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26.4.2017 : 11:52 : +0200

Das Erscheinen des kosmopolitischen Menschen

Ken Wilber und Jack Crittenden im Gesprächzusammengefasst von Michael Habecker

Quelle: Integrallife.com, The Rise of the Cosmopolitan, Four Steps to Build a Better Democracy

 

Einführung der integrallife Redaktion 

In diesem dreistündigen Dialog untersuchen die langjährigen Kollegen Jack Crittenden und Ken Wilber einen gedanklich-kommunikativen Prozess mit dem Namen dialektischer Dialog, der dabei helfen kann, das Trennende zwischen den vielen in Konflikt stehenden und eingefahrenen Perspektiven, Werten und Ideologien, dir wir in der heutigen Politik finden, zu überwinden.

Klimaveränderung, Einkommensunterschiede, politische Polarisierung, Krieg und Terrorismus sind nur einige der größten (und am meisten diskutierten) Probleme des 21. Jahrhunderts, und es sind wahrhaft globale Probleme, denen nur aus einer globalen Perspektive heraus begegnet werden kann.

Eine globale Perspektive ist jedoch selbst wiederum ein Ergebnis psychologischen Wachstums und der Entwicklung über die Lebensspanne eines Menschen, durch die Entwicklungsstufen eines egozentrischen „Ich“ weiter zu einem ethnozentrischen „Wir“ und noch weiter zu einem weltzentrischen „wir alle“.

Etwa 70% der Weltbevölkerung befindet sich auf einer ethnozentrischen und vor-rationalen Entwicklungsstufe eines “Wir gegen die Anderen” (oder noch darunter), was zu einer Atmosphäre von Nationalismus, religiösem Fundamentalismus, Rassismus, Absolutismus usw. beiträgt.

Die Mehrheit der Menschheit ist, mit anderen Worten, noch gar nicht in der Lage die größten Probleme unserer Zeit zu lösen und kann nicht zu neuen Vorstellungen, Innovationen und einer entsprechenden politischen Willensbildung beitragen, die wir so dringend für Veränderungen brauchen.

Unter all diesen enorm komplexen Problemen liegt daher ein noch schwierigeres Problem: wie kann das Wachstum und die Entwicklung von Menschen zu den Ebenen eines psychologischen Erwachsenseins beschleunigt werden, so dass immer mehr von uns in der Lage sind die Probleme als solche zu erkennen, um sie dann auch lösen zu können?

Glücklicherweise gibt es einige Methoden, die dazu geeignet sind Wachstum und Entwicklung zu höheren Bereichen der Vernunft und Problemlösung zu unterstützen. Eine davon ist Meditation, eine Methode der Einnahme einer Perspektive einer ersten Person, von der Untersuchungen sagen, dass sie die Entwicklung von Menschen beschleunigen kann.

Und wir haben, darauf weist Jack Crittenden hin, eine weitere Methode, die ebenso erfolgversprechend erscheint. Es handelt sich dabei um einen dialektischen Dialog, eine Methode und ein Verfahren der Einnahme der Perspektive einer zweiten Person – ein Prozess, der auf hoher Ebene „Unterschiede und Vieldeutigkeit aufnimmt und integriert. Damit werden diejenigen, die ihn anwenden, in die Lage versetzt, ihre Perspektiven, Weltsichten und auch ihre eigene Identität zu erweitern, hin zu einer kosmopolitischen Identität.“ Jack untersucht diesen Ansatz in seinem neuesten Buch, Wide as the World: Cosmopolitan Identity, Integral Politics, and Democratic Dialogue.

Unter Verwendung eines dialektischen Dialogprozesses sind wir dann vielleicht in der Lage, unsere politischen und sozio-ökonomischen Systeme so zu verbessern, dass Menschen dort sein können wo immer sie sich befinden – und auf welcher Entwicklungsstufe auch immer – und gleichzeitig ermutigt werden zu wachsen und sich zu entwickeln. Hier ein Zitat aus der Buchbeschreibung: „Als Teil eines demokratischen Dialogs kann dialektisches Denken sowohl gewählten Politikern als auch Bürgern dabei helfen, unsere herausforderndsten Probleme zu lösen, sowohl auf lokaler wie auch auf globaler Ebene.“

 

Zusammenfassung des Gespräches

Teil 1 Das Dilemma von Freiheit und Notwendigkeit

Die Dialogpartner nehmen das neu erschienene Buch Wide as the World von Jack Crittenden als einen Ausgangspunkt für ihr Gespräch und betonen die Notwendigkeit einer globalen Identität von Menschen – als eine Identität die Crittenden mit „kosmopolitisch“ bezeichnet – für die Lösung der globalen Herausforderungen. “Wir müssen fühlen können, dass wir ein Teil der Welt sind, und uns angesprochen fühlen, wenn andere leiden, um uns entsprechend zu engagieren“ – doch wie kommen wir dahin?

Ein sich Hineindenken allein reicht nicht und es wird der Völkermord an den Tutsis in Ruanda als ein Beispiel dafür erwähnt: „Die Vereinten Nationen redeten nur und taten nichts, weil sie keine Verbindung fühlten.“ Die psychologische Identität, welche durch die Entwicklung zu höheren Stufen entsteht, wird daher als ein wesentlicher Teil für die Lösung von Problemen betrachtet, wie das Thema Entwicklung insgesamt. „Entwicklung beantwortet so viele Fragen warum Menschen tun was sie tun und warum vieles nicht aufhört.“ Dabei stößt man auf einen Mechanismus, der erst einmal Rätsel aufzugeben scheint. Die Entwicklungspyramide in allen Bereichen zeigt, dass sich – größere Tiefe, weniger Spanne – immer weniger Menschen auf den höheren Entwicklungsstufen befinden als auf den unteren Stufen, weil die unteren Stufen zum Erreichen der höheren Stufen durchlaufen werden müssen und Menschen auf jeder der Stufen auch anhalten können – Stufen sind auch Haltestationen. Das formal-operationale Denken, als ein Beispiel, transzendiert und bewahrt konkret-operationales Denken, daher ist die Anzahl derjenigen, die nur konkret operational denken können, immer größer als die Anzahl derer, die auch formal operational denken können. Höhere Stufen bauen auf niedrigeren Stufen auf. Daraus könnte man die provokante Frage an die Evolution stellen, wer sich so einen Mechanismus ausdenkt, bei dem das Gute als ein Besseres (weil weiter Entwickelteres) immer in der Minderheit ist. Und dennoch, und das könnte eine Antwort auf diese Frage und das Mysterium von Entwicklung sein, bewegt sich der Bewusstseinsschwerpunkt nach oben – wenn auch unter erheblichen Leiden und Schwierigkeiten. Wir finden heute 40-50% der Bevölkerung der westlichen Welt beim formal-operationalen Denken, 40% sind demgegenüber traditionell und etwa 20% Grün-postmodern, und „das Schwein in der Python“ bewegt sich allmählich weiter. Wo werden wir in eintausend Jahren sein, bei Türkis? Es ist durchaus realistisch anzunehmen, dass in Zukunft eine Mehrheit von Menschen weltzentrische Werte miteinander teilt. Zwar sind 60 – 70% der Menschen weltweit noch ethnozentrisch, aber vor 2000 Jahren waren 80% und mehr ethnozentrisch und der Anteil der Menschen auf einer modernen (Orange) Entwicklungsstufe lag bei 0%, von ein paar wenigen, weit entwickelten Individuen abgesehen. Die Vernunft war noch nicht allgemein aufgetreten. Es ist faszinierend – obwohl es mehr Holons auf den unteren Entwicklungsebenen gibt, führt doch die Art und Weise wie diese in individuellen Organismen zusammengefasst werden zu einer allmählichen Weiterentwicklung des durchschnittlichen Bewusstseins. Mehr Menschen entwickeln sich zu höheren Stufen, auch wenn dort immer weniger sein werden als auf den mittleren Stufen.

Die erste Ebene mit einer echten kosmopolitischen Identität bezeichnet Crittenden mit „dynamische Dialektik“ (das entspricht in der Wilber'schen Terminologie der „Schaulogik“ bzw. dem „second tier“ von spiral dynamics). Das Problem ist, dass sich etwa nur 5% der Menschen dort befinden, als eine Minderheit, deren Vorstellungen in einem demokratischen Wahlverfahren nur entsprechend wenige Stimmen erhalten würden. Das erscheint frustrierend. Wir können wir daher die Umsetzung der Ideen von dieser Entwicklungsstufe fördern?

Jack Crittenden schlägt in seinem Buch ein Training und eine entsprechende Politik vor, bei der demokratisch-dialogisch-dialektische Diskussionen gefordert und auch vorgeschrieben werden. Das Ziel dieses Verfahrens, welches im Einzelnen vorgestellt wird, ist, dass daraus eine übergreifende Perspektive geschaffen wird, welche die meisten der betroffenen Perspektiven integriert. Die Menschen werden so angeleitet, die Perspektiven von anderen einzunehmen, was letztlich auch das ist was Entwicklung bewirkt und macht – als ein psychologisches Identitätswachstum. Dies zu trainieren ist das Anliegen von Crittenden. Worauf Wilber in diesem Zusammenhang hinweist ist die Schwierigkeit, dass die ersten sechs Ebenen des Entwicklungsspektrums nicht dynamisch-dialektisch, sondern konkret-operational, formal-operational oder pluralistisch-kontextuell dialektisch denken, und erst auf der siebten oder achten Entwicklungsstufe entsteht der Sprung zu einer dynamischen und dialektischen Schaulogik, zu second tier und integral. Die genannten Stufen können jedoch in diesem Prozess nicht übersprungen werden, was als frustrierend und entmutigend erlebt werden kann. Einmal mehr weist Wilber auf die von Robert Keagen genannte Größenordnung von fünf Jahren hin, die Erwachsene im Allgemeinen für eine Entwicklung von einer Stufe zur nächsten Stufe benötigen – vorausgesetzt sie streben Wachstum überhaupt an. Dies bedeutet, dass der Weg von einem Fundamentalisten zu einem dynamischen Dialektiker eine Entwicklungszeit von zwanzig Jahren beansprucht. Aber was sonst – so wird gefragt – können wir tun?

Psychologische Stufen sind komplex. Sie sind die Arten und Weisen wie wir die Welt sehen, wie wir sie interpretieren und wie wir die Welt mit-erschaffen. Wir müssen lernen wie wir diese Stufen am besten durchlaufen können, es gibt keinen anderen Weg. „Thats the way it goes. Dass dies schwierig, komplex und auch frustrierend ist, sollte uns nicht davon abhalten es zu tun!“

Menschen, die keine Entwicklungsanstrengungen unternehmen, entwickeln sich oft auch nicht weiter. Bis zum Alter von zwanzig Jahren geschieht viel Transformation, doch die Entwicklung hört dann für die meisten Menschen auf. Was unterstützt Entwicklung? Meditation hat in Tests gezeigt, dass sie Entwicklung unterstützen kann, doch auch ein dialektischer Dialog kann effektiv sein. Robert Keagens Ansatz einer „Herausforderung und Unterstützung“ wird in diesem Zusammenhang erwähnt. Die gegenwärtige Entwicklungsebene wird herausgefordert und das Auftauchen der neuen Ebene wird unterstützt. Auch dies kann durch einen dialektischen Dialog gefördert werden.

Wie kann man Aufmerksamkeit dafür erlangen? Alle Menschen sollten die Möglichkeit haben ihr Leben so führen zu können wie sie das möchten und dabei die notwendigen Entscheidungen zu treffen – niemand kann/darf gezwungen werden. Doch irgendetwas in der Art (wie Meditation und Dialogmethoden) muss man einführen, um Entwicklung zu fördern. Dabei kommt es einmal mehr auf geeignete Mittel und ein entsprechendes Geschick an, um Menschen richtig ansprechen, beispielsweise bei der Säkularisierung von spirituellen Praktiken, um Menschen den Zugang dazu zu erleichtern. Eine kosmopolitische Identität ist besser als eine ethnozentrische Identität, doch niemandem kann dies aufgezwungen werden, und in der Verfassung der USA ist individuelle Freiheit als ein hoher Wert fest verankert.

Doch eine soziale Ordnung und eine damit verbundene Auferlegung von Pflichten gehören in jeder Gemeinschaft zweifelsohne zusammen. Gleichzeitig muss es auch Wahlmöglichkeiten geben an etwas sich nicht zu beteiligen, wie z. B. an einer als hilfreich erachteten Dialogform. Wo genau liegt hier die Grenze? (Wilber merkt an dieser Stelle kritisch an, dass im Buch der Eindruck eines „muss“ erweckt wird bei der Vorgehensweise zur Entscheidungsfindung).

Was begründet Legitimität, auch staatliche Legitimität? “Ein Mensch muss sein Verhalten nach den Regeln richten, an deren Erstellung er/sie selbst beteiligt war.“ Doch dabei gibt es ein Problem. Ein Drittel bis zwei Drittel der Bevölkerung ist z. B. nicht der Meinung, jeder sollte nach seinem eigenen Glück streben, wie es in der Verfassung steht. Fundamentalisten aber auch Traditionalisten glauben, dass das genau das Problem der modernen Welt ist, dass jeder nach seinem eigenen Glück strebt. Sie glauben, dass Gott einem sagt was man zu tun hat und es nicht in das Belieben jedes Einzelnen gestellt ist, sondern dass die Bibel sagt was zu tun ist. Menschen, die so denken, tun eine Menge was sie nicht mögen, aber sie tun es, weil Gott ihnen das aufträgt. Wir „Modernen“ haben vergessen wie es ist in solchen Kategorien zu denken, doch diese 2te Person Perspektiven, die auch als traditionell und absolutistisch bezeichnet werden, sind nach wie vor sehr verbreitet. Dialog ist sicher der bessere Weg, um zu Entscheidungen zu kommen, aber nicht alle sehen das so.

Daher stellt sich die Frage: Was können Traditionalisten akzeptieren? Da alle Menschen Entscheidungen für ihr Leben treffen, besteht die Hoffnung, dass auch Traditionalisten sich für neue Formen der Entscheidungsfindung öffnen. Crittenden führt als ein Beispiel eine Arbeit mit Mitgliedern der konservativen tea party Bewegung an, wo dies möglich war. Es ist möglich einen dialektischen Prozess auch mit Menschen durchzuführen, die sich nicht auf der Entwicklungsstufe befinden, zu der dieser Prozess „eigentlich“ gehört. Richtig ist jedoch auch, dass wenn es in einem Entscheidungskreis keine dialektischen Denker gibt, auch keine dialektischen Perspektiven geäußert werden. Doch es bleibt die Hoffnung, dass eine ausreichende Anzahl unterschiedlicher Perspektiven genannt und zu einer guten Entscheidung integriert werden kann. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Entscheidungsfindung an ein ausgewähltes „Panel“ dialektischer Denker zu delegieren, doch wie findet man diese Personen, und wie beweist man der Öffentlichkeit, dass diese Menschen besser entscheiden als andere? Lässt sich das beweisen?

Wilber weist dann noch auf einen weiteren Aspekt im Zusammenhang mit Entscheidungsfindungen hin. Entscheidungsfindung ist nicht völlig frei bzw. sie sollte zumindest nicht völlig frei sein. So gibt es moralische Grundprinzipien, verankert in einer demokratischen Gesellschaft, die nicht mehr demokratisch entschieden werden können, wie z. B. die Rückkehr zur Sklaverei. Es geht also nicht nur darum, alle verfügbaren Perspektiven zusammenzutragen. Als ein immer wiederkehrendes Beispiel in den USA führt Wilber den Versuch des Bundesstaates Kansas an, die Lehre der Evolution in den Schulen zu verbieten. Diese in diesem Bundesland demokratisch getroffene Entscheidung wird immer wieder von höheren Instanzen außer Kraft gesetzt.

Crittenden bringt den Begriff der Deliberation1 in die Diskussion ein. Diese macht – so Wilber – beginnend bei der weltzentrischen Entwicklungsstufe Sinn und er äußert Bedenken, wenn sie „zu früh“ eingeführt wird. Andererseits weist Wilber auch darauf hin, dass aus Entscheidungen früherer nicht-weltzentrischer Stufen auch Weltzentrisches entstanden ist, als eine Weisheit der Gruppe die offenbar auch über die Gruppe und deren Entwicklung hinausreichen kann (Beispiele dafür sind die Legalisierung von Homosexualität und die Einführung von Frauenrechten). Doch „irgendwo“ in jedem der Entscheidungsprozesse, als auch in dem von Crittenden vorgeschlagenen dialektischen Verfahren, sollte – nach Wilber – festgemacht werden, dass die Menschenrechte einzuhalten sind, als eine nicht zu verändernde Akzeptanzbasis. Doch auch diese Basis, das wird betont, muss natürlich weiter in der Diskussion bleiben. Als ein Beispiel wird das Grundrecht der freien Rede angeführt, was in modernen (orangen) Verfassungen ganz oben auf der Skala der Menschenrechte steht. Doch wie geht man beispielsweise damit um, dass Menschen Hass oder Rassismus propagieren? Soll das auch geschützt werden? Wo liegen die Grenzen der freien Rede?

Als eine Forderung wird formuliert, dass andere Perspektiven nicht nur wiederholt, sondern auch verstanden werden müssen, was jedoch erst mit einer weltzentrischen Perspektive möglich ist. Und wieder wird als Frage gestellt: Welche Art von Deliberation ist mit welchen Teilen der Bevölkerung möglich?

 

Teil 2 Stufen des dialogischen Prozesses

Was macht den demokratischen Dialog aus? Der demokratische Dialog verwendet Dialektik, bei der Menschen die Perspektiven anderer einnehmen, verstehen und zurückspiegeln. Jeder fühlt sich gehört, was die Grundlage für Legitimität darstellt, so dass, auch wenn die eigene Position sich nicht durchsetzen sollte, die Ergebnisse akzeptiert werden können, weil man sich einbringen konnte.

Crittenden beschreibt die vier Phasen dieses Prozesses (in Kurzform):

Phase 1 ist die Einführungsphase des „Storytellings“ und der Vertrauensbildung. In Phase 2 werden Perspektiven, Ideale und Optionen dargelegt. In Phase 3 werden die in Phase 2 genannten Perspektiven, Ideale und Optionen begründet und kritisch hinterfragt. In Phase 4 wird dann der Versuch unternommen eine gemeinsame „Politik“ oder Lösung zu finden, basierend auf den Perspektiven und Positionen die sich aus der 3. Phase ergeben, und zwar so umfassend wie möglich.

Bei all dem geht es, und das ist das Hauptanliegen des Buches, um die Schaffung einer kosmopolitischen psychologischen Identität. Das Denken in diesen Kategorien allein reicht nicht und motiviert auch nicht genug. Erst die psychologische Identität vereint Kopf und Herz, und die Schaulogik ist die erste Struktur, die dazu in der Lage ist.

Wenn Menschen unterschiedliche Perspektiven einnehmen, freiwillig oder gezwungenermaßen (durch Lebensumstände oder Prozesse wie den oben Beschriebenen), beginnen sie die Begrenzungen ihrer eigenen Sichtweisen zu erkennen und den Vorteil in der Einnahme einer umfassenderen Perspektive zu sehen. Das ist die Essenz psychologischen Wachstums, und dieses wird durch einen dialektischen Dialog aktiviert. Wilber weist in diesem Zusammenhang auf die Gerichtetheit des evolutionären Prozesses hin. Durch die – nicht-wertende – Einnahme der Perspektive eines anderen kann dieser andere Gesichtspunkt als ein eigener Gesichtspunkt akzeptiert werden. Doch das funktioniert überwiegend nur in eine Richtung. Eine konkret-operationale Sichtweise kann sich zu einer formal-operationalen Sichtweise transformieren und erweitern, doch eine formal-operationale Sichtweise wird sich nicht zu einer konkret-operationalen Sichtweise transformieren, das wäre keine Erweiterung sondern eine Regression, als eine Reduktion ihres Identitätserlebens. Es gibt innerhalb des dialektischen Dialogs also eine Gerichtetheit, in Richtung zu einer immer größeren Umfassendheit. Was jedoch geschieht ist, dass eine konkret-operationale Perspektive als solche erkannt und gewürdigt wird (und diese Perspektive kann früher einmal die eigene Perspektive und Identität gewesen sein. Hier bietet sich, bei eigenem Abwehrverhalten, die Gelegenheit zur Schattenarbeit an, als der Möglichkeit der vollen Integration der gesunden Aspekte früherer Entwicklungsstufen).

Am Beispiel eines Dialogs zwischen einem Fundamentalisten und einem Wissenschaftler: „Nehmen wir an, einer der beiden ändert dabei seine Sichtweise, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass der Fundamentalist seine Weltsicht hin zu einer umfassenderen wissenschaftlicheren Sichtweise erweitert. Aber es kann z. B. auch sein, dass der Wissenschaftler, und nehmen wir an, dass er Atheist ist, seine spirituelle Intelligenz auf der rationalen Ebene entdeckt, beeindruckt durch das Ausmaß an Sinn und Bedeutung, das der Fundamentalist zum Ausdruck bringt. Auch wenn der Wissenschaftler nicht an die Mythen glauben kann, kann er dennoch von der Glaubensvitalität beeindruckt sein. Und so kann er sich auf seiner eigenen Entwicklungsstufe nach Gründen zu glauben umschauen.“

Dynamische Dialektik ist eine Art von Denken oder Antworten, wohingegen in mystischen Zustandserfahrungen man nicht nur denkt, dass man eins ist mit der Welt oder der Menschheit ist, sondern man erfährt dies unmittelbar. Dies ist wichtig, um eine kosmopolitische Identität zu verankern. Wenn es nur ein Gedanke ist, und der Gedanke geht vorüber, dann verschwindet damit auch die Identität damit. Dynamische Dialektik entwickelt Strukturen, Meditation führt zu Zustandserfahrungen (und Zustandsidentitäten). Eine kosmopolitische Identität sollte beides beinhalten, Aufwachen (in den Zuständen des Seins) und Aufwachsen (durch die Entwicklungsstufen des Seins).

Ein anderer Punkt, der Wilber dabei wichtig ist und auf den schon hingewiesen wurde, ist der Schutz moralischer Grundwerte über die bereits entschieden wurde und hinter die man nicht mehr zurückfallen möchte – z. B. eine Rückkehr zu Rassismus oder dem Verbot von Homosexualität. Doch gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass sich auch moralische Grundprinzipien entwickeln. Sklaverei war früher eine offensichtliche Lebenstatsache (sogar bei den Gründungsvätern der amerikanischen Verfassung und auch im antiken Griechenland).

Welche Grundprinzipien gilt es also unbedingt zu bewahren und nicht zur Disposition zu stellen, auch nicht im weiteren Entwicklungsverlauf?

Und immer wieder wird die Frage gestellt, wie das, was sich als neue und weitere Entwicklung zeigt, aber noch nicht mehrheitsfähig ist, umgesetzt werden kann. Das Integrale ist noch mehrheitsfähig, und einfach nur zu sagen, „hallo, wir sind schlauer als ihr, also lasst uns die Entscheidungen treffen“ wird die anderen nicht überzeugen. Könnte die Lösung in der Einführung psychologischer Tests liegen, die zeigen, dass bestimmte Menschen mehr Perspektiven einzunehmen in der Lage sind und komplexer denken können als andere? Wilber: „Ich hätte kein Problem damit, wenn wir beispielsweise für Bundesrichter Entwicklungstest verbindlich machen würden, um zu sehen auf welcher Stufe moralischer Entwicklung sie stehen, damit die Gesetze bzw. Gesetzesauslegungen von einer Gruppe von Menschen kommen, die sich auf einer türkisen Entwicklungsstufe befinden und dann von dort aus die beschriebenen Stufen durchlaufen. Das kann ich mir vorstellen, auch wenn ich keinen Weg sehe, wie das öffentlich vereinbart und verbindlich eingeführt werden kann.“ Und für Politiker allgemein? Haben nicht auch – so wird mit ironischen Unterton gefragt – mittelmäßige Menschen das Recht, von mittelmäßigen Politikern vertreten zu werden? Diese würden den Test nicht bestehen. Und die Neonazis? Wilber plädiert dafür, dass die Basisstufen der Entwicklungsspirale repräsentiert sein müssen, aber nicht jede Gruppe.

An der Spitze einer Entwicklung ist es einsam, es gibt (noch) keine organisatorischen Strukturen, es gibt keine politischen Repräsentanten. Die Hoffnung ist, dass die Anzahl derer, die sich dorthin entwickeln, wächst. Wilber führt den von ihm schon an anderer Stelle erwähnten Gedanken einen „Wendepunktes“ von einem Bevölkerungsanteil von 10% an, bei dem, auch wenn dieser Anteil noch eine Minderheit darstellt, die Kultur dennoch von dem neuen Bewusstsein, für welches die Minderheit steht, durchdrungen wird.

 

Teil 3 Zu den vier Phasen des dialektischen Dialogs

Die vier Phasen des von Crittenden beschriebenen dialektischen Dialogs (zu einem Thema) werden erläutert:

Phase 1: storytelling:

Die Teilnehmenden werden ermuntert ihre Sicht darzulegen, in Form ihrer „Geschichte“, ohne dabei ins Argumentieren oder Begründen zu gehen. Sie können hier in dieser Phase das zum Ausdruck bringen was sie möchten, auf eine Weise wie sie es möchten. Alle anderen sind eingeladen empathisch zuzuhören und sich in diese Perspektive hineinzuversetzen. Dies führt zu einer Vertrauensbildung und ist entwicklungsfördernd.

Phase 2: Perspektiven darlegen

In dieser Phase werden Informationen zum Thema gesammelt und so viele Perspektiven wie möglich präsentiert. Daraus können neue Ideen entstehen, die ebenfalls gesammelt werden. Dies geschieht noch ohne Reaktionen oder Kritik auf diese Informationen. Erneut geht es darum anderen zuzuhören und Gesagtes zu „spiegeln“, d. h. die Zuhörer spiegeln an die Sprechenden zurück, was diese gesagt haben. Dies gibt diesen die Bestätigung, dass sie gehört wurden und fördert den Legitimationsvorgang.

Phase 3: Die Anwendung von Perspektiven auf Perspektiven (Deliberation)

Hier geht es um die Untersuchung der Vorteile, Nachteile und der Konsequenzen hinsichtlich der vorgestellten Perspektiven. Das Begründen der eigenen Argumente fordert insbesondere die egozentrische und die ethnozentrische Entwicklungsstruktur heraus, weil es aus einer reflektierenden Perspektive einer dritten Person zu erfolgen hat. Dieser Prozess wird oft als schwierig erfahren. Menschen, die mit ihrer eigenen Glaubensstruktur identifiziert sind, erleben einen Angriff darauf als einen Angriff auf sie selbst und ihre Identität und reagieren entsprechend. Das macht die Erschütterung von fundamentalen Vorstellungen so schwierig und auch gefährlich, wie das Beispiel aller Weltreligionen zeigt.

Phase 4: Das Finden des Besten für alle

Das Hauptziel des Prozesses besteht im Finden eines weiteren, umfassenderen Kontext für den Konflikt. Dabei werden idealerweise nicht nur Vorstellungen erweitert, sondern auch psychologische Identitäten - nicht nur der Kopf sondern auch das Herz wird angesprochen für eine erweiterte moralische Motivation und mehr Mitgefühl.

„Darum geht es letztendlich, um ein ‚deep attachment‘ im besten Sinn, als eine gefühlte Identität mit der gesamten Menschheit. Und die Einladung besteht darin, bei sich und seinem persönlichen Umfeld ‚lokal‘ damit zu beginnen.“

 

(aus: Online Journal Nr. 50)


1Deliberative Demokratie: Die deliberative Demokratie betont öffentliche Diskurse, öffentliche Beratung, die Teilhabe der Bürger an öffentlicher Kommunikation und das Zusammenwirken von Deliberation und Entscheidungsprozess. Der Begriff deliberative Demokratie bezeichnet sowohl demokratietheoretische Konzepte, in denen die öffentliche Beratung zentral ist, als auch deren praktische Umsetzung. Wesentliches Kennzeichen einer deliberativen Demokratie ist der öffentliche Diskurs über alle politischen Themen, der auch als Deliberation bezeichnet wird. Als inputorientiertes Demokratiemodell, das der politischen Willensbildung der Bürger großes Gewicht beimisst, wird die deliberative Demokratie zuweilen als Unterform der partizipatorischen Demokratie zugeordnet. Im Zentrum der Theorie der deliberativen Demokratie steht das Legitimationsideal der öffentlichen Beratung politischer Fragen. Als zentrale Forderung der Vertreter deliberativer Demokratietheorie bezeichnet Carole Pateman, dass Einzelne immer bereit sein sollten, ihre moralischen und politischen Argumente und Forderungen mit Gründen zu verteidigen und über diese Gründe mit anderen zu beraten. Der Begriff deliberative Demokratie wurde von Joseph M. Bessette in dem 1980 erschienenen Buch Deliberative Democracy: The Majority Principle in Republican Government geprägt und in dem 1994 erschienenen Buch The Mild Voice of Reason weiter ausgearbeitet. Diese Denkrichtung wurde u. a. von Seyla Benhabib, James Bohman, Joshua Cohen, Jon Elster, James S. Fishkin, Amy Gutmann, Jürgen Habermas und Dennis Thompson aufgegriffen. (aus: Wikipedia, 21.6.2014)