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23.5.2017 : 3:00 : +0200

Herausforderungen der Jahrtausender Generation

Keith Martin-Smith und Ken Wilber

Quelle: integrallife.com, The Challenges and Opportunities Facing the Millennials

[Die Zwischenüberschriften wurden zur besseren Lesbarkeit hinzugefügt]

[Ein Hinweis: Der Begriff "Generation Y" (kurz Gen Y) wurde in den frühen 1950er Jahren von dem amerikanischen Photographen Robert Capa geprägt. Er verwendete das Schlagwort als Titel für eine Photo-Reportage über junge Leute, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs herangewachsen sind ..... Generation Y (kurz Gen Y) wird in der Soziologie diejenige Bevölkerungsgruppe genannt, deren Mitglieder um das Jahr 2000 herum zu den Teenagern zählten. Je nach Quelle wird diese Generation auch als Millennials (zu Deutsch etwa die Jahrtausender) oder Digital Natives bezeichnet. Sie gilt damit als Nachfolgegeneration der Baby-Boomer und der Generation X. Siehe dazu auch den Wikipedia Eintrag de.wikipedia.org/wiki/Generation_Y, Zugriff am 14.1.2014]

Selbstbeschäftigung und Selbstachtung

KW: Meine Generation hat sich den Titel “die Ich-Generation” wirklich verdient – im Vergleich zu den Generationen, die uns vorangegangen sind. Wir waren sicher die narzisstischste Generation. Es gibt viele gute Dinge dabei, doch es gibt auch viele Probleme. Eines der Probleme ist, dass wir den Narzissmus auf eine bisher unerreichte Weise auslebten … Eine der merkwürdigen Auswirkungen dabei war, dass Narzissten die Bildungseinrichtungen eroberten und begannen, Menschen zu unterrichten, mit dem Ergebnis, dass Narzissten noch größere Narzissten hervorbrachten. [Lachen] Menschen zwischen Zwanzig und Dreißig Jahren haben heute eine dreimal höhere Rate von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen als ihre Eltern. Eine Studie nach der anderen zeigt uns, dass diese Millennium-Kinder die höchste Narzissmus-Ausprägung haben, seit dies gemessen wird. Man muss sich das anschauen. Viele denken, Narzissmus bedeutet, sich selbst ständig Aufmerksamkeit zu geben. Und das stimmt auch. Aber diese Selbstbeschäftigung ist eine Selbstbeschäftigung mit einer nur geringen Selbstachtung. Narzissten haben ein geringes Selbstwertgefühl. Sie tun sich schwerer in Beziehungen, bei der Arbeit, und damit, einen Job zu behalten. Dies alles begann mit den Boomern, in ihrem Versuch, allen die größtmögliche Verwirklichung ihres Potenzials zu ermöglichen. Sie dachten, dass, wenn man Menschen sagt, dass sie etwas Besonderes sind (oder wenn die Menschen sich das selber sagen), dies dann zu einer hohen Selbstachtung führt. Doch leider erlangt man auf diese Weise keine Selbstachtung. Selbstachtung erlangt man, indem man besondere Dinge tut, Dinge, die Wert und Bedeutung haben und von anderen anerkannt werden. Dinge, auf die man stolz sein kann und die zu einer Selbstachtung führen. Sich einfach nur zu sagen, dass man etwas Besonderes ist, um dann aber nichts Besonderes zu tun, führt zu einer Verzerrung im Selbstsystem und einer Abwärtsspirale von Angst, Depression und anderen Problemen. Das ist eines der Ergebnisse dieser Selbstachtungs-Bewegung. Sie wurde mit den besten Absichten von der Ich-Generation begonnen, doch sie führte letztendlich zu einer Potenzierung des Ich.

Frage: Ist es so, dass deine Generation von den Eltern etwas mit auf den Weg bekommen hat wie: „Arbeite hart! Folge den Regeln! Tu, was dir gesagt wird! …“ und ihr das dann abgelehnt habt?

Die Verdienste der Babyboomer

KW: Ja, es wurde uns etwas übergeben, was, in der Terminologie von Gebser, zum Teil mythisch und zum Teil rational war. (Mit mythisch meine ich eine traditionelle, fundamentalistische, biblische Orientierung und mit rational meine ich eine mehr wissenschaftliche, berufliche und objektive Orientierung). Beides lässt sich auf der Bernstein Entwicklungshöhe verankern. Diese Stufe wird auch absolutistisch genannt, weil Menschen auf dieser Stufe glauben, dass das, was sie denken, absolut wahr und richtig ist. Eine andere Bezeichnung für diese Stufe ist konformistisch. Die Individualität ist noch nicht wirklich erwacht und daher gibt es einen sehr starken Zug, sich konform zu verhalten und konventionellen Wahrheiten zu folgen. Dieser Generation sahen wir uns gegenüber in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Wir, diese große Babyboomer-Generation, sind dann in den [Vietnam] Krieg gezogen, um diese Werte zu verteidigen. Wir gründeten danach Familien. Doch wir waren auch die erste Generation mit einem großen Anteil ihrer Population auf der nächsthöheren Entwicklungsstufe, der grünen Stufe, pluralistisch, postmodern, relativistisch. Dort wird geglaubt, dass es keine universellen Wahrheiten gibt – was für mich wahr ist, ist wahr für mich, und was wahr für dich ist, ist wahr für dich –, und ich kann deine Wahrheit nicht in Frage stellen und du kannst meine Wahrheit nicht in Frage stellen. Jeder hat seine/ihre Wahrheit. Dies war eine der Hauptantriebskräfte der Ich-Generation. Meine Wahrheit ist meine Wahrheit und ich habe vollkommen recht, und das kann niemand in Frage stellen ... Zu diesem narzisstischen Geschmack gab es dann noch eine gute Portion von Orange mit Rationalität, Leistung, Erreichenwollen. Wir schauten uns also um und begannen alles zu dekonstruieren, weil dieses Andere mir sagen wollte, was ich zu tun oder zu lassen hätte. Aber: niemand hat mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe, ich habe meine eigene Wahrheit, eine eigene Wirklichkeit, die ich mir selbst erschaffe. Doch wir hatten auch vielleicht zur Hälfte diese universelle rationale Haltung und wir schauten uns um und sahen Dinge, die moralisch falsch waren. Diese Generation begann daher auch die Bürgerrechtsbewegung, die wirklich tiefgreifend war. Als sie begann, gab es ja immer noch unterschiedliche öffentliche Trinkbrunnen für Weiße und für Schwarze. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, was es bedeutet, keinen einzigen Afro-Amerikaner an einer staatlichen Universität zu haben oder überhaupt an einer Universität. Das ist schockierend. Und auch den Frauen ging es oft nicht besser. Und so entstand die feministische Bewegung, auch aus der Verbindung der pluralistischen Stufe mit rational-moralischen Beweggründen. Dann die Umweltbewegung. Wir vergessen das so schnell. Der Eriesee fing aufgrund der Verschmutzung immer wieder von selbst Feuer – das war grauenhaft. Los Angeles erstickte im Smog. Verschmutzung war überall, und die Menschen vergessen oft, wie das war. Das alles ist vorbei, und das ist das unsterbliche Verdienst der Boomer.

Dekonstruktion

Doch es ging dann noch weiter und jede Form von sozialer Konvention wurde dekonstruiert und Dekonstruktion wurde zu einer führenden Philosophie. Alle früheren Philosophien wurden heruntergemacht. Alle hatten es verkehrt gemacht außer uns. Wir dekonstruierten alles, machten alles herunter und nach zwei Jahrzehnten schauten wir uns um und es gab nichts mehr außer uns. Und ein Trümmerfeld. Und wir hatten nichts, was wir an dessen Stelle setzen konnten. Wir gaben einfach die Vorstellung von „Ich bin etwas Besonderes“ weiter an unsere Kinder. In unserer Erziehung schafften wir alle Bewertungssysteme ab, jeder bekommt den goldenen Stern, und alle singen „Ich bin etwas Besonderes, schau mich an …“. Die erste Generation danach wurde durch die Dekonstruktion aller Werte schwer depressiv. Das ist die Gen-X Generation, die slacker [schlaff, lustlos]. Der Grund dafür, warum sie zu slackern wurden, war: wenn alle Werte dekonstruiert sind, dann gibt es keine Werte, auf denen man das eigene Leben gründen kann. Wenn man sagt, „das schätze ich wert“ und man meint das wirklich und sagt es leidenschaftlich und mit Bestimmtheit, dann konstruierten die Boomer daraus folgendes: „die Tatsache, dass du das wertschätzt, bedeutet, dass du anderes nicht wertschätzt …“. Und dass man die, die an etwas anderes glauben, verurteilt und eine Wertehierarchie dabei aufstellt. Doch das ist nicht erlaubt, das ist Unterdrückung. Die Kinder gaben es auf, an irgendetwas zu glauben. Das ist mit der Bezeichnung slacker verbunden: nichts, woran man glaubt, nichts, was man tun kann, nichts, was man möchte, nichts, wofür es sich lohnt, sich leidenschaftlich einzusetzen. Man kann nur noch herumhängen. Die Generation danach sagte dann: „Das wollen wir nicht, ich glaube an mich. Ich bin wunderbar, und ich bin jemand, der wertzuschätzen ist“. So entstand aus der slacker Generation die Ich-Generation … Und wenn diese Menschen aus sich herausgehen und etwas machen, dann machen sie die Erfahrung, dass die Welt nicht ihrer Meinung ist. Sie bekommen nicht das Feedback, dass sie erwarten und sie schaffen auch nichts, was ihnen Aufmerksamkeit und Ruhm und Selbstwert bringen kann. Sie verstehen nicht, dass das Sich selbst und seine eigene Großartigkeit bestätigen ihnen das nicht geben kann. Und das macht einen sehr traurig und mitfühlend für eine Generation, deren Leben ruiniert ist – nicht durch einen falschen Sinn für Werte, sondern durch die Unfähigkeit, irgendeinen für sie akzeptablen Wert zu finden, abgesehen von ihrer eigenen Großartigkeit.

Frage: Es gibt diese berühmte Aussage von Joseph Campbell von 1963, „folge deiner Glückseligkeit [follow your bliss]“. Später dann, Mitte der achtziger Jahre, als er schon älter war und darauf angesprochen wurde, sagte er „ich hätte sagen sollen „folge deinen Blasen“ [follow your blisters]“. Er sah bereits die Schattenseiten. Wo siehst du das Potenzial der Milleniumgeneration?

Auf halbem Wege

KW: Die pluralistische Stufe bezeichnet sich selbst als die integrale Stufe und Kultur. Sie meint, sie wäre integral und würde alles umfassen. Doch grün hasst orange, hasst bernstein und ist in Wahrheit sehr ausschließend. Doch sie sind bereits auf halbem Wege, sie wollen nicht marginalisieren, sie wollen niemanden unterdrücken und sie haben auch Unterdrückung überwunden. Doch lediglich auf ihre 1st tier Weise, eine Weise, die auf Mangelbedürfnissen aufbaut. Sie glauben, sie wären das einzig wahre Wertesystem der Welt. Sie gingen nicht weit genug und konnten anderen Wahrheiten nicht erlauben, mit ihrer Wahrheit zu koexistieren. Nur der war akzeptiert, der das pluralistische Wertesystem übernahm. Auch die Vorstellung des Besondersseins jedes Menschen ist bereits auf gutem halbem Weg.

Jeder Mensch ist etwas Besonderes, jedoch …

Jeder Mensch ist etwas Besonderes, doch das tritt erst hervor, wenn man sein höchstes Selbst entdeckt. Jeder Mensch hat, nach den großen mystischen Traditionen, mindestens zwei Selbste. Eines ist absolut oder letztendlich und ist eins mit dem GEIST, dem Göttlichen. Und die Gesamtanzahl dieser SELBSTE ist eins. Aus jedem empfindenden Wesen schaut derselbe GEIST heraus, das gleiche höchste Selbst, die Gottheit. Die meditativen Traditionen sind Traditionen der Selbstbefreiung und des Erwachens. Wenn man Erleuchtung erfährt und erwacht, dann bewegt man sich von seinem kleinen relativen endlichen Selbst, dem Ego/Ich bzw. der Selbstkontraktion, dem getrennten Selbstempfinden, hin zum wahrem Selbst. Und das ist in der Tat etwas Besonders. Diese Bewegung zum wahren Selbst wird oft begleitet von Freude und Glückseligkeit, einer unendlichen Freiheit und Fülle. Es ist eine Bewusstheit, die sich allem bewusst ist und die manchmal vierundzwanzig Stunden ununterbrochen aufrechterhalten werden kann. Es kommt und geht nicht wie eine Zustandsänderung, es ist das Bezeugen aller Zustände. Das ist das, was uns die großen Befreiungslehren lehren, im Hinblick auf das, was wir tun sollten. Es gibt also etwas wirklich Besonderes eines jedes menschlichen Wesens und das betrifft dieses zweite Selbst, das wir alle haben und dem Erwachen dazu. Doch das kleine Selbst, das egoisch-getrennte Selbst, ist nichts besonderes in irgendeiner grandiosen Weise, sondern es ist die Ursache des Leidens, der Verzweiflung und der Angst. Es verdient daher sicher keinen goldenen Stern für Herausragendes. [Lachen] Doch da jeder Mensch eine Intuition dieses zweiten Selbst hat, bringt die Vorstellung, etwas ganz Besonderes zu sein, eine Ahnung davon mit sich. Doch diese betrifft das große SELBST und nicht das kleine Selbst ...

Das ist das, was die mystischen Traditionen nahelegen, alles aufzugeben, um alles zu erreichen. Alles das, was von Augenblick zu Augenblick erscheint, einschließlich des Erlebens eines getrennten Selbst. Das ist sehr schwer für die Milleniumgeneration. Diese Neigung, dass da etwas Spezielles in mir ist, ist richtig, doch sie muss unterstützt werden durch eine Bewusstheit und eine Bewusstseinspraxis und die Milleniumgeneration muss sich dessen bewusst werden, was sie tut im Hinblick auf ihr Besonderssein. Es geht darum, zu erkennen, dass dies die Ursache ihrer meisten Leiden und Probleme ist. Unter diesen Umständen können sie sich dann dem Bewusstsein zuwenden, welches wirklich etwas Besonderes ist, das unbegrenzt und absolut ist und das nicht lediglich etwas ist, was das relative und endliche Ego behauptet oder verlangt. Es ist ihr eigener Seinsgrund und ihre eigene tiefste Wirklichkeit. Das ist das Einzige, was sie aus ihrem Anspruch von Besondersein, in dem sie feststecken, herausbringen kann ...

Entwicklung, Beurteilungen und Motivation

Was wir im Hinblick auf die Entwicklungsstufen finden ist, dass, auch wenn sie sich nicht direkt einem bestimmten Lebensalter zuordnen lassen, die höheren Entwicklungsstufen verstärkt mit zunehmendem Alter auftreten. Man „schmeckt“ im Entwicklungsverlauf eine bestimmte Stufe, erlebt diese in ihrer Fülle und kann sie dann auch leichter loslassen. Das Leben selbst ist dabei der Hauptfaktor. Je mehr Leben man gelebt hat, desto größer ist die Fähigkeit, Dinge loszulassen und zu transzendieren.

Was die Vorstellung von Beurteilungen angeht – Kinder, die nicht lernen, Werteurteile zu treffen, werden handlungsunfähig. Natürlich gibt es schlechte Wertungen, Wertungen, die unterdrücken und Dominanz fördern und das sollten wir unterlassen. Doch andere Wertungen sind gut und sind das Herz des Wahren, Schönen und Guten, wo es beispielsweise darum geht, unsere eigenen Fähigkeiten zu beurteilen. Tun wir das Richtige, wenn wir lieben, tun wir das Richtige im Hinblick auf unsere spirituellen Fähigkeiten, tun wir das Richtige in unserer Arbeit? Die meisten Bewertungen hängen mit Stufen von Entwicklung zusammen. Mit unserer Bewegung von egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch zu kosmozentrisch erreichen wir eine jeweils höhere Ebene, die mehr umfasst und mehr Perspektiven berücksichtigt. Dadurch gibt es weniger Marginalisierung und Unterdrückung. Und das sind Bewertungen: kosmozentrisch ist besser als weltzentrisch, welches besser ist als ethnozentrisch, welches besser ist als egozentrisch. Wenn ich diese Art von Beurteilungen nicht vornehme, dann habe ich selbst keine Motivation, mich zu entwickeln. Ich habe Artikel von Vertretern der Milleniumgeneration gesehen, die geschrieben haben, dass satori im Zen abgeschafft werden sollte, weil nur einige dies erreichen. Das wird als etwas Schlechtes gesehen, weil es diese Menschen zu etwas Gutem macht und alle anderen, die kein satori haben, zu etwas Schlechtem. Und dass stimmt – willkommen in der realen Welt! Das ist satori, wach auf! Bewertungslosigkeit lähmt das Handeln ... Beurteilungen und Werte müssen wiederkommen und dann kommt die Motivation auch zurück und das Verlangen, etwas erreichen zu wollen – und letztendlich auch das Verlangen, aufzuwachen. Dann findet man etwas wirklich besonderes, eine unbegrenzte Besonderheit im eigenen Sein. Und dann erkennt man, wie wirklich Jede und Jeder in einem sehr speziellen Sinn einen Goldstern verdient.

Frage: Was würdest du einem jungen Menschen empfehlen?

KW: Nun, das geht etwas in Richtung Eigenwerbung, aber ich würde empfehlen, sich ein paar Bücher über den integralen Ansatz zu besorgen. Dort kann man sich die Dimensionen und Eigenschaften des eigenen Seins anschauen. Da gibt es die Quadranten, Perspektiven einer ersten, zweiten und dritten Person, dann gibt es Ebenen von Entwicklung, verschiedene Linien als unterschiedliche Intelligenzen. Es gibt Zustände des Bewusstseins, sind die alle schon bekannt? Wenn nicht, dann können einem die meditativen Traditionen dabei helfen, sich durch diese Zustände hindurch zu entwickeln – durch den Wachzustand, den Traumzustand, den traumlosen Tiefschlaf bis zur letztendlichen Einheit mit dem gesamten Kosmos. Das ist das eigene wahre Selbst. Doch wenn man nicht weiß, dass so etwas existiert, und der größte Teil unserer Kultur weiß es nicht, dann macht man sich auch nicht auf die Suche. Es gibt einen Ausweg aus dem Dilemma, in dem man sich befindet. Doch es braucht ein Stück Lernen, ein Stück Arbeit, und auch ein wenig Streben und Intention – und viel Praxis, viele Blasen [blisters] an den Händen bis zur Glückseligkeit [bliss].

Das Paradox

Es ist ein Paradox. Der höchste nicht-duale erwachte Zustand ist buchstäblich immer gegenwärtig, vierundzwanzig Stunden. Es ist die einzige Konstante im Bewusstsein, als das Erleben des radikal unveränderlichen ICH BIN. Dieses ICH BIN ist das gleiche ICH BIN vor zehn Jahren, es ist das gleiche ICH BIN vor der Geburt der eigenen Eltern, und sogar vor der Geburt des Universums. Dies ist immer gegenwärtig. Doch es ist ein Paradox und die Tibeter sagen: Es ist zu einfach, um es zu glauben. Man schaut ständig darauf, doch man kann es nicht sehen, so wie ein Fisch das Wasser, in dem er ist, nicht sieht. Und es braucht paradoxerweise eine Menge Arbeit, um das zu erkennen. Also investiert man einige Jahre an Praxis und dabei gibt es eine Menge von positiven Nebeneffekten einer spirituellen Praxis, gesundheitlicher und psychologischer Art. Und irgendwann fallen Körper und Geist weg [bodymind drop], das kleine Selbst fällt weg und was übrig bleibt, ist das einzige und wahre SELBST. Dies ist nicht nur der eigene Seinsgrund, es ist der Seinsgrund des gesamten Universums, der gesamten Manifestation. Und du fühlst ein tiefes Einssein mit allem. Das ist zu entdecken, deswegen sind wir hier. Es ist möglich, es braucht ein bisschen Arbeit und Anstrengung, ein paar Blasen hier und dort.

Man kann sich in diesem Zusammenhang immer an die vier edlen Wahrheiten des Buddhismus erinnern, von denen die erste lautet: Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll. Unter all dem narzisstischen eiapopeia-Standpunkt der Milleniumgeneration „ich bin was ganz Besonderes“ ist Leiden. Das ist eine kraftvolle Motivation und eine große Schubkraft. Die meisten Menschen kommen zu einer spirituellen Praxis, weil sie verletzt sind und nicht, weil sie glücklich sind. Sie wollen sich besser fühlen und sie wollen das Wahre, Schöne und Gute anstelle von Leid und Schmerz. Dieser Weg existiert und das Leid kann einen auf diesen Weg führen.

Quelle: Online Journal Ausgabe 45