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23.5.2017 : 3:05 : +0200

Die Zukunft des Kapitalismus

(The Future of Capitalism, Quelle: IntegralLife.com)

Einleitung der IL Redaktion:

Ken spricht hier über die Grundannahmen des Kapitalismus in der heutigen Welt, und betont dabei die impliziten Theorien darüber, was Menschen motiviert. Bei so vielen gegensätzlichen Kräften auf dem Markt ist es schwierig, die volle Komplexität privaten Unternehmertums zu erfassen. Eines ist jedoch klar: Wenn es einer ausreichenden Anzahl von Menschen gelingt das integrale Bewusstsein zu erreichen, dann werden unsere ökonomischen Theorien sich ohne die Berücksichtigung von Innerlichkeit nicht weiter entwickeln lassen.

 

Frage: Wohin bewegt sich der Kapitalismus in Zukunft, und wie und wo kann Wert und Bedeutung in Zukunft geschaffen werden? Hat der Kapitalismus eine Zukunft?

 

Ken Wilber: Unter Berücksichtigung der inneren Widersprüche des Kapitalismus [Lachen]?

Ich möchte gerne eine Unterscheidung dabei machen, und zwar zwischen der techno-ökonomischen Struktur, die wir mit „Industrialisierung“ bezeichnen, und dem, was wir mit „Kapitalismus“ meinen, weil beide historisch etwa gleichzeitig entstanden sind, und sie daher oft miteinander vermischt werden, was dazu führt dass das Kritisieren des einen oft automatisch auf das andere übertragen wird. Daher ist es gut beides voneinander zu unterscheiden, und zu sehen, was Industrialisierung macht und was Kapitalismus macht. Wie könnte die Zukunft von beidem aussehen?

Wenn eine ausreichende Anzahl von Menschen sich bis zum 2nd tier entwickelt, dann glaube ich, dass sich die Ökonomie und Wirtschaft nicht weiter entwickeln können, wenn sie nicht auch die Dimension von Innerlichkeit berücksichtigen. Ich halte es für falsch, dies als „Humankapital“ zu bezeichnen, weil das sehr schnell zu einem Flachland-Kapital führt, wo lediglich materielle Güter hin und her bewegt werden, das, womit sich die Ökonomie hauptsächlich beschäftigt. Es ist völlig klar, dass die allgemeine ökonomische Theorie, ob kapitalistisch oder nicht, sich damit beschäftigen muss, was Menschen motiviert und bewegt. Die am meisten verbreitete Vorstellung dabei ist, dass Menschen aus einem rationalen Selbstinteresse heraus handeln und ihr Einkommen zu maximieren versuchen. Das ist eine verrückte Annahme, weil niemand rational ist, und nur sehr wenige ihr Eigeninteresse kennen [Lachen]. Die Ökonomen rätseln darüber, warum Menschen etwas tun, und machen dann Annahmen darüber, denn Güter und Dienstleistungen bewegen sich ja nicht von selbst – Artefakte bewegen sich nicht von alleine, irgendjemand schiebt oder zieht sie, kauft oder verkauft sie. Hier haben wir es mit der innerlichen Dimension zu tun, die bisher nicht wirklich gut berücksichtigt wurde. Selbst wenn man sich [das Buch von ] Hunter Lovins, Natural Capitalism, anschaut, wo man bemüht ist die Dinge von einer anderen Seite zu betrachten, dann sind das auch wieder Erklärungen aus dem unteren rechten Quadranten heraus, ohne ein Verständnis über innerliche Motivationen. Ein kurzes Beispiel dazu, unter Verwendung von Spiral Dynamics: Man kann sich die Verkehrsströme in Manhattan anschauen, die Autobewegungen, und man kann Berechnungen darüber anstellen, und sich klarmachen, was dabei geschieht. Doch was einem all diese Untersuchungen und Berechnungen nicht sagen können ist, ob diejenigen, die am Steuer dieser Autos sitzen [in der Terminologie des Spiral Dynamics Entwicklungsmodells] rot, blau, orange, grün oder gelb sind. Doch das hat natürlich auf lange Sicht eine große Bedeutung im Hinblick auf die Güter und Dienstleistungen, die Menschen miteinander austauschen. Die einzigen Entwicklungsebenen, die selbstreflexiv genug sind, um darauf zu bestehen, dass dies [Innerlichkeit] in die ökonomischen Betrachtungen mit aufgenommen wird, beginnen bei Grün, erblühen bei Gelb, und sind bei Türkis absolut unvermeidbar. Türkise Ökonomie ist eine Ökonomie der vier Quadranten, wie auch immer man das dann bezeichnen mag. Ich sehe nicht, wie man daran vorbei käme, und ich denke auch, dass die Daten, die wir haben, dies nahe legen. Es ist faszinierend sich zu fragen, wie eine derartige Ökonomie aussehen wird – das ist absolut faszinierend. Es gibt eine völlig andere Grundlage, und ich zögere sogar, diesen Begriff dafür zu verwenden. Doch die vier Quadranten werden dabei zu berücksichtigen sein, und das wird ganz erstaunlich sein.

Die Frage ist, ob wir dorthin gelangen werden. Ich sehe das wie bei einem Pferderennen. 70% der Weltbevölkerung ist ethnozentrisch oder darunter ... Betrachten wir die Motivationen von ethnozentrischen Menschen, und wir reden dabei nicht über die dritte Welt, wir reden über die Ethnozentrik, die in jedem Land existiert, unsere Ethnozentrik beispielsweise (ich erwähne das bei jeder Gelegenheit: Kansas hat schon wieder die Lehre der Evolution verboten, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres, und der oberste Gerichtshof macht das rückgängig, und so geht es immer weiter ... Es geht also bei den 70% Prozent nicht nur um andere Länder, es geht auch um unser Land, und um alle Länder). Jeder Mensch hat das Recht, auf der Entwicklungsstufe zu sein, auf welcher er oder sie sich befindet. Doch bei den modernen repräsentativen Demokratien ist es so, dass die Gesetze, die diese Demokratien steuern, von der Ebene von Orange oder höher kommen. Das bedeutet, dass eine allgemeine Zustimmung darüber herrscht, dass wenn man sich im öffentlichen Raum bewegt, dass man sich dann entsprechend der orangen Gesetzen verhält. Man muss von diesen Gesetzen nicht überzeugt sein, in der Privatsphäre der eigenen vier Wände kann man glauben, dass Jesus Christus der einzige Retter der Welt sei, und dass alle die, welche nicht an Jesus glauben, in der Hölle schmoren werden. Doch im öffentlichen Raum ist es nicht mehr länger erlaubt, andere auf den Scheiterhaufen zu schicken, nur weil sie anderer Meinung sind als man selbst. Dies ist die Vereinbarung, die wir [politisch] getroffen haben. Hätten wir jedoch eine Basisdemokratie [mit Mehrheitsentscheidungen für jede Fragestellung], dann würde es für Leute wie uns gefährlich werden, der [inquisitorische] Kansas Barbecue steht für uns bereit [Lachen].

Das Pferderennen, von dem ich sprach, besteht zwischen den 70 %, und denjenigen, die weltzentrisch oder höher entwickelt sind. Diejenigen auf der weltzentrischen oder einer höheren Entwicklungsstufe fordern gleiche Rechte für alle Menschen, im Unterschied zu denen, die ethnozentrisch sind. Doch wenn sich mehr und mehr Menschen aus der Ethnozentrik herausentwickeln, wird sich das Verständnis von Ökonomie und Wirtschaft auf eine dramatische Weise verändern. An einem Markt ist nichts verkehrt, als einem Platz, wo wir uns alle treffen, und unsere Waren und Leistungen anbieten und nachfragen, doch es ist klar, dass dies kein „freier Markt“ sein kann, wo wir einfach alles laufen lassen. Es ist beispielsweise nicht erlaubt, Menschen auf dem Markt zu verkaufen. Wenn diese [innerlichen] Faktoren mehr und mehr berücksichtigt werden, dann wird das sehr interessant werden.

Die Industrialisierung als ein Produktionsmodus wird auf eine begrenzte Weise weiterhin existieren, als etwas, was nur diese Ebene leisten kann, und was eine Informationstechnologie oder eine Agrartechnologie beispielsweise nicht leisten können. Das gleiche gilt für den Ackerbau [der auch nicht vollständig ersetzt werden kann]. Das ist das Erstaunliche im unteren rechten Quadranten, bei der Betrachtung aller Modi der techno-ökonomischen Produktion, wir brauchen sie alle. Das wird manchmal vergessen. Die Leute, die Ackerbau betreiben, sind oft die gleichen, die die Lehre der Evolution verbieten wollen, agrarische Modi haben eine Affinität zu mythischen Glaubensvorstellungen, darauf gilt es zu achten, doch wir können natürlich auf den Ackerbau nicht verzichten. Das ist etwas, was ich sehr mag, man kann nicht einfach sagen, das eine ist gut, und das andere ist schlecht. Wir brauchen sie alle, das ist ganz erstaunlich bei diesem integralen Komplex, in dem wir uns alle befinden. Betrachtet man also Industrialisierung und den Kapitalismus (und das ist ein sehr heikles Thema, hier geht es oft auch emotional zu, was ich gut verstehen kann), doch im Hinblick darauf, dass es einen Eros der Evolution gibt, dass sich etwas entwickelt, und dass Einzelne zuerst in eine weltzentrische Moral vorstoßen, die besser ist als ethnozentrische Moral, ist es so, dass frühere Gesellschaften oft Möglichkeiten gefunden haben, wie diejenigen, welche die Entwicklung vorantreiben, zusammenkommen können. (Dabei gab es fast immer auch sehr unangenehme Schattenaspekte). Die Aristokratie und der Königshof beispielsweise waren früher einer der wenigen Orte, wo Kunst und Wissenschaft vorangetrieben wurden. Nur wenige Menschen hatten damals die Gelegenheit zu Bildung. Heute wünschen wir uns das alles natürlich viel demokratischer, aber zur damaligen Zeit war das nicht möglich. Es fand in einer räumlichen Konzentration statt, doch das passiert während der Evolution oft: Zuerst tritt etwas in sehr konzentrierter Form auf, bevor es sich dann verbreitet, und jeder daran teilhaben kann. Das Kapital war zuerst eine Art aristokratischer Kumulation intellektueller Mittel, welche die Arbeit transzendierten. Hier entstand etwas Neues. Die Schattenseite davon war, dass weil das Kapital ein Artefakt ist, wie ein Gewehr, jeder Trottel damit umgehen kann, und das ist das, was wir erleben. Die Kapitalismuskritik müssen wir also differenzieren. Zum einen kann eine Konzentration in den Händen derjenigen geschehen, die es nicht verdienen, einfach weil es ein Artefakt ist. Diese Kritik muss ernst genommen werden, doch ohne dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten. Kapital war ein Versuch Arbeit zu transzendieren, und wenn man sich mit Marx beschäftigt und seiner Wertetheorie, die auf Arbeit beruht, dann ist die Gefahr sehr groß, dass Werte allein auf Arbeit reduziert werden.


Quelle: Online Journal Nr. 16