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20.10.2017 : 12:43 : +0200

Entwicklungssprünge [tipping points]

Ken Wilber

(aus: Ken Wilber, the loft series, Tipping Points and the Eye of Contemplationwww.integrallife.com, 2011)

Vorwort der IL Redaktion

Sie haben wahrscheinlich schon von der Voraussage von Ken gehört, dass wenn 10% einer Bevölkerung eine integrale Entwicklungsstufe erreicht, dass dann die integralen Werte den Mainstream dieser Kultur zu durchdringen beginnen. Doch gibt es dafür Beweise? Facebook behauptet das, zusammen mit einer Gruppe von RPI Wissenschaftlern[1], die ihre Beobachtung kultureller Entwicklung aus der Perspektive des unteren rechten Quadranten in einem Journal das sich mit „Physik der weichen Materie“ beschäftigt veröffentlicht haben.

Hier ist ein bisschen Voice Dialog angebracht, der Art „darf ich bitte mit der Stimme des Skeptikers sprechen?“ Das Journal um das es sich handelt heißt „Physical Review E”, und man findet dort auch interdisziplinäre Physik, – aber Interdisziplinarität hin oder her – wir empfehlen, dass man sich diesem Thema mit einer gesunden Dosis kritischen Denkens nähert. Einige der Perspektiven in dieser Richtung beginnen wir mit dem Gespräch dieses Monats aus der „loft series“, wo Ken darauf hinweist, dass die Forscher dieses Beitrags über die funktionale Verbreitung von Ideen in Netzwerken sprechen. Sie sprechen nicht über Ebenen von Bewusstsein, Werte oder Überzeugungen. Die Simulationsdaten auf die sich der Forschungsbericht bezieht weisen in der Tat darauf hin, dass die Rate der Übernahme von Minderheitenvorstellungen deutlich zunimmt wenn diese Minderheit 10% erreicht – doch dies bedeutet in keiner Weise, dass wenn beispielsweise 10% der gegenwärtigen Bevölkerung eine integrale Entwicklungsstufe erreicht, sich die Entwicklung zum Integralen hin rapide beschleunigt. Darüber reflektierend weist Ken auf die gegensätzliche Bewegungsrichtung hin, (wo die Werte des Integralen sich nach unten hin verbreiten, im Gegensatz zu einer Entwicklung aller anderen Werte hin zum Integralen). Diese Betrachtung könnte sich als interessanter herausstellen, auch im Hinblick auf die Deutung der Forschungsergebnisse. Mit dem Erreichen von 10% einer Bevölkerung einer Entwicklungsstufe (z. B. Grün/postmodern) beginnen die Vorstellungen und Werte dieser Ebene (z. B. Nachhaltigkeit) durchzusickern und die vorangegangenen Ebene zu durchdringen, die ja nach wie vor in dieser Kultur vorhanden sind. Anstatt also zu sehen wie bernsteinfarbene (traditionell) und orange (modern) Entwicklungsstufen ihre Entwicklung zu Grün beschleunigen, sehen wir bernsteinfarbene und orange Versionen und Ausdrucksformen dieser neuen und populär werdenden grünen Werte.

KW: Es gibt eine Studie die nahelegt, dass wenn eine bestimmte Idee zehn Prozent einer Bevölkerung erreicht, dass sich diese Idee oder Vorstellung dann sehr schnell in der gesamten Bevölkerung verbreitet. Ich sage schon seit längerem, dass wenn die Spitze einer Entwicklung [leading edge] zehn Prozent einer Bevölkerung ausmacht, dass dann einige der Werte dieser Bewegung sich in der gesamten Kultur verbreiten, und sie gewissermaßen sättigen und einen Einfluss nehmen. Diese Vorstellung scheint, wenn auch auf eine oberflächliche Weise, durch diese Studie unterstützt zu werden. Doch was nicht wirklich klar dabei ist, ist was nun genau sich dabei in der Kultur ausbreitet. Ich glaube immer noch, dass dies allgemein gesprochen so ist, doch was bei dieser „Sättigung“ wirklich geschieht, ist nicht wirklich klar. Nehmen wir als ein Beispiel die französische und die amerikanische Revolution, die sich ereigneten als zehn Prozent der Bevölkerung die orange Bewusstseinsstufe erreichte. Dadurch entstanden repräsentative Demokratien, das Ende der Sklaverei und vieles andere mehr. Dies ereignete sich, obwohl lediglich zehn Prozent der Bevölkerung diese Werte teilten. Doch auf irgendeine Weise „sickerten“ diese Werte in die Gesamtbevölkerung und erreichten auch alle unteren Entwicklungsebenen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wurde Sklaverei für illegal erklärt, in allen rational-industriellen Kulturen weltweit. Das hatte es bis dahin noch nie gegeben, auch wenn lediglich zehn Prozent der Bevölkerung diesen spezifischen Wert miteinander teilten. Dieser Wert war ein weltzentrischer Wert, der für eine faire Behandlung aller Menschen eintritt, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Rasse oder Herkunft. Dafür standen nur zehn Prozent der Bevölkerung, und doch wurde auf irgendeine Weise davon die gesamte Bevölkerung erfasst, so dass sich die Idee, dass Sklaverei falsch ist, durchsetzte. Dadurch ergab sich eine völlig neue Situation in der Menschheitsgeschichte, auch wenn Menschen wie Thomas Jefferson[2] noch Sklaven hatten. Doch insgesamt und mehr und mehr änderten sich die Ansichten gegenüber der Sklaverei, und das betraf alle Entwicklungsstufen. Im Westen wurde der Sklavenhandel beendet, und es waren Menschen der Religion die hier Vorreiter waren, wie Bischof Wilberforce, der dabei dennoch eine traditionelle bernsteinfarbene Glaubensstruktur beibehielt. Er war weiterhin der Überzeugung, dass es nur einen Weg zur Erlösung gibt, und dennoch änderte er plötzlich seine Haltung gegenüber der Sklaverei. Etwas von dieser orangen Wertestruktur „tropft“ hinunter und beeinflusst die Werte vorangegangener Ebenen und Strukturen. Es wäre daher interessant zu studieren und zu untersuchen was da genau vor sich geht, und was sich da wirklich ereignet und verändert. Wir konnten das gleiche bei der grünen, pluralistischen Wertestruktur beobachten, und deren Einfluss auf die Kultur als Ganzes. Auf einmal wurden Umweltwerte zu einem Thema, die Bürgerrechtsbewegung kam in Gang, und eine Reihe von Gesetzen wurden auf den Weg gebracht, welche die Bürgerrechte zum Inhalt haben – auch wenn nur weniger als zehn Prozent der Bevölkerung sich auf dieser Entwicklungsstufe befanden. Was ist es also, was hier geschieht? Was ist die orange Version grüner Werte, was ist die bernsteinfarbene Version grüner Werte, was ist die rote (egozentrische) Version grüner Werte – irgendetwas dieser Art geschieht, und das ist sehr interessant. Es ist besonders interessant, wenn wir den Blick nach vorne richten, auf den Zeitpunkt, zu dem zehn Prozent der Bevölkerung den zweiten Rang (second tier Entwicklungsstufe) erreichen. Die Frage ist dann, welcher Teil oder Aspekt integraler Werte sich dann in den unteren Ebenen verbreitet. Wie sehen die grüne, die orange, die bernsteinfarbene Version integraler Werte aus? Wie wird sich das in unserer Zukunft auswirken und wie wird das aussehen? Das ist eine wirklich interessante Frage, theoretisch und praktisch, und wir wissen, dass sich in der Vergangenheit derartiges ereignet hat, es hat sich ein halbes Dutzend mal ereignet, als die Spitze der Entwicklung zehn Prozent der Bevölkerung erreichte, und es zu einem Entwicklungssprung kam, mit einem „Durchsickern“ in die unteren Entwicklungsstufen, eine Art von Einfluss von der Spitze einer Entwicklung auf die vorangegangenen Werte. Und es gibt eine rote Version dieser neuen Werte, eine bernsteinfarbene Version, usw. Ich freue mich, von diesen zehn Prozent nun auch in dem Forschungsbericht zu lesen, doch das eigentliche Thema wird dabei nicht angesprochen. Was wir wissen ist, dass als diese zehn Prozent der orangen Werte die unteren Entwicklungsstufen zu beeinflussen begannen, sich dennoch lediglich zehn Prozent der Bevölkerung auf der orangen Entwicklungsstufe befanden. Das änderte sich erst einmal nicht. Mit der Beendigung der Sklaverei, bei etwa zehn Prozent der Bevölkerung bei Orange, geschah nicht gleichzeitig eine Entwicklung der, sagen wir, vierzig Prozent der Bevölkerung von bernsteinfarben bis zu Orange. Das passierte nicht, sondern diese Menschen blieben in ihrer Entwicklung mehr oder weniger dort wo sie waren. Dennoch hat die Spitze einer Entwicklung einen wirklich tiefgreifenden Einfluss auf die Weise, wie Werte auf den unteren Entwicklungsstufen betrachtet werden. Was geschieht da wirklich, was bedeutet das, wie genau geschieht diese Einflussnahme? Eines der Probleme, denen wir uns gegenübersehen ist, dass Entwicklungsthemen und Entwicklungsstudien ganz allgemein bei der Diskussion über welches Thema auch immer in diesem Land [USA] so gut wie nicht berücksichtigt werden. Ob es um Politik, um Spiritualität, um Medizin oder irgendetwas anderes geht – Entwicklungsthemen werden praktisch ignoriert. Das ist ein großes Handikap, weil die sich entwickelnden Weltsichten einen gewaltigen Einfluss auf praktisch jedes Thema haben. Mit einer Betrachtung jeder der aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen ändert sich so gut wie alles. Doch was genau dabei geschieht, ist eines der Dinge, die wir doch nicht wirklich verstehen. Wir verstehen nicht, wie dieser Entwicklungssprung vonstattengeht, und die damit verbundenen Auswirkungen eines „Durchsickerns“ auf alle vorangegangenen Entwicklungsstufen. Das gilt es im Auge zu behalten, es ist ein sehr, sehr interessantes Thema.   


Quelle: Online Journal Nr. 32/ 2011



[1] A. d. Ü.: Das Rensselaer Polytechnic Institute (auch kurz: RPI) ist eine Technische Hochschule in Troy, New York. Eine kritische Betrachtung dieser Forschungsergebnisse von Clint Fuhs findet sich hier: integrallife.com/member/clint-fuhs/blog/10-tipping-points-critical-appraisal-recent-proof

[2] A. d. Ü.: Thomas Jefferson war der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, und ein Mitverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.