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27.6.2017 : 12:36 : +0200

Die Chancen der Globalisierung

Michael Habecker

Neben den offenkundigen Schattenseiten der Globalisierung, wie sie von Globalisierungsgegnern angeprangert werden (als eine Globalisierung von Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung), bietet Globalisierung als ein buchstäblich weltbewegendes Ereignis auch Chancen zu mehr Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit weltweit.

In diesem Lichte betrachtet, können dabei auch die drei aus dem Quadrantenmodell abgeleiteten Hauptperspektiven1 politischen Seins und Handelns neu betrachtet werden:

  • Individuelle Freiheit

  • Soziale Gerechtigkeit und

  • Systemische Nachhaltigkeit

Historisch betrachtet stand am Beginn der Aufklärung, die auch eine Befreiung politischen Denkens und Handelns brachte, die liberale Politik. Sie setzte sich für eine Befreiung des Individuums von der Herrschaft absolutistischer Machtausübung ein. Seitdem hat diese Politik in den zurückliegenden 300 Jahren einen beispiellosen Siegeszug angetreten mit dem Ergebnis, dass in Teilen der Welt, wie z. B. in Deutschland, individuelle Freiheiten in einem Maße verwirklicht sind, wie es früher unvorstellbar war. Doch schon bald, und zwar mit dem Aufkommen der Industrialisierung, wurden die Schattenseiten einer einseitig ausgeübten Liberalität deutlich. Einzelne Großindustrielle verwirklichten ihren Traum von Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlstand auf dem Rücken unzähliger ausgebeuteter Arbeiter, Arbeiterinnen und Kinder, denen diese neuen Freiheiten nur neue Abhängigkeiten brachten. Dies brachte eine zweite große politische Bewegung hervor, die soziale Bewegung, deren Augenmerk nicht auf individuelle Freiheit, sondern auf soziale Gerechtigkeit gerichtet war (und ist). Was nützen, so könnte man die Fragestellung dieser Bewegung zuspitzen, individuelle Freiheiten, wenn sie nur von einigen Wenigen ausgeübt werden können auf Kosten vieler Anderer? Seitdem wird liberale Politik von Sozialpolitik begleitet, und jede demokratisch verfasste Regierung ist auf ihre Weise um einen Ausgleich in diesem Spannungsfeld bemüht. Was diese beiden Perspektiven jedoch lange Zeit nicht sahen, waren die globalen Auswirkungen und Außenwirkungen systemischer Art. Nachhaltige Ökosysteme, Wirtschaftssysteme, Finanzsysteme und Ver- und Entsorgungssysteme sind die Grundvoraussetzung dafür, dass sowohl individuelle Freiheiten wie auch soziale Gerechtigkeit überhaupt entstehen können. Gleichzeitig wirkt beides auch in vielfältiger systemischer Weise und die Negativfolgen unserer Wirtschaftsweise auf die Ökologie wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten immer mehr zum Thema, was das Hervortreten der dritten großen Hauptperspektive von Politik, den Blick auf systemische Nachhaltigkeit aller Systeme, bewirkte. Zusätzlich zu dem Spannungsfeld von individueller Freiheit und sozialer Gerechtigkeit trat nun noch die Forderung nach der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der natürlichen und kulturell geschaffenen Systeme, die ein Leben überhaupt erst ermöglichen.

Einer der Hauptgründe, warum es liberale Parteien heute bei uns in Deutschland schwer haben, Wähler zu finden, ist für mich der, dass, abgesehen von ganz wenigen Themen wie Datenschutz und Steuersenkung, die großen liberalen Fragen weitgehend gelöst sind. Sie sind sogar so weit „gelöst“, dass sich aus einer weltzentrischen Perspektive der Globalisierung die Frage stellt, inwieweit unsere Freiheiten die Freiheiten anderer Menschen und Wesen verletzen (Ernährung, Konsum, Energieverbrauch, Mobilität, Kapitalanhäufung, Spekulation …). Die Antwort ist mittlerweile klar: wir leben unseren Wohlstand auch auf Kosten anderer Menschen in anderen Teilen der Welt und auf Kosten zukünftiger Generationen. (Um dies zu erkennen, müssen wir allerdings über unsere egozentrischen Einzelinteressen und über unsere soziozentrischen nationalen Interessen hinauszuschauen bereit und in der Lage sein). Dabei „helfen“ uns die Medien, die uns die Konsequenzen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise in anderen Teilen der Welt immer wieder vor Augen führen. Dies führt uns zu den Perspektiven sozialer Gerechtigkeit und systemischer Nachhaltigkeit als den Hauptthemen, die Menschen im Westen heute beschäftigen. Ansätze wie die Gemeinwohlökonomie und die Postwachstumsökonomie sind aus diesen Einsichten heraus entstanden. Während die Gemeinwohlökonomie vorwiegend auf eine globale soziale Gerechtigkeit setzt, betont die Postwachstumsökonomie die Bedeutung von Nachhaltigkeit, industriellen Rückbau, Subsistenz und Resilienz. Beide sind sich darin einig, dass dazu individuelle Freiheiten bei uns deutlich eingeschränkt werden müssen. Die Gemeinwohlökonomie setzt dabei auf Umverteilung durch ein geändertes Eigentums-, Steuer- und Erbrecht. Die Postwachstumsökonomie fordert ein Wachstumsende und eine deutliche Reduzierung (Halbierung) unseres industriellen Produktionsniveaus, verbunden mit einer ebenso deutlichen Reduktion von industrieller Arbeit und industriellem Konsum und Verbrauch.

Angesichts der geradezu hysterischen Reaktionen, die eine Forderung der Grünen im deutschen Bundestagswahlkampf 2013 nach einem gesetzlichen vegetarischen Tag in Kantinen ausgelöst hat, kann man sich vorstellen, was es bedeuten würde, wenn massive Einkommensumschichtungen gefordert würden oder eine Reduzierung der industriellen Produktion (in einem Land, welches über Jahre Exportweltmeister war und sich immer noch ganz oben im Ranking der weltweit größten Exporteure befindet und sehr stolz darauf ist). Die Chancen, hier etwas politisch-mehrheitlich bewegen zu können, sind derzeit gleich null. (Unabhängig davon, dass jeder selbst sein Leben natürlich entsprechend umstellen kann).

Doch was kann man dann als politisch aktiver Mensch tun?

Eine der wesentlichen Erkenntnisse dabei ist, dass das Thema von der gesellschaftspsychologischen Seite her angegangen werden muss, wenn man Erfolg haben will. Und dies betrifft vor allem das Thema „Freiheitseinschränkung“ (oder -regulierung). Hier wird bei den meisten Menschen nach wie vor ein Nerv getroffen wenn es um neue Regelungen geht, so als hätten wir uns gerade erst aus einer Zeit mittelalterlicher Bevormundung befreit. Dies gilt es zu berücksichtigen, und daher braucht es eine Neuformulierung des Begriffs von Liberalität und Freiheit, unter Einbeziehung eines einfachen Entwicklungsspektrums von egozentrisch-soziozentrisch-weltzentrisch. Eine reife, d. h. entwickelte Liberalität würde die eigene Freiheit nicht mehr auf Kosten anderer Menschen und Wesen weltweit leben können und wollen, sondern im Einklang mit deren Freiheiten, und dies gibt der Diskussion eine völlig neue Richtung. Es geht nicht mehr um das Verbieten von etwas, oder um Spaß- und Lustbremsen, sondern um die Frage, mit welchen Konsequenzen wir in den „entwickelten“ Wohlstandsgesellschaften unsere Freiheiten leben.

Ein politisches Umdenken (und in dessen Folge eine politische Umgestaltung) kann dann in Gang kommen. Der dabei zu beschreitende Mittelweg liegt für mich zwischen zwei Extremen:

Das Extrem eines Dirigismus, Sozial-ismus oder Öko-ismus, bei dem (von wem?) bestimmt wird, was an individuellen Freiheiten noch erlaubt ist, wäre ein Weg zurück in Zeiten eines Absolutismus, den die Moderne nach langen Kämpfen hinter sich gelassen hat. Dieser Weg ist Teil unserer Vergangenheit, er kann und darf aber keine Zukunft mehr haben.

Das andere Extrem eines (Neo)Liberalismus ist auch keine Lösung, zu groß sind die Schäden und das Leid, das durch rigoros gelebte Einzel- und Gruppeninteressen angerichtet wird.

Es braucht daher einen Mittelweg, wo die Politik den Bürgern entsprechende Informationen und Anreize gibt, um eine Entwicklung hin zu mehr Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zu initiieren, ohne ihnen die Wahlfreiheit zu nehmen. Die Menschen bleiben frei in ihren Entscheidungen, werden jedoch auf deren Konsequenzen hingewiesen und es werden ihnen durch Anreize Kaufentscheidungen leichter oder durch Abgaben schwerer gemacht. (Und in manchen Fällen müssen auch Verbote ausgesprochen werden). Die Gemeinwohlbilanz der Gemeinwohlökonomie ist ein konkretes Beispiel dafür. Wenn Organisationen (wie Firmen und Verwaltungen) Produkte und Dienstleitungen im Hinblick auf ihren weltweiten Beitrag zu einem Gemeinwohl bewerten und wenn diese Bewertung auf eine einfache Weise (z. B. durch eine Ampeldarstellung mit drei oder fünf Farben für schlecht-mittel-gut) direkt am Produkt (oder auf der Firmenpage) öffentlich wird, dann wird dies nicht ohne Folgen für die Verbraucher bleiben, so wie auch die deutlichen Hinweise auf Zigarettenpackungen Auswirkungen haben. (1991 wurden in Deutschland täglich 401 Millionen Zigaretten geraucht, 2010 waren es „nur“ noch 229. Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Tabakrauchen). Hier hat sich in nur zehn Jahren gesellschaftlich viel bewegt und dies hat sicher viele Ursachen, aber eine davon ist das permanente Hinweisen auf die Schäden des Rauchens auch auf den Packungen. Ähnlich kann Politik Entwicklungsanreize geben, die Menschen zu einem immer verantwortlicheren Tun oder Unterlassen ermuntern. Dafür lassen sich wahrscheinlich auch demokratische Mehrheiten bei Wahlen finden.

(Quelle: Online Journal Nr. 44)

1 Die oberen beiden Quadranten betonen die individuell-freiheitliche Perspektive (liberal), der untere linke Quadrant betont die gemeinschaftlich-soziale Perspektive, der untere rechte Quadrant die systemisch-ökologische Perspektive.