der Dichter und Politiker Léopold Senghor, Nelson Mandela, Waangarie Maathai und viele andere hervorgegangen sind, sei nur nebenbei bemerkt.

Was also bedeutet all das für den interkulturellen Dialog in Zeiten, da die Würde der (Post-)Moderne und ihre Zerstörungen im Namen von Fortschritt und Entwicklung mehr und mehr auseinanderdriften, wie die momentane Wirtschaftskrise zeigt? In einem Gespräch mit der namibisch-deutschen Pädagogin Erika von Wietersheim kam die Frage auf, welche Werte und Verhaltensweisen in einer Gesellschaft wie der ihrigen dominieren, welche im Schatten liegen. Eine höchst delikate Frage, die sich angesichts der heutigen Krise viele Europäer ebenso stellen.

Erika von Wietersheim:
(Vortrag in Windhuk, September 2005) „Namibia ist ja sowohl von der afrikanischen als auch der europäischen, insbesondere auch deutschen Kultur geprägt. Fast jeder Namibier bewegt sich in einem Netz widersprechender Werte und gesellschaftlicher Forderungen – in der Familie wie im Beruf.

In Europa ist Gemeinschaft ein begrenzt gültiger Wert; außerhalb der Kernfamilie sind alle Beziehungen frei gewählt, anhand ähnlicher Interessen, Vorlieben etc. Die Konsequenz solcher Erziehung heißt einerseits Selbstverantwortung und Leistungsbewusstsein, zum anderen Konkurrenzdenken, übertriebene Ichbezogenheit, Isolation, Depression.

Licht und Schatten afrikanischer Identität umreißt sie wie folgt:

Für Afrika gilt die Verwurzelung des Einzelnen im Netzwerk einer Großfamilie. Der Schwerpunkt liegt auf dem Wir: Ich bin Mensch durch andere Menschen. Seinen Wert findet der afrikanische Mensch nicht vorwiegend in sich selbst, sondern in der Beziehung zu seinen Mitmenschen. Afrikanische Kinder lernen früh, sich aufeinander zu verlassen, in Teams zu arbeiten und in allen Lebenslagen füreinander da zu sein. Jeder hat gemäß seines Geschlechts und Alters einen festumrissenen Platz in der Gemeinschaft. Wie diese Beziehungen gestaltet werden, unterliegt zumeist nicht der freien Entscheidung des Einzelnen.

Das gibt Kraft und Rückhalt in Zeiten von Krisen und Unglück, ebenso aber Raum für Feste, für die Feier des Lebens mittels Musik, Tanz, Gespräch. Dennoch heißt, nach Meinung von E. v. Wietersheim, die Herausforderung für Namibia: Das Ich gewinnen, ohne des Wir verlustig zu gehen!


Quellen: IP 14, 2009