Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Gesellschaft > Integrale GfK
DeutschEnglishFrancais
21.10.2017 : 6:53 : +0200

Integrale GfK

Gewaltfreie Kommunikation trifft auf integralen Ansatz

Andrea Lohmann und Marie-Rose Fritz

 

Einleitung

Die Verbindung von Gewaltfreier Kommunikation und Integralem Ansatz erschien uns auf Anhieb derart einleuchtend, dass es uns nun beinahe schwer fällt, zu begründen, worin im Einzelnen die großen Qualitäten und Vorteile dieser Verbindung bestehen.

Die GfK ist weltweit und seit vielen Jahren eine der am häufigsten benutzten und erfolgreichsten Kommunikationsweisen zur Lösung von Konflikten – auf persönlichen, betrieblichen, nationalen und internationalen Ebenen – was bedeutet, sie hat sich in der Praxis bewährt. Uns interessiert nun die Frage, inwieweit diese, aus einem postmodernen Weltbild heraus entstandene Kommunikation, sich dazu eignet integralen Ansprüchen gerecht zu werden. Die Grundforderung eines integralen Ansatzes ist Integration, ist konstruktiver Umgang mit Komplexität, so wie flexible und kreative Anpassung an unterschiedlichste Situationen, zum Wohle aller. Dies sollte sich auch im Kommunikationsstil zeigen. Eine Sprache, mit der Menschen mit einem konformistischen, modernen oder postmodernen Weltbild unterwegs sein können, taugt nicht auch gleichermaßen für eine integrale oder noch höhere Bewusstseinsebene, ganz abgesehen davon, dass die konformistischen, modernen und postmodernen Sprachen ihre ganz eigenen Verständnisschwierigkeiten untereinander haben. Kommunikation braucht ein – an Entwicklung orientiertes – Update.

Da die Anwendung der GfK uns eine Haltung lehrt, die Verbindung schafft zu jedem Gegenüber, ist sie viel mehr als eine nur rationale Kommunikationsmethode. Ihr oberstes Anliegen, empathisch zu kommunizieren, schafft eine optimale Basis um Verständnis zu bekommen für die ganze Komplexität des menschlichen Miteinanders. Genau wie der Integrale Ansatz weist sie auf die notwendige Entwicklung hin zur Fähigkeit viele Perspektiven einzunehmen um eine weltzentrische Bewusstheit zu erlangen.

 

Integrale GFK

Integrale GfK, das ist die Verbindung und gegenseitige Durchdringung zweier komplexer Zukunftswerkzeuge. In unseren Seminaren nutzen wir die GfK von einer integralen Perspektive aus, um den Übergang von einem Erste-Rang-Denken in ein Zweite-Rang-Denken zu unterstützen (als einer Bewusstseinsebene, welche erstmals im Entwicklungsspektrum die Notwendigkeit, Größe und Grenzen aller vorhergehenden Entwicklungsebenen anerkennt und würdigt). Wie das konkret geht, erforschen wir dabei in vielen Übungen und Versuchen mit den TeilnehmerInnen.

Kernstück der GfK ist der Fokus auf Bedürfnisse. Es gibt universelle Bedürfnisse, die, je nach Psychogramm, nach sozio-kulturellem Kontext, nach Weltsicht, Persönlichkeitstyp, Alter, etc. auf unterschiedliche Art und Weise erfüllt werden wollen und können. Das heißt, hier geht es nicht um Bedürftigkeit, sondern um das Erkennen der jeweiligen Entwicklungsbedürfnisse. Kommunikationsschwierigkeiten, Missverständnisse und Konflikte ergeben sich immer dann, wenn relevante Bedürfnisse nicht gesehen und erfüllt werden.

Die Sprache ist dabei ein Ausdruck der darunter liegenden Haltung. Zur Erhöhung von Achtsamkeit im Sprachgebrauch und in der Wortwahl, arbeitet die GfK mit Schlüssel­unterscheidungen, durch die ein dem zweiten Rang entsprechendes Bewusstsein gefördert und in die Praxis umgesetzt wird.

 

    Vier grundlegende Perspektiven in der Kommunikation

Die Schlüsselunterscheidungen der GfK können durch die Elemente des AQAL-Modells präzisiert und erweitert werden. Dabei lassen sich, abgeleitet aus den Quadranten, vier Hauptkompetenzen unterschieden, und zwar:
 

  • Innerpsychische Kompetenz (OL Quadrant
  • Verhaltenskompetenz (OR Quadrant)
  • Beziehungskompetenz (UL Quadrant)
  • Systemische Kompetenz (UR Quadrant)

 

Quadranten-OLVermag ich spannungsgeladene Geschehnisse zu beobachten und zu beschreiben, ohne zu interpretieren und zu bewerten? (Innerpsychische Kompetenz)

Quadranten-OLWann bin ich im Gefühl und spüre meine Körper und wann bin ich im Denken und in Konzepten, mit Erwartungen?  (Innerpsychische Kompetenz)

Quadranten-OLBin ich in der Weite eines authentischen Bedürfnisses oder in der Enge einer  gewohnten Strategie? (Innerpsychische Kompetenz)

Quadranten-OLWann handelt es sich um rein persönliche Bedürfnisse und wann um kollektive; wann braucht es individuelle Handlungen und wann Änderungen im System? (Perspektivisch-systemische Kompetenz, als ein Ergebnis von Entwicklung)

Quadranten-OLKann ich die Verantwortung für mich und meine Bedürfnisse übernehmen, indem ich konkrete Handlungen oder ergebnisoffene Bitten (im Sinne von Anfragen) finde, ohne in Forderungen zu verfallen? (Verhaltenskompetenz)

Quadranten-OLKenne ich den Unterschied zwischen Empathie und Antipathie, respektive Sympathie? Kann ich wirklich empathisch sein, auch über Unterschiede und Gegensätze hinweg? (Beziehungskompetenz)

Quadranten-OLWie gehe ich mit Paradoxa um? Kann ich die Spannung gegensätzlicher Gefühle, Bedürfnisse oder Strategien aushalten und transzendieren? (Innerpsychische Kompetenz)

In der alltäglichen Kommunikation[1] zeigt sich, dass es nicht reicht diese Unterschiede zu verstehen, sondern, dass der konstruktive Umgang damit eingeübt werden muss, um so auch in Stresssituationen in diesem Bewusstsein zu bleiben und Missverständnisse, Fehlhand­lungen und Frust zu vermeiden. Im integralen Feld wird dieses Bewusstsein allgemein als integriert vorausgesetzt, bekannt ist aber auch, dass Verständnis allein noch nicht zur Umsetzung führt. Die Wirklichkeit zeigt uns, dass eine neue Art zu kommunizieren leider nicht einfach über Nacht entsteht. Der Übungsansatz der Integralen GfK kann dazu verhelfen, die Diskrepanz zwischen Anspruch und gelebter Praxis zu verringern.

 

    Entwicklungsebenen

Unterschiedliche Bewusstseinsschwerpunkte haben enorme Auswirkungen auf Sprache und Wortwahl. Welche Identifikationen, Ängste, und Gefühle sind dominant auf den verschiedenen Entwicklungsebenen und wie geht man dort mit ihnen um? Wie entwickeln sich Bedürfnisse und bekommen spezifische Ausprägungen? Wie wandeln sich je nach Weltbild die Kompetenzen um unterschiedliche Strategien zu finden und anzuwenden? In der Sprache von Spiral Dynamics könnte man sagen, dass man mit der gleichen Sprache mit der man im Orangenen oder Grünen unterwegs war, nicht auch im Gelben unterwegs sein kann. Mit jedem Entwicklungsschritt entwickelt sich auch eine neue Sprache, und existierende Begriffe bekommen eine neue, erweiterte (und erweiternde) Bedeutung. Wie kann ich im Kontakt mit einem Menschen, der stark im Rationalen unterwegs ist, in mir diesen Sprachgebrauch aktivieren, um Verbindung herzustellen, damit es zu einem weiterführenden und für beide erfüllenden Austausch kommt? Durch inneres Erkennen und Verstehen der verschiedenen Werte und Wege gelingt es uns eine tiefe, direkte Empathie herzustellen, und eine Sprache zu finden, die unmittelbar Verbindung herstellt.[2]

Die Frage nach den Entwicklungsimpulsen, die zum Übergang auf eine nächste Ebene drängen, führt uns zum Aufsuchen der Bedürfnisse, die dahinter stehen, ebenso wie die Frage nach den Ursachen für Regression auf vorherige Stufen und nach den übergangenen und somit unerfüllten Bedürfnissen, die dahinterstehen.

 

    Zustände

Das Wissen über Zustände – d. h. differenzierte Wahrnehmung äußerer und innerer Zustände, so wie ein achtsamer Umgang damit – unterstützt die Klarheit der Schlüsselunterscheidung in der GfK, und führt zu größerem Verständnis und Mitgefühl, zum Genießen dessen, was ist und zum Mitfließen im Hier und Jetzt.

Mit Bewusstsein im Wachen stärken wir Beobachtungskompetenzen, die wir brauchen um objektiv zu bleiben. Um Gefühle wahrzunehmen, müssen wir entspannen, uns unseren inneren Räumen zuwenden und also in subtilere Zustände eintreten. Empathie wird genährt von der Verbundenheit, die wir z. B. in meditativen Zuständen erreichen können, so wie sich auch kreative Problemlösungen über den Zustand der Leere leichter finden. Die Sprache der GfK ist eine Sprache, die uns auch nach Innen führt und uns somit hilft, uns authentischer wahrzunehmen und mitzuteilen. Sie unterstützt dabei, harmonische Wechsel zwischen den Zuständen zu erreichen. So können wir eine Präsenz erlangen, die Grundbedingung ist für die Haltung der GfK und die auch im integralen Feld angestrebt wird.

 

    Entwicklungslinien

In unterschiedlichen Entwicklungslinien erkennen wir unsere Potenziale und Kompetenzen und können so individuelle Strategien für die Erfüllung unserer Bedürfnisse finden.

Im Zusammenhang mit der GFK erweisen sich folgende Linien als relevant:

  • die sprachliche Intelligenz;
  • die emotionale Intelligenz;
  • Handlungsintelligenz, die wir brauchen um Strategien zu entwickeln;
  • die Linie des Selbst und des Ich-Bewusstseins, um eigene Bedürfnisse zu erkennen und für sich selbst die Verantwortung zu übernehmen;
  • die soziale Intelligenz um Empathiefähigkeit zu entwickeln;
  • und nicht zuletzt die kognitive Intelligenz, um zwischen Beobachtung und Bewertung zu unterscheiden. Sie beinhaltet die Fähigkeit zu Reflexion und Perspektivwechsel und ermöglicht in Kommunikationsprozessen auf eine Metaebene zu gehen.

 

    Typen

Der staunende Blick auf die Vielfalt der Menschentypen empfiehlt uns einen toleranten Umgang damit und zeigt uns, dass es viele gleichwertige Wege gibt. Diese Horizontalität ist eine notwendige und unverzichtbare Ergänzung zu der Vertikalität der Entwicklungsbetrachtung. Im Kontext der integralen GfK interessieren uns Kommunikationstypen, Typen der Bedürfniserfüllung, so wie Wahrnehmungstypen, welche die Kanäle für Empathie und Verständigung öffnen.

Das Erforschen von Typologien mit den daraus folgenden Konsequenzen kann uns darin bestärken, Verantwortung zu übernehmen für eigene Bedürfnisse und Verständnis zu entwickeln für die Nöte anderer Menschen. Welcher Wahrnehmungstyp bin ich? Welcher Kommunikationstyp bin ich? Kommuniziere ich eher verbal oder nonverbal, eher durch Handlungen oder durch Überlegungen, bin ich eher sachlich oder eher künstlerisch im Ausdruck, höre ich eher auf die Atmosphäre im Gespräch oder eher auf den Inhalt? Besonders interessant im Hinblick auf Kommunikation und Strategiefindung sind Typologien, welche Denk-, Verhaltens- und Sprachmuster mit einschließen.

 

Integrale GfK ermöglicht die Verbindung von Theorie & Praxis

Wo Entwicklung geschieht, kann auch etwas schiefgehen, es können Schatten entstehen, die angeschaut werden möchten, helle und dunkle Schatten, unentfaltete Potenziale und verdrängte Traumata. Das Leben wird umso spannender, je umfassender der Blick ist, mit dem wir auf uns selbst und auf unser Umfeld schauen. Ein Ansatz, der uns dazu verhilft eine wertschätzende Haltung gegenüber uns selbst und anderen einzunehmen und zu verinnerlichen, macht es uns leichter selbstbestimmt zu handeln und dabei die Bedürfnisse aller im Blick zu behalten. Es braucht die Praxis, wenn der Wechsel vom pluralistischen Weltbild zum integralen, zum zweiten Rang, gelingen soll. Bewusstsein allein genügt nicht, die Umsetzung muss aktiv und kontinuierlich angegangen werden. In der darauffolgenden Ebene, auf der es bedeutend mehr Einheitsbewusstsein gibt, entsteht Empathie und damit einhergehende Authentizität und Integrität mit größerer Selbstverständlichkeit aus innerer Anbindung an Höheres heraus. Damit Kommunikation wirklich einfühlsam ist, muss sie sich verändern und anpassen, ein Anspruch, der im Integralen wie in der GfK besteht. Die GfK hat eine reiche Auswahl an konkreten Übungsmöglichkeiten entwickelt, um das Bewusstsein für Sprache zu schärfen und die nötigen Erfahrungen damit zu machen, und das AQAL-Modell ist eine wundervolle Landkarte. Mit der Verbindung von GfK und integralem Ansatz können Menschen lernen, die jeweiligen Prinzipien präziser und differenzierter zu erfassen und anzuwenden für ein verständnisvolles Miteinander über Gegensätze und Verschiedenheiten hinweg.

 

Zu den Autorinnen

Marie-Rose Fritz

Grundschullehrerin, Nidra Yoga Lehrerin, jahrzehntelange Erfahrung in der Koordination von Dialogabenden über Lebens- und Sinnfragen, seit 2009 Koordination eines Integralen Salons in Luxemburg

Auf meinem Weg hin zu einem erfüllten und ganzheitlichen Leben begeistert mich die integrale Philosophie und Lebenspraxis seit über zehn Jahren. Sie hat mir maßgeblich dazu verholfen hat, innere Klarheit zu erlangen über die Wege der menschlichen Bewusstseinsentwicklung. Also fing ich sofort an, im Rahmen einer luxemburgischen transpersonalen Gesellschaft diesen Schatz an andere Menschen weiterzuvermitteln. Die Verbindung mit der Gewaltfreien Kommunikation eröffnet mir ein weiteres riesiges Feld, um gelassener und verständnisvoller mit mir selbst und im Umgang mit anderen Menschen zu sein.

Für weitere Infos und Anfragen

http://integralesleben.org/if-home/if-integrales-forum/integrale-salons/luxemburg/

 

Andrea Lohmann

Selbst. Kommunikationstrainerin, Mediatorin, Moderatorin und Coach

Dozentin an der Uni Münster

Schon seit Langem beschäftigt mich die Frage, wie Menschen sich über Gegensätze und Verschiedenheiten hinweg verständigen können. In der Gewaltfreien Kommunikation habe ich eine Haltung gefunden, die dies ermöglicht und die mich so fasziniert, dass ich sie seit sechs Jahren mit Begeisterung vermittle. Mit der Entdeckung des Integralen Ansatzes öffneten sich mir Tore zu einem noch tieferen Verständnis der menschlichen Vielfalt. In der Verbindung beider Ansätze habe ich dann weitere Schritte auf meinem Weg zu einem empathischen Miteinander gefunden, den ich neugierig und staunend, forschend und anwendend mit Freude weiter gehe.

Für weitere Infos und Anfragen

http://www.andrea-lohmann.de/9.html

 

(Quelle: Online Journal Ausgabe 42)


[1] Für eine ausführliche Beschreibung von Kommunikationselementen in den Quadranten siehe den Beitrag IMP und Kommunikation in der Ausgabe 18 der Zeitschrift integrale perspektiven Seite 10

[2] Siehe hierzu den Beitrag von Ken Wilber, Kommunikation braucht einen gemeinsamen Erfahrungsraum, in der Zeitschrift integrale perspektiven Nr. 18 Seite 8.