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25.2.2017 : 19:10 : +0100

Das kleine Ich und die große Gesellschaft

Das kleine Ich und die große Gesellschaft
Das kleine Ich und die große Gesellschaft

Was können wir tun?

Wolf Schneider

1984 war ich von diversen Auslandsreisen nach München zurückgekehrt und verdiente meinen Lebensunterhalt dort wieder als Taxifahrer. Obwohl mir das Taxifahren gefiel, hatte ich noch immer Lust, etwas anzufangen, das mehr war als nur das Rumkutschieren von Fahrgästen in der bayerischen Metropole. Die Menschen schütteten mir im Auto ihr Herz aus, oft mehr als in ihren eigenen, privaten Kreisen, und ich erfuhr, wie solch eine Stadt tickte, bei Tag und bei Nacht. Trotzdem: Etwas fehlte. Für das hier war ich nicht aus Asien zurückgekehrt, aus dem Dschungel von Borneo, dem Kloster in Thailand und dem Ashram in Poona. Ich hatte das Gefühl, den Menschen noch mehr geben zu können als nur diese kleinen Fahrdienstleistungen, die mich immerhin an den Fährmann in Hesses Siddharta erinnerten.

Beginn

Der Beginn meines neuen Projektes, eine Zeitschrift für München, dann bald für den ganzen deutschen Sprachraum zu machen, fiel in die Jahre des Aufkommens der ersten PCs, die es seit Anfang der 80er gab, und dann des Desktop-Publishing. Ohne diese technischen Neuerungen wäre das Errichten eines Verlages ohne finanzielle Mittel und ohne das Wissen, wie man so etwas macht, nicht möglich gewesen. Aber wir versuchten es. Zuerst mit Speicherschreibmaschine und Reprokamera, dann immer mehr mit den neu aufkommenden Techniken, mit denen auch die großen Verlage erst vertraut werden mussten. Wir wollten eine Alternative sein, aber zugleich uns verbinden, deshalb nannten wir unser Projekt "Connection". Es sollte ein Medium der Verbindung sein und außerdem dafür stehen, dass alles mit allem in Verbindung steht und deshalb auch ein Schmetterling im Golf von Mexiko (also auch dieses kleine Grüppchen Verrückter in München) in China einen Sturm auslösen könnte: Wir wollten die Welt verändern!

Draußen oder drinnen?

Als Mönch in Robe war ich in Thailand ein gesellschaftskonformer Außenseiter gewesen, ich war draußen, aber von der Gesellschaft respektiert. In den Jahren als orange gekleideter Sannyasin war ich immer noch Außenseiter, aber nun nicht mehr gesellschaftskonform: Wir orange Gewandeten waren anders als die da drinnen und wollten eine andere Gesellschaft. Durch unsere Signalfarbe waren wir als Werbeträger einer anderen Lebensweise weithin sichtbar, vermasselten uns damit aber den »Gang durch die Institutionen«, den die 68er und Grünen ja mit einem gewissen Erfolg angetreten hatten. Für die beharrenden Kräfte des Systems waren wir orange Gekleideten je nachdem eine Warnung, sich nicht auf uns einzulassen, oder aber eine Verlockung selbst auszusteigen. 

Mitten im System

Nun, als Macher von Connection, war ich nicht mehr draußen. Als selbständiger Verleger mit Büro und Steuernummer war ich in gewisser Hinsicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Unser überall in Deutschland erhältliches Medium war am Kiosk sichtbar und käuflich, per Post bestellbar, ab Mitte der 90er Jahre auch im Internet. Ich war normal gekleidet, hatte ein normales Büro, angestellte und freie Mitarbeiter, ich war kein Aussteiger mehr. Nur noch mein täglicher Umgang mit meiner nahen Umgebung und die publizierten Thesen und Werte unterschieden mich und uns von denen "der Gesellschaft", dem Mainstream, dem Bordpersonal der Dickschiffe, die da unsere Kultur und Wirtschaft, unser System trugen, verteidigten und fortführen wollten. Ein System, das ich heute als "Ancien Régime" bezeichne, weil es sich völlig überlebt hat und nun auch von innen ausgehöhlt ist – selbst seine eigenen Vertreter glauben nicht mehr daran. Die natur- und menschenzerstörende Kraft dieses Systems ist inzwischen sogar bei den Vertretern der schweigenden Mehrheit angekommen. Und das gilt innen wie außen: Innen brennen die Menschen am Arbeitsplatz aus, während an den Außengrenzen etwa unserer EU andere unter Lebensgefahr herein wollen, sei es an der Ostgrenze über Land oder auf Booten übers Mittelmeer, sie fliehen aus Armut, vor Verfolgung oder aus schierer Hoffnungslosigkeit – aus Systemen, die mit unserem zusammenhängen.

Drei Bastionen des Beharrens

Wenn ich heute den Pionieren der integralen Bewegung zusehe, wie sie von Evolution sprechen und die Entwicklung einer Gesellschaft vorantreiben wollen, die sich nur sehr, sehr zäh bewegt, denke ich manchmal an die Jahre, in denen ich mit anderen mutigen Vorläufern einer neuen, besseren, nachhaltigeren Lebensweise zur Geltung verhelfen wollte. Es ging nur sehr langsam, und viele unserer Hoffnungen erwiesen sich bald als Illusionen. Einiges immerhin hat sich durchgesetzt: Die aus dem Osten zurückgekehrten Meditierer brachten die Möglichkeit einer vegetarischen, gesünderen und sogenannten vollwertigen Ernährung nach Deutschland. Ernährung, Beziehung und Geld aber sind die drei Bereiche, in denen sich der Normalo freiwillig am wenigsten gerne bewegt und Altes loslässt. Fast ausschließlich sind es noch immer Gesundheitsschocks von der Gewalt einer Krebsdiagnose, die einen Menschen zur Umkehr bewegen, ein bisschen Hautausschlag, Übergewicht oder ein durch schlechte Ernährung um ein paar Jahre verkürztes Leben genügen dazu nicht. 

Im Bereich der Partnerschaften waren es einerseits abgestumpfte Ehepaare, die sich selbst und ihre Kinder nicht mehr verstanden, andererseits die Glücksritter der seriellen Monogamie oder der Unverbindlichkeit, denen wir andere Beziehungsmodelle vorstellten, liebevollere, freiere, intelligentere. Aber auch hier dauert es Generationen, bis sich Neues durchsetzt. Das Internet hat hier, wie auch auf vielen anderen Gebieten, die Umwandlungsprozesse beschleunigt. Dennoch ist, aus der Nähe besehen, die Anzahl derer, die heute ein glücklicheres Beziehungsleben führen als ihre Eltern, enttäuschend gering.

Der dritte der eben genannten Bereiche, das Geld, ist vielleicht der mächtigste. Die Angst der weitaus meisten Menschen ohne oder mit wenig Geld leben zu müssen ist riesengroß und führt dazu, dass sie an Arbeitsplätzen ausharren und für Produkte arbeiten, denen sie niemals auch nur eine Stunde ihrer Freizeit schenken würden. Aber sie glauben es tun zu müssen für »das liebe Geld«. »Mein Gehalt ist eigentlich ein Schmerzensgeld für das, was ich hier ertragen muss«, wie oft habe ich das gehört. So werden eben weiterhin Siemens und Daimler-Benz Rüstungsfirmen beliefern, die Deutsche Bank wird mit Nahrungsmitteln zocken, und die Mitarbeiter dieser Firmen werden darüber schweigen, weil sie doch damit ihre Familien ernähren und auf eine Rente hoffen, den Lohn am Ende eines Lebens voller Schmerz und Duldsamkeit. 

Ich und die große Gesellschaft

Eines der größten Defizite, vielleicht das größte der diversen spirituellen Szenen und Subkulturen, in denen ich gelebt und über die ich geschrieben habe, ist ihr unklarer und unkluger Umgang mit dem Ich, diesem großen Rätsel unseres Menschseins. Vereinfacht gesagt erstrebt die Psychotherapie eine Ich-Stärkung (das Nein-sagen-Können, die jungsche Individuation). Die Spirituellen haben zwar die Illusion eines festen Ichs mehr oder weniger durchschaut – gut so! – nennen es im Eifer dieser Entdeckung nun aber "Ego" und halten es für das größte Hindernis auf dem Weg der Transzendenz. Die übliche Praxis dieser Eiferer ist dann die Selbstbezichtigung des Ego-Bashings, so wie frühere religiöse Kulturen sich einst für ihre Sünden geißelten. Ken Wilbers Aufteilung in die vier etwa gleich wichtigen Quadranten des Ich, Wir, Es (außen) und Es (innen) ist ein viel intelligenterer Umgang damit. Das bei ihm zu lesen, war für mich nach all dem Geschwätz über das schlimme Ego und das gute höhere Selbst ein Erleuchtungsfunkenregen.

Hierzu eine kleine Geschichte. Im Spätsommer 1995 fand in San Francisco unter dem Vorsitz von Michail Gorbatschow das erste "State of the World Forum" statt. Die Gründer des berühmten Esalen  Instituts bei Big Sur an der Pazifik-Küste hatten die Idee, so kurz nach dem Ende des Kalten Krieges das Aufkeimen neuer Hoffnung auf Frieden und ein glücklicheres Zusammenleben der Menschen zu nutzen und beriefen führende Vertreter von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion aus aller Welt ein, um eine neue "Zivilisation des 21. Jahrhunderts" zu erschaffen. Unter den etwa tausend Eingeladenen aus aller Welt waren nur drei aus Deutschland, einer davon war ich. Irgendwer musste mich, den Herausgeber dieser kleinen Zeitschrift, für einen der wichtigsten Pioniere aus Deutschland für die Errichtung einer neuen, besseren Zivilisation gehalten haben. Was mir zu dem Gefühl verhalf, nun endlich mitreden zu können als einer von denen, die die Welt gestalten – großartig! Neben Anthony Robbins mit Gorbatschow an einem kleinen, runden Tisch zu sitzen und dort über die Möglichkeit der völligen Abschaffung der Atombomben zu sprechen, was für ein stärkendes Gefühl, so auf einmal aus der Irrelevanz herausgehoben zu sein, wichtig zu sein, etwas bewirken zu können!

Die Folgen und Nebenwirkungen dieses Ereignisses aber waren ernüchternd. Die deutschen Medien berichteten nicht, obwohl Pressevertreter dort durchaus eingeladen waren. Ich schickte einen ausführlichen Bericht mit Fotos an den Spiegel, die ZEIT und die Süddeutsche, erhielt darauf aber keine Antwort, nicht einmal eine Absage. Interessierte sich denn keiner für die Erschaffung einer neuen Zivilisation, nach diesen schrecklichen Jahren der Kriege und Weltkriege und dann des Vergeudens von Ressourcen im Kalten Krieg? Anscheinend nicht. Einmal nachhaken, wieder keine Antwort. Dann gab ich auf. War es meine Biografie, die mich disqualifizierte? Dann hätten sie doch jemand anders dort hinschicken können. Ted Turner, Margret Thatcher, George Bush senior und viele andere mächtige Akteure waren dort, und allen voran Gorbatschow, dieser Kosmopolit und Menschenfreund, ohne den es das Ende des Kalten Krieges nicht gegeben hätte, jedenfalls nicht zu jenem Zeitpunkt. 

Zuhause hatte ich mit anderem zu kämpfen. Connection schrieb rote Zahlen, mein eigenes Team intrigierte gegen mich und mein Alltag war angefüllt mit vielen aufreibenden Kleinigkeiten. Wer bin ich in alledem? Was kann ich kleines Würmchen schon ausrichten? Sollte ich nicht besser mich selbst abschaffen, mich irgendwie entfernen und davonstehlen aus dieser Welt? Dann erschien ich plötzlich im »Who's who of the World«. Ich??? Zu meines Vaters Zeiten galt das noch als wichtiges Kompendium bedeutender Menschen. Ich aber war eigentlich eine Null, und bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass die Publikation dieses Who's who kein wirklich nützliches Nachschlagewerk war, sondern allein auf den Eitelkeiten derer basierte, die sich für wichtig hielten und dort erscheinen wollten. Mich hatten sie dort nur reingenommen, weil ich einmal Teilnehmer des State of the World Forums war, für alle Folgeausgaben sollte ich zahlen.  

Bin ich wichtig? Wer sind wir – und wie wichtig sind wir? Und was ist das da draußen, die anderen Menschen und die Dinge? Und wie hängt das alles zusammen? Ken Wilbers Vier-Quadranten-Modell ist eine gute Basis für den Umgang mit Selbstbehauptung, Eintreten für sich selbst, Dasein für andere, um Wir-Identitäten zu gestalten und Inneres gegenüber Äußerem bewerten zu können. Es ist nur ein Modell, und es hat Schwachstellen, aber es ist dabei doch um Welten besser als die übliche Selbstgefälligkeit oder Selbstlosigkeit, das Ego-Bashing und der Größenwahn. Wir mögen ja alle Nullen sein, sieben Milliarden Niemande, aber auf der Basis eines solchen Modells lässt sich mit einiger Einsicht doch Beträchtliches gestalten. 

»Too big to fail«

Zurück in die deutsche Politik. Heute sind auch die Grünen in unserem Lande überwiegend eine Partei des Establishments geworden. Die Sozis sind schon seit dem ersten Weltkrieg nicht mehr international und heute außerdem kaum noch sozial. Die Kirchen gelten ähnlich wie die Banken nach der Lehman-Pleite 2008 als "too big to fail" und werden deshalb von der Politik gestützt. Die sarkastische Aussage "Wäre die Umwelt eine Bank, hätten wir sie längst gerettet" gilt deshalb auch für die Kirchen, die ja an die Macht gekommene Sekten sind und als solche eigentlich von den Sektenhassern ebenso verabscheut werden müssten – wären sie nicht "too big to fail". Deshalb sind sie trotz ihrer zunehmenden Obsoletheit noch immer mächtig, obwohl sogar ihre eigenen Mitglieder, teils auch ihr Personal, mehrheitlich nicht mehr an die tradierten Grundsätze, großteils nicht mal mehr an Gott glauben. Alles das müsste eigentlich nach einer wirklich tiefen Wandlung der Werte, einer kulturellen und sozialen Revolution rufen. Die genialen Thesen von Ken Wilber, das integrale Denken, Fühlen und Handeln von ihm und seinen Schülern, Mitstreitern und Co-Evolutionären müsste in dieser desolaten Lage allgemeiner Verwirrung und Desorientiertheit eigentlich einschlagen wie einst, damals vor 1700 Jahren, die "Frohe Botschaft" der Evangelien im Römischen Reich, oder wie die Thesen von Marx und Engels vor hundert Jahren unter den abhängig Beschäftigten. Warum ist das nicht der Fall?

Beharrende Kräfte

Aus meiner Sicht als langjährig unverdrossen durchhaltender Pionier spiritueller und grüner, heute auch integraler Thesen möchte ich darauf ein paar Antworten geben.

1. Die erste habe ich gerade eben schon genannt: Die beharrenden Kräfte sind stärker als wir – von unseren eigenen Ideen begeisterte Pioniere – in der Regel zu denken geneigt sind. Die meisten Menschen haben Angst vor allem Neuen und Ungewohnten, und die Nutznießer des Systems wollen sowieso keine Veränderung, selbst wenn sie schrecklich darunter leiden, ist ihre Angst meist noch größer als ihr Überdruss am Bestehenden. Wir Menschen sind weise erst dann, wenn uns keine andere Option mehr bleibt, so ähnlich hat das der einstige israelische Außenminister Abba Eban mal gesagt. Wer die Situation in Palästina kennt, muss dem wohl zustimmen, aber auch für uns in Europa gilt das. Erst eine Krebsdiagnose führt Menschen dazu, ihre Ernährung umzustellen oder mit dem Rauchen aufzuhören. Haben Hiroshima und Nagasaki zu einem Bann von Atomwaffen geführt? Haben Tschernobyl oder Fukushima zu einer Energiewende geführt? So werden auch die zunehmenden Umwelt-, Klima- und Ressourcenkrisen nicht zu einem Wandel unserer Wirtschaftsform führen. Erst das totale Scheitern, so etwas wie Deutschland am Ende des zweiten Weltkriegs erlebte, führt zu einem tiefen Wandel. 

Zu schwierig für die Massen

2. Ken Wilbers "Theorie von allem" ist komplex und anspruchsvoll. Für die etablierte Wissenschaft sind seine Thesen zu wenig schmeichelhaft, für die Politik zu umstürzlerisch, für die Massen und die popspirituell Bewegten neuen Massen zu "kopfig", zu wenig emotional und auf Slogans vereinfachbar – auf Sprüche wie "Yes, we can", "Alles ist Energie" oder "Es gibt keine Zufälle". Wilber ist ein genialer Theoretiker – der größte lebende überhaupt, meine ich – aber er ist zu sehr im Linkshemisphärischen zu Hause; er gibt dem wilden Denken und der weiblichen Art, das Universum zu verstehen zu wenig Raum, um eine Massenbewegung auslösen zu können. 

Sich selbst im Weg stehen

3. Die Wilberianer müssen nun sich selbst transzendieren. Sie müssen sich entwickeln ohne dabei sich selbst untreu zu werden. Es gibt gutes, tiefes integrales Denken und Handeln auch außerhalb derer, die den Jargon der integralen Szene sprechen und wissen, ob die These XY zu Wilber I, II, III oder IV gehört und in welchem seiner Bücher er dazu was gesagt hat. Es braucht viele weitere Denker, die wenigstens annähernd sein Format erreichen, sonst droht die Wilber-Szene zu einer Sekte Rechtgläubiger zu werden, die alles schon wissen und sich dabei nicht weiterentwickeln. Vielleicht ist diese Gefahr bei den vielen Individualisten dort doch nicht so groß – ich hoffe es – aber es sind schon so viele in die Falle der Besserwisser und Rechthaber getappt, deshalb möchte ich hier darauf hinweisen.

Wie weiter?

2012 hatte ich für Connection ein "Wilber-Jahr" ausgerufen. Das wurde zugleich bejubelt und kritisiert. Immerhin hat es bei unseren Abos nicht zu einer Kündigungswelle geführt, aber auch nicht zu ausreichend vielen Neu-Abos. Connection hat nach wie vor und ziemlich stabil etwa 10.000 Leser. Das ist mehr als gar nichts, aber es reicht nicht aus für eine wirklich bedeutsame gesellschaftliche Bewegung und auch nicht für eine solide wirtschaftliche Existenz. Wir können Keime setzen, immerhin das, und aus Keimen können Bäumchen werden, dann Bäume, irgendwann vielleicht sogar Wälder. Die Tatsache, dass im Modell der Spiral Dynamics auch bei Ken Wilber selbst für die höheren Ebenen die Zahlenangaben minimal sind, finde ich persönlich tröstlich – es liegt also vielleicht nicht nur an mir, wenn ich mit meinen Thesen die Massen nicht erreiche, sondern möglicherweise an der Sache selbst. Gesellschaftlich betrachtet aber empfinde ich es als enttäuschend, denn die Welt bräuchte mehr von dem, was die integrale Theorie bietet – mehr Einsicht, und auch mehr Mut zur Umsetzung des Verstandenen. 

Ich selbst möchte mich in den nächsten Jahren hauptsächlich mit denen beschäftigen, die die spirituellen Kinderkrankheiten, die Eitelkeiten des "Ich bin erleuchteter als du" schon hinter sich haben, und mit den Weltverbesserern, die auch nach innen schauen, und ich möchte damit als Autor auch auf den amerikanischen Markt. Ich werde nicht aufgeben, aber ich weiß inzwischen aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, einem sehr behäbigen Mainstream Steine des Anstoßes in den Weg zu legen, die zur Nachdenklichkeit und Selbstreflexion führen können. Wir werden unseren Weg fortsetzen – ohne Selbstmitleid ob unserer Wirkungslosigkeit, aber auch ohne Größenwahn, mutig und zuversichtlich. Treu uns selbst gegenüber und zugleich im Kontakt und Dialog mit den anderen um uns herum.

 

(aus: integrale perspektiven Nr. 27)