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23.5.2017 : 3:04 : +0200

DIFFERENZ - Würde und Wahnsinn

von Sonja Student

 

Eine der bedeutendsten Errungenschaften der Postmoderne – neben dem Konstruktivismus und der Kontextgebundenheit aller Aussagen – ist die Entdeckung und Wertschätzung der Differenz: Nach den Universalismen der Aufklärung und dem Postulat der Gleichheit wurde die Gleichwertigkeit in der Verschiedenheit entdeckt.

Lob der Würde …

In dieser Wertschätzung der Differenz liegt die Würde der Postmoderne. Statt dem Menschen gab es jetzt eine Vielfalt von Menschen: Männer und Frauen, Angehörige verschiedener Kulturen, sozialer Gruppierungen, Persönlichkeitstypen, etc. Vor allem in den sozialen Bewegungen für Minderheiten wurde deutlich, dass das rationale, vernunftbegabte und erfolgreiche Individuum der Aufklärung meist den weißen Mittelschichten entstammte und vorwiegend männlich war. Was als allgemeingültig daherkam, wurde als interessengeprägt decodiert. Die große Versprechung der Postmoderne war: Bei aller Verschiedenheit in den Ausgangsbedingungen und Zielorientierungen sollten alle gleiche Chancen bekommen in einer toleranten, bunten und vielfältigen Gesellschaft. Unterschiedliche Startbedingungen sollten nicht mehr Lebensschicksal sein.

Dieses Versprechen der Postmoderne auf freie Entfaltung von Potenzialen, auf Überwindung von Macht- und Ungleichheitsstrukturen, ihr Lob der Verschiedenheit und ihr gleichzeitiges Versprechen von Förderung der Benachteiligten und Schaffung von „entgegenkommenden Verhältnissen“ führt den Impuls der Aufklärung fort. Das Licht der Aufklärung wird in Bereiche geworfen, die vorher als gegeben erschienen. Vor allem der untere linke Quadrant der Intersubjektivität, unserer Kultur und der unhinterfragten Wahrheiten und Annahmen geriet ins Blickfeld der aufgeklärten Aufklärerinnen und Aufklärer. Das Ziel des mündigen und zugleich verantwortlichen Individuums der Aufklärung wurde in den gesellschaftlichen Kontext gestellt. Gleiche Chancen in einer demokratischen Gesellschaft fordern einen Ausgleich der Startbedingungen und eine Förderung vor allem derjenigen, die sozial und kulturell benachteiligt sind. Erst wenn nicht mehr unsere Herkunft, also unsere Vergangenheit, über unser Schicksal entscheidet, fühlen und interpretieren wir uns nicht mehr als Opfer, sondern zumindest als Ko-Konstrukteure unserer Wirklichkeit und können uns somit zu Meistern unseres Lebens entwickeln.

Erst eine Gesellschaft, die die individuellen Potenziale ihrer Mitglieder fördert, statt sie zu fesseln oder zu behindern, ist eine wirklich freie Gesellschaft, eine Gemeinschaft von Menschen, die bereit sind, über ihren eigenen momentanen Bewusstseinsschwerpunkt oder Horizont hinauszugehen in eine noch zu schaffende Zukunft, die wir nur erahnen können.

Die Verheißung dieser Fülle und Vielfalt hat uns die Postmoderne gebracht: Gefühl und Verstand, Körper und Geist, männlich und weiblich, introvertiert und extrovertiert, etc. Das sind ihre besten Seiten. Hier ist ein reich gedeckter Tisch mit vielen Angeboten und unendlichen Potenzialen. Jeder und jede ist wichtig, jeder und jede kann etwas beitragen zum Wohl des Ganzen und eine besondere Blume im großen Garten des Lebens sein.

Tränen über den Wahnsinn…

Die Parade der Verschiedenheit erlebt ihre Perversion vor allem dort, wo wir vor lauter Verschiedenheit keine Gemeinsamkeiten, kein Gemeinwohl und keine großen Aufgaben mehr finden. Der heilige Gral der ideologisierten Differenz ist das einzigartige Individuum, das sich selbst feiert und seine narzisstische Burg von allen anderen abgrenzen und verteidigen muss. Hier hat die Postmoderne die Aufklärung nicht weitergeführt, sondern sie über Bord geworfen, so wie die Moderne die Werte und Vorzüge der Tradition inklusive Religion und Mystik komplett über Bord geworfen hat, statt sie zu transzendieren und ihre Qualitäten zu inkludieren. Es scheint, dass jede Entwicklungsstufe der Menschheit, die nicht den gesamten Prozess und seinen dialektischen Verlauf erkennt, zu Extremen neigt. Wir grenzen uns stark von dem ab, was wir nicht mehr sein wollen, und werfen Dinge über Bord, die wir später in einem Prozess der Re-Integration wieder einsammeln müssen. So auch die Postmoderne: In ihrer berechtigten Kritik an den Pathologien der Aufklärung hat sie die Würde der Aufklärung mit über Bord geworfen, mit den wissenschaftlichen Verfehlungen und Verkürzungen auf das Außen der Dinge auch den wissenschaftlichen Anspruch an sich: Die Leidenschaft nach immer tieferer Erkenntnis, die Bereitschaft, alle Vorannahmen in Frage zu stellen und Dinge und Zusammenhänge aus immer neuen Perspektiven anzuschauen und sich mit anderen darüber auszutauschen. Nicht nur die Unzulänglichkeit bisheriger Wissenschaft wurde kritisiert, sondern Wissenschaft und Rationalität wurden insgesamt denunziert.

„Alles ist verschieden und gleichwertig“ heißt auch, essenzielle Unterschiede in der Entwicklung einzuebnen zugunsten eines Wischiwaschi und Keine-Unterschiede-Nebels. Hauptsache nicht (be)urteilen! Damit pervertiert die Postmoderne ihren eigenen ursprünglich aufklärerischen Impuls, Machtstrukturen zu enthüllen und zu verhindern. Erst in der Kritik an negativen Machthierarchien können positive Wachstumshierarchien oder –holarchien entstehen. Auf gesunde Urteile und Unterscheidungen zu verzichten, bedeutet auf Entwicklungschancen in Richtung größerer Gerechtigkeit und Fürsorge zu verzichten. Dann geht es nicht mehr darum, wie alle Menschen auf der Erde und alle fühlenden Wesen ein gerechtes und gutes Lebens führen und dafür auch die Lebens- und Entwicklungschancen erhalten können. Vor lauter Feier der Differenz vergessen wir, dass die Differenz zwischen einem Leben auf den unteren Stufen der Entwicklung und den höheren Stufen Differenzen von Lebens- und Entwicklungschancen sind – Chancen, die wir allen Wesen auf diesem Planeten ermöglichen sollten.

Um diese große Aufgabe der Aufklärung fortzusetzen, müssen wir die Verlorenheit (und Verlogenheit) in der Differenz und unsere Selbstbespiegelung auf einem hohen Level von Entwicklung innerhalb der Differenz aufgeben.

Aufklärung 2.0

Es ist Zeit, dass wir den Impuls der Aufklärung über die Postmoderne hinausführen. Aufklärung 2.0 oder die integrale Ebene der Bewusstheit ist eine Aufklärung, die sich ihrer selbst bewusst ist, ihrer Würde, aber auch ihrer historisch gewordenen und weitergegebenen Pathologien – von ihrem ersten Auftreten als gesellschaftliche Entwicklungsebene seit der Renaissance bis zu ihrer Weiterentwicklung in der Postmoderne. Integrale Aufklärung kann sowohl die Würde der Vernunft und ihrer Universalismen von Aufklärung 1.0 schätzen als auch die Würde der Vielfalt von Aufklärung 1.5 in der Postmoderne. Sie ist eine Wissenschaft des Äußeren und des Inneren, des Individuellen und des Kollektiven – umfassende Wissenschaft des Relativen, die sich ihrer Relativität angesichts des Absoluten bewusst ist. Sie weiß, dass sie sich ständig entwickeln muss, weil Evolution nicht bei dem Heute stehen bleibt, denn die Engel von heute sind die (im günstigsten Fall integrierten) Teufel von morgen. Dieser großen Erkenntnis eines absoluten Relativismus in der Manifestation kann sie sich mutig stellen, ohne den großen Schatz des relativen Wissens unserer Zeit abzuwerten. Sie kann das, was schon ist, liebevoll umarmen und schätzen und gleichzeitig sehen, dass alles Manifeste relativ ist. Aufklärung 2.0 ist eine Aufklärung, die sich ihrer selbst bewusst ist als eine selbst-reflektive Aufklärung, die sich als kontiunierlichen evolutionären Prozess des immer tieferen Verstehens erkennt. Diese tiefe Demut in der Leidenschaft für immer mehr Tiefe und Komplexität ist gegründet darin, dass Aufklärung 2.0 einen grundlegenden Unterschied macht: zwischen dem relativen Manifesten, das sich ständig entwickelt und Gegenstand der Aufklärung ist, und dem absoluten Nicht-Manifesten, das alle Mystiker dieser Welt als Erleuchtung, die Erkenntnis und das Eins-Sein mit dem Urgrund des Seins bezeichnen, dem großen Mysterium, aus dem alles kommt und das wir zugleich sind. Aufklärung 2.0 integriert Aufklärung und Wissenschaft im Relativen und Erleuchtung als Wissen und Sein im Absoluten.

Als Teil der integralen Aufklärung 2.0 kann die Postmoderne mit ihrem Lob der Differenz ihre Würde behalten und ihre Pathologien überwinden.


Quelle: IP 14, 2009