Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Gesellschaft > Integrale Metamorphose – Rettet Bio die Welt?
DeutschEnglishFrancais
23.3.2017 : 9:14 : +0100

Integrale Metamorphose

Rettet Bio die Welt?

Von Friedrich J. Bläuel, Pyrgos-Lefktrou, Griechenland

„Integral erlöst in Europas dritter Welt“ war ursprünglich als Titel gedacht - aber das klang dann doch zu pathetisch.

Warum so dramatische Worte zu dem doch so simplen Thema, dass da riner von einem europäischen Land in ein anderes gegangen ist und dort ein Business aufgemacht hat? Zumal diese Länder beide in der E.U. sind? Und zumal die äußeren Eckdaten meiner dreißig Jahre in Griechenland sehr nach einer romantischen Erfolgsstory klingen:

Ich war völlig bargeldlos, als ich 1979 nach dem Zerfall eines alternativen Kommuneprojekts angefangen hatte, hier allein in einer Art Dauerretreat zu leben. Als Schüler von Trungpa Rinpoche auf dem Weg des Siddha mit dem Fernziel einer erleuchteten Gesellschaft am Horizont. Zum Überleben begann ich sehr gemütlich und meditativ das hiesige Olivenöl, das grüne Gold, von Hand in Flaschen zu füllen und zu exportieren. Das fand reißenden Absatz und das Business, das sich daraus entwickelte, wuchs mit ziemlicher Geschwindigkeit.

Trotz des Fundamentalismus der Kirchenhierarchie war ich als Buddhist im Dorf sehr willkommen und der Küster ermöglichte die ersten Exporte, indem er mir das gesamte Geld der Dorfkirche zur Verfügung stellte. 1983 gründete ich eine Familie mit meiner Frau Burgi und sie wurde bald eine treibende Kraft. Gleichzeitig absolvierten wir beide die gesamten vorbereitenden Übungen (Ngöndro) des Vajrayana und hielten eine ziemlich rigorose Meditationsdisziplin aufrecht. In den 80er Jahren wurden auch unsere beiden Kinder Felix und Julia geboren. Wir begannen mit zertifiziert biologischem Anbau und wurden zu den Bio-Pionieren Griechenlands.

In den frühen 90er Jahren bauten wir als Manager, Lehrer und Coaches Shambhala-Griechenland in Athen auf (damals 5 Autostunden von der Mani, der Gegend am Peloponnes, in der wir leben, entfernt). Da wir sowohl im privaten Bereich als auch zur Leitung unserer inzwischen recht großen Firma (wir hatten nun 25 Angestellte und bewirkt, dass 500 landwirtschaftliche Betriebe auf biologischen Landbau umgestellt hatten) Coaching und Therapie suchten, machten wir beide die entsprechenden Ausbildungen. Wir taten das auch im Hinblick auf unsere Meditationsschüler in Athen, die allerdings in den meisten Fällen eher eine psychologische Beratung als mehr Meditation benötigten. Dieses Hinausgehen über die Tradition brachte irgendwie langsam das Ende unserer Shambhala-Karriere mit sich, und überhaupt schien bei uns etwa um die Jahrtausendwende die Zeit reif für kräftige Veränderungen.

Ein Blick von Außen auf diese „Erfolgsstory“ war sehr ernüchternd: Die Vielfältigkeit meiner Tätigkeiten versuchte ich mit dem zu bewältigen, was ich kannte: Ein Sammelsurium aus Marxismus, Therapie, Buddhismus, Ökologie und soviel an Geschäftssinn  und Arbeitseinsatz wie mir möglich war. Und doch passte das alles einfach nicht nur nicht zusammen, sondern es ging nicht mehr. Ganzheitliches Bemühen, verstanden als Anhäufung unterschiedlichster Ansätze ohne integralen Rahmen, ist schlicht ein schmerzhafter Zustand.

Jedes vMeme hat in seiner positiven Form viel zu bieten,
und wir tun gut daran, unsere eigenen Anteile wertzuschätzen,
zu integrieren und zu leben.

Ich konnte es nicht fassen, dass Ökologie (unser Engagement für biologischen Anbau), Marxismus (steht hier für jede Art von humanistisch-sozialem Engagement), Spiritualität (Shambhala-Buddhismus und Meditation) und mein Engagement für „erleuchtetes Business“ (gemäß Trungpas Vision einer erleuchteten Gesellschaft) weder jedes für sich, noch in Kombination funktionierten, sondern mir/uns auch ein ausgesprochen gestresstes und widerspruchsvolles Leben bescherten. Auch unsere Ehe geriet an ihre Belastungsgrenzen.

Zusätzlich war offensichtlich, dass sich trotz Überwindung der anfänglichen Sprachbarrieren an meiner Beziehung zur örtlichen, dörflichen Bevölkerung nicht viel geändert hatte. Es gab kein wirkliches Verstehen wie mit meinen früheren Freunden in Mitteleuropa. Unsere engen Freunde waren ausländische Auswanderer wie wir. Aber auch diese wurden weniger, da manche frustriert wegzogen und andere sich in kleinere Grüppchen innerhalb dessen, was sie hier die „Kolonie“ nennen, zusammentaten. Was war los? War ich nicht offen genug für die Menschen dieser anderen Kultur? Machte ich etwas falsch im Umgang mit ihnen? Auch dafür gab es scheinbar keine Lösung.
Als ich dann den integralen Ansatz von Ken Wilber kennen lernte, nahmen die Aha-Erlebnisse kein Ende. Was ich lange bereits irgendwie geahnt hatte, war plötzlich klar und in Worte zu fassen:
Die prä/trans Verwechslung, der die meisten Nordländer hier aufsitzen, wenn sie plötzlich unter „spontanen und gefühlsbetonten“ (Kehrseite: auf überkommene Rollen fixierten und emotionsgesteuerten) Südländern leben, hatte auch mich nicht verschont.

Mein Sammelsurium an -ismen war auf der einen Seite nicht mehr so wichtig und auf der anderen machte plötzlich jeder -ismus, richtig angewandt, wieder Sinn und hatte seinen Platz. Ich brauchte kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, einem von ihnen nicht gerecht zu werden. Das verschaffte mir enorme Entspannung und Freiheit.

Und das Selbe galt auch im Hinblick auf meine Mitarbeiter und das soziale Umfeld: Wenn jemand hinter jedem kleinen Kopfschmerz den „Bösen Blick“ vermutet, was hier Gang und Gebe ist, dann nimmt diese Person die Welt wohl zumindest teilweise aus der Sicht der magischen Strukturstufe wahr. Wenn jemand es fertig bringt, in einem wirklich kurzen Satz drei Mal das Wörtchen „ich“ (griech. „ego“) zu verwenden und sich dabei mit der Faust heftig auf die Brust zu schlagen, könnte es sich um eine egozentrische Weltsicht handeln. Jede dieser Weltsichten ist okay, so wie sie ist. „Jede/r hat das Recht, bei jeder dieser Ebenen zu verweilen.“ Phantastisch!

Ich muss mich nicht fertig machen, weil meine Botschaft (ökologische, geschäftliche, philosophische, spirituelle, was auch immer) bei einer bestimmten Person nicht angekommen ist, wenn diese Person so gestrickt ist, dass sie die Botschaft einfach nicht hören kann. Und noch besser: Wenn ich genau hinhöre, auf welcher Bewusstseinsebene mein Gegenüber vorwiegend angesiedelt ist, kann ich mich darauf einstellen und ein Maximum an Kommunikation erreichen.

Des Weiteren ist jede Begegnung mit einem Menschen, der sich auf einer anderen Strukturebene als der des eigenen Bewusstseinsschwerpunkts befindet, immer eine großartige Gelegenheit zu sehen, wie es bei einem selbst auf dieser Ebene aussieht, und daraus zu lernen. Um Spiral Dynamics zu verwenden: Jedes vMeme hat in seiner positiven Form viel zu bieten und wir tun gut daran, unsere eigenen Anteile wertzuschätzen, zu integrieren und zu leben. Das können spannende Abenteuer sein, besonders bei Rot – oder Orange, aber letztlich auf jeder Ebene. Die Aufstellungen bei der integralen Sommer-Akademie 2007 auf Schloss Röthelstein in Österreich haben das auch wunderschön deutlich gemacht.

Und damit noch nicht genug: Die unbewusste Überzeugung eines wild entschlossenen Transzendierers, dass Meditation das Allheilmittel für alles ist, hat sich verflüchtigt - noch eine Last weniger. Hier ist die duale Entwicklung, wie sie am Wilber-Combs-Raster (siehe Integrale Spiritualität bzw. i*p Nr.2/2006) dargestellt ist, besonders hilfreich. Die vertikale, von unten nach oben verlaufende Achse, die uns durch die Strukturstufen unseres Bewusstseins führt und die horizontale, von links nach rechts verlaufende Achse, die die Entwicklung der Bewusstseins-Zustände (Meditation = Zustandstraining) anzeigt. Zwei völlig getrennte Geschichten. Zwei verschiedene Befreiungswege: Der vertikale befreit uns von eingeschränkten Perspektiven und gibt uns gleichzeitig die Freiheit, uns auf die Weltsicht anderer einzustellen, und der horizontale befreit uns von Reduktion auf ein kontrahiertes, sich von allem als abgetrennt empfindendes  Ego auf unserem Weg zum Big Mind.

Aus der Praxis:  1. vertikal (Strukturstufen):

Die integrale Sicht mit ihren flexiblen Kommunikationsmodi eröffnet natürlich auch neue Möglichkeiten im Geschäftsbereich. Nehmen wir z.B. Marketing: Als ich das letzte Mal von einer Werbeagentur gebeten wurde, die Stärken unserer Produkte und unseren USP (Unique Selling Proposition) zu formulieren, konnte ich nicht anders als das für jedes vMem der potentiellen Kunden getrennt zu formulieren. Im Falle unserer Produkte klingt das dann ungefähr so – das ist ein Auszug aus dem tatsächlichen e-mail an diese Werbeagentur.

•    Rotes vMem: Ehrliche Produkte direkt vom Bauern. Diese nennen ihr Öl nicht umsonst „Das griechische Viagra.“ Ein altes griechisches Sprichwort sagt „Φάγε λάδι κ’έλα βράδυ“ („Iss Olivenöl und komm am Abend!“). Viele Gesundheitsvorteile; es stärkt und entgiftet etc. (evtl. mit Zusatzinfos wie: In mehreren Studien wurde nachgewiesen, dass Biobauern die doppelte bis dreifache Menge an Sperma und aktiven Spermien haben als konventionelle Bauern – Bio-Anbau bedeutet also mehr Power)

•    Blaues vMem: Traditionelle Produkte nach althergebrachte Art und Weise. Echt und unverfälscht. Gesundheit, wie man sie von alters her kennt, bevor das gefährliche Abenteuer der technischen und chemischen Verfälschung von Lebensmitteln begonnen hat.

•    Oranges vMem: Wir sind als eine von nur zwei Firmen in unserer Branche in ganz Griechenland nach allen drei entscheidenden Standards zertifiziert: ISO, HACCP und IFS (=International Food Safety). Ein hauseigenes Labor zur Qualitätssicherung, ausgefeilte Rückverfolgbarkeit der Chargen, höchste kompromisslose Qualitätsstandards ermöglichen zwar keinen niedrigen Preis aber ein Preis/Leistungs Verhältnis, das seinesgleichen sucht.

•    Grünes vMem: Wir sind die Pioniere, die die biologische Landwirtschaft in den 80er Jahren nach GR gebracht haben. Fair Trade, soziale Verantwortlichkeit und Rettung einer alten Kulturlandschaft zusammen mit seinem sozialen Gefüge sind unser Markenzeichen.

•    Gelbes vMem: Wir sind eine ganzheitliche Firma, wo Bio eine Selbstverständlichkeit ist - eingebunden ist in ein größeres Ganzes. Eine extrem flache Hierarchie in der Firma selbst und Menschlichkeit in ihrem tieferen Sinn statt bloßem Funktionieren, zeichnen alle Beziehungen nach innen und außen aus: Ob ihr offizielles Label jetzt ‚Umwelt‘, ‚Bauer‘, ‚Lieferant‘, ‚Angestellter‘, ‚Firmenleiter‘, ‚Großkunde‘ oder ‚Detailkunde‘ heißt. Unsere Wirkung auf das Ökosystem in der Landschaft, unserem sozialen/politischen Umfeld, in unserer Psyche und in unseren Beziehungen werden gleichermaßen gewürdigt und umsorgt.
 

Praxis-Beispiel:  2. horizontal (spirituelle Vertiefung):

Der Prozess der integralen Metamorphose ließ natürlich auch den Aspekt in mir, der da „Buddhist“ hieß, nicht unberührt. Ja, tatsächlich es gibt sie, die Befreiung vom Buddhismus. An dieser Stelle gehört eigentlich ein Smilie in den Text, denn Buddhismus steht ja für Befreiung. Und doch hat mir meine integrale Metamorphose eine mehrfache Erleichterung gebracht.

Auf der einen Seite konnte ich die sehr vielfältige bis verwirrende buddhistische Theorie, die über die Jahrhunderte sowohl ihre Terminologie, wie auch ihre Systematik zusammen mit ihrer Tiefe geändert hat, besser verstehen, indem ich anfing, integrale Begriffe dafür zu verwenden. Und ich konnte auch die starke Färbung der tibetischen Lehrer durch ihre Kultur (UL) und Produktionsbedingungen (nomadisch bis Ackerbau, UR) erkennen.

Auf der anderen Seite, jener der persönlichen Erfahrung, war es entspannend zu sehen, dass es in integralen Kreisen möglich ist z.B. über ein Satori zu sprechen. Zu sagen, es war dann und dann und hat sich ungefähr so und so angefühlt. Das hatte ich in buddhistischen Kreisen nicht erlebt. Vielleicht, weil ich nicht genug Kontakt mit der Sangha hatte, vielleicht aber auch, weil es etwas von einem Tabu an sich hat, solange man nicht die Werkzeuge hat, es als das zu sehen, was es ist: Eine Zustandserfahrung (horizontale Achse), die kommt und geht und von der ohnehin keiner einen Schimmer hat, wie und warum. Nicht, dass ich vorschlage, sich lang und breit ständig über solche Erfahrungen auszulassen, aber sie unter Verschluss zu halten oder nur für Personen ab einer gewissen Stufe in der Hierarchie zu reservieren, ist sicher nicht hilfreich.

Und so befreiend diverse momentane Zustandserlebnisse sein können, so sehr ist die letztlich dauerhafte Befreiung durch die integrale Sicht zu schätzen, die die Zustände als Zustände und die Strukturstufen als Strukturstufen erkennen lässt.

Das bringt uns zu dem, was Wilber wohl mit der vierten Drehung des Dharma-Rades meint: Dem integralen Buddhismus. Das war ein adäquater und bedeutender nächster Schritt, nachdem Chögyam Trungpa, Wilber nennt ihn den „Padmasambhava des Westens“, mit seiner Shambhala-Vision das Fundament für einen Buddhismus geschaffen hatte, der den westliche Bedingungen Rechnung trägt. Nach der horizontalen Evolution durch die drei Yanas bis hin zu dem „einen Geschmack“ nun also eine zusätzliche Dimension, die vertikale, die den Dharma um den großen Schatz der westlichen Wissenschaften (im Besonderen die Erkenntnisse von Strukturalismus und Genealogie) bereichert: Nach der Einheit von Form und Leerheit – egal auf welcher Ebene – nun die Evolution entlang der vertikalen Achse Richtung Supermind, wo permanente Objektivierung aller horizontalen und auch aller vertikalen Stufen angesagt ist. [Anmerkung: Die drei Yanas des Buddhismus werden meist mit „Pfade“ übersetzt. Tatsächlich sind es aber drei historisch aufeinander folgende Entwicklungsstufen des Buddhismus, von denen die jeweils nächste die vorhergehenden einschließt und über sie hinausgeht.]

Lasst uns nun wieder auf den zurückkommen, der diese diversen Befreiungen durch Anwendung der integralen Werkzeuge und Ausprobieren neuer Perspektiven erlebt, also den Schreiber dieses Artikels und da Sie bis hierher gelesen haben, auch auf Sie, werter Leser, werte Leserin. Wir nehmen derzeit wohl eine neue, effektivere und – wir dürfen es sagen – „besser“ Weltsicht ein („weltzentrisch ist besser als egozentrisch“), als zu einem früheren Zeitpunkt in unserem Leben. Wobei wir natürlich nicht vergessen, dass unsere jetzige Weltsicht kein sicheres Plätzchen für den nächsten Winterschlaf ist, sondern schlicht das Objekt des Subjekts des nächsten Schrittes unserer Entwicklung. 
Da das für die vertikale Entwicklung genau so gilt wie für die horizontale, nennt Wilber das „double decontraction“ oder „double relaxation“, also zweifache Dekontrahierung oder zweifache Entspannung. In meinem Fall bedeutet das, statt Illusionen wie die der permanenten Revolution oder des Verfolgens eines spirituellen Ziels, das durch genau diese Bemühung letztlich in die Ferne rückt, die Realität der permanenten integralen Metamorphose anzunehmen.

AQAL gibt uns den Rahmen, ILP die Mittel und die integrale Gemeinschaft das Umfeld – ich hoffe recht viele von euch in den nächsten Jahren kennen zu lernen. Auch unser neues Seminarhaus hier in der Mani steht dafür zur Verfügung, das dank der Erweiterung unseres Tätigkeitsfeldes entstanden ist – es scheint wohl auch eine Metamorphose zu durchlaufen, speziell durch die Initiative meine Frau.  

          
F.B. 2-2008

[Anmerkung : Quelle für „double decontraction“ bzw. „double relaxation„: Das Video „The Zen of Relationships“ vom 4.2.2008 des Integral Spiritual Center, in dem Ken Wilber wieder einmal sehr genau auf  das Samsara/Nirvana Thema eingeht, was ich in diesem Text vertikal/horizontal nenne.]


Quelle: integrale perspektiven, Nr.  9, September 2008