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25.3.2017 : 16:31 : +0100

Integrierte Konfliktbearbeitung im Dialog – Der Integrale Ansatz als Bindeglied unterschiedlicher Methoden

Abstract der Dissertation von Karim Fathi, Viadrina Europa-Universität Frankfurt (Oder)

Problemdarstellung

Im Zeitalter der Globalisierung wird die Konfliktbearbeitung im Dialog eine immer wichtigere Kompetenz, sowohl im Alltag als auch in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur. Die letzten Jahre brachten eine große Vielfalt von Methoden und Ansätzen mit sich. Zugleich wächst auch die Unübersichtlichkeit, daher bedarf es nicht nur immer mehr neuer spezialisierter Methoden, sondern auch Metaansätze, die diese anwachsenden Wissensmengen integrieren und für eine ganzheitliche Konfliktbearbeitung nutzbar machen. Integrierte Herangehensweisen, die Konflikten in ihrer gesamten Komplexität und Tiefe Rechnung tragen, sind für nachhaltige Lösungen unabdingbar.

Im Bereich ganzheitlicher, metadisziplinärer Konzeptbildung befindet sich die Friedens- und Konfliktforschung in der Pionierphase – sowohl in Theorie als auch in Praxis.

Untersuchungsziele

Der Integrale Ansatz von Ken Wilber – bislang in der Friedens- und Konfliktforschung kaum rezipiert – soll vor diesem Hintergrund Beiträge für die Entwicklung einer „integralen Konfliktbearbeitung“ liefern, dahingehend kritisch gewürdigt und modifiziert werden. Die Untersuchung konzentriert sich auf folgende Untersuchungsfragen:

  1. Wie können unterschiedliche Methoden und Perspektiven in der dialogischen Konfliktbearbeitung theoretisch und praktisch integriert werden?
  2. Wo bestehen hierbei die Beiträge und Ergänzungspotenziale des Integralen Ansatzes von Ken Wilber?
  3. Was lassen sich für allgemeine Schlüsse und weitere Herausforderungen für Metatheoriebildungen ableiten?

Untersuchungsfortgang

Die Untersuchung geht von der Grundannahme aus, dass einer jeden konkreten Konflikt(bearbeitungs)praxis eine (bewusste oder unbewusste) Handlungsstrategie zugrunde liegt, die wiederum auf erkenntnistheoretischen Annahmen fußen, die der handelnde Akteur von sich und seiner Umwelt macht. Der „Theorie der Erkenntnis“ (Epistemologie) kommt daher eine wesentliche Schlüsselrolle als Ausgangsbasis für weiterführende praxisrelevante Überlegungen im Rahmen einer integrierten Konfliktbearbeitung zu. Die Untersuchung unterscheidet daher im Spektrum zwischen allgemeiner Theorie und konkreter Praxis drei aufeinander aufbauende und zugleich in Bezug auf ihre Ansprüche durchaus eigenständige Metakontexte:

1.      Epistemologie (Theorie der Erkenntnis),

2.      Heuristik (Regelbildung für Problemlösungen) und

3.      Praxeologie (Theorie des Handelns).

In jedem dieser Metakontexte werden – auf der Basis der Kategorien des Integralen Ansatzes (Quadranten, Ebenen, Linien, Typen und Zustände, zusammen „AQAL“ = All Levels All Lines) – Metamodelle entwickelt, in denen repräsentative Ansätze dialogischer Konfliktbearbeitung integriert werden. Die Modellierung gestaltet sich offen, das heißt, sie beschränkt sich nicht ausschließlich auf das AQAL-Modell und entwickelt sich im Laufe der Untersuchung weiter. Die im Rahmen der Metakontexte – Epistemologie, Heuristik und Praxeologie – entwickelten unterschiedlichen Modelle werden im Abschluss kritisch aufeinander zurückgekoppelt, um zu allgemeinen Schlussfolgerungen zu kommen.

Ergebnisse

Epistemologischer Metakontext

Im epistemologischen Metakontext werden die Gemeinsamkeiten und Ergänzungspunkte von sieben repräsentativen Ansätzen dialogischer Konfliktbearbeitung aus der Perspektive des AQAL-Modells integriert. Hierunter fallen:

  • Konflikttransformation nach Johan Galtung (Transcend);
  • Konfliktmanagement von Friedrich Glasl;
  • Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marschall Rosenberg;
  • Buddhistische Konfliktlösung;
  • Prozessorientierte Konfliktarbeit nach Arnold & Amy Mindell;
  • Psycho-/Soziodrama nach Jacob Moreno;
  • Systemische Strukturaufstellungen (SySt) nach Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd.

Neben vielfältigen Schnittpunkten ergaben sich auch vielfältige, für die weiterführende integrale Forschung relevante, Ergänzungspunkte, die zu einer integraleren Auffassung von Schlüsselbegriffen wie „Frieden“, „Konflikt“ und „Gewalt“ beitragen könnten:

  • Eine komplementäre Betrachtung von Galtungs heterarchisch designtem „Dreieckmodell“ – welches eine strukturelle, kulturelle und verhaltensbasierte Dimension unterscheidet – und Glasls hierarchisch designtem Eskalationsebenenmodell – welches Ebenen niedriger, mittlerer und hoher Eskalation unterscheidet – erlaubt ein vieldimensionales Verständnis von Gewalt.
  • Galtungs Dreieckmodell lässt sich durch die Berücksichtigung einer  intentionalen Metadimension – wie ihn z.B. die buddhistische Konfliktlösung voraussetzt – und damit zu einem Quadrantenmodell erweitern. Der Begriff der „intentionalen Gewalt“ ist in der herkömmlichen Konfliktbearbeitung noch kaum berücksichtigt.
  • Die Einführung entwicklungshierarchischer Modelle (z.B. Spiral Dynamics) ist noch bei vielen Vertreterinnen und Vertretern in der Friedens- und Konfliktforschung umstritten. Die Untersuchung zeigt aber, dass entwicklungshierarchische Modelle einen bedeutenden Erkenntnisgewinn mit sich bringen und einen Mehrwert für ganzheitliche Konfliktanalysen haben.

Wie erwartet,  kann insgesamt festgestellt werden, dass die Stärke des AQAL-Modells insbesondere in diesem epistemologischen Integrationskontext liegt.

Es ist aber auch im Hinterkopf zu behalten, dass AQAL nur ein Modell bzw. eine Perspektive darstellt – zwangsläufig auch mit blinden Flecken. Der Nutzen des AQAL-Modells besteht vor allem darin, die Schnitt- und Ergänzungspunkte von Methoden und Theorien aufzuzeigen, nicht aber ihre Widersprüche. Methoden werden daher als solche nicht im AQAL „integriert“.

Heuristischer Metakontext

Im heuristischen Metakontext werden zwei strategische Modelle, die zum einen auf einer „Wilber-typischen“ entwicklungsorientierten, zum anderen auf einer eskalationsorientierten Interpretation des AQAL-Modells beruhen, untersucht und miteinander verglichen. Unter Einschränkungen lassen sich zwischen beiden Modelltypen Korrelationen und wechselseitige Ergänzungsmöglichkeiten feststellen.

Es stellt sich heraus, dass das AQAL-Modell alleine unzureichend ist, um den Ansprüchen des heuristischen Metakontexts angemessen Rechnung zu tragen. Beispielsweise fehlt es dem AQAL-Modell an Möglichkeiten Prozesse und Hebelpunkte für Problemlösungen zu modellieren. Daher werden in der Untersuchung zwei Metamodelle entwickelt, die mehr auf die heuristischen Bedürfnisse in der Konfliktbearbeitung zugeschnitten sind. Diese Modelle lassen sich wiederum sinnvoll durch das AQAL ergänzen:

  • Ein sich aus dem Eskalationsebenenmodell ergebendes Konfliktphasenmodell, das die Phasen „vor“, „während“ und „nach der Gewalt“ unterscheidet, ermöglicht eine Einordnung unterschiedlicher Interventionsansätze und -bereiche. Dieser Ansatz lässt sich um Einsichten aus den heterarchisch designten Dimensionen des AQAL-Modells (Zustände, Quadranten, Linien, Typen) sinnvoll ergänzen.
  • In Ergänzung dazu, ergibt sich aus einer repräsentativen Gegenüberstellung der Heuristiken mehrerer Dialogmethoden eine, auf die Ansprüche des heuristischen Metakontextes zugeschnittene, Orientierungsverallgemeinerung. Demnach lassen sich drei Phasen unterscheiden, die generell einer jeden dialogischen Konfliktbearbeitung idealtypisch zu Grunde liegen:
  1. die Analyse der Ziele und der Konfliktkonstellation;
  2. die Analyse und Hinterfragung der tieferen Konfliktdimensionen: Ermittlung unverhandelbarer Motivstrukturen (z.B. Grundbedürfnisse) und die Förderung von gegenseitiger Empathie (Re-Framing);
  3. die kreative Lösungsfindung und konkrete Aktionsplanung.
  • Auch dieses Modell lässt sich sinnvoll durch die AQAL-Dimensionen ergänzen und ermöglicht damit eine sehr komplexe, aber immer noch sehr allgemeine Vorlage für die Durchführung integraler Konfliktdialoge. Im Folgenden, als Beispiel, ein vereinfachtes Modell, das eine grobe Einordnung der Schwerpunkte einiger Methoden des inner- und zwischenpersonellen Dialogs im Drei-Phasen-Kontext ermöglicht:

Praxeologischer Metakontext

Wie lässt sich das heuristische Modell in konkreten Konfliktsituationen umsetzen?

  • In einem Fallbeispiel wurde ein Methoden-Mix aus zwei repräsentativen Methoden – dem auf Transcend basierenden „integrativen Konfliktdialog“ von Graf und Kramer (repräsentativ für den zwischenmenschlichen Dialog) und „The Work“ nach Byron Katie (repräsentativ für den inneren Dialog) – vorgestellt. Eine Kombination beider Methoden-Typen erweist sich im Allgemeinen als sehr integral und gut anwendbar, ist aber auch an vielfältige Bedingungen geknüpft und nicht immer und zu jeder Zeit möglich.
  • Im Anschluss wurde – auf der Basis des in der obigen Tabelle skizzierten Modells – eine allgemeinere Landkarte entworfen, welches eine Orientierungsfunktion liefert, das gesamte, in der Arbeit vorgestellte Methodenspektrum in einem metapraxeologischen Zusammenhang anzuwenden.

Im praxeologischen Metakontext fällt auf, dass sich die Anforderungen an ein integrales Modell grundsätzlich vom heuristischen und vor allem epistemologischen unterscheiden. Die Geltungskriterien richten sich hier viel mehr nach dem, was in der konkreten Konfliktsituation „funktioniert“ und nicht, was in theoretischer Hinsicht sinnvoll ist. Viele interventionsstrategische Fragen offen bleiben, die sich aus der konkreten Konfliktsituation ergeben und kaum allgemeinverbindlich modellieren lassen, z.B.:

  • Was stehen mir gerade für Ressourcen zur Verfügung (Dialog-Setting, Zugänge, Akteure, Zeitdruck, finanzielle Mittel, Entwicklungsgrad, Eskalationsgrad etc.)?
  • Mit welchen Konfliktparteien arbeite ich überhaupt (Mass People-Ansätze vs. Key People-Ansätze)?
  • Auf welche Methoden spricht meine Gesprächspartnerin bzw. Gesprächspartner an (und auf welche nicht)?
  • Empfiehlt sich überhaupt ein Methoden-Mix? Wenn ja, wie sollten die Methoden kombiniert werden?
  • Ich kann in der Konfliktpraxis nicht immer alles wissen: Wann und inwieweit kann es sinnvoll sein, eine Analyse auf bestimmte Kernaspekte pragmatisch zu simplifizieren?
  • Wann können völlig einfache, betont nicht-integrale, Konfliktlösungen effektiver sein?
  • Wann und inwieweit ist es sinnvoll, auf bestimmte Bereiche Prioritäten zu setzen? So sind z.B. tiefenpsychologische und kulturelle Interventionen in der Regel wesentlich langwieriger und aufwändiger als verhaltensorientierte und strukturelle.

Diese und weitere offene Fragen verdeutlichen auch die natürlichen Begrenzungen integraler Theoriebildung. Bei der konkreten Umsetzung integraler Konfliktbearbeitung kommt der aus Praxiserfahrung geprägten Intuition der Konfliktarbeiterin bzw. des Konfliktarbeiters eine besondere Bedeutung zu.

Allgemeine Schlussfolgerungen

Allgemeine Schlussfolgerungen ergeben sich aus einer kritischen Rückkopplung aller drei Metakontexte. Ihre Ansprüche gestalten sich als sehr unterschiedlich, z.T. sogar widersprüchlich. Im Allgemeinen lässt sich daher zusammenfassen, dass eine integrierte Konfliktbearbeitung, will sie den unterschiedlichen Anforderungskriterien von Theorie und Praxis (oder: Epistemologie, Heuristik und Praxeologie) Rechnung tragen, „multipel“ angelegt sein muss. Dies bedeutet:

  1. Flexible Handhabung von Strategien, mit Komplexität umzugehen. Diese Strategien – 1) Komplexifizierung, 2) Simplifizierung und 3) pragmatischer Eklektizismus – nehmen in der Theorie und in der Praxis (sprich: im epistemologischen, heuristischen und praxeologischen Metakontext) einen sehr unterschiedlichen Stellenwert ein.
  2. Flexible Kontextualisierung und Anwendung unterschiedlicher integraler Modelle. Eine einzige „Theorie von Allem“ ist nicht möglich, da jedes integrale Modell einen eigenen Kontext und darum zwangsläufig blinde Flecken aufweist.

 

Hinweis: Die Dissertationsschrift (benotet mit "summa cum laude") ist seit Ende Oktober 2011 erhältlich.
ISBN: 978-3-8288-2801-8
http://www.buchhandel.de/detailansicht.aspx?isbn=9783828828018

Über den Autor

Karim Fathi ist Diplom-Sozialwirt (Universität Hamburg) und hat einen Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung (Philipps-Universität Marburg). Während seines Masterstudiums begann er sich intensiv mit der Frage nach einem integrierten Ansatz in diesem durch Methodenvielfalt und Unübersichtlichkeit geprägten Forschungsfeld auseinanderzusetzen. Aus diesem leidenschaftlich verfolgten „Hobby“ wurde schließlich ein Promotionsvorhaben, das Karim Fathi im Juni 2011 an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), im Fachbereich Kulturwissenschaften mit summa cum laude abschloss.

Karim Fathi wurde vom Institute for Integrative Conflict Transformation and Peacebuilding (Wien) zum Konfliktberater in Konflikttransformation ausgebildet. Darüber hinaus sammelte Herr Fathi berufliche Erfahrungen, unter anderem als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Berghof Conflict Research Institut, als Consultant im Asien-Pazifik-Büro des Entwicklungsprogramms der UN und als Consultant im Bereich geostrategische Analysen in der Joschka Fischer & Company. Derzeit ist Karim Fathi beratend in der Denkbank tätig.