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24.8.2017 : 6:43 : +0200

Beziehungsdynamiken, kollektive Transformationsprozesse, “we-space”

Ein Vergleich integraler Landkarten und der dazugehörigen Territorien


von Anne Caspari und Mushin Schilling

“The map is not the territory”

Alfred Korzybski


“AQAL is a map of samsara, a map of the prison, but if you gonna make a prison brake, you need a good map”

 

Die Dynamik von Beziehungen und Gemeinschaften werden trotz aller Bemühungen der letzten Zeit um den famosen „we space“2 in der Integralen Theorie nur unzureichend bearbeitet. Das gilt insbesondere, wenn es nicht um die Einordnung sozialer und soziologischer Hypothesen in ein Gesamtgerüst geht oder die Verfeinerung theoretischer und metatheoretischer Wissensbildung, sondern um die konkrete phänomenologische Erforschung eines relativ neuen Phänomens. Verknüpfen wir aber die Metatheorie mit der praktischen Anwendung gruppendynamischer Prozesse und ihren emergenten Eigenschaften zur Gewinnung neuer Erkenntnisse (insighting), Prozesse und Produkte (prototyping), wird es richtig spannend.

Scharmer, Senge, Jaworski und Flowers haben schon 2004 in ihrem Buch „Presence“ solche kollektiven Veränderungsprozesse in Gruppen verschiedener Zusammensetzung, Größe und inhaltlicher Ausrichtung wunderbar beschrieben. Tatsächlich liefert der von ihnen beschriebene und von Scharmer später ausgearbeitete U-Prozess eine hervorragende Grundlage zur “Kartierung” transformativer Prozesse, ihrer Zustände und Inhalte, Phasen, Strukturen und Widerstände.  

Im Herbst letzten Jahres hatte die Koautorin dieses Artikels, Anne C., eine intensive  Unterhaltung mit Ken Wilber über ihre jahrelange Arbeit und dabei gewonnene Erkenntnisse beim Verschneiden der beiden Landkarten, U-Prozess und AQAL, einschließlich der zugrunde liegenden Phänomenologie3. Dieses konstruktive Gespräch fand im Rahmen der regelmäßigen Online-Gespräche der Truppe um Integral Without Borders4 statt. Es ging um Phasen- und Mustererkennung bei transformativen Prozessen, die Kartierung von Widerständen gegen Wandel und Methoden zur Kurskorrektur, aber auch um immer wieder vorkommende Fehlinterpretationenen (fallacies) der Anwender und Teilnehmer solcher Prozesse und die falsche Anwendung der Methodik. Wilber war insbesondere interessiert an den neuesten Forschungen, die Anne zusammen mit Co-Autor Mushin S. im Rahmen des Alderlore Insight Centers5 zu kollektiven Prozessen und emergenten action logics6 betreibt. Die Erkenntnisse aus dieser angewandten Forschung (action research) sollen hier kurz erzählt und zur Diskussion gestellt werden.

Sie nehmen Bezug auf:

Theorien und Metatheorien ( AQAL, Theory U, Alderlore Interpretation),
einige Praktiken und Methoden der Moderation und Prozessbegleitung (priming, Rahmenbedingungen, Handlungsanweisungen) und deren Auswirkungen auf den Prozess und die Weise der Teilnahme   
individuell und kollektiv erfahrene Bewusstseinszustände während der Prozessphasen  
das Wir-Bewusstsein als Anfangsstadium einer neuen Entwicklung
die Rolle von Entwicklungsstufen / action logics

Außerdem erwähnen wir die intensiven Überlegungen insbesondere mit Bonnitta Roy vom Alderlore Insight Center, bei denen wir einigen Leitfragen nachgingen:

Was können wir mit minimal eleganten Strukturen schaffen, das wirklich neu ist?
Was passiert am Boden des U?
Was hat es mit dem “we-space” auf sich?

Die action research im November 2013 in Alderlore, Connecticut, USA, war die zweite Forschungsrunde und wurde explizit auch mit Leuten profunder integraler Schulung und unterschiedlicher Ausrichtung durchgeführt. Insgesamt waren 16 Teilnehmer mit von der Partie. Aus dem integralen Lager wollen wir hier besonders folgende Personen hervorheben: Terri O’Fallon (Pacific Integral), Ria Baeck (Women moving the Edge), Brian Bradley (Circle of Trust), Aliki Nicolaides (Bill Torbert).

In der Folge dieser Forschungsarbeit entstand eine Interpretation7, die AQAL und den U-Prozess berücksichtigt, aber unseres Erachtens darüber hinaus geht und zudem mit einigen fehlerhaften Interpretationen aufräumt. In diesem Artikel orientieren wir uns an den Eckpunkten dieser Interpretation. Wir hoffen, diese in den nächsten Monaten einem breiteren Publikum zugänglich machen zu können.

Theorien und Metatheorien: AQAL - Modell und U Prozess


Man muss von Anfang an berücksichtigen, dass sich AQAL als eher statisches Gerüst symmetrisch angeordneter Kategorien präsentiert - im Sinne einer Ist-Beschreibung und Analyse - während die U-Theorie in erster Linie einen dynamischen Prozess beschreibt.

Ein transformativer Prozess, vom ersten Aha! oder Oje! bis hin zu lebensveränderenden Einsichten und deren Konsequenzen, wäre als querliegendes U darzustellen, wenn wir das prozesshaft dynamische U auf die AQAL Karte projizieren. Man denke sich beispielsweise einen individuellen Wandlungsprozess, bei dem man sich von einem unerwünschten Verhalten (oben rechts verortet) mittels Schattenarbeit (oben links stattfindend) disidentifiziert, und die damit einhergehende Verhaltensänderung, wie in der abgebildeten Grafik illustriert (rote Pfeile). Der dicke Pfeil stellt die resultante Summe der einzelnen Wandlungsprozesse als ein Gesamtwandel dar, ein kollektives U.

Dergestalt auf das AQAL-Modell abgebildet, sagt die transformative Praxis des U-Prozesses zweierlei voraus:

1. Systemveränderung: Werden diese U-Shifts durch viele Individuen eines Kollektivs (Gruppe, Organisation) konsequent praktiziert, entsteht eine andere Kultur, die wiederum systemverändernd wirkt.
2. Vertikale Entwicklung: Durch die mit dem U-Prozess einhergehenden, transformativen Momente der Schattenarbeit und Integration disassoziierter Persönlichkeitsanteile der Prozessteilnehmer wird eine vertikale Entwicklung zu späteren action logics gefördert.

Diese Verschneidung der beiden Landkarten entspricht im Übrigen auch den Vorhersagen von Wilber et al. über gesellschaftlichen Wandel8 und dem allgemeinen Ductus in integralen Kreisen, wo generell vom Einzelnen ausgegangen und in Richtung Gemeinschaft und Beziehung extrapoliert wird. Dabei wird das Wir (unten links) oft als ein mehr oder weniger gut geordneter Haufen Individuen gedacht.

Praktiken und Methoden der Prozessbegleitung und Weise der Teilnahme


Bei unserer Erforschung des Collective Insighting in Alderlore, Nov. 2013, den man anhand der U-Theorie beschreiben kann, gab es absichtlich weder Prozessbegleitung, noch Moderation oder Facilitation im herkömmlichen Sinn. Dies war wesentlicher Bestandteil des action research Designs. In der Folge wurde u.a. klar, dass sogar integrales priming9 von einem angenommenen Türkis aus, das einige Teilnehmer versuchten, wirkliche Emergenz behinderte. Da aber genügend Diversität im Raum war, also genügend Personen, die es ablehnten, dem von einigen gewünschten Resultat vorzugreifen, verlängerten solche Versuche der Prozesslenkung lediglich die authentisch chaotische Phase (der Begriff aus der Alderlore Interpretation, der in der U-Theorie der Deep Dive Phase entspricht). Das Collective Insighting als, gemäß unserer Interpretation, gänzlich natürlicher Prozess widersetzt sich jeglichem priming.


Prozessphasen, Bewusstseinszustände, Entwicklungsstufen, Beziehungsdynamiken   


Höflichkeit ist zwar zivilisatorischer Gewinn, aber zugleich auch Verlust des wirklich Eigenen, Einzigartigen, das jeder Mensch mit sich bringt. Aus dieser Anfangsphase bewegt sich das Collective Insighting relativ schnell ins authentische Chaos, zumal, wenn in einer genügend diversen Gruppe die Einzelnen sich authentisch äußern. Blinde Flecken werden aufgedeckt. Schatten werden sichtbar. Das tut an der Seele weh, und zwar unabhängig von der eigenen Entwicklungsstufe10. In diesem langsam heranreifenden Chaos kommen alle Taktiken und Strategien ans Licht, mit denen wir für gewöhnlich versuchen, “die Situation in den Griff” zu bekommen und ein gewünschtes Resultat herbeizuführen; jegliches Manöver dieser Art führt tiefer ins authentische Chaos. Diese Phase wird von allen Teilnehmern als schmerzlich erfahren, daher auch der Versuch, ihr in alle möglichen Richtungen zu entrinnen.   

Zu einem nicht vorhersehbaren Zeitpunkt haben sich dann alle Versuche der Prozessbahnung metaphorisch gesagt “ausgebrannt.” Es zeigt sich, dass man Emergenz nicht machen kann. Nach und nach lassen die Teilnehmer alle Versuche der Lenkung und Bahnung los. Das Gefühl des Schmerzes verschwindet und eine Art friedliches Scheitern greift um sich. Leere. Stille. Nichts geht mehr.  

Man kann daraus schlussfolgern, dass die minimal-eleganten Strukturen einer Prozesslenkung sich dadurch auszeichnen, dass man der Versuchung widersteht, in kritischen Phasen lenkend, ausgleichend, führend, integrierend oder katalysierend einzugreifen. Legitime Eingriffe erfolgen dagegen gewissermaßen selbst-organisierend, klar gewusst und ausschließlich aus dem Prozess selbst, nicht aus dem Wissen oder der reflektierten Erfahrung aus einer Metaperspektive heraus. Wenn man wirklich erkannt und verstanden hat, dass dieser Prozess keinerlei “Außen” hat, sieht man, dass jede Handlungsanweisung aus einem gedachten Außen nur als Paradox a la Watzlawick wirken kann: Sei spontan! Komm vom Ursprung! Finde tiefere Bedeutung! Daraus ergibt sich auch eine unserer Hauptkritiken an vielen U-Prozessen, wo versucht wird Emergenz via Anweisung vorzuschreiben und mittels Toolbox zu vermitteln.

Nach und nach weicht die zunächst bedrückte Stille dem Empfinden wachsender Klarheit. Diesen Zustand nennen wir in der Alderlore Interpretation sensory clarity, sensorische Klarheit. Diese hebt das Empfinden der Individualität nicht auf, allerdings tritt die Persona (salopp häufig Ego genannt) in den Hintergrund. Wir befinden uns nun im Boden des U. Ein Zustand von umfassendem, seelischen und spirituellem Wohlsein greift um sich. Die Individualität ist vorhanden, aber ihre Grenzen werden nicht mehr erfahren: Wir-Sein.

Die Erfahrung, die wir sensory clarity nennen, widerspricht im Übrigen der Beschreibung Scharmers von dieser Phase in seiner U-Theorie, der den dazu gehörigen Bewusstseinszustand als kausal bezeichnet11. Wir halten das für eine Verwechslung von State-Qualitäten. Es ist wahrscheinlich leicht, diese Form der Klarheit für kausal zu halten, da die grundlegende Klarheit am Boden des U so selten erreicht wird, dass sie außerordentlich erscheint. Wenn also das authentische Chaos alle Filter, Masken und Manöver beseitigt hat, bleibt natürliche, sensorische Klarheit, sensory clarity übrig. Die fehlerhafte Benennung als kausalen Bewusstseinszustand hat zur Folge, dass am Boden des U keine wirkliche Emergenz mehr stattfinden kann und es beraubt den Prozess der Möglichkeit von Einsichten, die wirklich neu wären in dem Sinne, dass sie noch nie zuvor dagewesen sind12. Das Kausale ist ja doch, nach aller integraler Definition, das ‘schon immer Dagewesene’, unter anderem als ein wesentlicher Schritt in Richtung non-dualen Bewusstseins. Außerdem legt diese Interpretation den Schwerpunkt auf die State-Qualität, während eine Interpretation als sensory clarity den Fokus auf das richtet, was in dieser Klarheit aufsteigt und emergiert.

Das Wir-Bewusstein als Anfangsstadium einer neuen Entwicklung


In unserer Forschung entpuppte sich sensory clarity also als erste Phase einer umfangreicheren Entfaltung, die wir in der Alderlore Interpretation, im kontinuierlichen Dialog mit anderen Pionieren dieses Prozesses, seit einiger Zeit ausarbeiten.

Ist die Forschungsgruppe in der Lage, angesichts des nun aufsteigenden Materials in diesem Zustand zu verbleiben und möglich auftauchende Widersprüche, Andersartigkeiten, scheinbare Paradoxa und ähnliches mehr “sein zu lassen, wie sie sind,” entfaltet sich nun eine nächste Phase: das, was wir als subtle energy / emotional clarity bezeichnen. Dies bezieht sich auf die zunehmende Kapazität der Teilnehmer auch in diesen Bereichen klar zu ‘sehen’. Ist die Gruppe genügend divers, das heißt, stammt sie aus ausreichend unterschiedlichen Kulturen, so kann sich im weiteren cultural / identity / intersubjective clarity entfalten. In dieser Klarheit nun ist es möglich, dass sich das, was wir conceptual clarity nennen, einstellt.   
 
Zusammenfassend sind die Autoren der Auffassung, dass das in einem realen kollektiven U-Prozess samt authentischem Chaos Emergente13 nicht vorhersehbar, aber sehr wohl und eindeutig von allen Beteiligten erkennbar ist. Wir scheinen diese Daseinsform genauso gut erkennen zu können, wie wir auf allen Stufen das Licht erkennen können oder die Dunkelheit. Die Interpretation dessen, was in der der gemeinsam erlebten Luzidität zum Vorschein kommt, und wie der Einzelne letztlich damit umgeht, hat viel mit der Entwicklungsstufe der Teilnehmer/Gemeinschaft zu tun. Da unserer Ansicht nach mit jeder Entwicklungsstufe die Kapazität, authentisches Chaos zuzulassen, wächst, sind in den früheren Entwicklungsstufen priming und Moderation womöglich unumgänglich; weitere Forschung muss noch ausweisen, ob diese Annahme Bestand hat. Allerdings kommt es uns derzeit so vor, dass in einer eher monologisch-vertikal ausgelegten Interpretation des Integralen allzu schnell Mittel und Methoden entwickelt wurden, um das authentisch Chaotische einzufrieden und statt der Erfahrung der clarities und dem (Er)Finden von wirklich Neuem ein vorhersehbares und sicherlich wundervolles Wir-Gefühl von einiger spiritueller Tiefe zu erzeugen. Sofern aber die Reife vorhanden ist, es diesem Prozess zu gestatten, sich in seiner Gänze zu entfalten, so wird sich zeigen, dass sich hiermit die nächste Evolutionsstufe der Selbst-Organisation offenbart.


(aus: integrale perspektiven Nr. 28)