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26.3.2017 : 0:28 : +0100

Die Kulturen der Eingeborenen in der modernen Welt

Teil 1. Ist die integrale Theorie lediglich ein weiterer Ausdruck von Kolonialismus?

(aus: Integral Naked, Indigenous Cultures in the Modern World. Part 1. Is Integral Theory Another Expression of Colonialism? Mit Ken Wilber und Tim Black)

Einführung der IN Redaktion:

Während der zurückliegenden zwei Jahre war Tim Black, als Mitglied einer Fakultät der University of Victoria, Mitglied eines Beratungsgremiums in einem innovativen Kooperationsprogramm zur Schaffung eines Studienabschlusses zum Thema Eingeborenenunterstützung und Beratung, das auf dem Wissen und der Pädagogik der Eingeborenen basiert, und das den unleugbaren Einfluss der Kolonialisierung dieser “First Nations” in der kanadischen Provinz British Columbia und ganz Kanada berücksichtigt. Tim hat es sich dabei zur Aufgabe gemacht, den integralen Ansatz in diese bedeutende Sozialuntersuchung einzubringen.

"First Nations" ist ein kanadischer ethnischer Begriff, der sich auf die Eingeborenen bezieht, also die Menschen, die ursprünglich in dem Teil der Welt lebten, den wir heute Kanada nennen. Tim ist sich bei seiner Arbeit voll darüber im Klaren, dass er ein “Außenseiter” gegenüber der Kultur der First Nations ist, und möchte als ein männlicher Weißer so viel wie möglich direkt von Menschen der First Nations lernen. Er hat schon sehr viel von den heute lebenden Vertretern der ursprünglichen Bevölkerung gelernt, doch es war bisher nicht möglich, sich mit einem von ihnen über integrale Themen zu unterhalten. Der Dialog zwischen Tim und Ken dreht sich daher um diese eine Frage: “Warum kann ich bei den First Nations niemanden finden, mit dem ich mich über Integrales unterhalten kann?”

Dies ist natürlich ein sehr, sehr sensitives Thema. Ganz Nordamerika wurde in der Vergangenheit von den Europäern kolonialisiert, manchmal auch mit extrem destruktiven und traumatischen Erfahrungen, und dieser Einfluss dauert bis auf den heutigen Tag an. Wie kann man hier vorankommen? Allein schon der Gedanke einer Anwendung eines integralen Ansatzes gegenüber den Eingeborenenkulturen in Kanada (oder auch woanders) kann als ein weiterer Kolonialisierungsversuch betrachtet werden – was das Thema noch diffiziler macht.

Ken weist darauf hin, dass sich Menschen kulturübergreifend durch die gleichen Tiefenstrukturen des menschlichen Bewusstseins hindurch entwickeln, in einer modernen Gesellschaft ebenso wie in einer Eingeborenenkultur, mit großen Unterschieden bei den Oberflächenstrukturen, die den Ausdruck der gleichen Grundimpulse jeweils anders färben. Der Grund dafür, warum sich diese Tiefenstrukturen universell zu entwickeln scheinen, ist der, dass jede neue Entwicklungsebene eine Möglichkeit bereitstellt, mehr Perspektiven gegenüber einem gegebenen Ereignis einzunehmen (von egozentrisch-ich zu ethnozentrisch-wir zu weltzentrisch-wir alle zu kosmozentrisch-alle empfindenden Wesen). In einem Satz ausgedrückt: Wie viele Perspektiven berücksichtigt jemand bei seinen Entscheidungen? Nur die eigene Sichtweise und damit nur sich selbst? Alle Menschen, die dem eigenen Stamm angehören? Alle Stämme der näheren Umgebung? Eine gesamte Stammesnation? (Stellen wir uns dabei einen Stamm allgemein als eine Gruppe mit bestimmten Eigenschaften vor, welche diese Gruppe von anderen Gruppen unterscheidet, die genannte Skala trifft auf uns alle zu.) Wie viele Stämme ist man in der Lage zu sehen, zu respektieren, und in seinem alltäglichen Leben zu berücksichtigen?

Doch Erkennen und Respektieren ist nicht genug. Die pluralistische (postmoderne, grüne) Ebene der Entwicklung tut dies in hervorragender Weise, in dem sie alle kulturellen Lebens- und Seinsformen als grundlegend gleichwertig ansieht. Dies ist ein sehr nobler Impuls, doch er übersieht die Tatsache, dass unterschiedliche kulturelle Lebens- und Seinsweisen und die Menschen in diesen Kulturen sich auf unterschiedlichen Entwicklungsebenen befinden, mit unterschiedlichen Fähigkeiten zur Einnahme unterschiedlicher Perspektiven als Entscheidungsgrundlagen. Ein integraler Ansatz und eine integrale Entwicklungsebene sind sich dessen bewusst als einer außerordentlichen Ressource bei der Behandlung konkreter Themen in der realen Welt.

Dieses Gespräch hat eine große Bedeutung in unserer heutigen Zeit, wo die prämodernen, modernen und postmodernen Lebens- und Seinsweisen auf jedem Kontinent unserer Erde zu hören sind.

Das Interview

KW: Was man gleich zu Beginn sagen sollte, ist, dass das, worüber wie jetzt sprechen, ein sehr sehr sensibles Thema ist.

Frage: Ja. Wir haben hier in den zurückliegenden Jahren Aufbauarbeit für dieses Beratungsprogramm für Eingeborene geleistet, basierend auf den Werten der Eingeborenen, die sich sehr unterscheiden von traditionellen westlichen Werten, und ich habe in den letzten Jahren sehr viel dazu gelernt. Für die First Nations hier in British Columbia ist Spiritualität nicht getrennt von ihrem Leben, sondern es ist ein integraler Teil ihrer Kultur und ihrer Lebensweise – wie sie sich selbst und die Welt betrachten. Was mich dazu gebracht hat mit diesen Menschen Kontakt aufzunehmen, ist mein eigenes Unbehagen und die Frage, wie die Vorstellung von Ebenen der Transzendenz und die Bewusstseinsevolution dazu passen. Ich selbst gehöre nicht zu den First Nations und habe daher die Perspektive eines Außenseiters, doch es hat den Anschein für mich, dass es überwiegend dabei um Zustandstrainings geht und die Erreichung höher transpersonaler Bereiche, und ich wollte Menschen kennenlernen, die zu den First Nations gehören und deren Kultur von innen her kennen, die auch das Integrale kennen. Doch Letzteres stellte sich als ein Problem heraus.

KW: Ja, dafür kann es eine Reihe von Gründen geben, und es ist, das wird einem sofort klar, ein sehr sensibles Thema. Eines der Elemente des integralen AQAL-Ansatzes ist das Element der Ebenen des Bewusstseins. Es gibt Wege Ebenen zu missbrauchen und es gibt Möglichkeiten sie richtig anzuwenden. Sie richtig anzuwenden bedeutet zu verstehen, dass sowohl Individuen als auch Kulturen sich durch messbare und identifizierbare Stufen oder Wellen von Entwicklung und evolutionärer Entfaltung hindurch entwickeln. Diese Ebenen sind unter anderem durch unterschiedliche Abstufungen von Komplexität, Bewusstheit und der Anzahl von Perspektiven charakterisiert, die ein Mensch einnehmen kann, und wie diese Perspektiven eingebettet sind in die Institutionen einer Kultur. Die wahrscheinlich einfachste Weise der Betrachtung dieser Ebenen sind die Bezeichnungen, die Jean Gebser für sie gefunden hat, (er war ein Genie und Pionier, was diese Untersuchungen angeht), und er nannte sie archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral, (und noch darüber hinaus). Bei der Betrachtung von Eingeborenenkulturen geht es zum Teil auch um den Menschheitsbeginn, und einige der frühesten Wertesysteme, die die Menschheit entwickelt hat. Das ist etwas sehr Grundlegendes. Entwicklungsforscher unterscheiden die Begriffe “grundlegend” und “bedeutend”[1]. Die früheren Entwicklungswellen, welche die Grundlage für alle höhere Entwicklung darstellen, sind dabei grundlegend, so wie Atome grundlegender sind als Zellen, weil Atome Bestandteile aller höheren Holons sind, wohingegen Zellen lediglich Bestandteile aller lebendigen Holons sind. Zellen sind jedoch bedeutender, weil sie mehr vom Universum beinhalten als Atome. Zellen enthalten Atome und sind daher bedeutender als diese. Was wir also in den Eingeborenkulturen sehen sind einige der grundlegendsten Schichten der menschlichen Psyche, sehr entscheidende und grundlegende und wichtige Entwicklungsebenen. Doch die Tatsache bleibt, dass auch in diesen Kulturen und der Welt als Ganzem, die Entwicklung weiter vorangeschritten ist – von einem magischen Stammesbewusstsein weiter zu dem mythischen Bewusstsein “alter Nationen”, und dann weiter zu dem rationalen Bewusstsein ,moderner Nationen“. Historisch betrachtet hat es auf der ganzen Welt immer Kriege gegeben, wirkliche Kriege, zwischen diesen unterschiedlichen Entwicklungsebenen. Der Kolonialismus bestand zum Teil auch in der gewaltsamen Ausdehnung der mythischen Weltsicht des Westens, unterstützt durch eine weiter entwickelte Technologie. Diese Kriege endeten damit, dass die mythischen Nationen der Welt die Stammesgesellschaften eroberten. Das kann man so oder so sehen, aber es war die allgemeine Richtung der Evolution.

Mit der Emergenz der Moderne, der rationalen und industrialisierten Nationen, erklärten diese den mythischen Nationen den Krieg, oft auch innerhalb der eigenen Grenzen. Die westliche Aufklärung – mit Voltaires Schlachtruf: “Denkt an die Grausamkeiten!” (welche die mythischen Religionen an anderen Menschen im Namen Gottes verübten) – brachte mit der Emergenz der weltzentrischen, rationalen und postkonventionellen Entwicklungsebene ein noch höher entwickeltes Bewusstsein in die Welt und verbot die Sklaverei, als eine Folge der industriellen und rationalen Entwicklung. Dies war die erste Entwicklungsebene, die, weil sie weltzentrisch war, und Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe und ihrer Herkunft betrachtete, die Sklaverei zu etwas Ungesetzlichem machte. In einem Zeitraum von 100 Jahren, von etwa 1770 bis 1870, verbot jede der rational industriellen Gesellschaften die Sklaverei. Dies war die erste Gesellschaftsform überhaupt, welche die Sklaverei ächtete. Auch Stammesgesellschaften – 15% von ihnen – hatten Sklaverei.

Dann erfolgte in den letzten 30 oder 40 Jahren innerhalb der rational industriellen Nationen die Emergenz einer noch höheren, komplexeren, bewussteren Entwicklungsebene, und das ist die pluralistische, postmoderne, multikulturelle Entwicklungsstufe. Es ist die erste Entwicklungsstufe, die damit beginnt, frühere und vorangegangene Entwicklungsstufen wertzuschätzen. Nationen mit Führungspersönlichkeiten auf dieser grünen, pluralistischen und postmodernen Entwicklungsstufe begannen damit, das, was von den ursprünglichen Stämmen noch existierte, wertzuschätzen. Das ist das erste Mal, dass dies geschah. Mythische Kulturen schätzen die magischen Stammeskulturen nicht, sondern taten alles um diese zu unterdrücken. Auch die orangen rationalen Nationen der Aufklärung ehrten die Eingeborenen nicht, weil das moderne orange Wertesystem eines von Gewinnern und Verlierern ist. Es ist eine Kultur von Leistung und Errungenschaft, und diesen Wettbewerb verloren die Eingeborenenstämme. Der orange Modernismus hat also auch keine Wertschätzung für Eingeborene, doch der grüne Pluralismus achtet die Stämme. Überall auf der Welt in den Industrienationen, wo die grüne, postmoderne Wertestrukturen sich zu entwickeln begannen, finden wir plötzlich eine Re-orientierung für Eingeborenenkulturen, wo diese noch existieren. Diese Kulturen werden jetzt erstmals als gleichwertig betrachtet. Sie werden geachtet und als gleichberechtigt gewürdigt. Und hier finden wir die Ursache für die Spannungen, die in der Arbeit mit Eingeborenen entstehen. Die Weltsicht dieser Stämme ist extrem grundlegend und fundamental, und einige von ihnen reichen, soweit wir das sagen können, zurück bis an den Menschheitsbeginn. Gleichzeitig sind diese Stämme technologisch ein oder zwei Entwicklungsstufen hinter den modernen und postmodernen Nationen, in denen sie leben, zurück geblieben. Hier besteht eine gewaltige kulturelle Spannung zwischen der Weltsicht der Eingeborenen – vom Magischen bis zum beginnenden Mythischen –, gegenüber den mythischen, rationalen und pluralistischen Ebenen der Kulturen, in denen die Eingeborenen leben.

Frage: Ich denke, das passt zum dem, was man mit “kulturellem Genozid” bezeichnet, wo den First Nations ihre Identität genommen wird. Meine Erfahrung ist, dass jetzt begonnen wird in die Kulturen der First Nations hineinzugehen, um deren Identitäten von innen her kennen zu lernen, im Unterschied zum Kolonialismus. Kolonialismus wird mittlerweile auch differenzierter gesehen, und es wird unterschieden zwischen echtem Kolonialismus einerseits und dem Bemühen anderseits sich zu den höheren Entwicklungsebenen zu entwickeln. Die Frage ist, wie man das zusammenbringen kann: Eine Identitätsfindung nach dem kulturellen Trauma [das die First Nations erlebt haben und erleben], um dann ein Teil der modernen Welt zu werden, in der sie leben, und sich nicht in ein Ghetto zurückzuziehen oder dort hineingedrängt zu werden. Das sind die Schwierigkeiten, die ich sehe. Es gibt auch Vorbehalte der Art, dass selbst wenn man sich in Richtung einer integralen Theorie bewegt, dass dann, weil diese Theorie nicht von den First Nations kommt, manche Menschen dies als einen weiteren Akt einer Kolonialisierung betrachten.

KW: Ja, ich denke sogar, dass die Mehrheit der Betroffenen dies als eine Art von Kolonialisierung betrachten würde. Doch noch einmal, und du hast es gerade formuliert, es gibt einen Unterschied zwischen der eigentlichen Kolonialisierung, speziell zu den Zeiten des Kolonialismus, einschließlich der westlichen Aufklärung, und der Tiefe und vertikalen Entwicklung, die einige der Nationen die Kolonialismus betrieben hatten. Das ist ein weiteres heikles Thema, doch das gleiche erleben wir jetzt auch mit der Globalisierung. Man muss dabei auch unterscheiden zwischen den konkreten Aktivitäten der Globalisierung und der Tatsache, dass wir in einer Zeit leben, in der Globalisierung überhaupt erst möglich ist. Dies kann zu einem multikulturellen Dialog führen, es kann zu einer Bewusstheit führen, die sich auf den gesamten Planeten erstreckt, zu einer wahrhaft globalen Bewusstheit – das ist eine sehr hohe Entwicklungsstufe. Und natürlich gibt es eine Reihe von schlimmen Entscheidungen, die sich im Rahmen dieser Entwicklung ereignen, wo eine Art Mac Donaldisierung der Welt gleichgesetzt wird mit der Globalisierung. Das ist wie beim Kolonialismus, wo wir zum einen die konkreten kolonialistischen Handlungen haben, und auf der anderen Seite die dabei beteiligten Entwicklungsebenen.

Die integrale Theorie kommt von einer Entwicklungsstufe, die sicherlich über die Stufe der Kolonialisierung hinausgeht, sie entspringt einer weltzentrischen oder kosmozentrischen Entwicklungsstufe. Es ist eine einfache Tatsache, dass keiner der eingeborenen Stämme multikulturell war. Ihre Wertestruktur ist ethnozentrisch, gebunden an einen bestimmten Stamm. Wenn man anderen Stämmen begegnete, was in der Frühzeit der Menschheit nur sehr selten geschah, war das Ergebnis Krieg und Sklaverei. Wir haben es also hier mit den Wertestrukturen am Menschheitsbeginn zu tun, sehr erd- und naturverbunden, und das kann sehr leicht romantisiert werden, als eine ausschließlich heilige Beziehung, aber Tatsache ist, dass es dabei auch sehr um Machtkämpfe ging. Viele der Rituale, die die Natur betrafen, waren Rituale um die Natur zu bezwingen, um Regen zu erzwingen oder eine erfolgreiche Jagd, um sehr machtbezogene Dinge im Verhältnis der Menschen zur Natur. Als dann der Gartenbau entdeckt wurde, wo Nahrung gesät und geerntet wird, entschieden sich praktisch alle Stämme, die Zugang dazu hatten, für den Gartenbau. Niemand hat sie dazu gezwungen, es geschah, weil sie sich dafür entschieden. Sie entschieden sich dafür, weil es ein technologischer Fortschritt war, hin zu mehr Effizienz, welche das Überleben sicherer machte. Viele der Eingeborenenkulturen behielten dabei ihre spezielle Weltsicht, und das führt dazu, dass jeder Vorschlag zur Verwendung eines möglicherweise höher entwickelten Interpretationsschemas, wie beispielsweise dem integralen Rahmen, der Vorwurf gemacht wird, dass damit etwas von außen aufgezwungen wird, was gleichbedeutend ist mit Kolonialismus. Das eigentliche Thema dabei ist jedoch, ob die betreffenden Kulturen und die Individuen in den Kulturen sich durch die gleichen Stufen der Entwicklung hindurch entwickeln würden, wenn man sie sich selbst überlässt. Und die Antwort auf diese Frage ist, so weit wir das sagen können, ja, sie würden sich durch diese Stufen entwickeln. Nehmen wir Piagets kognitives Schema, bis hin zur konkret operationalen Entwicklungsstufe als ein Beispiel. Dieses Modell wurde an Eingeborenen in Australien getestet, an Urwaldstämmen der Regenwälder in Südamerika, in der Türkei, in Griechenland, der Ukraine, in Deutschland, in den USA. Und es wurden keine Abweichungen zu der Stufenentwicklung gefunden, wie sie von Piaget entdeckt wurde. Das heißt nicht, dass man das gesamte Piaget’sche System dabei übernehmen muss. Die Gründe, die er angibt, warum Entwicklung stattfindet, sind nicht notwendigerweise richtig, aber seine Beschreibung der Entwicklungsstufen stimmt nach wie vor. Diese Stufen bin hin zur formal operationalen Stufe können auch beschrieben werden als archaisch zu magisch zu mythisch zu rational. Die Evidenz, die wir haben, legt daher nahe, dass auch Eingeborenenkulturen sich durch einige der Stufen, über die wir hier sprechen, hindurchentwickeln. Ihnen wird dabei nichts aufgezwungen, jedenfalls nicht mehr als die freiwillige Einführung des Gartenbaus bei den frühen Stämmen. Es war für diese Stämme eine bessere Alternative [zum Sammeln und Jagen].

Frage: Ist es nicht so, dass in einem grünen pluralistischen Denken, wo jede Perspektive als gleichermaßen richtig betrachtet wird, man dazu ermuntert wird “zurückkehren” zu einer mythischen und undifferenzierten Spiritualität, im Gegensatz zu einer transpersonalen Spiritualität? Meine Sorge dabei ist, dass dies die Kulturen der First Nations noch mehr gettoisiert und gefangen hält in einer romantischen Vorstellung von der Verschmelzung mit der Natur. Was meinst du dazu, im Hinblick auf pathologisches und gesundes Grün – auf das Würdigen dieser Kulturen, bei gleichzeitiger Verhinderung weiteren Wachstums?

KW: Genau das ist das Problem mit Grün, und das lässt sich weltweit beobachten. Praktisch jeder der Entwicklungsstudien beschäftigt sich damit. Meine Schlussfolgerung dabei ist: Etwa ein Drittel derjenigen, die sich auf der grünen Entwicklungsstufe befinden, ist an deren Ausgang angelangt. Diese Menschen waren lange genug auf der pluralistischen Entwicklungsstufe, 2 – 3 Jahrzehnte vielleicht, und sie sind bereit sich zur nächsthöheren Stufe zu entwickeln, und diese Stufe wird als systemisch, integrativ, holistisch oder integral beschrieben. Erst wenn eine ausreichende Anzahl von Menschen den Schritt in das 2nd tier, das Integrale oder die Schaulogik oder Türkis, macht, werden wir in der Lage sein die ungesunde Variante von Grün zu überwinden, welche alle Entwicklungsstufen so sehr “würdigt”, dass jede weitere Entwicklung eingefroren wird. Entwicklung zu den höheren Stufen wird verhindert, weil der evolutionäre Druck herausgenommen wird, der Impuls und Antrieb sich weiter zu entwickeln. Es gibt dann keinen Grund für eine weitere Entwicklung, da “alles vollkommen ist, so wie es ist.” Wir haben die Auswirkungen davon in den Bereichen Bildung und Erziehung gesehen. Die sehr ungesunde Version von Grün in diesem Bereich hat dazu geführt, dass Erziehung verhindert wird. Untersuchungen [in den USA] haben gezeigt, dass wir derzeit das größte Ausmaß an Narzissmus unter Studenten haben, seit diese Tests durchgeführt werden. Das ist erstaunlich, dieser Narzissmus übertrifft sogar noch den während der Boomer Generation. Wir Boomer wurden als “Ich-Generation” bezeichnet, unser Narzissmus war namensgebend für uns, doch die Studenten, die wir hervorgebracht haben, übertreffen sogar noch unseren Narzissmus. Narzissmus friert die Entwicklung von Menschen auf der Ebene der Perspektive einer ersten Person [Ich] ein, und dies ist das Gegenteil von einem gesunden Selbstwertgefühl. Menschen, die sehr narzisstisch sind, haben Schwierigkeiten über längere Zeit eine Arbeit aufzunehmen, sie haben Schwierigkeiten in Beziehungen, sie sind überdurchschnittlich depressiv – durch die Betonung der Einzigartigkeit und Einmaligkeit eines Menschen, so wie er ist, wird nur die eine Hälfte einer Gleichung betont. Der andere Teil, den man dabei auslässt ist der, dass man sich entwickeln und verbessern kann, und dass es höhere Entwicklungsebenen gibt, in die man hineinwachsen kann – das gehört dazu, und ist ebenso wichtig. Doch das ungesunde Grün lässt das weg und betont einen Flachland-Egalitarismus, der eigentlich ein Schwindel ist, weil Grün dabei darauf besteht, dass seine Werte höher sind als alle anderen Werte. Dies wird der performative Widerspruch genannt, der sich im Kern der grünen Werteordnung verbirgt.

Um auf die Situation der Eingeborenen zurückzukommen, mit der notwendigen Vorsicht, die dieses Thema verdient: Da die Eingeborenenkulturen sich im Wesentlichen durch die gleichen Tiefenstrukturen entwickeln [wie alle anderen Menschen und Kulturen] – die Oberflächenstrukturen sind völlig anders, aber die Tiefenstrukturen sind gleich, von egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch, oder von archaisch zu magisch zu mythisch zu rational zu pluralistisch –, da sie sich also auch durch diese Stufen entwickeln, stellt sich die Frage, wie sie in diesem Entwicklungsprozess ihre eigenen Oberflächenstrukturen und ihre eigene Art von Kultur schaffen können. Was Grün jedoch im Hinblick auf Bildung und Erziehung macht, macht es genauso für die Eingeborenenkulturen: Es ermutigt diese Kulturen, ihre Entwicklung auf der Ebene, auf der sie sich befinden, einzufrieren. Dies führt zu einer Gettoisierung von Kulturen, die verhindert, dass man sich von einer gegebenen kulturellen Entwicklungsstufe und ihrer Weltsicht differenziert, wichtige Aspekte davon beibehält und bewahrt, und sie dann transzendiert, und sich zu höheren und tieferen Entwicklungsebenen entwickelt.

Frage: Es gibt eine globale Bewegung, wo Menschen aus Eingeborenenkulturen zusammenkommen, um ihre Art des Wissens zu bilden, im Gegensatz zu den Kräften des Kolonialismus. Du sprichst davon, dass die beste Voraussetzung für die Entwicklung zur nächsthöheren Ebene darin besteht, so gesund wie möglich auf der Entwicklungsebene zu sein, auf der man sich gerade befindet. Betrachtet man das Ausmaß an Trauma und Missbrauch [das die Eingeborenenkulturen erlitten haben], du sprichst von der “Eroberung von Kulturen”, dann frage ich mich, ob in dem, was wir als eine Bewegung zu einer weltzentrischen Sichtweise bezeichnen, und wo die Unterschiede in einem größeren Rahmen gewürdigt werden, ob es sich dabei vielleicht wieder nur um eine unkritische Akzeptanz von westlichen Werten handelt, ohne die Berücksichtigung der Werte von Eingeborenenkulturen. Kannst du dazu was sagen? Kann es in all dem Raum geben für eine gesunde Identität der Eingeborenenkulturen?

KW: Die Antwort darauf ist definitiv “ja”, aber wir müssen das sorgfältig durch eine integrale Sichtweise betrachten, weil dieses Thema eine verborgene Spannung enthält. Es gibt eine Reihe positiver Aspekte dabei, aber nicht aus den Gründen, an die Grün dabei denkt, sondern aus den Gründen, die du erwähnst. Man kann die Wahrscheinlichkeit vertikaler Entwicklung erhöhen, indem man die gegenwärtige Entwicklungsstufe so gesund wie möglich lebt. Wird eine Entwicklungsstufe gesund gelebt, dann gibt es einen natürlichen “Druck” oder Antrieb, diese Stufe zu transzendieren, ein inhärenter evolutionärer Druck. Dieser evolutionäre Druck “lastet” auf allem, was im Universum existiert. Mit den Worten von Eric Jantsch: “Evolution ist Selbsttranszendenz durch Selbstorganisation”. Durch eine angemessene Organisation einer gegebenen Entwicklungsebene ist es einfacher, dass sich diese Ebene selbst transzendiert. Die Würdigungen und das im Kontakt sein mit der magischen und mythischen Weltsicht und Entwicklungsstufe, und die Sicherstellung der horizontalen Gesundheit dieser Ebenen macht es wahrscheinlicher, dass Eingeborenenkulturen ihre eigene Version der Moderne entwickeln, d. h. sie entwickeln ihre eigenen weltzentrischen Perspektiven. Die Behauptung, dass das wieder eine Form von Kolonisation ist, ist ein weiterer performativer Widerspruch. Die grüne Aussage ist ja, dass alle Kulturen weltweit gleichermaßen Respekt verdienen. Grün kommt also von einer weltzentrischen Perspektive her. Was für Grün ausgesprochen peinlich ist, ist, dass die einzigen Länder, welche diese multikulturelle Sichtweise haben, Länder der orangen westlichen industriellen Kultur sind. Keine andere Kultur hat diese Sichtweise. Grün würdigt Kulturen, die ihrerseits Grün nicht würdigen. Das ist der darin verborgene performative Widerspruch. Doch die vorherrschende [leading edge] soziale Theorie und Politik ist immer noch im wesentlichen Grün. Allmählich treten mehr und mehr integrale Ansichten und integrale Führungspersönlichkeiten hervor, wo Menschen, die am grünen “Ausgang” stehen, sich zu türkis, second tier oder der systemischen Schaulogik bewegen. Doch bis auf Weiteres wird die Politik von Grün gemacht. Das betrifft die Weltgesundheitsorganisation, große Teile der Vereinten Nationen – all das ist im wesentlichen Grün, und arbeitet auf der Grundlage egalitärer Prinzipien. Der verborgene Widerspruch besteht jedoch – noch einmal – darin, dass dabei ein egalitärer Raum eröffnet und gehalten wird auch für Kulturen, die ihrerseits diesen Raum nicht haben. Diese Kulturen, die darauf nicht reagieren, werden dadurch ermutigt sich darin nicht zu ändern, sie werden in ihrer eigenen ethnozentrischen Weltsicht bestätigt und ermutigt. Das ist einer der Gründe, warum die Ethnozentrik – unter der Leitung von Grün – weltweit enorm zugenommen hat. Es geht also 1. um Selbstachtung, um sich dann 2. auch zu transzendieren und weiter zu entwickeln, doch Grün betont nur Ersteres und jegliche Transzendenz wird als Kolonialismus bezeichnet. Man unterscheidet dabei nicht globale Aktivitäten von globalen Perspektiven.

 

Abb.: Entwicklung und First Nations (Rolf Lutterbeck)

Teil 2 Gibt es einen integralen Schamanismus?

(aus: kenwilber.com, Telefontranskript Is There Such a Thing as Integral Shamanism?, veröffentlicht 12. Juni 2007. Dieses Gespräch erfolgt im Verlauf einer Telefonkonferenz mit Ken während eines Seminars “Integral Zen” mit Diane Hamilton, und wurde später transkribiert). 

Einleitung der Kenwilber.com Redaktion:

Gibt es einen integralen Ansatz gegenüber den Traditionen der Eingeborenen und dem Schamanismus? Ken antwortet darauf: “Absolut”. In jeder spirituelle Tradition – Ost, West, Nord, Süd – gibt es Lehrer, die zusätzlich zu ihrer eigenen Tradition, die sie verehren, Möglichkeiten sehen, wie sie diese Tradition umfassender, vollständiger und integraler machen können. Diese Arbeit schreitet in dem Tempo voran wie Menschen sie voranbringen, doch durch den regressiven und anti-integralen Geschmack, den die amerikanischen Boomer den Eingeborenentraditionen und dem Schamanismus in den zurückliegenden Jahrzehnten gegeben haben, haben sich die Dinge sehr verlangsamt. Diese Traditionen haben jedoch, worauf Roger Walsh, ein Lehrer des Integral Spiritual Center hingewiesen hat, sehr viel anzubieten, speziell was die subtilen Bewusstseinszustände betrifft.

Doug: Meine Frage ist: Gibt es eine “integrale Eingeborenenbewegung”, welche die Traditionen der Eingeborenen und die des Schamanismus zusammenführt? Zweite Frage: Wenn nicht, würdest du so etwas für eine gute Idee halten? Und drittens: Wie könnte man, falls es eine gute Idee ist, damit beginnen?

Ken: Ja, ich denke das wäre eine großartige Idee. Was schon in den sechziger Jahren geschah, war, dass es diese Vorstellung von zwei Arten von Religion gab – eine neue Idee, die jedoch eine eigenartige Wendung nahm. Zum einen die dogmatischen, institutionalisierten, meist westlichen Protestanten, Katholiken usw., die mochten wir damals nicht besonders. Dann gab es die esoterischen Traditionen, mit transzendenten und mystischen Erfahrungen – die waren erfahrungsorientiert und bestanden nicht nur aus Glaubensystemen. Diese haben wir gewissermaßen alle auf einen Haufen getan, ohne dabei große Unterschiede zu machen. Dies war ein guter Anfang, doch das führte bald zu einer Reihe von Problemen, weil wir von einem integralen Ansatz erwarten, dass darin alle Zustände enthalten sind (einschließlich des Grobstofflichen, Subtilen, Kausalen, turiya und nondual) und alle Strukturen, und natürlich alle Quadranten und alle Typen. Doch die meisten dieser Religionen oder spirituellen Übungen tun dies nicht; und so mengten wir uns das alles zusammen, und das war ziemlich problematisch.

Wonach wir jetzt Ausschau halten, wonach ich Ausschau halte, und wonach das Integrale Institut all die Jahre Ausschau hält, sind Lehrer, die als Pioniere zu uns kommen und sich ihre eigene Tradition betrachten, und dabei feststellen, dass diese Traditionen wie alles andere auch wachsen und sich entwickeln! Dabei wurde Wichtiges entdeckt, und es wurden im Verlauf der fortschreitenden Entfaltung des GEISTES immer neue Erfahrungen gemacht. Wir halten also Ausschau nach etwas wie einem integralen Buddhismus, einem integralen Vedanta und einem integralen Katholizismus; sie alle können vor dem AQAL Hintergrund auf ihre eigene Tradition schauen, auf das, was dort erreicht und erkannt wurde, und auch die Lücken erkennen und das, was fehlt, und sich woanders nach Praktiken umschauen und die eigene Tradition damit bereichern.

Eine der Schwierigkeiten mit den Eingeborenenkulturen und dem Schamanismus ist, dass viele, die sich daran orientieren, es zu etwas Allumfassenden und Abgeschlossenem gemacht haben; es gab dabei eine Tendenz zu sagen “Dies ist alles, was man braucht, mehr ist nicht notwendig, das ist es.” Viele von uns durchschauten das, was wir dabei machten, und es wurde der Begriff ”dharma bum.” dafür geprägt. [nach einem Romantitel des Autors Jack Kerouac]. Das war schon auch kritisch gemeint, aber auch emotinal. Dahinter steckte die Idee, dass es wichtig war die eigene Praxis nicht zu sehr zu beschränken. Die Amerikaner, welche die schamanischen Praktiken aufgriffen, wehrten sich gegen integrale Ansätze. Doch heute sieht das anders aus.

Um es noch einmal zu betonen, die schamanischen Praktiken führten zu den ersten transzendenten Durchbrüchen auf diesem Planeten; das waren wirkliche Pioniere, speziell was die subtilen Bewusstseinszustände betrifft. Darauf hat Roger Walsh schon in seinem brillanten Buch über den Schamanismus hingewiesen [Der Geist des Schamanismus]. Man findet im Schamanismus nicht allzu viel über kausale Zustände oder über Zustände reiner Leerheit, doch was die Untersuchung der subtilen Bereiche und der subtilen Zustände betrifft, ist der Schamanismus unübertroffen. Das ist etwas sehr Grundlegendes, und es gehört dazu. Manche Menschen spezialisieren sich auf diese Bereiche, und das ist absolut in Ordnung. Wir [am Integralen Institut] möchten uns gerne mehr damit beschäftigen, und es gibt ein paar Interviews auf Integral Naked mit Menschen aus amerikanischen Eingeborenenkulturen[2], doch wenn du jemanden kennst, oder selbst daran interessiert bist mitzumachen, würde uns das freuen.


Quelle: Online Journal 11, 2008


[1] Aus: Eros, Kosmos, Logos, S. 90: „Für jedes Holon [=Teil/Ganzes] gilt: Je grundlegender, desto weniger bedeutend; je bedeutender, desto weniger grundlegend ... Je weniger Tiefe ein Holon hat, desto grundlegender ist es für den Kosmos, denn es dient umso mehr anderen Holons als Komponente, je weniger Tiefe es selbst hat ...  Je größer andererseits die Tiefe oder Ganzheit eines Holon ist, desto weniger grundlegend ist es in dem Sinne, dass weniger andere Holons in ihrem Bestand von ihm abhängen.“ 

[2] Siehe z. B. der Dialog mit Sarah Bates, Interior Luminosity and native American Art