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20.11.2017 : 8:53 : +0100

Gesellschaftliche und persönliche Entwicklung

Hilde Weckmann

 

Aufbruch

Seit den 70er Jahren bin ich aktiv, erst in politischen, dann in feministischen und ökologischen Bewegungen. Unsere Ziele waren persönliche Weiterentwicklung und Gesellschaftsveränderung. Die beiden Schienen liefen parallel, mal ging es mehr um Selbstveränderung, mal mehr um die gesellschaftliche Entwicklung. Diese Bewegungen waren in allen Quadranten aktiv, wir betrieben Innenschau in Encountergruppen oder durch Meditation, änderten unser Verhalten mit therapeutischen Ansätzen, arbeiteten in Gruppen (basis)demokratisch zusammen und begannen zu verstehen, wie Systeme funktionieren. Mit großer Begeisterung lauschten wir den Pionieren der Kybernetik und KI und glaubten zu verstehen, wie in der Materie alles mit allem verbunden ist und welche Rolle Rückkopplungen spielen. Die Offenheit im Umgang miteinander und das Verständnis systemischer Ansätze waren echte postmoderne Errungenschaften, damit wurde die pluralistische Entwicklungswelle gestärkt. Gleichzeitig waren viele von uns beeinflusst von magischen, schamanischen und retroromantischen ökologischen und feministischen Weltsichten. Andere ließen sich von Gurus mit sehr traditionellen Sichtweisen disziplinieren und fühlten sich da geborgen.

Meine politische Weltsicht fühlte sich der Aufklärung verpflichtet und lehnte Magie und Spiritualität ab, heute im Rückblick kann ich erkennen, wie viel magisches Denken dennoch im Spiel war.


Wir bewegten uns in den gesellschaftlichen Bereichen Gesundheit, Bildung und Wirtschaft und dachten nicht nur über alternative Modelle nach. Wir lebten sie vor in Frauengesundheitszentren, Geburtshäusern, Alternativschulen, die inspiriert waren von Montessori, Illich, Neill, Wild u.v.a.m. Einige von uns gingen aufs Land, um sich selbst und uns mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, andere gründeten bankähnliche Netzwerke, Banken und vor allem Wirtschaftsbetriebe, um von konventionellen Strukturen weniger abhängig zu sein. So begannen wir in Berlin, landwirtschaftliche Produkte von Biobauern aus Norddeutschland zu vermarkten. Es entstanden Nischen im Bereich Landwirtschaft, Produktion und Handel, wir wollten vieles ganz anders machen und überschaubare regionale Kreisläufe stärken, waren aber auch gern in aller Welt unterwegs, um Landwirte zur Umstellung auf ökologischen Anbau zu bewegen, Kontrollstrukturen aufzubauen und unsere Waren einzukaufen. Der ökologische Fußabdruck wurde damals noch nicht gemessen.


Die Entwicklung der Beziehungen untereinander war ein Dauerthema. Einige leben in kommunitären Strukturen, sie waren und sind die Labors der sozialen Kompetenzen, historisch betrachtet von Klöstern über Kibbuzim bis zu Landkommunen und Patchworkfamilien.


Im Mainstream angekommen

In den vergangenen vierzig Jahren sind viele unserer damaligen Anliegen in den Mainstream eingesickert, postmoderne Vorstellungen zu einem bewussteren Miteinander, zu Wellness und Gesundheit, zu Bildung und Spiritualität sind in unseren westlichen Kulturen bei bis zu einem Viertel der Bevölkerung angekommen. Dennoch sind Gesundheitssysteme, Schulen und Wirtschaft weitgehend bestimmt vom traditionellen und modernen Denken (auch viele der anfangs alternativen Unternehmen) und schaffen mit weltweiter Arbeitsteilung Wohlstand für eine größere Anzahl von Menschen als je zuvor. Mit der Moderne folgte der Aufstieg der Mittelschichten in sehr kurzer Zeit, mit Mobilitäts- und Konsummustern, die nun als Menschenrecht von jenen eingefordert werden, die noch nicht daran teilnehmen können.


Viel erreicht und viel zu tun

Gleichzeitig gibt es so viele hungernde und notleidende Menschen und so viele für unseren Konsum gequälte Tiere wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Hier liegen Würde und Katastrophe der Moderne nah zusammen: Wir können durch extrem effektive Methoden in (landwirtschaftlicher und Tier-) Produktion, Fischfang, Transport und Hygiene- und Gesundheitsleistungen wesentlich mehr Menschen auf unserem Planeten ernähren und dabei fast die Hälfte der Nahrungsmittel wegwerfen. Das war auch früher annähernd so, weil geeignete Transport- und Lagermöglichkeiten fehlten, nur heute ist die absolute Zahl wesentlich höher. Gleichzeitig bleibt die Anzahl derer etwa konstant, die keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser, zu landwirtschaftlichen Flächen und Nahrungsmitteln haben. Das hat viel mit Gerechtigkeit und Verteilungsmodalitäten zu tun, und ist auch vom Bewusstsein der Betroffenen und ihren (religiösen, sozioökonomischen) Weltsichten geprägt. Das Handeln der Regierungen ist oft getragen von Haltungen und Überzeugungen in der Bevölkerung. Sobald diese sich in ausreichendem Maße ändern, werden politische Veränderungen (in oft langwierigen und schmerzlichen Prozessen) herbeigeführt. Menschenrechte, Rechte für Frauen, Kinder und Mitgeschöpfe tauchen erst mit der Moderne und zum Teil erst in der Postmoderne im Bewusstsein auf und sind in großen Teilen der Welt nicht durchgesetzt, und auch bei uns noch nicht überall und noch nicht sehr lange. Sogar in der Schweiz, dem Land von Piaget, C. G. Jung und Gebser, gab es Verdingkinder (Landwirtschaftssklaven) bis in die 70-er Jahre, das Frauenwahlrecht kam erst 1971.


Seit etwa vierzig Jahren verbrauchen Menschen mit modernem und der größte Teil derer mit postmodernem Bewusstsein durch ihren Lebensstil Energie und Materie in einem Ausmaß, dass wir dazu mehrere Planeten bräuchten, wenn die gesamte Weltbevölkerung diesen Standard erreichen sollte. Die Modernen wollen das technisch lösen, Postmoderne beziehen sich angesichts dieser Situation gern auf kosmische Fülle oder magisch-technische Durchbrüche, und beide beharren auf Konsum als einem Menschenrecht. Im Westen werden junge Generationen in den prägenden Lebensjahren auf Lustgewinn durch Konsum und Mobilität geprägt.


Initiativen

Gleichzeitig zeigen uns postmoderne Bewegungen andere Entwicklungsoptionen als gesellschaftliche Vorbilder auf und leben diese vor. Im Rahmen der Transition-Town-Bewegung (etwa ‚Stadt im Wandel‘) gestalten seit 2006 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt den geplanten Übergang in eine postfossile, re-lokalisierte Wirtschaft. Initiiert wurde die Bewegung u. a. vom irischen Permakulturvertreter Rob Hopkins.
Urbaner Gartenbau, auch Urban Gardening, ist die meist kleinräumige, landwirtschaftliche Nutzung städtischer Flächen innerhalb von Siedlungsgebieten oder in deren direktem Umfeld. Nachhaltige Bewirtschaftung der gärtnerischen Kulturen, die umweltschonende Produktion und ein bewusster Konsum der landwirtschaftlichen Erzeugnisse stehen im Vordergrund.
Prof. Martina Schäfer erforscht regionale nachhaltige Wohlstandsentwicklung. Die Stromrebellen aus Schönau nahmen die Energieversorgung ihrer Region in die eigene Hand.

Eine Reihe von Initiativen treibt Tauschringe und unter dem Motto ‚Teilen statt Besitzen‘ Formen einer Share Economy voran. Der Begriff wurde vom Harvard-Ökonom Martin Weitzman geprägt und besagt im Kern, dass sich der Wohlstand für alle erhöht, je mehr unter allen Marktteilnehmern geteilt wird.

Große postmoderne Hoffnungen werden auf Veränderungen im Geldsystem gesetzt. Ethikbanken bleiben dem traditionellen Bankethos verpflichtet und haben großen Zulauf. Regionalgeld ist eine lokale Komplementärwährung, die innerhalb des regionalen Währungsgebiets als Zahlungs-, Investitions- und Schenkungsmittel zwischen Verbrauchern, Anbietern und Vereinen verwendet wird. Verbunden damit sind oft Negativzinsen, die das Geld in der Region in Umlauf halten sollen. Viele Initiativen für ein Grundeinkommen wollen Arbeit und Einkommen entkoppeln.

Eine Postwachstumsökonomie, insbesondere Prof. Niko Paech, bezieht sich auf Prof. Joseph Hubers Dualwirtschaft. Frithjof Bergmanns new work und andere Ansätze befürworten mehr Suffizienz und ein besseres Leben mit mehr Gemeinsinn und deutlich reduzierter Arbeit in der globalen Wirtschaft. Prof. Harald Welzer empfiehlt in seinem Buch ‚Selbst Denken‘, und zeigt mit Prof. Stephan Rammler im Zukunftsalmanach Beispiele des Gelingens und wirbt mit positiven Szenarien für die Zukunft.
Christian Felbers Gemeinwohlökonomie zielt auf einen Bewusstseinswandel der wirtschaftlichen Akteure in Richtung ökosozialer Marktwirtschaft. Diese will auch Prof. Franz Josef Radermacher mit seiner Global Marshall Planinitiative erreichen, wenn auch mit ganz anderen Mitteln.

Grundlegendes Umdenken in der Produktion erfordert Michael Braungarts ‚cradle to cradle‘ Ansatz, der Stoffkreisläufe wie die Natur nutzen und Abfall vollständig vermeiden will. Die  Blue Economy von Gunter Pauli will Abfälle kreativ sinnvoller Nutzung zuführen, beide postulieren, dass sie die Ökosysteme der Erde schützen und gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen wollen.
Bernd Kolb, Gründer des Club of Marrakesh, bereist Europa mit einem Vortrag, angelehnt an Al Gores ‚unbequeme Wahrheit‘. Der Club versteht sich als globales, interdisziplinäres Netzwerk, in das Menschen aus Unternehmen, Wissenschaft und Kunst, Medienschaffende und geistliche Führungskräfte ihre Expertise einbringen sollen, um Lösungen für globale Probleme zu entwickeln.

Um Landgrabbing entgegenzuwirken wird im anthroposophischen Umfeld schon seit Jahrzehnten Land von Stiftungen gekauft und Ökolandwirten zur Verfügung gestellt. Die neue Regionalwert AG ist eine Bürgeraktiengesellschaft, durch die Landwirtschaft und Regionalwirtschaft sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig gestaltet werden soll. Aktionäre stellen Kapital zur Verfügung und können sich damit an regionalen Prozessen nicht nur finanziell, sondern auch gestalterisch beteiligen.

Entwicklung in allen Quadranten (persönlich, gemeinschaftlich und systemisch)

Alle diese Ansätze sind genau wie unsere anfänglichen Ziele in der Ökobewegung tendenziell der Postmoderne zuzurechnen und wirken eher in den rechten Quadranten. Manche lesen sich wie postmoderne Wunschlisten als Beschwörung gegen die negativen Auswirkungen der Moderne, oft ohne die Moderne zu verstehen. Sie sind oft sehr differenziert und berücksichtigen viele Perspektiven, übersehen aber meist, dass große Bevölkerungsteile noch traditionell bis modern orientiert sind und damit große Bewahrens- und Beharrungskräfte wirken. Deshalb ist gesellschaftliche Evolution oft viel langsamer als wir es manchmal gerne hätten.

Dennoch sind Moderne und Postmoderne in den letzten Jahrzehnten in einem Tempo vorwärtsgestürmt wie noch nie in der Geschichte der Menschheit.

Eine Generation durfte und musste so viele signifikante Veränderungen durchleben wie bisher mehrere Generationen. Hilfreich wäre, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen und ökologisch-ökonomisch-soziale Leitplanken zu setzen, z. B. durch Steuern und Abgaben. Doch unsere Regierungen kommen bei diesem evolutionären Tempo nicht hinterher, das Bewusstsein großer Menschengruppen schafft die Adaptionen nicht schnell genug.

Im postmodernen Feld wird im intersubjektiven Quadranten links unten auf Weiterentwicklung von Gemeinsinn und Kommunikation gesetzt. Eine an der Meinung des Anderen anknüpfende und Verbindung schaffende Kommunikation wird, so hoffe ich, eine der großen Leistungen der Postmoderne werden. Dies kann nur ein spät- bzw. postrationales Bewusstsein leisten, das war in keiner der Traditionen möglich, weil es dort zwar einzelne herausragende Persönlichkeiten, aber kein ausreichendes pluralistisches Bewusstsein gab.

Im Integralen wird die wertschätzende Integration von Ansätzen aus Tradition, Moderne und Postmoderne in allen Quadranten auf eine differenzierte und nicht nur pluralistische Weise angestrebt.

Ich hoffe, viele der hier aufgeführten postmodernen Puzzlesteine helfen uns dabei weiter. Es sind Vorschläge, die schon in Erprobung sind und als neue Praxis eingeübt werden und als Vorbilder dienen können. Dazu braucht es Schattenintegration und persönliche kognitive, sozial-emotionale, ethische u. a. Entwicklungen im linken oberen Quadranten und beständige Weiterentwicklung von Kommunikation. Hier scheint mir hilfreich, was Bohm mithilfe Krishnamurtis als Dialog begonnen hat, und was Senge, Kofman, Scharmer und andere am M.I.T und an vielen anderen Orten weiterentwickeln. Wichtig ist auch die Entwicklung und breitere Erprobung und Umsetzung all dessen, was in den letzten fünfzehn Jahren bei Großgruppenfacilitation, Holakratie und teils auch bei evolutionärem Dialog, transparent communication usw. versucht wird: Menschen im Miteinander durch kommunikative Prozesse in ihrer Entwicklung zu fördern.


(aus: integrale perspektiven Nr. 27)