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27.6.2017 : 12:37 : +0200

Demokratie ist mehr als wählen

Sonja Student

 

In unseren (post-)modernen Zeiten gibt es zu wenig Menschen, die sich für die Erhaltung und Weiterentwicklung der Demokratie begeistern. Dabei leben wir in einer der stabilsten Demokratien weltweit und scheinen die Lektion aus der Nazidiktatur vor 80 Jahren einigermaßen gut gelernt zu haben. Woher kommen dann die relative Gleichgültigkeit, das mangelnde Bewusstsein gegenüber dem geschichtlich Erreichten, die fehlende Dankbarkeit gegenüber allen, die dazu beigetragen haben (einschließlich der alliierten Besatzer) und die fehlende Freude daran, das Erreichte zum Wohle aller Menschen bei uns und anderswo Schritt für Schritt weiterzuentwickeln?

„Wir haben schlechte Nachrichten: Es geht uns gut!“ betitelte die Wochenzeitschrift ZEIT am 21. März ihre Ausgabe und zeigte anhand einer Vielzahl von Daten über die letzten 40 Jahre, dass es uns in vielen Bereichen des Lebens besser geht als je zuvor. Abgesehen von der allgemeinen Tendenz unseres Gehirns, negativen Nachrichten den Vorrang zu geben (als evolutionäres Erbe der Wachsamkeit gegenüber drohenden Gefahren) wird dieses Muster durch den Alarmismus der modernen Medien noch verstärkt (Bad news is good news). Als weiteres Argument fügt der Zeit-Autor Martin Spiewak den vom zurzeit populären Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Daniel Kahnmann so genannten „Besitztumseffekt“ hinzu. Das heißt: Je höher der Wohlstand, desto größer die Angst vor Verlust und desto geringer die Risikobereitschaft. Was in der scharfsinnigen Analyse des Zeit-Geistes fehlt, ist der Blick für tiefer liegende Strukturen unseres Bewusstseins und ein größerer evolutionärer Kontext.

Da ich mich seit über 20 Jahren sowohl für Kinderrechte (das sind die Menschenrechte für Kinder, wie sie in der UN-Konvention für die Rechte des Kindes 1989 weltweit verabschiedet wurden) als auch für Demokratiepädagogik in vielen Projekten und verschiedenen Zusammenhängen leidenschaftlich engagiere, möchte ich diese Trübung unseres Bewusst-Seins am Beispiel von Demokratie und Menschenrechten/Kinderrechten aufzeigen.

Eine menschenrechtlich fundierte Demokratie und die Menschenrechte gehören zu den großartigsten zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit insgesamt. Die Anfänge demokratischer Versuche gehen auf die antike Polis zurück. Das Verständnis davon, wer zum Volk gehört und deshalb die Regierung wählen und abwählen kann, haben sich entsprechend der Entwicklung unserer Weltsichten grundlegend geändert: Von besitzenden privilegierten Männern einer Polis bis zum Frauenwahlrecht und zu einem erweiterten Partizipations- und Verantwortungsbegriff in der postmodernen Kulturrevolution der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war es ein weiter Weg. Viele unserer Vorfahren sind dafür gestorben, wurden unterdrückt und misshandelt, damit wir heute so frei leben können, wie wir es tun. Wir können heute unsere Stimme nicht nur bei den Wahlen abgeben, sondern in vielen Bereichen als Mitglieder der Zivilgesellschaft oder in unserem beruflichen und privaten Alltag mitbestimmen und Verantwortung übernehmen. Warum wissen wir das so wenig zu schätzen und fügen dem, was wir ererbt haben, so selten eine eigene Weiterentwicklung hinzu zu mehr Freiheit, mehr Tiefe, Solidarität und Gutheit?

Die verengte Perspektive schneidet unser Bewusstsein vom evolutionären Strom ab

Ein Grund dafür liegt in der Enge unserer Perspektive: Vor allem in der Postmoderne fehlt uns das große Bild, die große Vision. Nach den Hoffnungen in den Anfängen der Aufklärung, in deren Gefolge die westlichen Demokratien entstanden sind, traten mit der Moderne auch ihre Schattenseiten zutage: nationalstaatlicher Kolonialismus im Namen eines überheblichen technokratischen Fortschrittsglaubens, der die innere moralische und spirituelle Entwicklung zugunsten der äußeren materiellen Dimensionen vernachlässigte. Die aus der Kritik der Schattenseiten der Moderne entstehende postmoderne Bewegung lenkte ihren Blick auf die Unterdrückung der Innerlichkeit, die Zerstörung der Natur und aller vormodernen Lebensweisen und kritisierte konsequent alle Unterdrückungshierarchien. Damit wurde keine Unterscheidung mehr möglich zwischen gesunden Wachstumshierarchien (als Entfaltungsmöglichkeiten von Potenzialen) und Unterdrückungshierarchien (die allgemeine menschliche Entfaltung mit vorgeschobenen Begründungen verhindern wollten, um damit Frauen, ethnische Minderheiten und sozial Benachteiligte von der Macht auszuschließen). Leider hat die Postmoderne ihre berechtigte Kritik an Machthierarchien so überzogen, dass sie auch den Entwicklungsgedanken mit über Bord geworfen hat und damit auch das große Bild individueller und kultureller Evolution – hin zu mehr Gutheit, Wahrheit und Schönheit. Mit der Verengung der Perspektive auf die kleinen Geschichtchen und die Kritik an allem Großartigen und mit den immerwährenden „Enthüllungen“ sind wir anfällig für Zynismus und Resignation. Wir stehen zwar an der Spitze der evolutionären Entwicklung, leugnen aber diese Entwicklung immerfort. Damit leugnen wir auch unsere Verantwortung dafür, dass alle Menschen sich auf ihrem je eigenen Weg dahin entwickeln können und dass wir sie dabei unterstützen, wenn sie es denn wollen. Wir machen uns auch unfähig, unser eigenes relatives Glück wertzuschätzen und – in der Kette unserer Ahnen – danach zu streben, etwas Bedeutendes und Wertschaffendes (innere und äußere Werte) beizutragen.

Das deutsche Trauma und die Angst vor Größe

Ein weiterer Grund für den Verzicht auf eine große Vision liegt in der deutschen Geschichte. Nach der menschenverachtenden Diktatur der Nazis, die nur durch eine Niederlage im Krieg beendet werden konnte, gab es zunächst eine starke Verdrängung der eigenen Schuld, Sprachlosigkeit zwischen den Generationen und eine traumatische Ablehnung großer gesellschaftlicher Entwürfe. Die exzellente Arbeit der Architekten der deutschen demokratischen Verfassung, die die Menschenrechte oder Grundrechte als nie wieder abschaffbar festlegten (Ewigkeitsklausel), löste in der Nachkriegszeit keine Euphorie aus. Aufgrund der Erfahrungen des Nationalsozialismus hatten sie die Grundwerte / Menschenrechte als eine Art Zivilisationsschutz gegen einen kulturellen Rückfall in ethnozentrische Barbarei bewusst konstruiert. Vor der Begeisterung für das Neue stand die Aufgabe, das Alte aufzuarbeiten – und zwar gründlich, schonungslos und aus freiem, eigenem Willen (nicht von den Besatzungskräften verordnet); eine Aufarbeitung der eigenen moralischen Schuld und der eigenen Schatten, als Staat, Gesellschaft und jeder einzelnen Familie. Diese Aufgabe fiel vor allem der 68er Generation zu, sowie die Aufgabe, durch Demokratisierung der Lebensverhältnisse, mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit, Solidarität und Fürsorge und vor allem durch bessere Bildung für alle Schichten der Gesellschaft den Konformismus und das obrigkeitsstaatliche Denken zu überwinden. Statt blindem Gehorsam waren neue Werte angesagt: Kritisches Denken und Selbstwirksamkeit im Handeln, Wertschätzung und Anerkennung der menschlichen Würde, Partizipation und Verantwortlichkeit zum Wohle des Ganzen. Infolge von Schuldbewältigung, Sicherung der Demokratie und ihre Erweiterung durch Demokratisierung aller Lebensverhältnisse (inklusive der Beziehungen zwischen den Geschlechtern und den Generationen) durch die Kulturrevolution Ende der 60er Jahre hat sich die gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik stark verändert – auch wenn die 68er Generation dieses Verständnis von sich selbst nicht hatte. „Mehr Demokratie“ war vielen damals (mich eingeschlossen) nicht radikal genug. Angesichts der Kluft zwischen Anspruch und Realität der westlichen Demokratien (Kolonialismus und Unterdrückung anderer Völker und Minderheiten) suchte sie sich für ihre radikalen Wünsche, ihre freiheitlichen und sozialen Impulse oft historisch überholte Ideologien und Kostüme (Anarchismus, Sozialismus, Kommunismus). Erst nach der Aufarbeitung der Verbrechen des Stalinismus, Maoismus oder vieler vordemokratischer „Revolutionen“ zur Etablierung von Familien- und Stammesimperien kamen viele der damaligen Kulturrevolutionäre mit zeitlichem Abstand zu einer realistischeren Bewusstheit ihrer eigenen Rolle bei der Sicherung und Erweiterung der Demokratie.

So ging es mir persönlich und vielen meiner damaligen Mitstreitern und Mitstreiterinnen. Eine reifere, integriertere Sicht versteht Demokratie, ganzheitlicher gesehen, als eine Staatsform (ein System), eine Gesellschafts- und Lebensform (Kultur). Demokratie ist mehr als eine Staatsform oder ein System, sie ist zugleich ein innerer Wert mit den Menschenrechten und der Menschenwürde als Kern. Mit Staatsschutz und Gesetzen allein lässt sich Demokratie nicht aufrechterhalten. Ein demokratischer Staat und eine demokratische Gesellschaft sind auf die Zustimmung und Loyalität ihrer Bürgerinnen und Bürger angewiesen und das braucht einen demokratischen Habitus (demokratische Einstellungen und ein demokratisches Verhalten, das von klein auf gelernt und gelebt werden muss). Demokratisches Bewusstsein transzendiert egozentrische und ethnozentrische Weltsichten, es bindet Selbstsorge und Fürsorge für unsre Nächsten in das universelle Menschsein ein.


Demokratie als Wert (innen) und System (außen) - Wechselwirkungen

Grafik: Demokratie als Wert (innen) und System (außen) - Wechselwirkungen

Ein Plädoyer dafür, Demokratie zu lernen
und zu leben von Anfang an

 

 

Demokratie gelingt nur, wenn sie von allen vier Quadranten gestützt und von klein auf gelernt wird. Denn wir werden nicht als Demokraten geboren, sondern erst demokratisch sozialisiert, um als Erwachsene (hoffentlich) bewusste und engagierte Demokraten zu sein.

Eine gegen Zivilisationsrückfall gesicherte Demokratie muss dafür sorgen, dass der größte Teil der Bevölkerung einen demokratischen Habitus erwirbt, d.h. mindestens rationale demokratische Bewusstseinsstufen erreicht. Auch diejenigen, die diese Weltsicht nicht erreichen, sollten ein gesundes konformistisches demokratisches Regelbewusstsein erwerben. D.h., dass sie die Demokratie nicht abschaffen wollen, sondern diese aus Traditions- und Regelbewusstsein bewahren wollen. Eine stabile demokratische Gesellschaft ermöglicht Stolz auf ihre demokratischen Traditionen: Das bietet die Chance, eine gesunde Form von konformistisch-ethnozentrisch geprägtem demokratischem Verfassungspatriotismus zu entwickeln, universelle Werte in nationalstaatlichem Gefäß (Wir sind „Weltmeister“ in Demokratie), der fest in die europäische und globale Weltgemeinschaft eingebunden ist. Damit wäre der universelle Inhalt schon ein Fingerzeig, der auf die Einheit der Menschheit und Menschlichkeit zielt und ein Vorbild für alle sein kann, die als Weltbürger zum Wohle des Ganzen beitragen wollen. Lohnt es sich nicht, sich dafür leidenschaftlich zu engagieren? Lohnt es sich nicht, dafür über uns selbst und unser kleines Ich hinauszudenken und hinauszufühlen, zum Wohle der nächsten Generationen?

Weltzentrische Demokratie als Zukunft

Für die meisten Menschen auf der Welt ist eine menschenrechtsgestützte soziale Demokratie keine Selbstverständlichkeit: Eine selbst-bewusste aufgeklärte Gesellschaft und eine ihr entsprechende Staatsform gehören nicht ins Museum der Geschichte, sondern ins Zukunftslaboratorium. Für die westlichen Demokratien bedeutet das, dass sie die Pathologien der Moderne heilen und die postmoderne Kritik daran konstruktiv aufnehmen müssen. Entwicklung bedeutet eben nicht nur die Entwicklung unserer äußeren materiellen Welt, sondern auch unserer inneren Welt, unseres Bewusstseins, unserer kulturellen, moralischen und spirituellen Werte. Nur eine Entwicklung des Innen und Außen, des Individuums und der Gemeinschaft führt uns selbst zu mehr Ganzheit und Tiefe. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass solch eine reife und gelebte Demokratie zugleich ein erstrebenswertes Beispiel für alle nach Freiheit, Menschenrechten und Demokratie strebenden Bewegungen weltweit sein kann; Ein Beispiel, das die Errungenschaften der bisherigen Zivilisationen einschließt und sie zugleich transzendiert und weiterentwickelt und die den je eigenen Weg aller Demokratiebewegungen weltweit respektiert. Eine integrale Sichtweise ermöglicht uns, zu erkennen, dass es „die“ Demokratie nicht gibt. Demokratie und unser Verständnis davon entwickeln sich. Durch eine integrale oder ganzheitliche Sichtweise können wir das Beste des Gewordenen bewahren, die Pathologien heilen und das Demokratiepotenzial der Zukunft erschließen – als Staatsform, Gesellschaftsform und Lebensform.


 

Quelle: ip 25 02/2013

Grafik: Fünf Thesen