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23.3.2017 : 9:10 : +0100

Die grundlegende moralische Intuition

Ken Wilber

(aus: integrallife.com/ken-wilber-dialogues/basic-moral-intuition)

[Ein Hinweis: die Zwischenüberschriften wurden für eine bessere Lesbarkeit hinzugefügt]

Einleitung der integrallife Redaktion

Ken Wilber spricht mit dem Integral Without Borders Team über die Vorstellung einer “grundlegenden moralischen Intuition” (GMI), als der Vorstellung, dass jeder Mensch eine allgemeine Intuition von Moral hat und diese konkret innerhalb seines eigenen Kontextes zum Ausdruck bringt. “Die Intuition ist gegeben, das Auspacken dieser Intuition ist schon immer unser moralisches Dilemma”, sagt Ken Wilber. Wie kann uns dieses Verständnis dabei helfen bessere Entscheidungen zu treffen für uns selbst und die Welt in der wir leben, individuell und gemeinschaftlich?

KW: Eines der Dinge, die im Hinblick auf die GMI interessant sind – und es gibt viele verschiedene Aspekte –, ist, dass jedes Wesen eine Intuition des GEISTES hat, eine Intuition der Existenz einer spirituellen Wirklichkeit. Diese spirituelle Wirklichkeit treibt vieles an und eines davon ist, dass GEIST mir gegenwärtig ist und einem anderen empfindenden Wesen auch, und dann ist die Frage: Wie gehe ich angemessen mit dieser anderen Manifestation von GEIST um? Dieses andere Wesen ist mehr als nur ein nützliches Werkzeug oder ein Mittel zum Zweck für mich, doch es wird Menschen geben, welche die GMI in diesem Sinn auspacken, eben aus dem Grund weil die GMI entsprechend der eigenen Interpretationsmöglichkeiten interpretiert wird. Diese hängen von der eigenen Entwicklungsstufe ab, von den zum Einsatz kommenden Entwicklungslinien, usw. Daher ist es, wie schon gesagt, so, dass die Intuition gegeben ist, doch das „Auspacken“ dieser Intuition immer ein moralisches Dilemma bleibt. Betrachten wir GEIST im manifesten Bereich, dann ist eines Dinge, die dabei eine Rolle spielen, der Zeitfaktor, also Entwicklung und Zeit.

Entwicklung und Zeit

Für die meisten empfindenden Wesen gilt: Je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto mehr Entwicklung und Evolution kann stattfinden, und desto mehr Tiefe und Bewusstheit kann dabei entstehen – und auch mehr GEIST. Ganzheit kann man auch in diesem Zusammenhang sehen – je größer die Ganzheit, desto größer der GEIST. Tiefe und Ganzheit stehen in Verbindung mit Gesundheit – diese können wir auch in das Gesamtbild einbringen. Darum geht es. Gleichzeitig wollen wir den Individualismus vermeiden. Wenn Menschen erstmals von den utilitaristischen Vorstellung von Moral etwas hören, etwas wie „das größte Glück und Gutheit für die größte Anzahl“, dann empfinden das die meisten als richtig. Es ist richtiger als zu sagen „das größte Glück nur für den König“, das macht Sinn. Doch dann stößt man auf etwas wie das von Stuart Mills: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch als ein zufriedenes Schwein zu sein.“ Und man erkennt, dass was immer man an die größte Anzahl geben möchte, dass es sich dabei nicht nur um eine gleichförmige Menge handeln kann. Die Frage die sich stellt ist, was will man wirklich schützen und fördern, und dabei spielt eben auch Tiefe eine Rolle. Eines der Dinge dabei ist, dass Tiefe zu anderen Themen in diesem Zusammenhang einen Bezug hat. Tiefe hat mit Zeit zu tun. Allgemein gesagt, je mehr Zeit, desto größer die Tiefe, Ganzheit und Gesundheit. Alle diese Faktoren können in ein verbindendes Gesamtbild einbezogen werden bei der Beantwortung der Frage, was ist die richtige Art ist, ein anderes empfindendes Wesen zu behandeln.

Handeln in der Welt

Ein weiterer Zusammenhang besteht zu Umweltthemen. Integrale Theorie behauptet, zusammen mit vielen anderen, dass alle empfindenden Wesen einen Grad von Bewusstheit haben, oder zumindest eine Form von Wahrnehmung, wie Whitehead das genannt hat. Alle empfindenden Wesen sind daher nicht nur Manifestationen der großen Vollkommenheit oder Big Mind oder Brahman, sondern jedes empfindende Wesen besitzt auch eine bestimmte Menge an GEIST, als ein Teil der Ganzheit dieses bestimmten empfindenden Wesens. Ganzheit wiederum steht im Zusammenhang mit dem intrinsischen Wert eines Wesen. Jedes empfindende Wesen hat ein Maß an Tiefe, Entwicklung, GEIST, Ganzheit und Gesundheit. Da wir jedoch Entscheidungen zu treffen haben, das „Auspacken“, ist die Frage, wie wir uns entscheiden. Welche Zeit und Mittel investieren wir, um ein Ökosystem zu erhalten, oder den sibirischen Tiger oder eine andere Art, die vom Aussterben bedroht ist? Hier müssen wir ganz konkrete Entscheidungen treffen im Hinblick auf diese unterschiedlichen empfindenden Wesen. Das beschränkt sich nicht nur auf menschliche Wesen. Der Grund dafür ist, dass alle empfindenden Wesen eine Manifestation von GEIST sind und gleichzeitig GEIST verkörpern. Daher sollten alle empfindenden Wesen zu einem gewissen Grad mit moralischen Respekt und moralischer Würde behandelt werden. An dieser Stelle müssen wir über Grade von Tiefe und Ganzheit und intrinsischem Wert sprechen, den unterschiedliche empfindende Wesen haben. An dieser Stelle kommt die Vorstellung einer Bio-Egalität in Schwierigkeiten, wenn sie sich jeglicher Unterscheidung verweigert und alle empfindenden Wesen als „gleichwertige Stränge im großen Gewebe des Lebens“ ansieht. Dabei wird nicht unterschieden zwischen dem Wert eines HIV Virus und dem eines sibirischen Tigers. Für den Bio-Egalitarismus sind beide von gleichem Wert. Doch das macht keinen Sinn – ein Mensch, der eine HIV Infektion hat produziert, eine Milliarde HIV Viren jeden Tag. Eines davon hat nicht den gleichen Wert wie ein Hirsch oder Tiger zum Beispiel oder auch nur – meiner Meinung nach – dem eines Wurms. Hier spielt das Auspacken eine Rolle. Was wir feststellen ist, dass, wenn wir eines der beiden weglassen, Tiefe oder Spanne, das Ergebnis dann nicht sehr moralisch ist. Die Entscheidungen, die wir dann treffen, sind nicht von hohem moralischem Wert. Der Zeitaspekt spielt dabei eine wesentliche Rolle, für Individuen wie auch für Kulturen. Es gibt eine aktuelle Tendenz, wo der Umwelt aus den falschen Gründen mehr Wert zugesprochen wird. Der Umwelt wird mehr Wert zugesprochen, aufgrund ihrer Fähigkeit Menschen zu bedrohen. Natürlich hat die Umwelt ihren eigenen Wert aufgrund ihres eigenen intrinsischen Wertes. Sie setzt sich zusammen aus empfindenden Wesen und hat daher Wert. Doch es gibt auch eine künstliche Aufwertung von Lebensformen auf Kosten anderer Lebensformen, z. B. aus Gründen eines Bedrohungspotenzials. Das kann man natürlich machen, doch wir sollten uns im Klaren darüber sein was wir dabei tun. Dieses Bewusstmachen trägt zu der Integrität bei, mit der wir die Intuition der GMI auspacken. Wo genau betonen wir einen intrinsischen Wert und in welcher Balance steht dieser zu etwas anderem? Zeit ist auch wichtig wegen ihres Bezugs zu Entwicklung und Evolution und Tiefe und Wert. Menschen, die lediglich im Hier und Jetzt leben und aus ihrer Impulsivität heraus handeln, haben keine Verbindung zur Entwicklungsentfaltung und damit auch keine Verbindung zu dem Wert, zu dem Entwicklung beiträgt. Dies kann zu Ungleichgewichten führen darüber, wo sich intrinsischer Wert befindet und was zu schützen ist. Jemand der daraus urteilt ist daher nicht jemand, dem man eine Verantwortung für ein globales Nachhaltigkeitsprojekt übertragen sollte. Je mehr wir in Begriffen einer GMI, die alle diese Faktoren berücksichtigt, zu denken beginnen, desto weiter wird die Perspektive, und wir stellen fest wie sehr diese unterschiedlichen Gesichtspunkte alle miteinander in Beziehung stehen. Das ist das, was integrales Denken sowieso anstrebt, nicht nur zu zeigen wie alles mit allem zusammenhängt.

Alles hängt nicht mit allem unmittelbar zusammen

Übrigens hängt nicht alles mit allem unmittelbar zusammen. Schaut man sich evolutionäre Entwicklungen und Hervorbringungen an, von Atomen zu Molekülen zu Zellen zu Organismen, dann ist das Niedrigere im Höheren, aber nicht alles vom Höheren ist im Niedrigeren. Sie stehen miteinander in Verbindung, ja, und ein Atom ist ganz in einem Molekül enthalten, doch das gesamte Molekül ist nicht im Atom enthalten. Daher sind nicht alle Teile des Moleküls direkt mit einem Atom verbunden. Bei dem „Alles ist mit allem verbunden“ gibt es also graduelle Unterscheidungen. Wir müssen uns darüber in Klaren sein, über welchen Grad von Verbindung wir dabei sprechen und welche Veränderung von etwas welche Veränderungen von etwas anderem bewirkt. Doch das können wir erst tun, wenn wir den Grad der Verbindung und die Art der Verbindung verstehen. Was Individuen betrifft, generell gesprochen, ist es so, dass die Tiefe, die dieses Individuum verkörpert, umso größer sein kann, je mehr Zeit berücksichtigt wird. Und größere Tiefe bedeutet größere Ganzheit und mehr verkörperter GEIST. All dies wird zu einem Faktor, der früher oder später zu berücksichtigen ist. Das macht es so interessant darüber nachzudenken, was moralisches Handeln wirklich bedeutet, gegenüber anderen empfindenden Wesen, welche ihrerseits eine Schöpfung von GEIST sind, selbst aber auch GEIST zu einem gewissen Grad verkörpern. Das macht es zu einer moralischen Intuition und führt zu Entscheidungen und einem Auspacken insgesamt. Wenn man diese Verbindungen immer weiter verfolgt, wird dies auf eine unbegrenzte Weise interessant, im Hinblick darauf, was es bedeutet, was die Auswirkungen sind, wie es anzuwenden ist in der realen Welt, und im Hinblick auf konkrete Handlungen z. B. vor dem Hintergrund von Nachhaltigkeit. Welchen Wert geben wir den unterschiedlichen Arten empfindender Wesen – von Atomen zu Molekülen zu Adlern zu Regenwäldern zu Menschen in Tulsa/Oklahoma? Dabei kommen sehr komplexe und miteinander in Beziehung stehende Interaktionen ins Spiel.

Umweltethiken

Frage: Kannst du noch etwas zu dem sagen, was du an manchen Umweltbewegungen kritisierst, dass diese kein klares Verständnis von Entwicklung haben?

KW: Ja, ich denke das ist das, was wir bei einer Reihe von moralischen Algorithmen oder Regeln verfolgen können. Sie versuchen Tiefe zu artikulieren, aber das geschieht nicht explizit und offen. Es schleicht sich gewissermaßen herein, wird hereingeschmuggelt. Man kann das fühlen, etwas fühlt sich richtig dabei an und etwas nicht. Es fehlt ein Stück Offenheit und Ehrlichkeit dabei – was genau geschützt werden soll. Das findet man sehr verbreitet in vielen Umweltethiken.

Frage: Ein Beispiel davon ist: Ich habe die Menschenrechte durchgesehen und dabei geht es vor allem um individuelle Rechte, die zu verteidigen sind gegen das Kollektiv, doch ganz am Ende, beim letzten Artikel, findet man dort auch das Recht, als Individuum unser Potenzial zu erfüllen. Ganz zuletzt hat das jemand eingefügt. Menschen haben die Intuition, dass Tiefe eine Rolle spielt, doch die meisten Formulierungen beschäftigen sich mit Spanne.

KW: Ja, es ist eigenartig, wenn man erkennt wie wichtig Tiefe ist, und wie oft diese überhaupt nicht berücksichtigt wird. Carol Gilligan hat in ihrer Arbeit vier Ebenen weiblicher moralischer Entwicklung beschrieben. Die erste bezeichnet sie als selbstbezogen, man kann auch egozentrisch sagen. Hier kümmert sich die Frau nur um sich selbst und niemanden sonst. Die zweite Stufe bezeichnet sie mit Fürsorge, und hier beginnt die Frau sich noch um jemand anderen zu kümmern als nur um sich selbst. Sie erweitert die Fürsorge auf eine Gruppe, ihre Familie, ihren Stamm, ihre Nation. Die dritte Stufe nennt Gilligan universelle Fürsorge, und das bedeutet eine Fürsorge für alle Menschen, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft. Die vierte Stufe nennt sie integral, (und das ist nicht das gleiche was ich mit integral bezeichne, aber ich verstehe warum sie diesen Begriff verwendet), und auf dieser vierten Stufe integrieren sowohl Männer wie Frauen die jeweils gegengeschlechtliche Haltung. Frauen denken in femininer wie auch in maskuliner Weise und fügen beides zusammen, und das gilt auch für Männer.

Das Rettungsbootdilemma

Die Rettungsbootsituation ist das wirklich schwierige ethische Dilemma. Was es bedeutet ist, man befindet sich in einem Rettungsbot mit zehn Menschen, doch das Boot kann nur sieben Menschen tragen, sonst sinkt es. Drei müssen also über Bord und die Frage ist, wer muss gehen? Hier werden die ethischen Prinzipien ganz konkret und müssen formuliert und benannt werden. Die erste Reaktion ist natürlich „jeder sollte im Boot bleiben“, doch das ist hier nicht möglich. Beim Rettungsbootdilemma müssen Entscheidungen getroffen werden, die ganz klar zeigen, wie man Individuen in einer Rangfolge wertet, und man kann den sibirischen Tiger noch hinzufügen. Es wird dann schwierig sich vorzustellen, dass man jemandem auf der egoistischen Entwicklungsstufe den gleichen Wert zuordnet wie jemandem auf der Stufe einer weltzentrischen universellen Fürsorge. Universelle Fürsorge bedeutet auch, sich um und für jeden im Rettungsboot zu sorgen, während die selbstbezogene Person sich nur um sich selbst kümmert. Natürlich möchte niemand sich in so einer Situation befinden – doch wenn man dazu gezwungen wäre, wen würde man über Bord gehen lassen? Viele Theorien haben keine Tiefendimension und können diese daher auch nicht berücksichtigen. Das wird wichtig bei Maßnahmen, die für andere Länder getroffen werden. Wenn Tiefe dabei nicht berücksichtigt wird, dann wird auch das menschliche Potenzial nicht berücksichtigt. Dabei spielt Bildung eine ganz wesentliche Rolle, als eine Möglichkeit für Menschen sich zu ihrem größten Potenzial zu entwickeln, d. h. heißt zu ihrer größten Tiefe – zu ihren tiefsten und höchsten Werten und Fähigkeiten und zu ihrem höchsten Wert. So etwas gehört in jede Liste von Menschenrechten und es gehört auch zu dem Thema worüber wir sprechen – und das bedeutet, dass jeder das Recht hat, sich zur größtmöglichen Tiefe hin zu entwickeln. Und natürlich geht es um Tiefe und Spanne, weil die Ressourcen begrenzt sind und Entscheidungen getroffen werden müssen. Dies sind oft schwierige Entscheidungen, doch das Treffen dieser Entscheidungen ist viel besser als das Thema in Gänze zu ignorieren – weil dann niemand zu mehr Tiefe gelangt, und das ist brutal.

Frage: Der Grund, warum ich das Thema der Menschenrechte eingebracht habe ist, dass wir daran diese Dinge genau erkennen. Wenn wir nur einen genügend langen Zeitraum betrachten, dann können wir Menschen nicht die Biosphäre zerstören. Selbst bei einem nuklearen Winter, der Endzeitvorstellung der achtziger Jahre – wenn man nur lange genug Zeit verstreichen lässt, wird sich die Biosphäre wieder erholen.

KW: Richtig. Gaia geht nicht den Bach runter, wir gehen den Bach runter.

Frage: Dies zwingt uns dazu, über unser eigenes Leben hier unter den gegebenen Konditionen nachzudenken. Schaut man sich die internationalen Definitionen und Indizes für den Begriff „Lebensqualität“ an, dann betrachten nur sehr wenige davon die menschliche Erfahrung von Leben. Praktisch alle beschäftigen sich mit Armut und materiellen Lebensbedingungen. Praktisch nirgendwo wird die Frage gestellt, was ist die Qualität meiner Lebenserfahrung?

KW: Ja, und das kann zu eigenartigen Ergebnissen führen. Ich glaube, die letzte Erhebung zum Thema Lebensqualität kam zu dem Ergebnis, dass der höchste Wert dazu in Venezuela gemessen wurde. Ich kannte jemand aus Venezuela und fragte: Ist das deine Erfahrung? Und die Antwort war, oh nein, die Leute verbringen viel Zeit in betrunkenem Zustand und das macht sie glücklich.

Frage: Wie kommen die Werte-Meme einer Entwicklungsspirale dabei ins Spiel?

KW: Es gibt viele gute Entwicklungsmodelle und das Beispiel des Modells von Carol Gilligan, das ich gegeben habe, ist ein gutes Beispiel. Viele der Modelle beschäftigen sich mit Identität, Moral, Bedürfnissen, Motivationen und sie bewegen sich allgemein von egozentrisch zu ethnozetrisch zu weltzentrisch zu etwas wie integral der kosmozentrisch. Die Frage, warum es moralisch von Bedeutung ist mit Evolution zu arbeiten, im dem Sinn dass sich mehr und mehr Menschen zu den höheren Stufen des Bewusstseins dieser Entwicklungskurven bewegen, ist, dass – und ich verwende noch einmal die Begriffe von Gilligan – jemand auf der Stufe universeller Fürsorge mehr moralische Fürsorge und Hilfe und Dankbarkeit zu mehr Menschen und Wesen verbreitet als jemand auf der selbstbezogenen Entwicklungsstufe. Eine Zunahme evolutionärer Entwicklung bedeutet daher auch eine Zunahme von moralischer und ethischer Entwicklung. Wenn wir davon ausgehen, dass es Sinn macht das Wahre, Gute und Schöne anzustreben, dann ist eine höhere Moralität dabei besser als eine niedrigere. Wir setzen dann alles daran, die Möglichkeiten für Menschen zu erhöhen, ihr eigenes Potenzial zu entwickeln, einschließlich höherer moralischer Ebenen. Dies geschieht nicht zuletzt auch darum, weil davon abhängt wie sie andere Menschen und Wesen behandeln. Auf einem Planeten voller egozentrischer oder ethnozentrischer Menschen ist Krieg oder andere Formen von Terror und Anschlägen eine direkte Folge. Die Chance auf einen wirklichen Weltfrieden besteht vor allem in Menschen, die eine universelle Fürsorge haben – und das ist eine Entwicklungsstufe. Und das betrifft nicht nur Menschen sondern alle Wesen, so dass daraus auch eine neue Umweltethik entsteht.

Größte Tiefe für größte Spanne

Auf eine kurze Formel gebracht: Die größte Tiefe für die größte Spanne, das heißt eine größtmögliche Anzahl von Menschen auf den höheren Ebenen moralischer Entwicklung und Bewusstseinsentwicklung. Übrigens zeigen uns Studien immer wieder, dass Menschen auf den höheren Entwicklungsstufen umfassender denken, fühlen und handeln. Sie lieben mehr, sie sorgen sich mehr um andere und tragen wirklich Sorge für zuerst alle Menschen, aber auch für alle empfindenden Wesen. Das macht die Berücksichtigung von innerer Tiefe so wichtig. Unsere Statistik der letzten 200.000 Jahre (und die Zahlen variieren), ist doch, dass auf ein Jahr des Friedens dreizehn Jahre Krieg kommen. Der Grund dafür ist, dass der Bewusstseinsschwerpunkt der Mehrheit der Menschen auf dem Planeten ethnozentrisch oder darunter liegt. Auch heute noch haben wir einen Anteil von 70 % der Weltbevölkerung auf ethnozentrisch oder darunter. Wenn wir also darüber reden anderen Ländern zu helfen und besser zu werden, einschließlich unseres eigenen Landes, dann stehen ganz oben auf der Prioritätenliste Maßnahmen, die dabei helfen Tiefe zu fördern, d. h. Wachstum und Entwicklung – einfach aus dem Grund, weil dabei freundlichere Menschen entstehen.

Generationenaspekt

Frage: Ich möchte noch auf einen weiteren Aspekt im Zusammenhang mit Zeit hinweisen, und zwar auf den Generationenaspekt. Sieht die Rettungsbootsituation nicht anders aus, wenn wir auch den Generationenaspekt mit einbeziehen, z. B. bei der Unterscheidung der Fähigkeit schwanger werden zu können bzw. nicht mehr schwanger werden zu können?

KW: Hier kommt die Spanne ins Spiel, und das ist auch wichtig bei der Rettungsbootbetrachtung. Frauen die schwanger werden können, können zur Spanne beitragen, andere nicht, auch das muss mit einbezogen werden. Wenn nur noch Menschen überleben, die keine Kinder mehr bekommen können, verschwindet die gesamte Kultur. Hier ist Spanne wichtig. Und wir stehen vor einer weiteren schwierigen Abwägung, die ausgepackt werden muss. Vergleichen wir in einer Rettungsbootsituation eine Frau mit 65 Jahren auf einer hohen Entwicklungsstufe mit einer jungen Frau, die noch am Anfang ihrer Erwachsenenentwicklung steht – wie bringen wir hier Tiefe und Spanne in eine Balance? Am Beispiel einer weltweiten Katastrophe, die nur wenige Menschen überlebt haben, wird die Fähigkeit zur Reproduktion ein ganz wesentlicher zu berücksichtigender Aspekt, der in diesem Vergleich den Ausschlag geben könnte. Dieses Beispiel zeigt auch, wie sehr Tiefe und Spanne miteinander in Beziehung stehen mit vielen anderen Faktoren. Die GMI wird so zu einer Einladung, alle diese Faktoren zu berücksichtigen. Und das variiert von Situation zu Situation und vertieft sich immer mehr, je tiefer man in diese Fragen eindringt.

Darin liegt der eigentliche Wert der GMI: Viele der moralischen Algorithmen, Regeln, Gesetze oder Vorstellung sind spezifisch und beinhalten nur ein oder zwei Aspekte. Aber für mich ist das Thema sehr viel komplexer. Es handelt sich um ein Gesamtnetzwerk von Dingen, für das wir eine Antwort suchen. Die GMI gibt uns keine fertige Antwort. Im Verlauf der Fragestellung tauschen immer mehr Aspekte auf, es ist – noch einmal – eine Intuition. Ich bin der Meinung, dass alle moralischen Regeln und Gesetze Intuitionen sind. Es gibt keine Mathematik die einem hier genaue Antworten gibt und Verfahren aufzeigt. Was die GMI leistet ist, uns auf die zentrealen Aspekte hinzuweisen die wichtig sind. Diese führen uns dann wieder zu sehr vielen weiteren Aspekten, die zu berücksichtigen sind. Und das verändert auch unser Denken. Es gibt Studien die zeigen, dass in Entwicklungsländern eine größtmögliche Auswirkung zur Entwicklung dieser Länder dadurch erreicht wird, Mädchen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Das führt sowohl zu einer Zunahme von Tiefe und Spanne und hat eine gewaltigen Einfluss. Plötzlich gibt uns dieser eine Faktor – die Ausbildung von Mädchen – ein sehr viel größeres Bild als lediglich die Betrachtung einer einzelnen Person. Der Einfluss von Bildung und Erziehung auf eine Kultur ist ganz enorm. Alle diese Faktoren spielen eine Rolle, die konkreten Umstände, Entwicklung, der Zeitaspekt, Tiefe, Ganzheit, Gesundheit usw. Dies alles erinnert uns auch an das was wirklich zählt.

Frage: Es hängt ja auch sehr davon ab, wo wir uns jeweils individuell entscheiden wo wir arbeiten und uns engagieren, im Spannungsfeld von Tiefe und Spanne. Wo liegt die eigene persönliche Leidenschaft?

KW: So viele Probleme, denen wir uns gegenübersehen, werden nach wie vor fast ausschließlich aus der Perspektive der rechtsseitigen Quadranten gesehen. Daraus resultieren technologische Lösungen, d. h. neue Techniken und Praktiken unterschiedlichster Art, neue Systemdesigns usw. Und nur sehr selten wird Innerlichkeit mit in Betracht gezogen, und die Frage wo Menschen individuell stehen. Welche Methoden und Praktiken wir auch immer neu einführen, diese Einführung geschieht durch Individuen auf unterschiedlichen Stufen ihrer eigenen Entwicklung und Entfaltung. Menschen befinden sich dabei in unterschiedlichen inneren Welten. Die Berücksichtigung einer Tiefendimension verändert ganz grundlegend die Art und Weise, wie diese Themen behandelt werden. Die Ironie dabei ist, dass diese Innerlichkeit immer schon mit dabei ist. Die Menschen handeln tagtäglich daraus. Und die meisten Organisationen ignorieren dies – tagtäglich. Es ist schrecklich zu sehen, dass etwas, was einen so großen Einfluss darauf hat, was Menschen tun und wie sie es tun und warum sie es tun, so sehr übersehen wird. Das ist kaum zu begreifen. Daher unterstütze ich die Initiativen von integral without borders sehr.

integralwithoutborders.org

Kommunikation und Entwicklungsebenen

KW: Der Startpunkt dabei ist, GEIST in der anderen Person zu erkennen. Etwas ganz Pragmatisches, was man tun und was sehr helfen kann ist, etwas (und sei es auch nur eine Eigenschaft) bei der anderen Person zu finden (egal auf welcher Entwicklungsstufe sich die Person befindet), was man mag, schätzt und würdigen kann, als eine Wertschätzung die man fühlt. Wenn man das kann, dann kommt das beim Gegenüber an, das wird dort auch gefühlt. Der oder die andere fühlt diese Wertschätzung. Das öffnet die Kommunikation über Ebenenunterschiede hinweg auf ganz grundlegende Weise. Man begegnet sich von GEIST zu GEIST und Wertschätzung zu Wertschätzung und nicht von Türkis zu Rot oder etwas in der Art.

(aus: Online Journal Nr. 47)