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26.4.2017 : 11:42 : +0200

Die Evolution eines integralen Wir-Raumes

Ken Wilber im Gespräch mit Terry Patten, The Evolution of the Integral "We-Space"

(Quelle: IntegralLife, 31. Juli 2013)

 

Vorwort der IL Redaktion

Hier eine Zusammenfassung einiger der Ideen aus diesem Gespräch:

  • Ein „Wir“ ist die Art und Weise, wie GEIST sich selbst erfährt. Indem jedes „Ich“ ein anderes Ich erfährt, sieht es das Wahre Selbst im Anderen.

  • Übungen im Wir-Raum können Menschen dabei unterstützen, sich über die unsichtbaren Begrenzungen ihrer persönlichen Subjektivität hinauszubewegen.

  • Übungen im Wir-Raum können dem individuellen meditativen Erwachen über turiya hinaus zu turyatita dienen.

  • Der Wir-Raum hat sein eigenes Netzwerk einer Nexus-Agenz und wenn wir in all diese Nexus hineinfühlen, dann wirkt das gemeinsame Feld als ein Spiegel, der uns allen das Wahre Selbst spiegelt. Jede Wir-Raum-Praxis ist geformt durch ihre einzigartigen Injunktionen und Intentionen: Injunktionen wie z. B. „Achte auf den Wir-Raum“, „Bleibe radikal gegenwärtig“, „Gib dich dem Bezeugen hin“, „Verzichte auf Beurteilungen“, „sei ehrlich und transparent“, „baue auf dem auf, was andere sagen“, usw. Intentionen wie z. B. transpersonale Intimität, höhere Zustände des Bewusstseins, ein Ausdruck evolutionärer Impulse sein, die Entwicklung von Kultur inmitten der globalen Krise fördern, das Erwachen höherer intuitiver Fähigkeiten usw.

  • Jeder Teilnehmer in einem „Wir“ nimmt teil an einer gemeinschaftlich geteilten Erfahrung mit allen anderen und hat dabei gleichzeitig seine eigene einzigartige Erfahrung und Perspektive.

  • Es gibt eine Hingabe an das Bezeugen. Es gibt auch eine Hingabe über das Bezeugen hinaus, in welchem der nicht-identifizierte Seher und die Seherin die nichtduale Bewusstheit ermöglichen.

  • Es gibt zahlreiche intersubjektive Wir-Felder, an denen wir teilnehmen und jedes davon drückt eine unterschiedliche Entwicklungsebene aus.

  • Einer der Gründe, warum Übungen im Wir-Raum so populär sind, ist, dass wir bei unseren gemeinschaftlichen Erforschungen des neuen evolutionären Geländes von höherer Intersubjektivität den Eros fühlen können, das kreative Voranschreiten in das Neue hinein.

  • Die Reihenfolge 3-1-2 hat eine spezielle Bedeutung.

  • Gemeinschaftlich geteilte Bewusstseinszustände und gemeinschaftlich geteilte Bewusstseinsstufen sind gleichermaßen von Bedeutung.

  • Zustände können leichter erfahren werden als Stufen, welche gemeinsam erschaffen werden müssen. Daher beginnen die meisten Wir-Praktiken mit Zustandsübungen.

Ken Wilber im Gespräch mit Terry Patten

KW: Ich möchte ein paar allgemeine Punkte zum Thema eines Wir-Raumes [we space] ansprechen, einige davon werden oft berücksichtigt, andere eher nicht und ich denke, wir sollten bei diesem Thema einen möglichst umfassenden Überblick haben.

Wo ist der Wir-Raum?

Wenn wir über einen Wir-Raum sprechen, dann ist eine von mehreren Bedeutungen dabei die, dass wir dabei, bezugnehmend auf die integrale Theorie, vom unteren linken Quadranten sprechen, dem intersubjektiven Quadranten, dem kulturellen Raum. Zusammen mit dem Ich-Raum bildet der Wir-Raum das Innerliche als eine materiell nicht sichtbare Dimension menschlicher Existenz – im Unterschied zu den rechtsseitigen Quadranten, wo wir materielle Organismen finden, Artefakte und techno-ökonomische Produktionsweisen, alles das, was man materiell dort draußen in der äußeren Welt sehen kann. Wenn wir über Ich und Wir sprechen, über Bewusstsein und Kultur, dann ist eines der Dinge, die wir dabei machen, das Unterscheiden. Viele spirituelle Praktiken konzentrieren sich auf den Ich-Raum und das ist sehr wichtig und wird es immer auch sein. Was wir dabei im Ich-Raum versuchen, ist, zuerst das Ego zurückzustellen, indem wir es im Zeugenbewusstsein beobachten. Doch dann versuchen wir noch einen Schritt weiterzugehen und auch noch den Zeugen loszulassen, den Seher und damit auch jegliche Subjektivität loszulassen, um in der nichtdualen Soheit aufzugehen. Darin schauen wir nicht länger auf ein Objekt, sondern Objekte erscheinen im eigenen Gewahrsein, selbstmanifestierend und selbstbefreiend. In den Traditionen bedeutet dies die Bewegung von turya, dem reinen Zeugen zu turyatita, jenseits des Zeugen.

Die Stärke der Wir-Praktiken

Wenn wir uns Wir-Praktiken zuwenden, dann können diese uns darin unterstützen, über das Erleben von Selbstbezogenheit oder Subjektivität in unserem Bewusstsein hinauszugehen. Wenn wir auf ein Wir ausgerichtet sind, dann sind wir – per Definition – nicht auf das Ich ausgerichtet. Das ist einer der unausgesprochenen Attraktoren der Praktiken im Wir-Raum. Natürlich gibt es noch eine Reihe anderer Ziele und Absichten dabei und worum es beim Wir geht, ist das Fühlen des Nexus des Wir-Raumes. Der Nexus ist das intersubjektive Feld, das alle Subjektivität vereint. Das wahre SELBST jeder Subjektivität reflektiert sich wechselseitig im Anderen, im Wir, doch hier ist es nicht das wahre SELBST im Zeugenbewusstsein, sondern das wahre SELBST in Aktion. Diese Aktionen sind unzählige und sie umfassen jegliche Intersubjektivität, durch die Gruppen und Wirs zusammengehalten werden – alle Nexus, die verschiedene Subjekte und Ichs in einer Gruppe zusammenhalten. Auf diese Weise erkennen Menschen, dass sie Mitglieder eines Wir sind. Diese Aktionen sind eine Mischung unterschiedlicher multipler Intelligenzen und Entwicklungslinien, kognitiv, emotional, zeitlich oder zeitlos, Absichten und Motivationen, Beziehungsverhalten, innerpersönliche Offenheit, moralische Standpunkte, geteilte Werte und Bedeutungen, implizite Weltsichten, semantische Felder, Kreativität, Ziele und Zustände, einschließlich nichtdualer reiner Gegenwärtigkeit – für diejenigen, die dazu in der Lage sind, usw.

Wir-Praxis im AQAL Kontext

Und dies alles hat Entsprechungen in allen vier Quadranten. Wenn wir eine Wir-Praxis mit der Absicht einer Problemlösung machen, dann müssen wir uns klarmachen, dass wir in allen vier Quadranten aktiv werden müssen – ein gegenseitiges Verständnis reicht nicht aus. Wir müssen auch in den rechtsseitigen Quadranten handeln. Und dann gibt es noch allgemeine Entwicklungshöhen – magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral, über-integral, oder, mehr technisch, Perspektiven, die von einer 1. Person bis zur 7. Person reichen. Die Entwicklungshöhe bestimmt das Ausmaß an Tiefe oder Höhe des Wir-Raumes, der hervorgebracht werden kann. Eine Gruppe auf der Höhe einer 2. Person-Perspektive beispielsweise unterscheidet sich sehr von einer Gruppe auf der Höhe einer 5. Person-Perspektive. Das wird oft übersehen, doch es ist ganz zentral. Es gibt nicht einfach einen Wir-Raum, sondern einen Wir-Raum mit unterschiedlichen Ebenen oder Schichten von Entwicklungshöhe. Dies ist etwas, was beispielsweise Bohm übersieht. Unterschiedliche Injunktionen zielen auf unterschiedliche Eigenschaften dieser Aspekte von Intersubjektivität, die ich gerade genannt habe. Andrew Cohen geht es um eine gemeinsame Absicht, eine intersubjektive evolutionäre Dringlichkeit, Otto Scharmer ist ausgerichtet auf intersubjektive Offenheit und Kreativität, David Bohm schaut auf gemeinsame Lösungen für die Weltkrisen. Viele Wir-Praktiken konzentrieren sich, als ein eigenes Ziel, auf die intersubjektive Gegenwärtigkeit, den gegenwärtigen Augenblick und dadurch wird eine intersubjektive Gegenwärtigkeit hervorgebracht, welche im intersubjektiven Feld angelegt ist. Dies geschieht, wenn der Ausdruck zahlreicher wahrer SELBSTe die getrennten Selbste transzendiert und auf den gemeinschaftlichen gegenwärtigen Augenblick ausgerichtet ist. Dabei ist es wichtig, zu erkennen, dass jedes Individuum nach wie vor eine eigene einzigartige Erfahrung dieses gemeinschaftlichen Wir-Raumes macht, weil jede(r) auf das Gleiche aus einer unterschiedlichen Perspektiver schaut.

Nexus-Agenz

Was speziell ein Wir zusammenhält, ist, wie schon erwähnt, ein intersubjektiver Nexus und die Aktivität dieses Nexus kann man als Nexus-Agenz bezeichnen. Dieser Nexus ist kein subjektives Ich, sondern ein intersubjektives Wir. Es ist keine einzelne Note, es ist ein Lied. Es setzt sich zusammen aus zahlreichen allgemeinen und spezifischen Subjekten, die miteinander diesen gemeinschaftlichen Nexus ausmachen und bilden und viele Nexus ausmachen. Es gibt Hunderte unterschiedlicher Wirs, an denen wir teilnehmen. Diese Wirs oder Nexus beinhalten Werte, Normen, Ethik, Weltsichten, Beurteilungen, Mana und Tabus, Rollen und Regeln und dies alles wird durch subjektive Austauschbeziehungen zusammengehalten und, als ein ultimativer Zement, durch die Zirkulation des einen wahren SELBST, die absolute Subjektivität, welche die relativen Subjekte und Objekte im Nexus erscheinen lässt. Das wahre SELBST zirkuliert dabei durch all die Zusammenhänge des Nexus.

Die Erfahrung eines Wir-Raumes ist, wie schon gesagt, anders als die eines Ich-Raumes, vor allem wegen des Nexus. Der Nexus wirkt zutiefst auf das Ich, das Ich ist darin eingebettet. Die Quadranten sind unterschiedliche Dimensionen eines Ereignisses, dennoch können sie einzeln betrachtet werden. Wir können also diesen intersubjektiven Nexus hervorheben und uns darauf konzentrieren. Das ist meistens das, was in Verbindung mit dem wahren SELBST eine Praxis des Wir-Raumes ausmacht, sich auf den Nexus zu konzentrieren und auf das, was der Nexus tun kann.

Unterschiedliche Wir-Praktiken

Der Grund, warum sich die unterschiedlichen Wir-Praktiken so unterscheiden, liegt darin, dass sie sich auf verschiedene Eigenschaften des Wir konzentrieren. Die Injunktionen und die Ziele der Praxis konzentrieren sich dabei auf unterschiedliche Aspekte des intersubjektiven Nexus. Ich habe einige dieser Aspekte bereits erwähnt, von Kognition zu Gefühlen, zu kreativen Lösungen für Krisen, zu Motivationen und Absichten, zu Zeit oder zeitloser Gegenwärtigkeit, zu bestimmten Zuständen. Die Injunktionen unterscheiden sich, in Abhängigkeit davon, um welche dieser Eigenschaften es geht. Eine verbreitete Injunktion zur Hingabe hat unterschiedliche Ergebnisse, abhängig davon, ob wir uns dem Denken hingeben oder negativen Emotionen oder der Selbstkontraktion. Entsprechend variieren auch die Ziele und Ergebnisse, abhängig davon, ob es darum geht, in ein höheres kreatives Feld einzutreten, oft ein kausales Feld, zur Lösung von Weltproblemen, oder eine Konzentration auf das Jetzt, um das wahre SELBST hervortreten zu lassen. Oder man konzentriert sich auf das intersubjektive Feld an sich, um den Wir-Nexus unmittelbar zu fühlen und eine Einheit-in-Verschiedenheit zu erleben.

Der Unterschied von Wir und Ich

Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass ein Wir-Raum ein soziales Holon ist und kein individuelles Holon. Und auch wenn ein wahres SELBST gegenwärtig ist, wie auch beim individuellen Holon, hat ein soziales Holon keine dominante Monade. Wenn mein Hund aufwacht und den Raum durchquert, dann erheben sich gleichzeitig alle seine Zellen und Moleküle und gehen mit ihm. Das hat Whitehead als eine dominante Monade bezeichnet. Kein soziales Holon (kein Wir-Raum) hat eine dominante Monade. Auch wenn Menschen das Gefühl haben, sie sind eins in einem Gruppenholon, und so etwas geschieht recht häufig, kann niemand in der Gruppe mittels seines Willens erreichen, dass alle anderen sich seinem Willen entsprechend verhalten. Jemand kann seine Hand heben, aber das heißt nicht, dass alle anderen gleichermaßen ihre Hände heben. Das Einssein, das gefühlt wird, ist der Gruppennexus und letztendlich das wahre SELBST, das dort hindurchströmt. Das ist meist sehr unterschiedlich zur Erfahrung des proximaten Selbst, des Ich-Selbst des Individuums. Manche ziehen Vergleiche zur Gruppe als einem einzigen Organismus mit einer dominanten Monade und einem kontrollierenden Selbst, doch das ist nicht richtig. Das ist ein wichtiger Hinweis, den wir uns merken sollten.

Dieser Gruppennexus oder kulturelle Nexus ist zum Gegenstand intensiver aktueller Forschung geworden, nicht nur bei integral Interessierten, sondern bei Postmodernisten allgemein. Letztere tendieren dazu, das Wir in absolutistischer Weise zu sehen, für sie ist alles Wissen ein Ergebnis kulturellen Schaffens dieses Nexus, während die integrale Theorie die Bedeutung aller vier Quadranten unterstreicht und betont, dass sie alle zu einem Verständnis beitragen. Dustin DiPerna behandelt den Wir-Raum als eine Entwicklungslinie mit Stufen von konventionell, persönlich, unpersönlich, interpersonal, transformationell, erwacht, evolutionär und kosmisch. Ich sehe dies als generelle Ebenen und durch diese Ebenen verlaufen viele Dutzend unterschiedlicher Wir-Entwicklungslinien, wie Arten von Freundschaften, Bildung und Erziehung, Arbeit, unterschiedliche Intelligenzen, verschiedene kulturelle und subkulturelle Nexus, gemeinsames Erschaffen, sangha-spirituell, beruflich. Auch jetzt hier erschaffen du und ich einen gemeinsamen Wir-Raum. Wir beginnen dabei auf der untersten Ebene unserer Gemeinschaftlichkeit und bewegen uns von dort aus weiter. Unsere Leben sind gesättigt mit Tonnen von Wirs. Letztendlich ist ein Wir die Art und Weise, wie GEIST sich selbst erlebt. GEIST hat sich entäußert und zahlreiche verschieden Ichs geschaffen, um Beziehung zu ermöglichen. „Es macht keinen Spaß, alleine zu essen“, so hat das ein Lehrer einmal formuliert. In der gegenseitigen Betrachtung unterschiedlicher Ichs in einem Wir sehen diese Ichs den GEIST im Anderen – im Wunder des Wir. Das Hervorrufen höherer Zustände und Stufen und das Handeln daraus kann eine der Effekte und Ziele von Wir-Praktiken sein. Wenn es eine gegenseitige Resonanz gibt innerhalb des Wir-Nexus, dann wird diese meist angetrieben von Eros, der als ein Attraktor hin zu höheren Bereichen wirkt, sowohl für Zustände als auch Stufen für den Menschen in einem Wir. Dies wird definitiv unterstützt durch Injunktionen wie Hingabe, Loslassen, Aufgeben und so weiter. Und dies ist, wie schon gesagt, nicht nur eine Hingabe in das Bezeugen, sondern eine Hingabe über das Bezeugen hinaus und das wird durch eine Nexus-Einheit unterstützt. Das Ich wird losgelassen und die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Wir und der Abstand nehmende Betrachter oder die Betrachterin kann leichter einer nichtdualen Bewusstheit den Weg bereiten, wo die gesamte manifeste Welt selbst-bewusst und selbst-befreit erscheint und nicht nur das Objekt eines höheren Subjektes ist. Das ist einer der großen Attraktoren einer Praxis des Wir-Raumes. Ob es nun so formuliert wird oder nicht, das Sich Herausbewegen aus dem Ich-Raum kann unterstützt werden als ein Loslassen eines jeglichen Empfindens eines getrennten Selbst, einschließlich eines getrennten Höheren Selbst oder einem getrennten Zeugen.

Du [Terry] hast etwas zusammengestellt, „die integrale Zukunft gestalten“ [enacting the integral future] und ich mag alles, was du dort aufführst:

  • Von den Erläuterungen einer dritten Person bis zu einem Erleben einer ersten Person,

  • Von der Interaktion in einer Perspektive einer zweiten Person (auch krisenorientiert),

  • Dem Attraktor eines höheren Wir-Raumes, von dem ich gesagt habe, dass er oft von Eros angetrieben wird als einem ganz realen Faktor.

  • Intersubjektives Lernen,

  • Das nackte Sich Aussetzen der Gegenwärtigkeit,

  • Die Entdeckung transformierender Möglichkeiten im Hier und Jetzt,

  • Die Vorbedingungen hinsichtlich von Strukturen und Zuständen im Hinblick auf die unterschiedlichen Wir-Praktiken. Das ist wichtig, weil, wenn man diese Vorbedingungen nicht hat oder kennt, dann kann es den Anschein haben, dass die Praktiken nicht funktionieren, doch es kann z. B. sein, dass der Bewusstseinsschwerpunkt der an der Praxis Teilnehmenden einfach nicht hoch genug ist, um die Praxis angemessen ausführen zu können.

  • Lösungen der rechtsseitigen Quadranten, welche die Welt so dringend benötigt, ob es sich um Klimakontrolle, finanzielle Zusammenbrüche, Terrorismus, Überbevölkerung oder Umweltkrisen handelt. Was oft übersehen wird, ist, dass jegliche Lösung innerhalb der rechtsseitigen Quadranten Veränderungen in den linksseitigen Quadranten erfordern, um diese Veränderungen zu unterstützen. Geschieht dies nicht, dann halten die Lösungen nicht. In den linksseitigen Quadranten haben wir den linken unteren Quadranten mit Veränderungen in der Kultur und oben links haben wir Veränderungen im Bewusstsein. Beides unterstützt sich wechselseitig und daher brauchen wir Veränderungen in beidem.

Höhere Wir-Zustände sind evolutionär neu Entstehendes, ebenso wie höhere Ich-Zustände. Wir sind gegenwärtig dabei, beides zu entdecken. So wie wir auch dabei sind, zu entdecken, was der höhere Ich-Raum für uns bereithält mit höheren Ebenen des Bewusstseins, mit Praktiken, die uns dabei unterstützen, diese höheren Zustände und Strukturen hervorzubringen. Und genauso widmen wir uns der Kultur, den Gruppen und Wir-Räumen, die wir bewohnen. Diese sind letztendlich genauso wichtig wie der individuelle Ich-Raum. Die Kultur unterstützt das individuelle Bewusstsein und dessen Hervorbringung.

Schon am Beginn der integralen Theorie gab es ein großes Interesse am Wir-Raum und immer mehr Lehrer widmen sich dem mit Wir-Praktiken zur Entdeckung dieses Raumes. All das sind gute Nachrichten und ich freue mich, an dieser Bewegung und Diskussion teilnehmen zu können.

Zur Kreativität (individuelle und kollektive):

KW: Ich denke, dass die Dynamik dabei unterschiedlich ist. Kreativität als solche ist Kreativität, als das Hervorbringen von etwas, was noch nie dagewesen und neu ist und sich auf eine gewisse Weise erstmals manifestiert. Wo immer das auch geschieht, wir können dann von einer kreativen Emergenz sprechen. Doch die Frage ist, was kann das beschleunigen, wodurch wird es verlangsamt, was unterstützt es, was schadet ihm, was bringt es voran, was zurück? Mit diesem Thema setzt sich die Menschheit schon von Anbeginn an auseinander. Es ist nicht ungewöhnlich für ein Individuum, kreative Einsichten (oben links) zu haben, um sie dann mit Individuen zu teilen, die das verstehen können – es hat etwas Neues, aber es muss auch etwas Bekanntes haben, sonst gäbe es keine Möglichkeit, das zu verstehen. In dem Maße, wie es verstanden werden kann, kann der Versuch gemacht werden, es zu verstehen und so kann ein Wir entstehen, eine Gruppe von Menschen, die das verstehen. Diese Vermittlung geschieht durch das Verhalten des Individuums (oben rechts), in eine Wir Gruppe, die das versteht (unten links) und wo darin eine wirkliche Kraft steckt und so kann daraus eine soziale Institution werden (unten rechts), wo es eine materielle Form und Verkörperung annimmt. Diese Art von Manifestation geht aus dem Geistesraum eines Individuums oder einer Gruppe hervor. Es gibt dabei Dinge bei jedem der genannten Schritte, die das unterstützen, und andere, die dem schaden können. Betrachten wir Kreativität oben links, wo sie gewissermaßen ihren Ursprung hat, dann ist sie dort frei von den Charakteristiken und Eigenschaften (einschließlich der Schwerfälligkeiten) der anderen Quadranten. Bringt man eine Gruppe von Menschen zusammen, die intersubjektiv interagieren, sodass sie einen Wir-Raum bilden mit einer kollektiven Intelligenz, (wobei wir beachten, dass man keinen Wir-Raum ohne Individuen haben kann), dann hat dieser Wir-Raum ein Eigenleben. Das Wir einer Freundschaft beispielsweise beginnt mit einem ersten Zusammentreffen und jedes Mal, wenn man sich trifft, wird dieses Wir etwas stärker. Nach zehn, zwanzig oder dreißig Jahren kann dieses Wir sehr umfangreich sein mit allen möglichen Arten von Assoziationen, Erinnerungen, Ideen und so weiter. So gesehen hat es ein Eigenleben. Man erkennt, wer in diesem Wir-Raum ist, da gibt es eine Grenze. Wenn Menschen zusammenkommen und ein Wir bilden, dann wissen sie, wer dazugehört und wer nicht. Wird diese Grenze überschritten, entsteht meist eine Spannung. Wenn jemand, der nicht Mitglied in einem Club ist, versucht, dazuzugehören, dann gibt es meist einen Widerstand dagegen. Und immer geht es dabei um einen Wir-Raum mit einem Eigenleben und auch einem eigenen Geist [mind] und einer eigenen Intelligenz.

Der Wir-Raum ist frei von jeglichem einzelnen Ich-Raum. Daher ist einer der Vorteile einer Wir-Praxis der, dass durch die einfache Teilnahme an einem Wir, in dem Maß, wie man dort engagiert ist, man frei bzw. nicht mehr so obsessiv fokussiert oder ausschließlich fokussiert ist auf das Ich. Wenn wir dabei die Kreativität betrachten und das, was dabei neu ist, zusammen mit dem „karmischen“ Teil, dem Teil, der Ähnlichkeiten mit Bekanntem hat, damit etwas überhaupt verstanden werden kann, dann ist dieses Neue unbelastet und befreit von Mustern, Gewohnheiten und Stereotypen, Dinge zu betrachten, die die meisten individuellen Ichs haben. Wenn zwei oder mehr Ichs zusammenkommen und ein Wir sich zu bilden beginnt, dann transzendiert dieses Wir eine Menge der Tendenzen und Schwerfälligkeiten, die einem individuellen Ich anhaften. Manche Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sie Probleme viel besser in und mit einer Gruppe lösen können. Und das hat auch damit zu tun, dass sie ihre eigenen Begrenzungen transzendieren, indem sie an dieser Gruppenintelligenz teilnehmen. Durch diese Gruppenintelligenz kann, wie durch jede Intelligenz, etwas kreativ Neues entstehen. Aus diesem Grund konzentrieren sich viele Aktivitäten zur Problemlösung in letzter Zeit beinahe vollständig auf Gruppen und Gruppenintelligenz. In Verwaltungen und Firmen beispielsweise gibt es bei Entscheidungsprozessen eine Bewegung weg vom Individuum wie dem Boss oder Geschäftsführer hin zu Teams. Teams werden Entscheidungen übertragen, die vorher nur einem Manager vorbehalten waren. Man stützt sich dabei auf die Fähigkeiten einer Gruppe, eines Wir, um die Begrenzungen oder auch Vorurteile oder die Trägheit individueller Ichs zu vermeiden.

Gute und schlechte Wir-Praxis

Natürlich können in Gemeinschaften, in integralen Gemeinschaften, in spirituellen Gemeinschaften beim Praktizieren von Wir-Räumen auch schädliche Dinge passieren. [Jane] Lovinger hat beispielsweise bei einem Test herausgefunden, dass Menschen in Gruppen sich um zwei Entwicklungsstufen niedriger verhalten, als sie das allein für sich selbst tun würden. Es gibt eine Tendenz, Dinge in Gruppen zu tun, die verletzen, etwas, was jemand alleine nie tun würde. Wir müssen diesen Wir-Raum praktizieren, unterschiedliche Formen von Wachstumstechniken, Sprache, Wissen, all das muss in den Wir-Raum eingebracht werden, um eine höhere Kreativität zu unterstützen und nicht etwas Niedrigeres, Vorurteile, die Neigung, zu verletzen oder etwas in der Art. Es ist eine Praxis und sie kann gut oder schlecht ausgeführt werden. Auch das gehört zu dem, was wir auf dem Weg zu beachten haben.

Zur Frage des Aktiv Werdens:

Ich habe ein Papier geschrieben „A Spirituality that transforms“ und was ich darin sage, ist, dass es darum geht, die Dinge laut und deutlich auszusprechen [you have to shout]. Geht man von der Trägheit der Menschheit gegenüber Transformation aus, – Veränderungen geschehen, aber es ist ein sehr sehr langsamer Vorgang – dann ist ein Flüstern nicht genug. Man muss laut rufen, auf jede erdenkliche Weise. Natürlich sollte man dabei authentisch und echt sein, vom Herzen kommen, mit guten Absichten, doch man muss laut rufen. Was wir dabei beachten sollten, ist: Wenn wir meinen, zu Beginn eine letztendliche Festlegung von Richtig und Falsch haben zu müssen, dann kann uns das davon abhalten, etwas laut auszusprechen, von dem wir vermuten, dass es richtig ist. Es kann richtig oder auch falsch sein, doch das finden wir nur heraus, wenn wir es laut aussprechen. Zuerst müssen wir also die Angst davor überwinden, uns irren zu können, Fehler zu machen oder dumm dazustehen. Natürlich wollen wir, dass das, was wir sagen, wahr und richtig ist und nicht falsch, die postmoderne Vorstellung, dass zwischen beidem kein Unterschied besteht, ist kategorisch falsch. Natürlich, 2+2 = 4 und wir wollen unseren Kindern nicht beibringen, dass 2+2 = 5 ist. Das hilft ihnen nicht. Was wir mit den neuen Ebenen von Evolution, welche die Menschheit in unserer Zeit durchläuft, erleben – die Menschheit hat in ihrer Vergangenheit schon fünf oder sechs Haupttransformationen durchlaufen und es sieht so aus, als ob sie an der Schwelle einer neuen Transformation steht. Wir haben psychologische Daten über Individuen, wir haben eine Menge soziologischer Daten und die legen nahe, dass es eine Bewegung gibt von Stufen wie relativistisch oder pluralistisch (in negativen Begriffen ausgedrückt fragmentiert und teilhaft) hin zu Stufen, die mehr holistisch, systemisch und integriert oder integral sind. Das ist etwas, was es bisher in der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat. Wir haben noch nie eine Ebene von Bewusstsein gesehen, die so aussah. Dafür haben wir keine Handbücher, die uns sagen, wie wir uns verhalten sollten, z. B. um einen Wir-Raum zu entwickeln. Also experimentieren wir damit und diese Experimente sind die Form von Kreativität für die nächste Zeit. Wir probieren etwas aus und reflektieren dann darüber. Clare Graves hat zum Beispiel gesagt, dass die Entwicklungsdynamik hin- und herpendelt, von einer Betonung von Individualität zu Gemeinschaft und wieder zu Individualität und so weiter von Stufe zu Stufe. Was passiert, wenn ein Mensch sich auf einer Stufe mit Gemeinschaftsorientierung befindet und sich zur nächsthöheren Stufe entwickelt, welche das Individuum betont? Reichen dafür Wir-Praktiken aus? Solcher Dinge müssen wir uns bewusst werden. Die Tatsache, dass Wir-Praktiken relativ neu und aufregend sind, bedeutet nicht, dass wir die anderen Quadranten aus den Augen verlieren.

Integrale Ausgewogenheit und Wachsamkeit

Was wir brauchen, ist eine ausgewogene Betrachtung, ansonsten ist der Schaden größer als die Hilfe. Wenn wir das im Auge behalten, ist es absolut wichtig, dass wir Veränderungen sowohl im Bewusstsein als auch in der Kultur haben, den linksseitigen Quadranten und diese Veränderungen werden die Veränderungen, die wir in den rechtsseitigen Quadranten vorhaben, unterstützen, z. B. beim Klimaschutz. Es muss Werteveränderungen, Perspektivveränderungen und Veränderungen in den Weltsichten geben bei sehr vielen Menschen. Es geht nicht nur darum, Individuen darin zu unterstützen, sich zu höheren Ebenen zu entwickeln, es geht auch um Kulturen. Der einzige Weg, herauszufinden, wie das geht, ist, das zu tun, was wir tun, damit in kleinen Gruppen zu experimentieren und herauszufinden, was funktioniert und das wieder in anderen Gruppen ausprobieren, darüber reflektieren und so viele Aspekte wie möglich dabei einzubeziehen. Es ist wirklich wichtig, so wichtig wie das individuelle Ich, und wir sind aufgerufen, so viel Authentizität und existentielle Wirklichkeit und Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, wie wir können, in jede unserer Interaktionen einzubringen.

Unglücklicherweise gibt es in diesen Bereichen mit Pioniercharakter mehr Möglichkeiten, alles zu vermasseln, als es richtig zu machen. Wir haben keine Handbücher dafür. Wir müssen dort hineingehen mit voller Wachsamkeit, so offen, mitteilsam, fürsorgend und intelligent wie nur irgend möglich. So wichtig und aufregend das ist, es ist ein schwieriger Prozess. Es ist schwer, diese Dinge hinzubekommen vor dem Hintergrund von all dem, was dabei schief gehen kann.

Nach der integralen Theorie ereignet sich Evolution in allen vier Quadranten und es gibt noch andere Dimensionen. Aber das Minimum sind die vier Quadranten. Die Darwin‘sche Sicht schaut auf den Organismus mit seiner DNA, die mutieren kann. Die Mutation wird weitergegeben und kann beim Überleben helfen als ein Vorteil, der ausgewählt wird. Dies erklärt erst einmal überhaupt nicht, wie wir vom Urknall, wo lediglich Strings und Quarks existierten, zu Atomen, Molekülen und weiter zu lebendigen Zellen gelangt sind, die sich sexuell reproduzieren. Alle die genannten Stufen hatten keine DNA, die hätte mutieren können.

Evolution

Evolution arbeitet in allen vier Quadranten als Transzendieren und Bewahren. Whitehead beschrieb es als Subjekt und Objekt und wir beschreiben es in allen vier Quadranten: ein Augenblick erscheint und mit seinem Erscheinen berührt er oder nimmt wahr oder umarmt den vorangegangenen Augenblick und nimmt ihn mit auf und bewahrt ihn. Das ist der Teil von Kausalität der Gegenwart. Doch dann fügt die Gegenwart noch ihre eigene Kreativität und Neuheit hinzu, und jedes Holon, bis hinunter zu den Quarks, hat eine bestimmte Art von Kreativität oder Neuheit. Diese kann sehr gering sein und wenn das der Fall ist, dann entsteht der Eindruck einer deterministischen Kausalität. Doch, wie Whitehead schon sagte, sieht es nur so aus, weil der Teil von Neuheit sehr gering ist. Doch es ist etwas da und früher oder später führt die aufkumulierte Neuheit Atome dazu, dass diese sich zu einem höheren Ganzen zusammenfügen, den Molekülen, und das ist ganz erstaunlich. Und noch erstaunlicher ist, dass diese Moleküle sich immer wieder neu generieren, transzendieren und bewahren, immer wieder und sich schließlich zusammenfinden, viele Dutzende von ihnen und um sie herum bildet sich eine Zellwand. Und es emergiert eine lebendige Zelle. Das ist ganz erstaunlich und es geschieht. Was das bedeutet, ist, dass an der Entwicklungsspitze der Evolution für uns alle, in unserem eigenen Ich, in unserem eigenen Wir, zusammen mit den anderen Quadranten das, was wir denken und sagen und tun und wie wir uns verhalten, sich niederschlägt als ein Teil einer Struktur, die an den nächsten Augenblick weitergereicht und von diesem geerbt wird.

Die Zukunft erschaffen

Wir nehmen daher ganz konkret an der Erschaffung von Strukturen und Ebenen und Prozessen teil, welche an die Zukunft weitergereicht werden. Wenn das, was wir tun, funktioniert im Hinblick auf Problemlösungen oder Einsichten oder Glücklichsein oder Wohlergehen, wenn etwas zu einer Verbesserung führt, durch Gedanken oder Bilder oder Prozesse oder Strukturen, die wir haben, dann wird das aufgegriffen und immer weitergereicht. Wenn das immer weitergeht, dann wird in – sagen wir – fünfzig Jahren die Struktur, bei deren Erschaffung wir mitgeholfen haben, so verbreitet sein wie Bernstein oder Orange oder Grün es heute sind. Wir schaffen also ganz konkret die Zukunft menschlichen Bewusstseins und menschlicher Kultur und auch des menschlichen Organismus. Unsere Gedanken verändern unsere Gehirnstruktur und wir verändern unsere sozialen Institutionen. Wir sind dabei aufgefordert, von der höchstmöglichen und tiefsten Ebene aus zu denken und zu fühlen, unser Herz weitestmöglich zu öffnen, das ist das, was wir weitergeben an den nächsten Augenblick. Wenn wir uns einengen, behindern, lügen, betrügen usw., dann führt das zu einer Deformation der Strukturen, die wir an die Zukunft vererben. Wir haben eine große Verantwortung bei der Suche und Praxis im Zusammenbringen eines Wir-Raumes. Alle früheren Ebenen von Wir-Räumen gibt es schon und wir wissen, wie dort ein Wir-Raum zustande kommt. Bernstein (traditionell, ethnozentrisch, fundamentalistisch) weiß, was einen Wir-Raum ausmacht. Viele dieser Charakteristiken sind nicht besonders hoch entwickelt, es gibt Vorurteile, es gibt ein klares Drinnen und Draußen, es gibt Gerettete und Verdammte – aber sie wissen, wie das geht. Die fundamentalistischen Religionen der Welt ähneln sich daher. Auch orange Wir-Räume sind bekannt, und zu einem großen Teil auch grüne, egalitäre Wir-Räume. Was wir noch nicht haben, sind Wir-Räume der höheren Ebenen, systemisch, holistisch, integriert. Diese Arbeit steht noch aus hinsichtlich der Regeln, was dort ein Ich oder Wir ausmacht. In dem Maße, wie wir uns hier engagieren, unterstützen wir eine Strukturbildung, die an zukünftige Generationen und die Menschheit insgesamt vererbt wird. Wir wollen natürlich unser Bestmögliches geben, um so gesunde Strukturen wie möglich für diese Entwicklungsebenen zu schaffen. Daher sind Wir-Praktiken nicht nur etwas Interessantes, was man macht, sie schaffen die Strukturen von einem Viertel des gesamten Kosmos, dem unteren linken Quadranten. Das ist eine ganz grundlegende Struktur, die von ganz unten bis nach ganz oben reicht und deren Erschaffung noch bevorsteht für die Ebenen, in die wir uns hineinbewegen.

3 – 1 – 2

Zuerst gab es ein großes Interesse an den höheren Dimensionen des Ich-Raumes. Das begann hier in den sechziger Jahren mit einem Einfluss der östlichen meditativen Traditionen, die vielen westlichen Menschen Zugang zu Bewusstseinsräumen ermöglichten, die diese bisher nicht kannten, wie satori, moksha, Selbstbefreiung, Erwachen und so weiter. Doch diese Traditionen hatten immer Buddha, Dharma und Sangha, Ich, Wir und Es. Nachdem ein höheres Ich ein höheres Es, eine Wahrheit, ein Dharma entdeckt hatte, trat nun das Wir in den Vordergrund und auch das hatte höhere Dimensionen, Formen und Räume. Diese Entdeckung und die Aufregung und Energie, die damit im Zusammenhang steht, ist Eros in all seinen evolutionären Formen, der Menschen erfasst, die diese Möglichkeiten entdecken. Studien zeigen uns, dass, wenn ein Mensch ein Entwicklungsmodell kennenlernt, egal um welches Modell es sich dabei handelt, dass sich seine Entwicklung beschleunigt. Das einfache Kennen der Landkarte beschleunigt die eigene Entwicklung. Entsprechend erhöht die Kenntnis möglicher höherer Ich-Räume die Fähigkeit eines Menschen, zu diesen Räumen beizutragen. Eine Beschreibung davon, in der Sprache einer dritten Person und das darauf Hinweisen unterstützt die Transformation einer ersten und einer zweiten Person. Das gehört auch dazu. Die Form, die das annimmt, welche Injunktionen funktionieren, welche Ziele dabei am besten unterstützt werden – damit stehen wir als Pioniere ganz am Anfang und das ist sehr aufregend. Ich finde das, was stattfindet, sehr ermutigend.

TP: Das ist das, was deine Arbeit leistet, eine Landkartenbeschreibung in Form der AQAL Landkarte als eine Kommunikation in der Sprache einer dritten Person. So fängt es an. Daraus muss dann individuelle Praxis folgen, als eine Praxis einer ersten Person und daraus wiederum entwickelt sich natürlicherweise eine Betonung von Intersubjektivität, die zweite Person. Das ist eine 3-1-2 Abfolge, die wir auch in der Geschichte unserer integralen Bewegung erkennen.

KW: Ja, und dies ist auch ein Maß für die Schwierigkeiten von Transformation. Es wird zunehmend schwieriger, je konkreter es wird. Etwas nur zu denken, ist relativ einfach. Sich selbst dem auszusetzen, ist schon schwieriger und die Eigentransformation authentisch in Angriff zu nehmen, ist noch schwieriger.

TP: Und das vielleicht Schwierigste ist dann das Engagement in einer intersubjektiven Verwirklichung, entsprechend den eigenen höheren Verwirklichungen, die wir schon verwirklicht haben.

Entwicklungsunterschiede

KW: Ich denke so ist es und dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Einer davon ist, dass unterschiedliche Menschen sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden und es eine Form von Resonanz und Ähnlichkeit braucht z. B. hinsichtlich der Anzahl von Perspektiven, die ein Mensch einnehmen kann. Wenn Menschen sich nicht auf der gleichen Wellenlänge befinden, wird die intersubjektive Komponente verzögert, das kann es schwierig machen. Wir haben das bei Workshops des integralen Instituts erlebt, dass Menschen mitmachten, die 2nd tier waren und Praktiken lernen wollten, wie sie das stabilisieren können und eine bessere Arbeit machen können und so weiter. Menschen, die hingegen auf einer grünen pluralistischen postmodernen Stufe waren, konnten die ganze Konversation durch das, was sie einbrachten, scheitern lassen. Es ist nicht so, dass die einen Recht haben und die anderen nicht, es handelt sich hierbei um unterschiedliche Dimensionen der Entwicklungsentfaltung. Dies ist etwas, was wir berücksichtigen müssen. Das Gleiche gilt für die Bewusstseinszustände. Menschen, die sich mit ihrem Bewusstseinsschwerpunkt in gleichen Bewusstseinsschwerpunkten befinden, tun sich sehr viel leichter damit, eine gemeinsame Wir-Resonanz zu bilden als Menschen, die sich in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen aufhalten. Das ist keine Wertung, sondern eine Aussage über Interaktion.

Bei der Übermittlung von Wir-Zuständen durch jemanden, der oder die eine hohe Zustandsverwirklichung erreicht hat, kann die betreffende Person sich auf praktisch jeder Strukturstufe befinden und dabei praktisch jeden Zustand erfahren. Alle Zustände sind praktisch schon von Geburt an vorhanden. Wir sagen, dass Zustände einem geschenkt werden, wohingegen Strukturen erarbeitet werden müssen.

TP: Das passt zu den Erfahrungen, die wir mit den Übungen im Ich-Raum machen. Wir treten dort in eine Zustandsresonanz höherer Zustände ein als ein Turbolader und Kohärenzunterstützer. Doch dann folgt die Arbeit der Kommunikation und Entwicklung und wir wollen nicht nur in dem guten Gefühl eines höheren Zustandes verbleiben. Wir nutzen den Raum für ein intersubjektives Engagement.

U - Prozess

KW: Darum geht es bei allen diesen Prozessen. Ich habe mich beispielsweise mit Otto Scharmer über seinen U-Prozess unterhalten. Als ich mich damit näher befasst hatte, wurde mit klar, dass seine Schritte im Prozess den Hauptzuständen von grobstofflich, subtil und kausal folgen. Man beginnt im grobstofflichen Zustand, lässt das dann los und bewegt sich in den subtilen Zustand und zu den subtilen Aspekten des Prozesses. Dann lässt man auch das noch los und bewegt sich zu etwas wie einer formlosen Leerheit als dem Ursprung des kreativen Impulses und dann kehrt man wieder zurück zu subtilen Formen, die der kreative Impuls dann annimmt und schließlich kehrt man wieder zurück in die grobstoffliche Manifestation. Ich fragte ihn, ob das für ihn Sinn macht und er bestätigte das. Menschen bekommen Zugang zu den Zuständen, doch sie müssen eine bestimmte Praxis lernen, um in der Lage zu sein, diese Zustände zu manifestieren, so wie Otto das lehrt. Das ist das, womit viele der Wir-Praktiken experimentieren. Es werden Zustandszugänge ermöglicht zu erhöhter Kreativität oder erhöhter spiritueller Verwirklichung oder erhöhter Gegenwärtigkeit und so weiter. Hierzu gibt es Übertragungen und Fingerzeig-Anweisungen [pointing out instructions], die einem einen relativ schnellen Zugang ermöglichen. Doch wenn man dies zu einem bleibenden Teil des eigenen Bewusstseins machen möchte, dann sind dafür bestimmte Praktiken und Techniken notwendig, die es zu lernen gilt und die einem helfen, in diesen Zuständen zu bleiben und dorthin zurückzukehren. Wir sind dabei, zu lernen, wie das am besten mit einem Wir geht, mit einem Wir-Nexus.

(Quelle: Online Journal Nr. 44)