Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Gesellschaft
DeutschEnglishFrancais
25.9.2017 : 4:43 : +0200

Gesellschaft

Die Gesellschaft als der Begegnungs- und Erfahrungsraum ihrer Mitglieder ist ein ebenso interessanter wie wichtiger Gegenstand integraler Betrachtungen. Dabei geht es um Fragen wie was eine Gesellschaft (ein Wir) überhaupt ist, was dort geschieht, und wie gesellschaftliche Entwicklung vorangebracht, und gesellschaftliche Fehlentwicklungen erkannt und korrigiert werden können.

Die Sozialwissenschaften, als eine noch relativ junge Erkenntisnisdisziplin, richten ihr Augenmerk auf die kollektive Wirklichkeitsdimension, auf das "Wunder eines Wir" (Ken Wilber), und die Ergebnisse und Anwendungen die daraus entstehen sind ebenso aufregend wie unverzichtbar für unser aller Überleben in dieser Welt.

Übersicht über die Beiträge zu diesem Thema:

Ken Wilber – Ethik

Ken Wilber – Ethik

von Michael Habecker

 

Auszüge aus einem Vortrag auf www.integralnaked : Ethik und Erleuchtung

 

„Ethisches Verhalten wird dich nicht zur Erleuchtung bringen. Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: ethisches Verhalten ist dualistisch. Es verlangt von dir, dieses zu tun und jenes zu unterlassen. Verhalte dich gut - und nicht schlecht, praktiziere dies – und nicht jenes - und das sperrt dich in eine dualistische Weltsicht ein. Die Traditionen verwenden oft eine Analogie, welche allgemein besagt, dass Erleuchtung - oder satori – das Erwachen aus einem Traum ist. Ethik sorgt dafür, dass aus dem Traum kein Albtraum wird: Mit Ethik kann man ein relativ glückliches und gesundes Leben in der Traumwelt leben. Und das lohnt sich! [Lachen].

Keine noch so großen Aktivitäten im zeitlichen Bereich werden dich jedoch zur Zeitlosigkeit erwachen lassen, das ist das Paradoxon. Die absolute Verwirklichung, der erleuchtete Geist - ist etwas, dessen du dir hier und jetzt bereits bewusst bist. Es ist buchstäblich der Zustand, den du jetzt hast, dasjenige in dir, was jetzt meine Stimme hört, diesen Raum sieht, und alles das erkennt, was in deinem Bewusstsein erscheint. Es gibt jedoch keinen Weg zu dem, dessen du dir hier und jetzt voll bewusst bist. Warum willst du einen Weg, um dorthin zu gelangen, wo du dich jetzt gerade befindest? [Lachen] Einige von euch glauben mir das nicht. [Lachen].

 

weiterlesen ...

Das Dreieck des (Gemeinschafts-)Lebens – Ein Werkstatt-Bericht aus Jahnishausen

Das Dreieck des (Gemeinschafts-)Lebens – Ein Werkstatt-Bericht aus Jahnishausen

 

 

von Susanne Gierens, Peter Griepentrog, Brigitte Reich (Fotos: Monika Pauli)

 

Die „Lebenstraumgemeinschaft Jahnishausen“ (LTGJ), zwischen Leipzig und Dresden gelegen, existiert seit 2001 und zählt heute (Oktober 2012) 36 Mitglieder. Wir, die „Offene Werkstatt Jahnishausen“ (OWJ), sind eine Gruppe innerhalb der LTGJ und verstehen uns als ein eigenständiges, prozessorientiertes Projekt. Die OWJ zählt derzeit sechs Erwachsene und drei (Teilzeit-)Kinder und ging hervor aus einer Gruppe von Menschen, die sich zunächst zu Lektüre und Austausch über integrale Themen getroffen haben. In dieser Zeit entwickelte sich ein Impuls zum Experiment mit einer gemeinschaftlichen Integralen Lebenspraxis – die Möglichkeit eines erfahrungsreichen Scheiterns berücksichtigend, mit neuen Fragestellungen und Antworten zum Thema Gemeinschaftsleben. Seit knapp zwei Jahren lebt der größere Teil unserer Gruppe in einem Gebäude zusammen und ein Mitglied wohnt in einem benachbarten Gebäude.

Freiheit, Verbindlichkeit und Notwendigkeit

Was kennzeichnet unser Zusammenleben, und welche Rolle spielen dabei die integrale Theorie und Praxis? Abgeleitet aus den vier Quadranten bzw. den „Großen Drei“ des Wahren, Schönen und Guten basiert unser Verständnis von Gemeinschaft auf etwas, das wir mit dem „Dreieck des Gemeinschaftslebens“ bezeichnen. Die drei Elemente der Abbildung beschreiben das Spannungsfeld, in dem wir uns tagtäglich bewegen.

 

weiterlesen ...

Entwicklungssprünge [tipping points]

Entwicklungssprünge [tipping points]

Ken Wilber

(aus: Ken Wilber, the loft series, Tipping Points and the Eye of Contemplationwww.integrallife.com, 2011)

Vorwort der IL Redaktion

Sie haben wahrscheinlich schon von der Voraussage von Ken gehört, dass wenn 10% einer Bevölkerung eine integrale Entwicklungsstufe erreicht, dass dann die integralen Werte den Mainstream dieser Kultur zu durchdringen beginnen. Doch gibt es dafür Beweise? Facebook behauptet das, zusammen mit einer Gruppe von RPI Wissenschaftlern[1], die ihre Beobachtung kultureller Entwicklung aus der Perspektive des unteren rechten Quadranten in einem Journal das sich mit „Physik der weichen Materie“ beschäftigt veröffentlicht haben.

 

weiterlesen ...

Was ist ein (höheres) Wir (und was nicht)?

Was ist ein (höheres) Wir (und was nicht)?

 

Einführung ins Thema

von Michael Habecker

Eines der wesentlichen Beiträge der integralen Theorie und, darin enthalten, der Holon-Theorie, ist die Klärung der Fragen, was ein Ich (Subjektivität), ein Wir (Inter- Subjektivität) und ein Es (Äußeres) ist, und wie sie zueinander stehen. Nachfolgend eine Übersicht.

Ich, Wir und Es sind gleichwertig

Eine erste Feststellung ist, dass alle drei gleichwertig (doch nicht gleich) sind. Das Individuelle ist nicht besser oder schlechter als das Kollektive, und das Innere ist nicht besser oder schlechter als das Äußere. Nimmt man jedoch solche Wertungen vor, landet man bei „Ismen“ wie Individualismus, Kollektivismus oder auch Materialismus. Daher ist es problematisch von einem „höheren Wir“ zu sprechen, wenn man nicht genau erklärt, was damit gemeint ist. Die Wertigkeiten zwischen Ich, Wir und Es, so jedenfalls die Aussage der integralen Theorie, entstehen alleine durch Entwicklung und nicht im Vergleich miteinander. Ein „Wir“, welches Sklaverei verbietet, ist „höher“ (weil weiter entwickelt) als ein „Wir“, welches Sklaverei erlaubt, doch ein Wir ist nicht höher als ein Ich (das wäre ein Kollektivismus). Zwar geht ein Wir in gewisser Weise über das Ich hinaus, doch ohne Ich, d. h. ohne Individuen, die eine Gemeinschaft bilden, gibt es gar kein Wir – ohne Subjektivität keine Inter-Subjektivität.

 

weiterlesen ...

Die Ursache von Völkermord

Die Ursache von Völkermord

von Ken Wilber

 

(Quelle: coreintegral.com, the loft series, The source of genocide Nov. 2011)

Einleitung von Core Integral

Kens Lehre beschäftigt sich viel mit einem „Integralen Zeitalter an der Spitze der Entwicklung“ ["an integral age at the leading edge"]. Er spricht oft von einer Welle oder Kultur des Bewusstseins, die auf etwas basiert, das man als integrale Prinzipien beschreiben kann. Dabei wird ihm manchmal vorgeworfen, dass er zu wenig über die schwierigen Hürden  auf dem Weg in ein integrales Zeitalter spricht. Das folgende Gespräch von Ken beschäftigt sich mit einer dieser Schwierigkeiten. Es wurde inspiriert von Daniel Jonah Goldhagens kürzlich erschienenem New Republic Artikel, der die Überschrift trägt "Ending Our Age of Suffering" [Ein Ende für unser Zeitalter des Leidens]. Der Titel könnte die Notwendigkeit von Kontemplation nahelegen, doch worum es Goldhagen geht, ist das Thema Völkermord, das wahrscheinlich schwierigste Thema, dem wir uns auf dem Weg unserer kollektiven Evolution gegenübersehen.

Ken liest Passagen aus dem Artikel vor und kommentiert sie aus einer AQAL Perspektive. Zuerst wird das Ausmaß der Thematik erwähnt: 100 Millionen Menschen und mehr sind durch Völkermord gestorben, eine Anzahl von Opfern, die deutlich höher liegt als die Opferzahlen moderner Kriegsführung. Dann wird darauf hingewiesen, dass es als unsere kollektive Verantwortung nicht nur darum geht, den Völkermord zu stoppen, sondern überhaupt erst einmal grundlegend zu verstehen, was Völkermord ist und warum er sich auf so fürchterliche Weise weiter ausbreitet.

Die Interpretationen der Aussagen Goldhagens durch Ken verorten den Völkermord überwiegend im unteren linken Quadranten, wo wir die kulturellen Überzeugungen für die Vernichtung anderer Völker finden, und nicht vorrangig im unteren rechten Quadranten eines systematischen Tötungsverhaltens. Die Vorstellung der Vernichtung ist verwurzelt in den linksseitigen Quadranten und angetrieben durch Schattenprojektionen auf „die anderen“. Sie sind der Antrieb für eine Vernichtungsstrategie in fünf Schritten: erzwungene Veränderung, Unterdrückung, Vertreibung, Verhinderung von Fortpflanzung, Vernichtung. Jede davon drückt sich im kollektiven Verhalten des unteren rechten Quadranten aus, gründet sich jedoch in gemeinschaftlichen ethnozentrischen Überzeugungen.

 

weiterlesen ...

„Je heller das Licht leuchtet, desto dunkler kann der Schatten sein“

„Je heller das Licht leuchtet, desto dunkler kann der Schatten sein“

Ken Wilber im Gespräch

(Auszug aus dem Telefoninterview mit Ken Wilber)

 

Frage: Wir sprechen hier [auf der Tagung] viel über die Integration des kulturellen Schattens. Heute Morgen hat uns Terry [Patten] als Deutsche dazu aufgefordert „aufzustehen“, uns nicht von Schuldgefühlen lähmen zu lassen und unseren Teil von Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Das hat zu einigen Diskussion geführt. Was würdest du dazu sagen?

KW: Ja, ich denke, dass Terry recht hat. Man muss die deutsche Kultur als Ganzes betrachten und erkennen, dass der Irrtum, den die deutsche Kultur im Zweiten Weltkrieg begangen hat, ein monumentales Ausleben der prä-trans Verwechselung war. Die deutsche Kultur hat dem Idealismus im Westen und damit auch einer transrationalen Bewusstheit den Weg bereitet. Die großen Philosophen in Deutschland waren die großen Helden transrationaler Bewusstheit, ganz abgesehen davon, dass 80 % der großen Philosophen des Westens aus Deutschland kamen, und auch viele Wissenschaftler usw. Deutschland ist ein außerordentliches kulturelles Licht, und es ist oft so, dass je heller das Licht strahlt, desto dunkler der Schatten sein kann. Was mit Hitler und Hegel geschah – Hegel stand für transrationale Kräfte und Hitler für prärationale Kräfte. Das Verlangen und der Antrieb der deutschen Kultur für eine transrationale Bewusstheit, wie sie Fichte, Hegel, Schelling verkörperten, wurde umgedreht zu einer prärationalmythischen Hitlerei. Das kann in jeder Kultur geschehen, doch es geschieht speziell in Kulturen, die eine starke transrationale Komponente haben.

weiterlesen ...

Stadtschreiber – Eindrücke aus erster Hand

Stadtschreiber – Eindrücke aus erster Hand

Völkerverständigung geht nicht theoretisch und am Schreibtisch, sondern nur persönlich, praktisch und auf der Straße oder dem Feld. Sie erfordert unseren Einsatz als ganzer Mensch, und unser sich auf den Weg machen zur Begegnung mit anderen Menschen und deren Kulturen. Erst so gewinnen wir Eindrücke aus erster Hand, die unverzichtbar sind für wahre Gemeinschaft und Völkerverständigung, als die lebendigen Zellen einer globalen Weltnation, wo nicht nur äußerliche Strukturen immer schneller miteinander vernetzt werden, sondern in der sich Menschen begegnen und einander berühren und erfahren.

Im Rahmen des AKSHAR Gemeinschaftsprojektes (ins Leben gerufen und unterstützt vom Goethe- Institut in Indien, des Netzwerks der Literaturhäuser in Deutschland, des für den Buchmessen-Auftritt Indiens zuständigen National Book Trust in Delhi sowie der staatlichen indischen Sahitya Akademie) reisten zwischen Juni und Oktober 2006 sieben indische und sieben deutsche Autoren für vier Wochen in das jeweils andere Land und berichteten in Tagebuch- Notizen von ihren Impressionen und Erfahrungen.Während der Frankfurter Buchmesse im Oktober traten sie gemeinsam auf und tauschten sich aus. Wir möchten hier Beiträge zweier Autoren wiedergeben, von Mogalli Ganesh aus München und von Kristof Magnusson aus Pune in Indien.

 

 

Tagebuch von Mogalli Ganesh

14.-22. September 2006, Empfindungen der ersten Tage

Als ich aus Indien nach München kam, gelang es mir nur schwer, Ordnung in meine Gefühle zu bringen, da ich Europa zum ersten Mal erlebe. Schon die Landung auf dem Frankfurter Flughafen war eine Überraschung; in meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so großen Flughafen gesehen. Doch ich fand mich ohne Schwierigkeiten bei der Abfertigung und in den unterirdischen Gängen zurecht ... Nach [einer] unerfreulichen Mahlzeit ging ich in mein Apartment, um mich auszuruhen. Aber das war eine trügerische Hoffnung. Kaum hatte ich mich hingelegt, flatterten mir wie Vögel meine Frau und meine Kinder in den Sinn. Eine Vogelmutter mit ihren Jungen. Ich fand keine Ruhe. Ich bin sehr gefühlvoll, wenn es um meine Familie geht. In Indien geht man nicht gern lange fort und lässt sie allein zurück. Meine Kinder riefen nach mir, streiften mich mit ihren kleinen Flügeln: Oh Papa, lieber süßer Papa, wann kommst du nach Hause? Bitte, komm schnell, sonst kommen wir in deine Träume und tragen dich auf unseren Flügeln zurück in dein Land! Irgendwann versuchte ich sie auf dem Handy anzurufen, das sich leider als unbrauchbar erwies, da es nicht über die große Distanz funktionierte. Ich war sehr traurig, und meine Frau fragte mich immer wieder, wie es mir gehe. Ich erinnerte mich an all die besorgten Ratschläge, die sie mir gegeben hat. Ich fühlte mich körperlich und geistig elend ...

 

weiterlesen ...

Stefan Zweig über die Monotonisierung der Kulturen

Stefan Zweig über die Monotonisierung der Kulturen

 

Stefan Zweig (* 28. November 1881 in Wien, † 22. Februar 1942 in Petrópolis bei Rio de Janeiro) war ein bedeutender österreichischer Schriftsteller. Eine seiner ganz großen Begabungen war sein Gespür für Psychologisches, für das Innere sowohl von Individuen wie auch von Gemeinschaften und Kulturen. In einem Aufsatz von 1925 mit der Überschrift „Die Monotonisierung der Welt“ beschreibt Zweig ebenso klarsichtig wie vorausschauend die Schattenseiten einer Globalisierung, wie wir es heute nennen, bei der aus einer bunten Vielfalt graue Eintönigkeit, Uniformität und eben Monotonisierung wird. „Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die individuellen Gebräuche der Völker schleifen sich ab, die Trachten werden uniform, die Sitten international. Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinandergeschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr die Städte einander ähnlich.“

 

weiterlesen ...

Eine kurze Kritik des Marxismus aus integraler Sicht - Oder: Weshalb ich kein Linker mehr bin

Eine kurze Kritik des Marxismus aus integraler Sicht - Oder: Weshalb ich kein Linker mehr bin

 

(Eine Provokation)

 

von Wulf Mirko Weinreich

Letztens erhielt ich von jemandem das Buch „Kritische Psychologie – eine Einführung“ von Gerald Abl (Stuttgart 2007: Schmetterling-Verlag). Da ich mich nun schon seit vielen Jahren mit Wilber beschäftige, mich aber nichtsdestotrotz immer noch für einen Linken hielt, sah ich dieses Buch als Herausforderung, mich mal wieder theoretisch mit marxistischen Positionen auseinanderzusetzen. In meiner Jugend hatte ich als gelernter DDR-Bürger dazu ausreichend Gelegenheit, doch habe ich seit 20 Jahren dazu de facto nichts mehr gelesen. Diese aktuelle Auseinandersetzung mit den Klassikern machte mir deutlich, wie weit ich mich inzwischen von ihrem Denken entfernt habe. Da ich davon ausgehe, dass in der integralen Bewegung so einige ehemalige Linke sind, halte ich es für nützlich, meine Gründe dafür in einem Artikel zusammenzufassen. Weil ich im Moment recht wenig Zeit habe, ist dieser allerdings mit recht heißer Nadel gestrickt und möchte viel eher als Diskussionsgrundlage dienen, als dass er den Anspruch erhebt, das Thema wissenschaftlich erschöpfend zu behandeln. Es ist eher ein recht respektloser Vergleich marxistischer Grundpositionen (wobei ich mich auf das o.g. Buch, Artikel in der Wikipedia sowie meine Erinnerungen beziehe) mit dem integralen Bewusstseinsmodell nach Ken Wilber, angereichert mit eigenen Beobachtungen der Realität. Dabei berücksichtige ich auch nicht die aktuellen Entwicklungen des Marxismus in der BRD, soweit sie über das o.g. Buch hinausgehen.

Vorweg noch die notwendigen Begriffsklärungen: Wenn ich in diesem Artikel im marxschen Sinne von Bewusstsein spreche, meine ich damit je nach Kontext individuelle Bewusstseinsformen (Psyche) oder gesellschaftliche Bewusstseinsformen (Kultur). „Bewusstsein an sich“ wird als GEIST bezeichnet. Materie im marxschen Sinne ist mit den rechten Quadranten im Wilber-Modell (Körper und Verhalten im individuellen Quadranten (oben rechts, OR), sowie natürlichen und gesellschaftlichen Systemen im kollektiven Quadranten (unten rechts, UR) identisch. Bei der Verwendung von Farben beziehe ich mich auf Spiral Dynamics. Die Wörter blau und Feudalismus werden auch als Synonyme für die mythische Bewusstseinsebene verwendet. Die Wörter orange, Kapitalismus und Moderne für die rationale Ebene, die Wörter grün und postmodern für die pluralistische und gelb für die integrale Ebene.

 

weiterlesen...

Marx/Hegel - außen/innen

Marx/Hegel - außen/innen

von Michael Habecker

Kant und Fichte gern zum Äther schweifen,

Suchten dort ein festes Land,

Doch ich such’ nur tüchtig zu begreifen,

Was ich – auf der Straße fand!

Karl Marx

 

Eine der segensreichen Wirkungen eines wahrhaft integralen Vorgehens, ob man dabei nun den Spuren Ken Wilber folgt oder nicht, ist das der Würdigung unterschiedlicher Perspektiven und Erkenntnisbereiche. Ein Jahrhunderte andauernder Streit, wie beispielsweise der zwischen Idealismus und Materialismus (und eine ebenso lange daraus resultierende Leidensgeschichte) kann beendet werden, und wir können uns, die Früchte aller Erkenntnisperspektiven erntend, ohne eine davon zu verabsolutieren, daran machen, an einer Werte- und Weltordnung mitzuwirken, die sowohl Platz hat für das Innerliche als auch das Äußerliche. Damit sind die natürlichen Spannungen zwischen diesen Perspektiven nicht überwunden, doch wir können sie jetzt jedoch sehen als das, was sie sind, und uns an ihre Integration machen, ohne einen Streit oder gar Krieg daraus werden zu lassen[1].

Ein klassisches Beispiel eines derartigen Perspektivenkampfes ist die „kritische Schülerschaft[2]“, die einen Karl Marx (1818 - 1883) mit einem Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) und der gesamten idealistischen deutschen Philosophie verbindet. Marx kritisierte die einseitig geistig-idealistische Ausrichtung von Hegel, um dann jedoch in das andere Extrem zu verfallen, und den Geist lediglich als ein Nebenprodukt herrschender Produktionsverhältnisse zu definieren, mit entsprechenden verheerenden historischen Auswirkungen in den Händen von Menschen wie Stalin und Mao, die vor dem Hintergrund ihrer unreflektierten persönlichen despotischen Ideologie die gesellschaftlichen Verhältnisse umzugestalten begannen.

 

weiterlesen...

Die Zukunft des Kapitalismus

Die Zukunft des Kapitalismus

(The Future of Capitalism, Quelle: IntegralLife.com)

Einleitung der IL Redaktion:

Ken spricht hier über die Grundannahmen des Kapitalismus in der heutigen Welt, und betont dabei die impliziten Theorien darüber, was Menschen motiviert. Bei so vielen gegensätzlichen Kräften auf dem Markt ist es schwierig, die volle Komplexität privaten Unternehmertums zu erfassen. Eines ist jedoch klar: Wenn es einer ausreichenden Anzahl von Menschen gelingt das integrale Bewusstsein zu erreichen, dann werden unsere ökonomischen Theorien sich ohne die Berücksichtigung von Innerlichkeit nicht weiter entwickeln lassen.

 

Frage: Wohin bewegt sich der Kapitalismus in Zukunft, und wie und wo kann Wert und Bedeutung in Zukunft geschaffen werden? Hat der Kapitalismus eine Zukunft?

 

Ken Wilber: Unter Berücksichtigung der inneren Widersprüche des Kapitalismus [Lachen]?

Ich möchte gerne eine Unterscheidung dabei machen, und zwar zwischen der techno-ökonomischen Struktur, die wir mit „Industrialisierung“ bezeichnen, und dem, was wir mit „Kapitalismus“ meinen, weil beide historisch etwa gleichzeitig entstanden sind, und sie daher oft miteinander vermischt werden, was dazu führt dass das Kritisieren des einen oft automatisch auf das andere übertragen wird. Daher ist es gut beides voneinander zu unterscheiden, und zu sehen, was Industrialisierung macht und was Kapitalismus macht. Wie könnte die Zukunft von beidem aussehen?

 

weiterlesen ...

Die Kulturen der Eingeborenen in der modernen Welt

Die Kulturen der Eingeborenen in der modernen Welt

Teil 1. Ist die integrale Theorie lediglich ein weiterer Ausdruck von Kolonialismus?

(aus: Integral Naked, Indigenous Cultures in the Modern World. Part 1. Is Integral Theory Another Expression of Colonialism? Mit Ken Wilber und Tim Black)

Einführung der IN Redaktion:

Während der zurückliegenden zwei Jahre war Tim Black, als Mitglied einer Fakultät der University of Victoria, Mitglied eines Beratungsgremiums in einem innovativen Kooperationsprogramm zur Schaffung eines Studienabschlusses zum Thema Eingeborenenunterstützung und Beratung, das auf dem Wissen und der Pädagogik der Eingeborenen basiert, und das den unleugbaren Einfluss der Kolonialisierung dieser “First Nations” in der kanadischen Provinz British Columbia und ganz Kanada berücksichtigt. Tim hat es sich dabei zur Aufgabe gemacht, den integralen Ansatz in diese bedeutende Sozialuntersuchung einzubringen.

"First Nations" ist ein kanadischer ethnischer Begriff, der sich auf die Eingeborenen bezieht, also die Menschen, die ursprünglich in dem Teil der Welt lebten, den wir heute Kanada nennen. Tim ist sich bei seiner Arbeit voll darüber im Klaren, dass er ein “Außenseiter” gegenüber der Kultur der First Nations ist, und möchte als ein männlicher Weißer so viel wie möglich direkt von Menschen der First Nations lernen. Er hat schon sehr viel von den heute lebenden Vertretern der ursprünglichen Bevölkerung gelernt, doch es war bisher nicht möglich, sich mit einem von ihnen über integrale Themen zu unterhalten. Der Dialog zwischen Tim und Ken dreht sich daher um diese eine Frage: “Warum kann ich bei den First Nations niemanden finden, mit dem ich mich über Integrales unterhalten kann?”

Dies ist natürlich ein sehr, sehr sensitives Thema. Ganz Nordamerika wurde in der Vergangenheit von den Europäern kolonialisiert, manchmal auch mit extrem destruktiven und traumatischen Erfahrungen, und dieser Einfluss dauert bis auf den heutigen Tag an. Wie kann man hier vorankommen? Allein schon der Gedanke einer Anwendung eines integralen Ansatzes gegenüber den Eingeborenenkulturen in Kanada (oder auch woanders) kann als ein weiterer Kolonialisierungsversuch betrachtet werden – was das Thema noch diffiziler macht.

 

weiterlesen...

IMP und Kommunikation: Mehr Bewusstheit – mehr Liebe

IMP und Kommunikation: Mehr Bewusstheit – mehr Liebe

Der Nutzen des Integralen Methodenpluralismus für Mensch und Gesellschaft

 

von Sonja Student und Michael Habecker

Uns Integralen wird oft vorgeworfen, dass wir ein wenig „verkopft“ sind. Und ehrlich gesagt, stimmt das häufig auch. Mit unseren komplexen Theorien versuchen wir, einer komplexen Wirklichkeit gerecht zu werden. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass wir oft die Einfachheit jenseits der Komplexität nicht sehen, den tiefen Sinn und die eigentliche Bedeutung hinter den theoretischen Werkzeugen. Wir vergessen, dass es darum geht, uns selbst und unsere Welt verständlicher, bewusster, gerechter und fürsorglicher sowie schöner zu machen. Kurz: Es geht darum, das Wahre, Gute und Schöne zu erkennen, es zu leben und in die Welt zu bringen – mit Leidenschaft für die Entwicklung zu mehr Ganzheit und gleichzeitig mit dem tiefen Wissen, dass alles schon immer vollkommen ist. Dieses Paradox zu leben als eine Einheit von Denken, Fühlen und Handeln bzw. Integrität, ist keine leichte Aufgabe. Dennoch sollten wir es „leicht halten“, um mit Ken Wilber zu sprechen (hold it lightly).

 

Was ist Integraler Methodenpluralismus (IMP)?[1]

IMP ist der Versuch, das beste Wissen der Menschheit für ein bewusstes und erfülltes Leben nutzbar zu machen. Dieses Wissen steht uns heute in Form der Erkenntnisse über die Innenseite des Lebens und der Wirklichkeit (als den Geisteswissenschaften) und den Erkenntnissen über die Außenseite des Lebens und der Wirklichkeit (als den Naturwissenschaften) als Erfahrungsschatz der gesamten Menschheit zur Verfügung. Das Integrale am Methodenpluralismus ist, dass er nicht alles zusammenhanglos und beliebig nebeneinanderstellt, sondern zu zeigen versucht, wie innere und äußere sowie individuelle und soziale Wissenschaften zusammenhängen und wie sich die Erkenntnisse aus Geistesund Naturwissenschaften ergänzen. Die Geisteswissenschaften beschäftigen sich mit dem individuellen (ICH) und kollektiven (WIR) Inneren und die Naturwissenschaften mit dem individuellen (ES) und kollektiven (SIE) Äußeren.

Die vier Bereiche können jeweils von innen (betrachtet, gefühlt) oder von außen (mit Distanz) untersucht werden, womit wir insgesamt acht Perspektiven oder Horizonte der Betrachtung erhalten. Diese acht Perspektiven stellte Wilber im Jahr 2003 in seinen so genannten Exzerpten erstmals vor, mit dem Anspruch, damit alle bekannten Erkenntnisdisziplinen der Menschheit in ihrem Gesamtzusammenhang darzustellen.

 

weiterlesen ...

Eine Praxis des Mitgefühls - Die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Dr. Marshall Rosenberg

Eine Praxis des Mitgefühls - Die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Dr. Marshall Rosenberg

von Markus Sikor

 

Marshall B. Rosenberg, Jahrgang 1934, amerikanischer Psychotherapeut, erlebte in seiner Kindheit in Detroit die Rassenunruhen in seiner Nachbarschaft mit. Dabei starben 40 Menschen und seine Familie konnte das Haus tagelang nicht verlassen. Diese Gewalterfahrung hat ihn nachhaltig geprägt, und Fragen wie „Ist der Mensch gut oder böse?“ und „Wie entsteht Gewalt?“ haben sein weiteres Leben und Forschen geprägt. Das Ergebnis seines Schaffens und seiner international anerkannten Friedensarbeit ist eine Methode, die er „Nonviolent Communication“ nannte, inspiriert von Gandhis Vision der Gewaltfreiheit, und für deren Verbreitung er 1984 das „Center for Nonviolent Communication“ (CNVC) ins Leben rief.

„Das nächste Mal rufen wir die Polizei“

Ein Beispiel: Ich bin gerade umgezogen und nach ein paar Tagen fand ich einen Zettel in meinem Briefkasten: „Das nächste Mal rufen wir die Polizei.“ (keine Unterschrift). In der Gewaltfreien Kommunikation (kurz GfK) üben wir, zwischen Beobachtungen, bewertenden Gedanken, (Pseudo-) Gefühlen, authentischen Gefühlen und Bedürfnissen zu unterscheiden – und die aktuelle Situation gab mir reichlich Gelegenheit dazu.

Spontan hatte ich eine Mischung aus Schuldgefühlen, Angst und Wut (authentische Gefühle). Dazu kamen ziemlich wüste Bewertungen über meine Nachbarn („alles Blockwarte“) und Pseudogefühle („fühle mich kontrolliert“ ist kein Gefühl). Nach ca. 15 Minuten, in denen ich, so gut es ging, mit meinen Gedanken und Gefühlen in Kontakt war, kam langsam Klarheit über meine wesentlichen Bedürfnisse, die in mir ziemlich unerfüllt waren, nämlich „Klarheit/Verstehen“ und „Entspannung“.

 

weiterlesen ...

 

Evolutionärer Aktivismus – Eine Bodhidharma Strategie

Evolutionärer Aktivismus – Eine Bodhidharma Strategie

 

Vorgestellt von Terry Patten, am 16. August 2010 auf: http://www.integralheart.com/blog/evolutionary-activism-a-bodhidharma-strategy

 

Ich hatte das Vergnügen, auf der „Integral Theory Conference“ an einer Diskussionsrunde zum The­ma Integrale Politik teilzunehmen. Während der Diskussion entwarf ich ein 3-Punkte-Programm zur Strategie ei­nes „Evolutionären Aktivismus“, indem ich als Metapher die historische Figur Bodhidharmas verwendete, von dem gesagt wird, er habe den Buddhismus von Indien nach China gebracht und die Schule der chinesischen Kampfkunst im Shaolin-Kloster begründet. Die Frage, die ich dabei ansprach, war: Wie können bewusste Menschen auf effektive Weise mithelfen, angesichts unserer aktuellen Krise und Stagnation eine positive Zu­kunft auf den Weg zu bringen? Haben wir dafür eine funktionierende Strategie?

Alten Legenden folgend, regier­ten einige chinesische Kaiser ihr Land auf weise und förderliche Art, in­dem sie den Rat von weisen Männern wie z.B. Lao Tse, Konfuzius und viel­leicht auch Bodhidharma suchten. Solche Geschichten eröffnen einen vielfältigen Ansatz, den heutige „Evoluti­onäre“ für sich nutzbar machen können:

  1. Werde zu Bodhidharma.
  2. Hilf mit, nachhaltige, „erleuchtete“ Lösungen zu erzeugen – Bausteine für ein Re-Design in allen vier Quadran­ten. (Zum Vier-Quadranten-Modell siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Wilber )
  3. Gewinne das Ohr derjenigen, die die politische Macht innehaben.

Lasst uns das etwas ausführlicher be­trachten. Zunächst etwas Meta-Kontext:

 

weiterlesen...

Deutsch-Sein – Ein neuer Stolz auf die Nation im Einklang mit dem Herzen

Deutsch-Sein – Ein neuer Stolz auf die Nation im Einklang mit dem Herzen

von Dr. Nadja Rosmann

 

„Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ –  noch vor wenigen Jahren wäre kaum ei­nem Deutschen ein Satz wie dieser über die Lippen gekommen, zu diskreditiert war der positive Bezug zur eigenen nationalen Identität durch die Bürden der Vergangenheit. Doch 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutsch­land scheinen die Deutschen zu einem neuen nationalen Selbstverständnis ge­funden zu haben, das sich der histori­schen Last gewahr bleibt, aber auch ein neues Selbstbewusstsein artikuliert. Die Identity Foundation, Düsseldorf, eine gemeinnützige Stiftung für Philosophie, hat 2009 die Identität der Deutschen im Rahmen einer repräsentativen Studie un­tersucht und dabei spannende Innenein­sichten zutage gefördert. 60 Prozent der Bevölkerung artikulieren heute wieder einen Stolz auf ihre nationalen Wurzeln, sogar 70 Prozent fühlen sich der Nation im Herzen verbunden und für 80 Prozent der deutschen Bevölkerung ist dieser euphorische Identitätsbezug mit einem klaren Bekenntnis zur Demokratie verbunden.

Das „blaue Dilemma“ – Sachlich vermittelte Identität als Katalysator

Betrachtet man die identitäre Selbstver­ortung der Deutschen aus einer integralen Perspektive, wird erkennbar, dass der Bruch durch den Nationalsozialismus die Evolution der nationalen Identität wesentlich geprägt hat. Während viele andere Nationen über Jahrhunderte ihr kollektives Wertesystem kontinuierlich genährt und positiv aufgeladen haben, sahen die Deutschen sich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewissermaßen auf einen Nullpunkt zurückgeworfen. Die von anderen Nationen als konstruktiv-formgebend entwickelten, Halt und Sinn vermittelnden Qualitäten des blauen Mems (die Bezüge auf die ver­schiedenen Werteebenen lehnen sich an an das von Don Beck und Christopher C. Cowan in Anlehnung an die Arbeiten von Clare W. Graves entwickelte Modell Spiral Dynamics) waren in Deutschland durch das autoritäre Regime kompromit­tiert worden. Der Versuch einer Lösung dieses „blauen Dilemmas“ führte zu einer vorübergehenden Ab­kehr von emotiona­len, inneren Bezügen zum Deutsch-Sein, so dass das nationale Selbstverständnis in der Nachkriegszeit sich vor allem auf die äußeren Quadranten richtete. Wieder­aufbau und Wirtschaftswunder wurden so zu wichtigen, hauptsächlich sachlich vermittelten Ankern deutscher Identität, während die Innenperspektive, also die emotionale Identifikation auf der per­sönlichen und kollektiven Ebene, viele Jahre weitgehend ausgeblendet blieb. So konnte sich das wieder erwachende deutsche Selbstbewusstsein im Stolz auf den Sozialstaat artikulieren und damit seine „blauen Wunden“ ansatzweise hei­len, doch die Innenperspektive blieb von emotionalen Narben gezeichnet. Eine nationale Orientierung oder „Gesinnung“ wurde gleichgesetzt mit Nationalismus oder Faschismus.

 

weiterlesen ...

Die vielen Gesichter der Nachhaltigkeit

Die vielen Gesichter der Nachhaltigkeit

von Michael Habecker

Größe und Grenzen der Nachkriegsordnung

Die Nachkriegsordung hat in vielen Teilen der Welt eine beispiellose Periode von Frieden, Freiheit  und Wohlstand gebracht. Nach dem „Wirtschaftswunder“ und Wiederaufbau „aus Ruinen“ im Europa der 50er Jahre entstanden in der Folge der 68ger Revolution Bewegungen wie die Bürgerrechtsbewegung, Feminismus und Gleichberechtigung, die ökologische Bewegung, Friedensinitiativen, die sexuelle Revolution, betriebliche Mitbestimmung und vieles andere mehr, was zu neuen Formen persönlicher Freiheiten, gesellschaftlichen Miteinanders und ökologischer Bewusstheit führte. Der kalte Krieg wurde beendet und der eiserne Vorhang in Europa überwunden. Dies alles sind beispiellose Errungenschaften der Menschheit, auch wenn sie erst relativ wenigen Menschen in der Welt zugänglich sind. 

Gleichzeitig führen uns eine Reihe von aktuellen Krisen vor Augen, dass die bestehenden Ordnungen und Werte an Grenzen stoßen, die das Überleben der Menschheit insgesamt gefährden. Bei aller Unterschiedlichkeit der Krisen gibt es einen Aspekt der sie miteinander verbindet, und das ist die Idee und Praxis von Nachhaltigkeit.

 

weiterlesen ...

 

Wir sind der kommende Buddha! - Integrale Spiritualität gemeinsam gestalten

Wir sind der kommende Buddha! - Integrale Spiritualität gemeinsam gestalten

von Hanna Hündorf

 

Kennst du auch das Glücksgefühl, wenn du die richtigen Worte gefunden hast – und der vorher angespannte und verschlossene Gesichtsausdruck des Schülers, Klienten, Seminaroder Vortragsbesuchers vor dir öffnet sich und beginnt von innen zu leuchten? Ist für dich die Beschäftigung mit der integralen Theorie auch untrennbar verbunden mit einer eigenen spirituellen Praxis?

Vielleicht geht es dir (wie mir) auch vor allem darum, nicht nur die Landkarte zu studieren, sondern tatsächlich loszuwandern, die Tiefe des eigenen Wesens zu erforschen, die Auflösung der Einsamkeit und Begrenzung zu spüren, körperliche und geistige Glückseligkeit zu schmecken und diese Zustände dann in den Alltag hineinzutragen. Vielleicht hast du dir auf diesen Wanderungen bereits Kenntnisse des Territoriums angeeignet und begonnen, die Karten neu zu zeichnen und zu ergänzen, Reisegruppen zu führen und vor den Felsspalten und Wegelagerern zu schützen. Dann reiche ich dir meine Hand – lass’ uns gemeinsam schweigen und tanzen, lachen und weinen, lauschen und Offenbarungen enthüllen.

 

weiterlesen ...

 

 

Führung & Verführung

Führung & Verführung

und die drei Arten von Führungskompetenz

Ein guter Führer muss imstande sein, Menschen beeinflussen zu können. Er oder sie sollte auch das Fach, in dem er führt, meisterhaft beherrschen. Noch wichtiger ist jedoch das dritte, meint der Redakteur, Musiker und Ken Wilber-Kenner Michael Habecker: Ein guter Führer muss auch die moralisch-ethische Kompetenz haben, um führen zu können

 

von Michael Habecker

Es ist schon oft gesagt und geschrieben worden, und tagtäglich erinnern uns die Nachrichten schmerzlich daran: Wir sehen uns in einer globalen Welt einer Reihe globaler Probleme gegenüber, die globale Lösungen brauchen. Dazu gehören Armut, die atomare Bedrohung, der Klimawandel und der Terrorismus bis hin zur Wirtschaftskrise. Führung oder Leadership – die Fähigkeit, Menschen zu beeinflussen, zu führen und komplexe Aufgaben zu lösen – spielen dabei eine entscheidende Rolle.

 

weiterlesen ...

 

Mikrokredite

Mikrokredite

„Wir verleihen Würde“ – Wie Muhammad Yunus und seine Grameen Bank die Armut besiegen

Ein Essay von Peter Spiegel

Fotos: Roger Richter

[Hinweis: Dieser Beitrag verwendet für die Entwicklungsebenenbezeichnung die Terminologie (und Farben) von Spiral Dynamics]

Die sozio-ökonomischen Strukturen des Weltwirtschaftssystems (im unteren rechten Quadranten) sind ein Spiegelbild der jeweils vorherrschende kulturellen Weltsicht(en) (linker unterer Quadrant), und umgekehrt. Wir leben heute in einer Zeit, wo die am Beginn der Industrialisierung etablierte Ausrichtung des Wirtschaftssystems auf Profitmaximierung mehr und mehr durch soziale Komponenten („soziale Marktwirtschaft“) ergänzt werden. Damit findet der humanistische Grundgedanke, der schon am Beginn der Aufklärung stand, auch im Wirtschaftsleben Berücksichtigung, und es rückt der konsumierende und arbeitende Mensch als ein lebendiges Wesen – neben dem „arbeitenden“ Kapital – immer mehr in den Blickpunkt.

Mit der Idee und Umsetzung von Mikrokrediten und Social Entrepreneurship sind zwei neue Ansätze innerhalb der Ökonomie ins Leben gerufen worden, die sich intelligent der bestehenden Strukturen und Mechanismen bedienen, die durch das leistungsorientiert-materialistische Wirtschaften (oranges Mem) entstanden sind, und dabei höhere (grüne) Werte und Ziele wie zwischenmenschliche Verbundenheit und Solidarität zu verwirklichen helfen. Auf der Systemebene (unterer, rechter Quadrant) entsteht so eine Bewegung, die längerfristig das gesamte Werteverständnis (unterer, linker Quadrant) innerhalb der Wirtschaft beeinflussen könnte, und damit langfristig auch zu neuen Wirtschaftsstrukturen führen wird.

weiterlesen ...

Ken Wilber: Integrale Salons

Ken Wilber: Integrale Salons

 

Wenn es jemals ein integrales Zeitalter an der Spitze der Entwicklung geben sollte – eine echte revolutionäre Transformation innerhalb der kulturellen Elite, als ein Vorbote einer größeren gesellschaftlichen Bewegung – dann, so glaube ich,  wird dies sehr wahrscheinlich unter Bezugnahme auf Meta-Praktiken wie dem “Integral Methodologischen Pluralismus” und Metatheorien wie AQAL geschehen.
Aber unter welchem Namen und in welchen Zusammenhang auch immer, überall in der Welt formen sich bereits integrale Salons, Nischen der Anteilnahme und des Bewusstseins, wo Menschen Potenziale des zweiten Ranges praktizieren, im kontinuierlichen Bemühen, alle Dimensionen des strahlenden Kosmos so gnadenvoll wie möglich zu umarmen. Je mehr man konkret ein integrales Meta-Paradigma praktiziert (im persönlichen Leben, im Beruf, in der Bildung und Erziehung, in der Politik, in der Medizin, in der Spiritualität), desto mehr Eros wird machtvoll freigesetzt, das Bestehende durchpulsend, und es zu einer Transformation des zweiten Ranges hinbewegend, welche die Legitimationskrise, die ein Bestandteil aller Wellen des ersten Ranges ist, zur Explosion bringt, und sie zu einer Erweiterung drängt, sich aus der Gefangenschaft des ersten Ranges zu befreien, eine Erweiterung und Bereicherung, die das eigene innewohnende Potential und göttliche Geburtsrecht ist, freigesetzt in den tieferen und weiteren Räumen welche durch eine integrale Praxis hervorgebracht werden. Wie dieses Mitgefühl und die Klarheit auf alle bewussten Wesen ausgedehnt werden kann ist ein brennendes Anliegen, welches in diesen Salons und Kreisen der sich entfaltenden und umfassenden Anteilnahme ständig wie ein Feuer lodert, Gemeinschaften bei denen du höchstwahrscheinlich beteiligt bist, sonst hättest du nicht bis zu dieser Stelle gelesen; Gemeinschaften die dich dazu aufrufen dein Bestes zu sein und zu geben, und noch ein Stück darüber hinaus, und Gemeinschaften welche damit beginnen, die Grundlagen für die kosmischen Gewohnheiten von Morgen zu legen, dem Mitgefühl gewidmet, einem neuen Horizont leuchtender Intimität, einer Zukunft die hoffnungslos verliebt ist in die Liebe, Gemeinschaften durchnässt von den Tränen einer Schönheit die sich auf alle Wesen herabsenkt, alle so akzeptierend wie sie sind, sie beharrlich ermutigt mehr zu sein, sie dabei unterstützend, und sie auffangend und haltend.


Quelle: Ken Wilber, Exzerpt B von Band 2 der Kosmos Trilogie

Interkultureller Dialog

Interkultureller Dialog

Michael Habecker

Was könnte in einer globalisierten Welt wichtiger sein als ein guter interkultureller Dialog, als ein Gespräch und Austausch darüber, wie wir Menschen, in unseren unterschiedlichen Ländern und Kulturen lebend, mit uns selbst und allen anderen Lebewesen auf diesem begrenzten Planeten gut auskommen können?

Wie kann man so einen Dialog gestalten, oder, anders gefragt, wenn Menschen und Kulturen miteinander ins Gespräch kommen sollen, was ist ein Mensch, was ist eine Kultur und was ist ein Gespräch? Mit diesen drei Fragen sind bereits die Quadranten Wilbers eröffnet – subjektiv, intersubjektiv, objektiv und interobjektiv – und damit auch ein möglicher Einstieg in die Thematik.

weiterlesen ...

Der Dialog nach David Bohm als ein Weg integraler Entwicklung

Der Dialog nach David Bohm als ein Weg integraler Entwicklung

Von Erich Carl Derks

In diesem Artikel lernen Sie den Dialog nach David Bohm kennen, so wie ich ihn kennengelernt habe und wie ich ihn, als Teil einer integralen Entwicklung, schätze. Sie erfahren, welche Rahmenbedingungen ein Dialog benötigt und was die Teilnehmenden brauchen, um davon zu profitieren. Die Regeln und der Ablauf eines Dialoges werden beschrieben und die Zielgruppen, für die sich die Methode am besten eignet, werden umrissen.

Im Dialog geht es darum, im Austausch mit anderen, die Sicht auf die Welt zu erweitern, andere Menschen und die Welt besser zu verstehen und dadurch zu einem veränderten Handeln zu kommen. Der Dialog öffnet den Raum und zeigt Möglichkeiten auf.

Wenn es darum geht Entscheidungen zu treffen, kann ein Dialog diese vorbereiten und das Feld des Möglichen erforschen. Ein Dialog macht so die Entscheidungssuche nicht schneller, jedoch fundierter.

... weiterlesen

Globalisierung, Spiritualität und ein nachhaltiges China

Globalisierung, Spiritualität und ein nachhaltiges China

(Quelle: IntegralLife.com, Globalization, Spirituality, and a Sustainable China, aufgenommen am 14.9.2006)

von Michael Habecker (Übersetzung)

Einleitung der IL Redaktion

China hat über 1,6 Milliarden Einwohner. Als ein Ergebnis der Globalisierung findet in China eine Explosion industrieller und kapitalistischer Produktion statt. Dadurch wurden mehr Menschen in kurzer Zeit aus der Armut herausgeführt als jemals zuvor. Diese Entwicklungen tragen jedoch auch zur ökologischen Krise bei. Es gibt Analysen, die sagen, dass sich die Verschmutzung in China in den nächsten 15 Jahren mehr als vervierfachen wird, wenn der Energieverbrauch und das Autofahren nicht reduziert werden. Wie kann eine gesunde Globalisierung stattfinden, die mehr und mehr Menschen aus der Armut herausführt, ohne negative Einflusse auf die Umwelt? Und wie kann die chinesische Spiritualität diese Modernisierung überleben und auch die sich daran anschließende unvermeidliche Postmodernisierung?

 

Frage: Ich bin gerade aus China zurückgekommen und hatte dort mit Nachhaltigkeitsprojekten zu tun. Mein Empfinden in der Sprache des Enneagramms ist, dass China sich von einer 9 zu einer 3 bewegt, einer explodierenden 3, mit einer Kombination aus Kapitalismus und Kommunismus. Kannst du etwas über China sagen?

KW: Oh, was für ein Thema. Sie sind hinter uns her [Lachen]. Sie sind so viele! Wie viele Chinesen gibt es derzeit? 

Antwort: 1,6 Milliarden.

KW: Du meine Güte, das sind fast so viele wie der Film Matrix Zuschauer hatte [Lachen]. Übrigens ist Larry Wachowski, der das Drehbuch schrieb, mit im Führungskreis des Integral Institute, dort ist einiges geplant. Wir arbeiten an einem Filmprojekt, den „Film über Alles“ [eyerything movie], und ihr könnt euch sicher denken, worum es dabei geht. [Lachen].

weiterlesen ...

DIFFERENZ - Würde und Wahnsinn

DIFFERENZ - Würde und Wahnsinn

von Sonja Student

 

Eine der bedeutendsten Errungenschaften der Postmoderne – neben dem Konstruktivismus und der Kontextgebundenheit aller Aussagen – ist die Entdeckung und Wertschätzung der Differenz: Nach den Universalismen der Aufklärung und dem Postulat der Gleichheit wurde die Gleichwertigkeit in der Verschiedenheit entdeckt.

Lob der Würde …

In dieser Wertschätzung der Differenz liegt die Würde der Postmoderne. Statt dem Menschen gab es jetzt eine Vielfalt von Menschen: Männer und Frauen, Angehörige verschiedener Kulturen, sozialer Gruppierungen, Persönlichkeitstypen, etc. Vor allem in den sozialen Bewegungen für Minderheiten wurde deutlich, dass das rationale, vernunftbegabte und erfolgreiche Individuum der Aufklärung meist den weißen Mittelschichten entstammte und vorwiegend männlich war. Was als allgemeingültig daherkam, wurde als interessengeprägt decodiert. Die große Versprechung der Postmoderne war: Bei aller Verschiedenheit in den Ausgangsbedingungen und Zielorientierungen sollten alle gleiche Chancen bekommen in einer toleranten, bunten und vielfältigen Gesellschaft. Unterschiedliche Startbedingungen sollten nicht mehr Lebensschicksal sein.

Dieses Versprechen der Postmoderne auf freie Entfaltung von Potenzialen, auf Überwindung von Macht- und Ungleichheitsstrukturen, ihr Lob der Verschiedenheit und ihr gleichzeitiges Versprechen von Förderung der Benachteiligten und Schaffung von „entgegenkommenden Verhältnissen“ führt den Impuls der Aufklärung fort. Das Licht der Aufklärung wird in Bereiche geworfen, die vorher als gegeben erschienen. Vor allem der untere linke Quadrant der Intersubjektivität, unserer Kultur und der unhinterfragten Wahrheiten und Annahmen geriet ins Blickfeld der aufgeklärten Aufklärerinnen und Aufklärer. Das Ziel des mündigen und zugleich verantwortlichen Individuums der Aufklärung wurde in den gesellschaftlichen Kontext gestellt. Gleiche Chancen in einer demokratischen Gesellschaft fordern einen Ausgleich der Startbedingungen und eine Förderung vor allem derjenigen, die sozial und kulturell benachteiligt sind. Erst wenn nicht mehr unsere Herkunft, also unsere Vergangenheit, über unser Schicksal entscheidet, fühlen und interpretieren wir uns nicht mehr als Opfer, sondern zumindest als Ko-Konstrukteure unserer Wirklichkeit und können uns somit zu Meistern unseres Lebens entwickeln.

weiterlesen ...

 

 

 

Sport aus integraler Perspektive

Sport aus integraler Perspektive

Michael Habecker

[Hinweis: Die in Kursivschrift gesetzten Zitate stammen, sofern nicht anderes angegeben,aus dem Dialog Sports and Spirituality zwischen Ken Wilber und David Meggyesy, einem früheren Footballstar, veröffentlicht auf integralnaked.com]

 

  • Die moderne olympische Idee gibt das grüne Empfinden wieder, wenn sie sagt, „nicht zu siegen, sondern dabei zu sein ist alles“
  • Ein Problem der Kommunikation transpersonaler Erfahrungen im Sport  ist, dass es dafür nur einen geringen gesellschaftlichen Raum und keine geeignete Sprache gibt
  • Football ähnelt einem Kriegspiel, es basiert auf Gewalt, es geht dabei um die Eroberung und Verteidigung von Gelände
  • Athleten können in den exakt gleichen Bereich gelangen, der typischerweise mit Künstlern oder Mystikern im nondualen Bewusstseinszustand in Verbindung gebracht wird

 

Das Thema Sport  - sowohl als individuelles wie auch kollektives und weltweit verbreitetes Phänomen - hat eine fast bis an den Menschheitsbeginn zurückreichende Tradition und erfreut sich einer ungebrochenen Beliebtheit und Faszination. Die Betrachtung dieses Phänomens aus einer integralen Perspektive ist Inhalt dieses Beitrages.

Das integrale Modell

Eine Rundreise durch das integrale Modell, dessen Grundzüge hier vorausgesetzt werden, kann uns dabei helfen, die unterschiedlichen Aspekte des Sports zu erhellen. Gleichzeitig kann die integrale Landkarte einmal mehr dazu benutzt werden, zwischen scheinbar völlig verschiedene Disziplinen wie Spiritualität und Sport eine gemeinsame Sprache zu finden, auf deren Basis Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlich werden können.

Entwicklungsebenen

Sport findet sich auf allen Ebenen menschlicher Existenz und ist, wie kaum etwas anderes, geeignet, die Unterschiedlichkeit und Charakteristik der Ebenen zu illustrieren. Am Beispiel des Regenbogenspektrums der Entwicklungsebenen:

Rot steht für die Ebene der Egozentrik, und ihre sportlichen Aspekte sind die des individuellen Kampfes und Sieges, auch bis zur Vernichtung des Gegners. Dabei ist alles erlaubt, und die einzige Regel, die es gibt ist die, dass keine Regeln gelten. In den meist zu Schaukämpfen abgemilderten freestyle Ringerwettkämpfen lässt sich diese Entwicklungsstruktur gut erkennen.

Die soziozentrische Bernstein-Ebene führt Regeln in den Sport ein, an die sich die Athleten zu halten haben. Damit hat dieses Struktur auch im Sport eine wesentliche Sozialisierungsfunktion, bei welcher der Egozentrik Schranken gesetzt werden. Gleichzeitig steht diese Strukturstufe auch für den Kameradschafts- und Teamgeist im Sport, „das Team ist der Sieger“, auch „wir gegen die anderen“ oder sogar das Gefühl „wir gegen den Rest der Welt“.

Die nächsthöhere Entwicklungsstufe ist Orange, und sie führt den Sport aus der Soziozentrik heraus, hin zu einer weltzentrischen Veranstaltung, bei der es neben dem Ich-Erleben und dem Wir-Gefühl auch auf Hightech, Business, Politik, und erstmals auf eine weltzentrische oder globale Perspektive auf den Sport ankommt. Der Gegner wird als gleichwertiger Mensch gesehen, und neben der Einhaltung der Regeln gibt es einen Bereich der Fairness im miteinander Umgehen, jedoch in einem (Ausscheidungs-)Wettbewerb: „Möge der/die Bessere gewinnen!“.

 

weiterlesen ...

Begleiten in Verbundenheit

Begleiten in Verbundenheit

Ein integrales Kurskonzept zur Befähigung ehrenamtlicher HospizmitarbeiterInnen

von Elisabeth Glücks


Der folgende Bericht versteht sich als ein Bericht aus der Praxis, die das Tabuthema Sterben und Tod wieder in die „Ganzheit menschlichen (Er-)Lebens“ zurückholen will.

Meine erste Begegnung mit Ken Wilber geschah durch die Empfehlung meines Kollegen aus der Erwachsenenhospizarbeit, das Buch Ganzheitlich handeln zu lesen. Ich war wieder einmal bei meinem Lieblingsthema, meiner Suche, mir die Welt zu erklären. Angesichts der Aussagen in Ganzheitlich handeln geriet ich schnell in eine Phase der Begeisterung und las - fast süchtig geworden – weitere Bücher Wilbers, weil sich endlich nach Jahren der Auseinandersetzung mit vielen Denkgebäuden alles zusammenzufügen begann, wo mir bisher die Verbindung fehlte. Ich begann im Eiltempo, Wilber nicht nur in mein Denken allgemein zu integrieren, sondern auch in meiner Arbeit die dort entwickelten Konzepte zu überprüfen und Anteile neu zu gewichten. Dies geschieht nun seit einigen Jahren in der Fortbildung von Pflegekräften aus der Alten- und Krankenpflege zum Thema Sterben und Tod, sowie im Rahmen der Sterbebegleitung und Hospizarbeit.

Mein Anliegen ist es, das mehrperspektivische Denken auf der Basis des AQAL-Modells von Wilber und seiner Gedanken zu einer integralen Lebenspraxis in die entsprechenden Kurskonzepte umzusetzen und Menschen damit eine Haltung und persönliche Entwicklung anzubieten, die einem ganzheitlichen Denken und Leben näher kommt.

Angesichts der Grundideen der Hospizbewegung fällt dies nicht so schwer, wie dies vielleicht bei anderen gesellschaftlich und menschlich interessanten Themen der Fall ist. Denn Sterbebegleitung bzw. die Idee der Hospizbewegung hat sich von jeher an einem ganzheitlichen Denken orientiert, seitdem ihre beiden „Mütter“, Elisabeth Kübler–Ross und Cicely Saunders, im Westen in den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts ihre Gedanken und ihre praktische Arbeit mit Sterbenden in die Welt brachten: Elisabeth Kübler-Ross als Ärztin und Pionierin der Sterbebegleitung mit Studien auf wissenschaftlich-theoretischer Ebene und dem ersten bekannten Sterbephasenmodell, später auch mit etlichen Publikationen aus einem geistig-spirituellen Hintergrund heraus. Cicely Saunders als Krankenschwester/Sozialarbeiterin/Ärztin und „große alte Dame der Hospizbewegung“, die in London das erste stationäre Hospiz für eine würdevolle Begleitung Sterbender am St. Christopherus Hospital aufbaute.

weiterlesen...

Die Zukunft des Integralen

Die Zukunft des Integralen

Frage: Was ist der nächste Schritt des Integralen, wo geht es lang?

KW: Ich denke, dass Bedeutendste, was sich ereignen kann, ist, dass sich die Anzahl derjenigen, die sich auf integralen Entwicklungsstufen befinden, zunimmt und auf 10% der Gesamtbevölkerung anwächst. Heute haben wir vielleicht 3, 4 oder 5 % der Bevölkerung beim second tier. Auf der Stufe davor, bei den „kulturell Kreativen“, finden wir vielleicht 23 oder 24% , die sich dort schon seit etwa 30 Jahren aufhalten. Ein Drittel von ihnen könnte sich, schon morgen, zum Integralen bewegen, zum second tier.

Wenn etwa 10% der Bevölkerung beim leading edge ist, an der Spitze der Entwicklung, dann ist ein Wendepunkt erreicht für die gesamte Kultur. Auch wenn sich nur 10% auf dieser Ebene befinden, wird die gesamte Kultur mehr und mehr von dieser Ebene aus bestimmt. Vor etwa 300 Jahren befanden sich etwa 10% der Bevölkerung bei Orange, dem formal operationalen Denken. Wir hatten die französische und die amerikanische Revolution, es entstanden repräsentative Demokratien, die Sklaverei wurde abgeschafft, der Feminismus begann – dies waren tiefgreifende Ereignisse, weil ein Wendepunkt erreicht war. Orange Werte erfassten die gesamte Kultur, auch wenn 90% der Menschen sich nicht bis zu Orange entwickelt hatten. In den späten sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam die nächste Hauptebene des Bewusstseins zum Vorschein, der grüne Pluralismus, die kulturell Kreativen, und auch hier, nachdem lediglich 10% der Bevölkerung diese Ebene erreicht hatten, entstanden die Bürgerrechtsbewegungen, die Blütezeit der feministischen Bewegung, das immer Stärkerwerden der Umweltbewegung – all das ereignete sich, und obwohl nur 10% der Bevölkerung sich auf dieser Ebene befanden, veränderte es die gesamte Kultur.

Wir erwarten das auch für die erste der integralen Entwicklungsstufen. Wenn wir dort die 10% Marke erreichen, werden wir einen kulturellen Wandel erleben, wie er sich in der Menschheitsgeschichte noch nicht ereignet hat.

weiterlesen...

Der Schatten des evolutionären Denkens

Der Schatten des evolutionären Denkens

Ken und Diane

Aus dem Dialog

DMH: Wie können wir bei unseren hohen Zielen gegenüber der Evolution verhindern, dass daraus ein spiritueller Faschismus wird, wo wir alles gemäss unseren Ansichten zurechtbiegen, und alles, was wir nicht mögen oder was unserer Meinung nach nicht entsprechend entwickelt ist, weglassen?
 
KW: Das ist die Schattenseite von evolutionärem Denken. Jede Gedankenform existiert in der Welt der Manifestationen und ist daher bis zu einem gewissen Grad dualistisch und hat daher auch ihr Schattenelement, wie jede Form des Denkens. Was beim evolutionären Denken speziell problematisch ist, ist das, was du erwähnst, die Tendenz zu faschistischem Denken. Viele der faschistischen Organisationen haben, wenn auch sehr verdreht, irgendeine Art einer evolutionären Philosophie, bei der sie selbst jeweils ganz oben auf der Entwicklungsskala stehen ...

weiterlesen...

 

Der Schatten, das Licht und die National-Seele

Der Schatten, das Licht und die National-Seele

Michael Habecker

Der Grundsatz der vergangenen Ichzeit, dass jeder, der Menschenantlitz trägt, gleich sei, zerstört die Rasse und damit die Lebenskraft des Volkes.

- Nationalsozialistisches Strafrecht, Denkschrift des Preußischen Justizministeriums, 1933

Wir müssen alle das Gleiche tun, was Deutschland versucht hat, müssen uns aber davor hüten, dass wir nicht in gleicher Weise handeln.

-Sri Aurobindo

In einem Beitrag Die Entdeckung der National-Seele formuliert der große Weise und Mystiker Sri Aurobindo seine Sicht auf den „teutonischen Fall“. Er geht dabei von dem „Streben nach eigener Selbstentwicklung“ als der „obersten Regel und Ursache des individuellen Lebens“ aus. Doch dieses Streben ist nicht nur individuell, sondern „gleicherweise ... oberstes Gesetz, oberster Zweck der Gesellschaft, Gemeinschaft oder Nation.“ Aurobindo fährt fort: „Denn auch sie [die Nation] ist ein Wesen, eine lebendige Kraft der ewigen Wahrheit, eine Selbst-Offenbarung des kosmischen Spirits ... Dem Individuum entsprechend hat die Nation oder Gesellschaft Körper, organisches Leben, moralisches und ästhetisches Temperament, ein sich entfaltendes Mentales, eine hinter all diesen Zeichen und Kräften verborgene Seele, um derentwillen diese existieren.“

weiterlesen...

 

Demoskopie - Wer sind wir?

Demoskopie - Wer sind wir?

Zum Tod von Elisabeth Noelle

Michael Habecker

Am 25. März 2010 ist Elisabeth Noelle gestorben. Sie gilt als Pionierin der Demoskopie in Deutschland, und damit auch als Pionierin der Erforschung eines „Wir“ durch Meinungsforschung. Derzeit wird besonders in spirituelle Kreisen gerne über das Wir gesprochen, vorzugsweise über ein höheres Wir (siehe hierzu den Beitrag „Ein höheres Wir?“). Dabei ist es wesentlich zu verstehen, was ein Wir überhaupt ist, und wie man es erforschen und beschreiben kann. Der nachfolgende Beitrag, der sich am Buch Alle, nicht jeder von Elisabeth Noelle orientiert, liefert dazu Anregungen.

Der Frage „wer bin ich?“ gehen wir Menschen seit Jahrtausenden nach, und es wurden in den unterschiedlichen Kulturen und zu den verschiedenen Zeiten eine große Anzahl von Übungen und Methodiken zu ihrer Beantwortung entwickelt und Antworten formuliert. Die Erforschung der objektiven Seite der Dinge – „was ist es?“ – wird seit der Zeit der Aufklärung intensiv und systematisch betrieben, und es ist – nach langen Auseinandersetzungen – mittlerweile auch bei den Religionen und den spirituellen Traditionen allgemein akzeptiert, dass die objektive Perspektive – neben der Vertiefung subjektiver individueller Einsichten – ein bedeutender Teil der Bewusstwerdung ist.

Die Frage „wer sind wir?“ hingegen wird noch nicht so lange gestellt, die ersten systematischen Antworten darauf sind nicht sehr alt, und die Forschung im Bereich von Intersubjektivität wird erst seit wenigen Jahrzehnten wissenschaftlich vorangetrieben.

Ich möchte im Folgenden am Beispiel der Demoskopie, einer (von vielen) Methodiken zur Betrachtung und Untersuchung eines „Wir“, die Bedeutung dieser Sichtweise erläutern. 

weiterlesen...

Hospizarbeit

Hospizarbeit

Helmut Dörmann

Ken Wilbers Integrale Theorie und ihre Anwendung auf die Hospizbewegung und den Sterbeprozess

von Helmut Dörmann

In diesem Artikel wird die Entwicklung der Hospizbewegung aus der Sicht der vier Quadranten von Ken Wilbers Integraler Theorie beschrieben. 

Außerdem wird am Beispiel des ambulanten Mindener Hospizkreises aufgezeigt, wie Hospizarbeit aktuell wirkt und tätig ist, sowohl im Befähigungskurs für die ehrenamtlichen Hospizhelfer/innen als auch in der Praxis der Sterbebegleitung.

Abschließend werden die Grundzüge eines Trainings „Integrale Praxis für Leben, Sterben und Tod“ vorgestellt, das ebenfalls auf Ken Wilbers Integralem Ansatz basiert. Ziel des Trainings ist das Entwickeln einer inneren Haltung von vorbehaltlosem „DA-SEIN“ für den Sterbenden sowie dessen Angehörige, ebenso wie die Entwicklung gemeinsamer Werte wie Liebe und Mitgefühl. Hierbei liegt der Schwerpunkt in der Einübung spiritueller Praktiken aus der christlichen Mystik sowie des tibetischen Buddhismus. Dabei werden auch Erkenntnisse über Krankheit, Sterben und Tod aus medizinischer Sicht in dieses Konzept integriert.

weiterlesen...

Eine neue (Achsen)Zeit

Eine neue (Achsen)Zeit

aus: IntegralLife.com, "Mapping the New City", Ken Wilber im Gespräch mit Saniel Bonder und Linda Groves-Bonder, März 2009.

Vorwort der Integral Life Redaktion:
Die Möglichkeiten, die uns im 21. Jahrhundert erwarten, sind atemberaubend. Niemals zuvor war für so viele Menschen so viel möglich, bis hin zu dem Punkt, dass ein einfacher Bürger heute ein derart bequemes und luxuriöses Leben führen kann, dass sogar die reichsten Könige und Königinnen vergangener Zeiten eifersüchtig wären. Dies ist eine Zeit unvorstellbaren Überflusses; ein Überfluss von Wohlstand, Weisheit, Informationen und Verbindungen – auch inmitten des unzählbaren Leids und der Angst, die viele von uns in dieser Welt nach wie vor erleben. Die Gleichzeitigkeit von Überfluss und Knappheit in der heutigen Welt versprechen fruchtbare Zeiten für die Zukunft, unter einem evolutionären Druck, der uns zu neuen Lösungen für neuartige Probleme treibt, und uns hilft mit dem ewigen Schisma fertig zu werden, das uns von Anbeginn an verfolgt.

Es ist so als wenn eine ganz neue Welt in Sichtweite kommt – eine Welt die sowohl vertraut als auch neu erscheint, sowohl zeitlos als auch historisch gewachsen. Als wenn wir eine „neue Stadt“ entdecken würden, die aus der Geschichte heraustritt – eine Stadt die nur erkannt werden kann in der unvermeidbaren Totalität des Wissens, der Werte, und der Perspektiven die uns heute zur Verfügung stehen; und deren Architektur nur wahrnehmbar ist, in dem wir die unseren menschlichen Erfahrungen zugrundeliegenden Muster erkennen.  

Ken Wilber: Ich sehe mich als einer der ersten Landkartenersteller dieser “neuen Stadt”, und jeder trägt etwas zu dieser Landkarte bei. Einige sehen Aspekte des Gesamtbildes sehr viel tiefer als ich das kann, und sie bringen das ein, und es ist wichtig dass wir dabei wirklich alles erfassen, das gesamte Territorium. Darum geht es bei der integralen Landkarte, es ist einfach eine Landkarte, doch es gibt viele Möglichkeiten, wie man das dort beschriebene Gelände in sich selbst wiederfinden kann - Dinge die man tun kann, Experimente die man durchführen kann, um bestimmte Aspekte einer „neuen Stadt“ zu entdecken. Und wenn jemand dort nichts findet, dann ist es gut das zu wissen, dann können wir die Landkarte korrigieren. Es ist sehr aufregend, überall die Menschen damit experimentieren zu sehen, Menschen die in ihrem Bereich sehr kompetent sind ... Das ist ein großes Abenteuer.

weiterlesen

„Wer sind wir?“ – von Pitirim A. Sorokin zu Integral 2.5

„Wer sind wir?“ – von Pitirim A. Sorokin zu Integral 2.5

Mark Forman, Sean Esbjörn-Hargens, Jordan Luftig bei der Einführung

Auszug aus dem dem Bericht von der Integral Theory Conference 2010 von Dennis Wittrock

Die Konferenz begann am Donnerstag mit 14 Pre-Conference Workshops. Ich besuchte zunächst eine halbtägige Einführung in Holacracy mit Brian Robertson, weil ich neugierig war, welche Aspekte seiner integralen Praxis für Organisationen er diesem speziellen Publikum nahebringen würde. Außerdem schaute ich mir einen Workshop mit Marilyn Hamilton und Cherie Beck an, die die Linsen von integraler Städteplanung und Mustern wiederkehrender Generationszyklen auf die Gesundheit von Städten und Kommunen anwendeten.

Am Abend gab es dann die feierliche Eröffnung der Konferenz im Hilton-Hotel. Die Haupt-Organisatoren der Konferenz, Sean Esbjörn-Hargens und Mark Forman, sowie David Zeitler gaben eine Einführung in die Thematik. Sean eröffnete breit indem er die Frage aufwarf „Wer sind wir?“ und „Wie werden wir in tausend Jahren auf diese Konferenz zurückblicken?“ Er betonte, dass die konkrete Anwendung der Theorie in der Praxis der Litmus-Test sei und dass die ITC alle zwei Jahre als eine Art Check-In dienen könne, bei dem man sehen werde, was in der Zwischenzeit entstanden sei. So schilderte er, dass der notwendige Differenzierungsprozeß des Feldes von der Gallionsfigur Ken Wilber bereits auf der ersten Konferenz 2008 begonnen habe.

David Zeitler ging im folgenden näher auf die Frage „Wer sind wir?“ ein, indem er die Forschungsergebnisse einer Umfrage unter den Konferenzteilnehmern vor zwei Jahren präsentierte. Demnach hatten überdurchschnittlich viele Teilnehmer bereits schon mal mystische Erfahrungen gemacht und waren bewegt von den Themenkomplexen „kulturelle Fragmentierung & Zugehörigkeit“, „ökologische Verwüstung & Erneuerung“ sowie „psychologische Regression & Transformation“. Als wichtigstes Element der integralen Theorie empfanden 47% die Ebenen des Bewusstseins, als am schwierigsten in der Kommunikation mit Fachkollegen aus der eigenen Disziplin zu vermitteln wurde das Element Zustände des Bewusstseins genannt. Insgesamt wurde eine große Bandbreite unterschiedlicher Bewertungen festgestellt, die nahelegen, dass inhaltliche Spannungen im Feld fortbestehen werden. Dieser Sachverhalt wurde als Zeichen einer gesunden, diversen Gemeinschaft gedeutet.

Mark Forman betrachtete die Frage der Differenzierung von Ken Wilber genauer und machte deutlich das die Gleichung integral = Wilber nicht haltbar ist, in dem er sich auf die Suche nach den Fußspuren von Vorläufern machte und betonte, dass es gegenwärtige Alternativen zu AQAL gebe. Nichtsdestotrotz sagte Forman, dass AQAL ein raffiniertes Modell sei und verglich Wilber mit einem Mathematik-Genie, der uns zwar seine Lösung präsentiere, oftmals aber nicht den Weg, wie er dorthin gelangt sei.  Er bezeichnete als das Ziel der Konferenz eine wissenschaftlich robuste Sicht des Integralen. Da die akademische Welt Traditionen vertraut und singulären Figuren oftmals misstraut, war es ihm ein Anliegen eine historische Sichtweise aufzuzeigen, wenn auch nur eine vorläufige, schematische:

 

Geschichte des Integralen

 

Integral beta:                       frühe integrale Denker

Integral 1.0:                         AQAL (1995), Ken Wilber

Integral 2.0:                         Zusammenwachsen & Anwendung (ITC 2008)

Integral 2.5:                         Differenzierung, Diversität, Forschung (ITC 2010)

Integral 3.0:                         eine reife integrale akademische Richtung

weiterlesen 

 

Jordan Luftig: „Aufbau einer Bewegung durch Meta-Erzählung: Ein ideologischer Ansatz zur Inszenierung einer integralen Zukunft“

Jordan Luftig: „Aufbau einer Bewegung durch Meta-Erzählung: Ein ideologischer Ansatz zur Inszenierung einer integralen Zukunft“

Jordan Luftig

Auszug aus dem dem Bericht von der Integral Theory Conference 2010 von Dennis Wittrock

Jordan Luftig arbeitet an der JFKU und forscht für das Integral Research Center. Für das Journal of Integral Theory and Practice (JITP) hatte er einen gleichnamigen Artikel geschrieben, den er nun in leicht abgewandelter Form präsentierte. Ursprünglich hatte er im Kontext von Jim Garrisons globaler Leadership Kampagne („State of the World Forum“) daran geforscht, wie man Menschen für integrale Ideen im Umgang mit der Klimakrise begeistern kann. Das Ergebnis seiner Forschung hat aber darüber hinaus Implikationen für die Kommunikation integraler Ideen in der Öffentlichkeit im allgemeinen.

Da ich selber in großem Maße ähnliche Ziele teile und mit Freunden und Kollegen im deutschsprachigen Raum verfolge, interessierte mich diese Präsentation besonders. „Wie bringen wir ein integrales Zeitalter hervor?“ Diese Frage treibt auch Jordan Luftig um. Über die beiden Standardantworten, Entwicklung integraler Theorie und Entwicklung integraler Anwendungen in der Praxis, sagte er, dass er sie zwar für ungemein wichtig, aber dennoch für unzureichend halte. Seiner Ansicht braucht es eine soziale Bewegung, die aus einer integralen Ideologie gespeist wird. Wir müssen die Politisierung der integralen Theorie umarmen und voranbringen.

Wie bitte? Politisierung  der integralen Theorie und „integrale Ideologie?“ Mit Ideologie verbinden wir gemeinhin etwas Negatives, ein emotional aufgeladenes, mit Mythen unterfüttertes Glaubenssystem. Karl Mannheim unterschied 1936 zwischen zwei Formen von Ideologien: partikuläre und totale Ideologien. Erstere Definition bezieht sich auf die bestimmten Ansichten einer Partei oder Interessengruppe, z.B. Kommunismus. Letztere hingegen bezieht sich auf die charakteristische Denkweise einer ganzen Klasse oder einer historischen Epoche - Beispiele sind mittelalterliches Denken oder Modernismus.

In Luftigs Worten: „Wenn man es in integrale Begriffe übersetzt, dann besitzt eine partikuläre Ideologie die „wir-gegen-sie“ Mentalität, die das Denken innerhalb aller Weltsichten des ersten Ranges charakterisiert. Eine totale Ideologie dehnt das Konzept der Ideologie so weit, dass sie das Denken über eine Weltsicht bedeutet, egal ob erster Rang (z.B. bernstein-mythisch, orange-rational) oder zweiter Rang (z.B. petrol und türkis-integral) oder höher. In diesem letzteren Sinne ist die AQAL-Integrale Gemeinschaft von einer Ideologie angetrieben – Integralismus – und redet die ganze Zeit über Ideologien!“

Was leisten Ideologien? Sie destillieren die zentralen Aspekte einer Weltanschauung oder Theorie, brechen Sie in verständliche Einheiten herunter und motivieren Menschen zu konkreten Handlungen in der Welt. Wenn man mal über ihren schlechten Ruf hinwegsieht, der ihnen wegen ihrer partikulären Varianten anhängt, sind sie sehr kraftvoll und bewegen eine Menge in der Welt. Jordans Überzeugung ist, dass das Integrale ein um Vieles würdigerer Kandidat dafür ist, eine Ideologie zu sein, als jedes andere Gedankensystem. Ideologien sind die Basis für kollektive Identität und kollektives Handeln.

Er charakterisierte die Injunktionen seines ideologischen Ansatzes wie folgt:

1.     Lasse dich in den Geist und das morphische Feld von Ideologie einsinken

2.     Benutze Ideologie als konzeptuelle Linse und heuristisches Mittel

3.     Grabe im Integralen – der Theorie und Gemeinschaft – nach Ideen, um der integralen Bewegung beim Wachsen zu helfen und die Gesellschaft zu transformieren.

weiterlesen

Panel: „Das Integrale: Massenbewegung oder elitäres Unterfangen?“

Panel: „Das Integrale: Massenbewegung oder elitäres Unterfangen?“

Auszug aus dem dem Bericht von der Integral Theory Conference 2010 von Dennis Wittrock

Die Leitfrage der nächsten Panel-Diskussion, die ich im Anschluss besuchte, brennt wohl den meisten Freunden von Ken Wilbers Arbeit auf der Seele – spätestens seitdem letzterer mit vollmundigen Ankündigungen der nächsten revolutionären Bewusstseinstransformation der Menschheitsgeschichte innerhalb der nächsten zwei Dekaden aufgewartet hat. Jedenfalls ging und geht es mir so. Was ist dran an dieser wilden Hypothese? Auf welche Daten können wir diesen evolutionären Optimismus stützen? Wann werden die zahlreichen integralen Schuldscheine durch konkrete integrale Projekte und Anwendungen eingelöst? Machen wir uns innerhalb eines elitären Sprachspiels etwas vor, das einer soliden Grundlage entbehrt? Wer ist in der Position darüber zu befinden? Und: sind wir überhaupt eine Gemeinschaft und/oder wen meinen wir mit diesem Pronomen „wir“?

Von Genpo Roshi habe ich gelernt, den Wert der inneren Stimme des Skeptikers innerhalb des Konzert des Selbstes zu würdigen. Dass diese „unbequemen“ Fragen den Raum bekamen, um von eminenten Vertretern des integralen Feldes kontrovers diskutiert zu werden, versicherte mir einmal mehr, dass ich es auf dieser Konferenz mit einer soliden wissenschaftlichen Haltung zu tun hatte.

Das Panel begann damit, dass der Diskussionsleiter Mark Forman von allen Teilnehmern Stellungnahmen zum Titelthema erbat. Es begann Jeff Salzmann, der Leiter des Boulder Center for Integral Living und zentrale Persönlichkeit beim Aufbau des Integral Institute. Er sagte, dass es eine kleine Gruppe von Wilber-Freunden gebe, aber daneben de facto auch viele Menschen, die sich selber nicht als „integral“ identifizieren würden, aber nichtsdestotrotz auf diesem Entwicklungsniveau operieren. Wichtig sei es seiner Ansicht nach zu beobachten, was bereits in vielen Bereichen geschieht.

Rabbi Marc Gafni, spiritueller Lehrer und zusammen mit Diane Hamilton u.a. Mitbegründer von iEvolve, sowie spiritus rector des Integral Life Spiritual Center sprach zunächst über die Definition des Integralen in Begriffen eines rekonstruktiven Projektes. Es selber sei eine Ebene, die dieses Projekt erfüllt und die Kern-Ebenen von Bedeutung rekonstruieren kann. Die integrale Gemeinschaft ist für Gafni selber ein Teil dieses Projektes und Empfänger einer gemeinsamen Überlieferung aus der Vergangenheit. Gleichzeitig gehe es darum selber wiederum eine reichere Matrix von Bedeutung zu kreieren, in die zukünftigen Generationen hineingeboren werden können.

Steve McIntosh, Unternehmer, Philosoph und Autor des Buches „Integrales Bewusstsein“ nahm den Faden der historischen Rekonstruktion von Gafni auf und sieht in den Werten des Wahren, Schönen und Guten einen Attraktor, der letztlich zur Emergenz der Moderne und auch der Postmoderne geführt hat. Der Erfolg der Postmoderne selbst ermöglicht erst das Erblühen des Integralen auf dialektische Weise. Das Reizwort Elitismus kommentierte er mit Verweis auf den Zusammenhang von Tiefe und Spanne, den Wilber schon in „Eros, Kosmos, Logos“ (EKL) dargestellt hat. Jede der großen Epochen bringe ihre maßgeblichen Meisterwerke hervor und EKL falle seiner Ansicht nach in diese Kategorie.

Frank Visser, Wilber-Kritiker und Betreiber von www.integralworld.net, vertrat hingegen die Ansicht, dass EKL seiner Wahrnehmung nach nicht besonders viel Wellen gemacht und nicht die Aufmerksamkeit erfahren hat, die einem epochalen Meisterwerk vergleichsweise zukommt. EKL sei zwar ein originelles Werk, aber es sei schwierig, die Wirkung zu beurteilen. Ferner verglich er Wilbers Bestreben nach Umfassendheit mit Ansätzen aus der Richtung der Theosophie, der Visser sich lange gewidmet hat.

weiterlesen

Integrale Konfliktbearbeitung

Integrale Konfliktbearbeitung

Skizze einer integrierten Konfliktbearbeitung –

Grenzen und Möglichkeiten des Integralen Ansatzes bei der Integrierung von Gemeinsamkeiten und Ergänzungspunkten unterschiedlicher Methoden dialogischer Konfliktbearbeitung

 

Abstract der Dissertation von Karim Fathi, Viadrina Europa-Universität Frankfurt (Oder)

Problemdarstellung

Im Zeitalter der Globalisierung wird die Konfliktbewältigung eine immer wichtigere Kompetenz, sowohl im Alltag als auch in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur. Die letzten Jahre brachten eine große Vielfalt von Methoden und Ansätzen mit sich. Zugleich wächst auch die Unübersichtlichkeit, daher bedarf es nicht nur immer neuerer spezialisierterer Methoden, sondern Metaansätze, die diese anwachsenden Wissensmengen integrieren und für eine ganzheitliche Konfliktbearbeitung nutzbar machen. Gleichzeitig greift die vorliegende Untersuchung die immer breiter in der Friedens- und Konfliktforschung vertretene Annahme auf, dass integrierte Herangehensweisen, die Konflikten in ihrer gesamten Komplexität und Tiefe Rechnung tragen, für nachhaltige Lösungen unabdingbar sind.

weiterlesen

Wikileaks Analyse

Wikileaks Analyse

„Little Brother is watching you“

Das Phänomen WikiLeaks aus integraler Sicht

von Dennis Wittrock

Mit spektakulären Veröffentlichungen einer rauen Menge von als „Top Secret“ eingestuften Daten, im jüngsten Fall von rund 250.000 diplomatischen Depeschen der amerikanischen Regierung, katapultierte sich die Webseite „WikiLeaks“ und ihr Gründer und ihre Galionsfigur Julian Assange, über Nacht zu einem Global Player der Weltpolitik. WikiLeaks schlägt eine Menge Wellen und das Imperium schlägt zurück. Eine Bestandsaufnahme der Ereignisse, gepaart mit einer integralen Analyse eines Zeitgeist-Phänomens der Internet-Ära.

Angela Merkel ist „wie Teflon“ und Außenminister Westerwelle wird als „eitel und inkompetent“ charakterisiert. Was man da aus offiziellen Depeschen des US-Botschafters in Berlin entnehmen kann, scheint die Aufregung um WikiLeaks auf den ersten Blick nicht zu rechtfertigen. „Das ist nicht gerade neu“ oder „Das hätte ich Ihnen auch sagen können“ sind die wohl meistzitierten Reaktionen. Doch ein Blick auf die Hintergründe offenbart rasch die Brisanz und die Dimension der Enthüllungen der umstrittenen Internet-Plattform. Stellen Sie sich vor, Sie sollen eine öffentliche Rede halten, die weltweit live im Fernsehen übertragen wird. Als Sie ans Mikrofon treten wollen, kommt jemand von hinten und zieht Ihnen Ihr komplettes Beinkleid blank. So ungefähr muss sich Hillary Clinton gefühlt haben, als offenbar wurde, dass WikiLeaks eine viertel Million klassifizierter Dokumente für jedermann einsehbar im Internet veröffentlicht hat. Spätestens da waren die Augen der Weltöffentlichkeit auf WikiLeaks gerichtet. (Die Namensähnlichkeit mit „Wikipedia“ besteht übrigens stark zum Leidwesen der beliebten Internet-Enzyklopädie, die es schwer hat, sich in der öffentlichen Sphäre von Assanges Aktivitäten abzugrenzen.) Es folgt der Versuch einer Rekapitulation der wichtigsten Stationen, die bis zu diesem spektakulären Coup geführt haben.

Eine Chronik der rasanten Geschichte von WikiLeaks

Schon in seiner Jugend war der gebürtige Australier Julian Assange ein begabter Hacker, dem bereits zu Beginn der Internet-Ära das Kunststück gelang, in den Zentralcomputer der NASA und des US-Militärs einzudringen. Früh erkannte er das Potential des Internets für sozialen Aktivismus und gründete 2006 seine Plattform WikiLeaks. Hier sollten „geleakte“, also durchgesickerte Geheiminformationen, die von öffentlichem Interesse und gesellschaftlicher Relevanz sind, von Informanten anonym hinterlegt und später veröffentlicht werden. Als sein Projekt immer mehr Know-how und Ressourcen erforderte, arbeitete er mit dem deutschen „Chaos Computer Club“, darunter Daniel Domscheit-Berg, zusammen. Die ersten „Leaks“ waren unter anderem Informationen, die einen ausschlaggebenden Einfluss auf den Ausgang eines Wahlkampfes in einem afrikanischen Land hatten, sowie Enthüllungen, die WikiLeaks von Scientology-Aussteigern zugespielt wurden.

weiterlesen

WikiLeaks, Privatsphäre und Öffentlichkeit

WikiLeaks, Privatsphäre und Öffentlichkeit

Quelle: WikiLeaks

Michael Habecker

Die Veröffentlichungen von WikiLeaks polarisieren die Öffentlichkeit. Was für die einen eine Demonstration von Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit und Transparenz darstellt, ist für die anderen ein verbrecherischer Landesverrat. WikiLeaks und andere Plattformen nutzen das Internet, um als „geheim“ oder „vertraulich“ eingestufte Dokumente meist staatlicher Institutionen zu veröffentlichen. Dürfen sie das oder sollen sie das?

Dazu ein paar Überlegungen unter Zuhilfenahme der integralen Landkarte – und vorab einige theoretische Hinweise.

Individuelle und soziale Holons

Ken Wilber unterscheidet bei den Bausteinen der Existenz, die er „Holons“ nennt, individuelle und soziale Holons. Erstere sind individuelle, empfindende Wesen wie Menschen, letztere sind aus diesen zusammengesetzte Gemeinschaften wie Staaten, aber auch z. B. Beziehungen und Familien. Beide sind gleichwertig und gleichermaßen wichtig, ohne jedoch gleich zu sein. Ohne Individuen keine Gemeinschaft und umgekehrt. Holons als Teil/Ganzes, so ihre Definition, sind u. a. durch – wie Wilber es nennt – Agenz und Kommunion charakterisiert. Die Agenz ist ein Ausdruck ihres Ganzheitsaspektes und ihrer Identität, die Kommunion ein Ausdruck ihres Teil-Aspektes. Jedes Holon, d. h. jeder Mensch und jede Gemeinschaft, ist damit immer „privat“ für sich (Agenz) und gleichzeitig immer auch „sozial“ in Beziehung zu anderen Holons (Kommunion). Beides ist für die Existenz und das Überleben jedes Holons elementar. Ohne Ganzheitsaspekt hört jedes Holon auf, als ein Holon zu existieren, und ohne Teilheitsaspekt auch, weil jedes Holon auf Austauschbeziehungen für sein Überleben angewiesen ist. Allgemein gesprochen bedeutet dies, dass jedes Holon 

a)     das Recht hat, „für sich“ zu sein, und gleichzeitig auch

b)    eine Pflicht hat im und zum Miteinander gegenüber anderen Holons.

Ersteres leitet sich aus der Agenz ab, Letzteres aus der Kommunion.

Was hat das mit den WikiLeaks zu tun? WikiLeaks stellt Öffentlichkeit (b) her und veröffentlicht Dokumente, die von Organisationen als geheim eingestuft werden. Damit sorgt WikiLeaks für Kommunion und Kommunikation, sehr zum Ärger der betroffenen Staaten, die sich auf ihr „privates“ Recht zur Geheimhaltung berufen. Wer hat nun recht? Allgemein kann man sagen beide, jeweils zur Hälfte, jeweils Agenz oder Kommunion betonend. Wegen der Gleichwertigkeit von Individualität und Gemeinschaft einerseits und privater Agenz und öffentlicher Kommunion andererseits kann man generell nicht sagen, dass es immer besser ist, Informationen zu veröffentlichen oder Informationen zurückzuhalten, sondern es kommt, einmal mehr, auf den Kontext und auf die Ebene von Bewusstheit an, die dabei eingenommen werden.

weiterlesen...

 

Jeff Salzman: Folter

Jeff Salzman: Folter

Der folgende Beitrag ist eine Wiedergabe eines Interviews, das David Riordan (DR) mit Jeff Salzman (JS) im Rahmen der Reihe Daily Evolver im Frühjahr 2011 geführt hat. Es wurde auf IntegralLife veröffentlicht: Torture: Are We Culpable? Contributors: Jeff Salzman and David Riordan (http://integrallife.com/node/106810). Die Farbangaben beziehen sich auf Spiral Dynamics.

Jeff beginnt mit der Aktualität des Themas und der Frage, wie Staaten wie die USA mit politischen Feinden umgehen. Danach erläutert er, als eine wichtige Voraussetzung zum Verständnis von Folter, wie sich das Foltern im Menschheitsverlauf durch die Entwicklungsstufen hindurch entwickelt hat.

JS: Im Tierreich gibt es so gut wie keine Folter im dem Sinn, was wir Menschen darunter verstehen, als das absichtliche Hinzufügen von Schmerz und als ein Quälen. Tiere fügen sich zwar Schmerzen zu, aber dabei geht es im Wesentlichen darum Nahrung zu bekommen, und dies ist keine Schmerzerzeugung um des Quälens willen. Das Spiel einer Katze mit einer Maus könnte noch am ehesten dem entsprechen, was wir unter Folter verstehen, doch sogar das dient der Katze als eine Übung ihrer Fähigkeit Beute zu jagen und nicht der absichtlichen Schmerzzufügung.

Die Menschheit erkennt sich auf der archaischen Entwicklungsstufe erstmals als getrennt von der Welt und anderen Wesen, und dieses archaische Bewusstsein kennt Brutalität, so wie es auch unter Kleinkindern das sich Schlagen oder an den Haaren ziehen gibt.

Weiterlesen...

Ethische Fitness durch moralische Dilemmata

Ethische Fitness durch moralische Dilemmata

John Forman

Veröffentlicht am 27.9.2011 in Integral Post von John Forman übersetzt von Anke Lessmann

Relativistisches, postmodernes Denken hat uns die Teilwahrheit beigebracht, dass jeder Mensch eine einzigartige Sichtweise darauf hat, was er als gut, richtig und fair betrachtet. Was wir in diesem Prozess verloren haben ist der Zugang zu Lehren, die den moralischen Muskel trainieren. Wir scheinen die Erkenntnisse, Prinzipien und Ratschläge von moralisch hochentwickelten Führenden aus dem Blick verloren zu haben, welche uns Entwicklung und Gespräche über Werte und Ethik erlauben würden. Die Konsequenzen werden in schmerzhafter Weise problematisch:

Betrachten wir die folgenden Schlagzeilen:

“Handelsgremium hinterfragt Rolle der French Bank im U.N.-Saddam Skandal”
“Fannie Mae warnt vor $9 Mrd. Verlust”
“Audit: Newsday überschätzt seine Auflagenhöhe”
“CBS ‘besorgt‘ wegen der Rathergate Untersuchung”
“Bostons $15 Mrd. Großprojekt  „Der große Graben“ ist voller undichter Stellen” “Bernie Goldberg: CNN Demokratin Judy Woodruff unter Beobachtung wegen Selbstmordgefährdung”
“Fünf Vorstände im Enron Frachter Fall verurteilt”
“AP: DOD warnte vor Halliburton Verträgen”
“FBI untersucht Halliburton Verträge”

Alle sind in allein im Monat November 2004 erschienen. Von 2001 bis 2003 führte der Anstieg von Unternehmensskandalen zu einem signifikanten Kursabsturz, der die New Yorker Wirtschaft allein $2,9 Milliarden kostete, die nationalen Steuerumsätze um $1 Milliarde reduzierte und die nationalen Pensionskassen um $9 Milliarden verringerte. In seinem Bericht 2003 zur finanziellen Lage der Nation sagte der New Yorker Rechnungsprüfer Alan G. Hevesi, dass Unternehmensskandale den Bundesstaat New York rund $260 Milliarden an Steuerumsätzen und ihre Pensionskassen fast $7 Milliarden an Wert kosten würden. 

Die Kombination von schlechten Nachrichten und schlechtem Verhalten hat eine Vertrauenskrise in Amerikas Geschäftswelt hervorgerufen; die Erholung muss daher in denselben Vorstandsetagen beginnen. Vorstände müssen natürlich mit Worten und Taten führen, aber bevor sie sich als Vorbilder für immer höhere Wertestandards eignen, brauchen sie einen Ansatz, mit dem sie über post-relativistische Moralentwicklung nachdenken können. Sie brauchen eine integrale Praxis für moralische Fitness.

Weiterlesen...

Bewusstsein ist ein Singular, dessen Plural unbekannt ist

Bewusstsein ist ein Singular, dessen Plural unbekannt ist

aus dem Telefoninterview mit Ken Wilber im November 2007

Subtile Bereiche


MF: Eine Frage von Wulf Mirko Weinreich zu den subtilen Bereichen (in Integrale Spiritualität):
„Gibt es Intelligenzen des Subtilen, wie luzides Träumen, und können diese wie Linien des subtilen Selbst oder der Seele entwickelt werden? Oder ist das immer noch eine Entwicklung des frontalen Selbst, des „Ich“, um Zugang zum subtilen Bereich zu bekommen ?“

Ken: Das ist eine sehr fortgeschrittene (leading edge) Frage, und ich denke, dass es gute Gründe dafür gibt, sie auf beide Weisen zu beantworten. Ich habe die Idee erforscht, dass man Entwicklungslinien im grobstofflichen Selbst oder Ego, im subtilen Selbst oder der Seele und dem kausalen oder wahren Selbst haben kann. Im Nondualen ist es Sosein (Suchness). In sich selbst sind sie ziemlich klar voneinander unterschieden aber in der praktischen Realität wachsen und trainieren wir unsere Fähigkeit in jedem dieser Bereiche. Sogar im Verstehen des Einen Geschmacks oder der reinen Nondualität. Hat man das einmal gesehen, versteht man es unwiderruflich und es durchdringt das ganze Sein, aber das Ausmaß seiner Fähigkeit, völlig präsent zu bleiben, ist nondual. Es ist ein Muskel, den man trainieren muss. Es gibt einige gute Gründe dafür, sich die Entwicklung des Ego-, Seelen- und  des Wahren Selbst anzusehen.

Auch wenn wir uns die Traditionen anschauen, die besagen, dass das Ego das Selbst ist, das man während dieses Lebens besitzt, und dass die Seele das Selbst ist, das man zwischen den Leben besitzt. Es entwickelt sich weiter. Dann ist das reine Selbst das Selbst, das man im zeitlosen Moment besitzt. Es reinkarniert nicht. Es durchläuft keine Seelenwanderung, es ist das einzige und alleinige Selbst. Eine andere Sichtweise ist, dass es das einzige und alleinige Selbst ist, das eine Seelenwanderung in allen fühlenden Wesen durchläuft. Das einzige und alleinige Ein-Bewusstsein. Erwin Schrödinger sagte: „Bewusstsein ist ein Singular, dessen Plural unbekannt ist“. Das war seine Weise, das auszudrücken. 



Quelle: integrale perspektiven, Nr.10 Juli 2008

Annäherungen an den interkulturellen Dialog

Annäherungen an den interkulturellen Dialog

Erfahrungen aus Namibia

von Peter Erlenwein

Einleitung der Redaktion

Unser Autor Peter Erlenwein ist als Reisender viel in der Welt herumgekommen. Die EINE globalisierte Welt ist im Äußeren durch internationale Märkte, Kommunikation, Reisen und das Zusammensein verschiedener Kulturen vor der Haustür schon Realität. Aber wie real ist das Zusammenkommen in der inneren Realität von Individuen und Gesellschaften? Dieses wirkliche Verstehen, Zusammenkommen und Wertschätzen des Anderen setzt eine Entwicklungsstufe voraus, bei der wir das Andere nicht als das Feindliche, Fremde ausgrenzen, sondern als Teil der unermesslichen Vielfalt einer Menschheit begrüßen. Das setzt das Aufweichen von Selbstsucht und Egozentrismus wie auch von Rassismus und Ethnozentrismus zugunsten einer mindestens weltzentrischen Perspektive voraus. Je mehr Menschen auf dieser Ebene von Entwicklung ankommen, nicht nur als abstrakte Idee, sondern als gelebte Toleranz, desto geringer die Basis für wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kolonialismus. Je mehr wir alle Entwicklungsebenen und Typen des Menschseins in uns selbst und unserer eigenen Kultur integriert haben, desto besser können wir die Vielfalt der Welt schätzen und überall die Entwicklung zu mehr Gerechtigkeit und Fürsorge für alle Menschen und alle fühlenden Wesen begleiten und fördern und das zurückweisen, was diesen Prozess der vollen Menschwerdung behindert. Geistige Wachheit, Präsenz und die Erfahrung der Einheit allen Seins und Werdens sind im Rahmen einer integralen Lebenspraxis eine unerlässliche Voraussetzung, um die tiefen eigenen Konditionierungen durch Biografie und Kultur zu überwinden und einen möglichst „ungefärbten“, wachen Blick auf das Andere zu ermöglichen. Interkulturalität verlangt Multiperspektivität, die Integration aller Perspektiven und zugleich die Freiheit von allen Perspektiven. Unser Alltag der Interkulturalität ist der beste Weg, beides zu praktizieren – die Fülle in der Welt und die Freiheit von der Welt.

 

weiterlesen ...