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30.4.2017 : 9:01 : +0200

ISIS (“Islamischer Staat”): Eine Krise der Moderne

Amir Nasr und Ken Wilber im Gespräch, zusammengefasst von Michael Habecker

(aus: https://www.integrallife.com/ken-wilber-dialogues/isis-crisis-modernity)

 

Teil 1: Die Geburt von ISIS

Ausgangspunkt des Gespräches ist ein Internetbeitrag von Amir auf medium.com unter dem Titel: ISIS isnt the real enemy the game of thrones medieval mindset that birthed it is:

https://medium.com/@AmirAhmadNasr/isis-isnt-the-real-enemy-the-game-of-thrones-medieval-mindset-that-birthed-it-is-4888330dabac

Anhand von Texten aus dem Beitrag, die im Folgenden grau unterlegt aufgeführt sind, diskutieren Amir und Ken das Thema.

ISIS ist nicht der eigentliche Feind, sondern der mittelalterliche Bezugsrahmen eines “Game of Thrones1”, der ISIS hervorgebracht hat, ist es. Das Auftreten von ISIS, die Krise der Moderne des Islam, das Versagen des Westens

Ken weist zu Beginn auf zwei wesentliche Aspekte der integralen Theorie hin, die in den meisten Diskussionsbeiträgen zum Thema fehlen, und dies sind die Einbeziehung von Innerlichkeit und die Berücksichtigung einer Entwicklungsperspektive.

 

Enthauptungen, Säuberungen und erzwungene Konvertierungen

Ich beobachte und schreibe seit zehn Jahren über öffentliches Geschehen, doch ich habe noch niemals so etwas erlebt wie die gravierende und entsetzliche Gefahr, die ISIS gegenüber dem mittleren Osten, dem Westen und vielleicht der ganzen Welt darstellt.

Die Debatte wird nach wie vor zu politisch geführt, und die wirkliche Gefahr dahinter wird erst allmählich erkannt.

Zur Entstehung von ISIS erläutert Amir: Die Bewegung ist jüngeren Ursprungs. Sie entstand aus dem Zusammenschluss einer Gruppe radikaler Islamisten, welche gegen die Amerikaner im Irak während der dortigen Besetzung gekämpft hatten, mit übrig gebliebenen Soldaten des Militärs von Saddam Hussein, die z. T. eingekerkert waren und dann in den Gefängnissen in Kontakt mit den Djihadisten kamen, die dort auch eingesperrt waren. Hier entstanden gemeinschaftliche Interessen. Das frühere Militär von Saddam gab den säkularen Nationalismus auf und übernahm die Ideologie der Djihadisten. Die Djihadisten wiederum lernten vom Militär die Kriegsführung. Als sie das Gefängnis verließen, begannen sofort die militärischen Aktionen. Dabei erzielten sie schnelle Erfolge, erbeuteten eine große Anzahl von Waffen, und so entwickelte sich das weitere Geschehen.

Das Kalifat als eine islamische Weltordnung hat eine erstaunliche Attraktivität auch bei westlichen Freiwilligen, die sich dieser Bewegung anschließen. Dazu wird erläutert, dass eine beachtliche Zahl von Menschen schon vorher zum Islam konvertierte und – auch über das Internet – mit extremistischen Gedanken in Berührung gekommen war. Diese Menschen waren enttäuscht von der Gesellschaft, in der sie lebten, konvertierten und wurden mit offenen Armen aufgenommen. Das gab ihnen ein Gefühl von Dazugehörigkeit, von Sinn, Wert und Bedeutung. Waren sie vorher gelangweilt, lockte jetzt ein Abenteuer. Dann gibt es noch die Gruppe der Immigranten und deren Kinder im Westen. Hier gibt es ähnliche Enttäuschungen. Sie fühlen sich hingezogen zu einem System, welches Ordnung und Gerechtigkeit herstellt und auch nicht korrupt im kapitalistischen Sinn ist.

Gewalttätiger Jihadismus, mit seinen klar ausgesprochen – und deutlich sichtbaren – expansionistischen Zielen wurde in kurzer Zeit machtvoller als je zuvor, das Blut von immer mehr Menschen vergießend, von denen die meisten Menschen Moslems sind. Iraks Armee ist nutzlos, Jordanien ist schwach, und die Rivalitäten der verbleibenden Mächte der Region, Türkei, Iran, Ägypten, Saudi Arabien, Kuwait und der Vereinigten Arabischen Emirate erzeugt weiteres Chaos, anstelle einer dringend notwendigen vereinigten militärischen Front.

Dies sind Themen aus der Perspektive des unteren rechten Quadranten und darauf konzentriert sich die Politik am meisten. Doch das eigentliche Problem kann nur unter Einbeziehung der Perspektive des unteren linken Quadranten verstanden werden.

Bei weitem schlimmer ist die ideologische Situation. Sie ist extrem beunruhigend und vorherrschender als dies von den meisten erkannt oder zugegeben wird. Die schlimme Wahrheit ist, dass selbst wenn ISIS militärisch demnächst besiegt sollte, der gleiche Glaubens- und Bezugsrahmen, der ISIS hervorgebracht hat, weitere Bewegungen dieser Art hervorbringen wird.

Dies wird von Amir am Beispiel Saudi Arabien erläutert: Dort ist zum einen ein traditionell-mythisches Stammesbewusstsein vorherrschend, andererseits hat bereits eine Menge Modernisierung stattgefunden. Es gibt moderne Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, das Internet usw.. Ein großer Teil der Gesellschaft ist bereits modern. Doch im Sinne von „Transzendieren und Bewahren“ haben die Menschen dort natürlich immer noch ihre Kultur und auch die damit zusammenhängende Weltsicht. Damit haben sie sich bereits ein Stück befreit von Absolutheit, Gewaltbereitschaft, Dogmatik, Indoktrination und Hass. Dennoch gibt es dort auch Traditionalisten, die Brutstätten für die Gewalt, die wir sehen, darstellen. In den Medien hören wir, dass Saudi-Arabien unser [USA] Verbündeter ist, wie auch Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate. Gleichzeitig finden in Saudi-Arabien Enthauptungen statt und Dieben wird die Hand abgehackt. Das ist ein Teil des Rechtssystems. Auch das ist Saudi-Arabien und ein Teil der ISIS Ideologie kommt von dort. Wenn man einmal beginnt, Menschen zu hassen und sie zu entmenschlichen, dann ist der nächste Schritt die Rechtfertigung ihrer Tötung, und man kann sie dann auch töten. Jetzt wird von Saudi-Arabien als einem Verbündeten in der Allianz gegen ISIS erwartet, dass sie ISIS bekämpfen. Aber es finden so gut wie keine Diskussion über Saudi-Arabien, dessen eigene Werte und deren Einfluss auf das, was ISIS tut, statt. Und wenn das nicht geschieht, dann wird es weitere Gruppen in der Zukunft geben, die auf der gleichen Schiene der Ideologie weitermachen.

Diese Sichtweise auf kulturelle Weltsichten und deren Entwicklung fehlt in den öffentlichen Analysen. Ein traditioneller Islam unterscheidet sich grundlegend von einem multikulturellen Islam. Rumi, ein großer Mystiker des Islam, wuchs an einem Ort auf, an dem unterschiedliche Kulturen zusammentrafen. Er reiste durch den mittleren Osten, kam individuell zu einer weltzentrischen Orientierung, die sich auch in seinen Gedichten und seiner Poesie niederschlägt. Diese Weltoffenheit gibt es also auch. Den Islam auf lediglich eine, und zwar die traditionell-fundamentalistische Entwicklungsstufe, zu reduzieren, führt zu einer schlimmen Verzerrung.

Ken erwähnt den Entwicklungsforscher James Fowler, der in seinem Buch Stufen des Glaubens [stages of faith] gezeigt hat, dass Religion und Religiosität auf allen Stufen der Entwicklung stattfindet. Die Motivation der Menschen, mit denen wir es hier zu tun haben, lässt sich am besten durch eine Entwicklungsperspektive verstehen. Wenn wir uns nicht mit den inneren Motivationen beschäftigen, besteht die Gefahr, alles lediglich auf äußere Faktoren und deren Einfluss auf Motivationen zu reduzieren, wie Ökonomie, Militarismus oder Geopolitik. Das ist katastrophal, weil uns dann der Ansatzpunkt fehlt, um mit dieser Situation umgehen zu können.

Es geht daher um die Untersuchung des Inneren in einer umfassenden Darstellung, bei der sowohl Perspektiven als auch Entwicklungsebenen Berücksichtigung finden. Immerhin, darauf weist Amir hin, wurde sein Beitrag, der sich damit auseinandersetzt, im Internet bisher 20.000 mal gelesen. Ein Problem der Medienwirksamkeit besteht darin, dass sich ein etwas größeres Bild nicht einfach auf einem Autoaufkleber oder auf einem T-Shirt darstellen lässt, wie das bei Teilwahrheiten gut möglich ist. Man muss etwas erläutern und das braucht Zeit und Raum.

Einfach ausgedrückt haben die Umstände einen Kulturkrieg im mittleren Osten entfesselt, gegenüber dem die Kulturkriege in Amerika harmlos erscheinen. Davon sind Millionen von Arabern und Muslimen, die an Fortschritt und an die Moderne glauben, zutiefst abgestoßen. Wie um alles in der Welt konnte es soweit kommen, speziell nach den optimistischen, ja sogar euphorischen früheren Ereignissen des „Arabischen Frühlings?“ Und was kann man dagegen tun? Diese Fragen lasten seitdem schwer auf mir.

Damit verbunden ist auch der persönliche Hintergrund von Amir: er lebt seit Januar 2014 als politischer Asylant in Kanada. Er war im arabischen Frühling aktiv und ging erhebliche persönliche Risiken dabei ein, die ihn am Ende zum Asylbewerber machten. Durch all das hindurchzugehen und dann den Aufstieg von ISIS mitansehen zu müssen, war für ihn ein persönlicher Schock. Seine Hoffnung ist, dass viele Menschen durch die Ereignisse eine „kognitive Dissonanz2“ erleben, bei denen sie sich mit unterschiedlichen Ansichten auseinandersetzen müssen, von denen sie noch nicht wissen, wie diese zusammenpassen. Darin liegt die Chance, dass einige dieser Menschen einen Entwicklungsschritt machen.

Die Hoffnung ist, dass durch das Internet eine Menge an Information und Bildung zu Hause geschehen kann, weit weg von kontrollierenden Institutionen, und dass auf diesem Weg ein Bewusstseinswechsel stattfindet.

Wir leben in einer Informationswelt, in der die Informationen weitgehend frei zirkulieren. Auch wenn Länder wie China oder Nordkorea das Internet zensieren, es besteht der öffentliche Druck. Man kann diese Informationen nicht mehr aus dem Bewusstsein der Menschen heraushalten. Gleichzeitig unterstreicht dies die Bedeutung des Verständnisses der inneren Entwicklungsstufen. Allen stehen die gleichen Informationen zur Verfügung. Die Frage ist, wie die Menschen diese interpretieren, abhängig von ihrer Entwicklungsstufe, ihrem inneren Bezugsrahmen für von Außen kommende Informationen. Es gibt nicht einfach nur einen Datensatz für sich, festgelegt und für alle Zeiten unverändert. Jede Entwicklungsstufe interpretiert die „gleichen“ Daten unterschiedlich aus einer anderen, inneren Welt heraus. Hier müssen wir ansetzen.

In dem Internetbeitrag von Amir sind Videos eingebettet, durch deren Betrachtung man sich der Brutalität der dort geäußerten Glaubensvorstellungen aussetzen kann. Neben diesen Entsetzlichkeiten werden Tausende von Kinder tagtäglich indoktriniert. Die Vorstellung, was diese Kinder zu tun in der Lage sind, wenn sie eines Tages erwachsen sind, ist ein Alptraum. In den Videos kann man die Kinder sehen und hören, mit einer Waffe in der Hand, und begeistert davon, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein, einmal die Welt zu kontrollieren und Ungläubige zu töten.

Amir kennt diese Indoktrination persönlich aus seiner eigenen Biografie, wenn auch in einer sehr viel abgemilderten Form. Er weiß, wie schwer es ist, sich davon zu „deprogrammieren“ und davon loszukommen. Von daher kann man sich gut vorstellen, welche gewaltige Anstrengung es für diese indoktrinierten Kinder erfordern wird, aus dieser Weltsicht wieder herauszukommen.

 

Teil 2 Die sechs Väter von ISIS

Wie viele andere Menschen weltweit habe ich den Aufstieg von ISIS mit Entsetzen verfolgt, und habe, inmitten all dieser Verrücktheit, gelesen, was dazu von vielen westlichen und muslimischen Analysten auf oft sehr einseitige Weise geschrieben wurde.

Die Gründe für das Auftreten dieser schrecklichen und bösartigen Monstrosität sind zahlreich und unterschiedlich. Was nun folgt, sind sechs der größten „Väter“ dieser Abscheulichkeit, aus einem Beitrag von Ziad Majed.

Darin enthalten, darauf weist Ken hin, ist noch keine Sicht auf innere Entwicklung. Die mittelalterliche Weltsicht wird zwar benannt, jedoch ohne ihre Entwicklungsdimension. Erst durch diese Entwicklungsdimension wird jedoch deutlich, dass die Moderne als ein „Mindset“ nicht nur eine Alternative zu einer mittelalterlichen Weltsicht darstellt, sondern eine höhere Entwicklungsperspektive ist, als eine Weiterentwicklung, über welche die Postmoderne wiederum hinausgeht. Der mittlere Osten ist auf der untersten der genannten drei Stufen steckengeblieben.

Die Moderne kam durch den Kolonialismus in den mittleren Osten und hat sich dort nicht auf eine natürliche Weise von innen heraus entwickeln können. Es ist schwierig einzuschätzen, wie sich die Entwicklungsspirale in dieser Situation entfalten wird. Es gibt große gesellschaftliche Gruppen wie die Moslembrüder in Ägypten, welche leidenschaftlich gegen jegliche Art von Modernisierung auftreten, als eine Verwässerung dessen, was sie als ihre reinen islamischen Werte betrachten. Die Moderne wird daher als eine Form eines kulturellen Kolonialismus betrachtet. In Japan, als einem anderen Beispiel, entstand die Moderne nicht durch Kolonialismus sondern durch einen eigenen natürlichen Wachstumsprozess. Die Japaner entwickelten sich dort hinein, wurden interessiert und fasziniert und etablierten eine moderne Regierungsform. Japan wurde modern, und daher ist die japanische Moderne in dieser Kultur verwurzelt. Doch im mittleren Osten gibt es nur sehr wenig Moderne dieser Art, vielleicht mit Ausnahme der Vereinigten Arabischen Emirate und auch Tunesien. Insgesamt liegt hierin eine große Herausforderung.

Jede Stufe hat die gleiche Tiefenstruktur und verschiedene Oberflächenstrukturen, die sehr stark voneinander variieren können. Die menschliche Entwicklung verläuft durch diese Tiefenstrukturen, ganz ähnlich wie sich Sprache durch die Stufen von Lauten, Silben, Worten, Sätzen und Absätzen entwickelt. Dabei kann keine der Stufen übersprungen oder ausgelassen werden, die Stufen bauen aufeinander auf. Das ist weitestgehend festgelegt. Was offen ist, ist die konkrete Oberflächenstruktur und Ausgestaltung, welche diese Stufe dann in einer bestimmten Kultur annehmen wird.

Ein zentrales Merkmal des Übergangs der traditionell-mittelalterlichen zur modernen Entwicklungsstufe ist die Erweiterung der Perspektiven. Die mittelalterlich-traditionelle Geisteshaltung ist explizit ethnozentrisch, mit einer In-Gruppe und den Anderen. Für das westliche Mitteleuropa war die In-Gruppe vor allem der Katholizismus. Mit der Moderne gab es einen Schritt von der Ethnozentrik zur Weltzentrik, eine Erweiterung von der Betrachtung einer Gruppe als auserwählt und privilegiert zu einer Gleichbehandlung aller Menschen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Rasse, Herkunft, Religion. Dieser Schritt ist extrem schwierig für jemanden, der ganz in einer ethnozentrisch-fundamentalistischen Weltsicht steckt. Auch die katholische Kirche hat bis zum zweiten Vatikanischen Konzil behauptet, dass sie die allein seligmachende Religion wäre. Auf diesem Konzil, erstmals in ihrer Geschichte, anerkannte sie, dass auch andere Erlösungswege in anderen Religionen möglich sind, die dem christlichen Erlösungsweg gleichgestellt sind. Das ist der klare Schritt von der Ethnozentrik – wir haben den einzig wahren Weg – zur Weltzentrik, wo alle Menschen berücksichtigt werden. Doch zwischen 60% und 70% der Weltbevölkerung befindet sich auf der ethnozentrischen Entwicklungsstufe, und die moderne Weltsicht ist keineswegs vorherrschend. Das bedeutet, dass es mit der Mehrheit der Weltbevölkerung bei einer ethnozentrischen Weltsicht unmöglich ist, zu irgendeiner Art von Weltfrieden und Weltharmonie zu gelangen.

Im Westen entstand eine Form der Moderne, die die Spiritualität insgesamt aufgab. Die frühen Wissenschaftler der Moderne waren religiös, sie glaubten auf eine rationale Art und Weise. Doch dann wurde Religiosität reduziert auf mythisch-wortwörtliche Religion und als solche von der Moderne verworfen. So wurde dieser Schritt vom Traditionellen, wo Gott überall zu finden war, zu einer Weltsicht, wo Gott nirgends zu finden war. Das ist problematisch, weil damit auch die Zustände des Bewusstseins aus dem Blickfeld geraten, und damit auch die Gesamtheit kontemplativer und meditativer Religion.

 

Die sechs „Väter“ von ISIS

ISIS ist zuallererst ein Kind des Despotismus der verabscheuungswürdigsten Form, welche diese Region jemals heimgesucht hat.

Korruption und Druckausübung auf Menschen, die denen das Gefühl gibt mit dem Rücken zur Wand zu stehen, sind typisch für einen ethnozentrischen Weg. Weil man im Namen Gottes spricht, kann man Menschen alles antun.

ISIS ist zweitens ein Abkömmling der amerikanischen Invasion in den Irak 2003, sowohl was die Durchführung dieser Invasion betrifft, als auch im Hinblick auf das katastrophale Management danach.

Der Irak war vor der amerikanischen Invasion kein friedliches Paradies, und eine Invasion von amerikanischen Truppen bedeutet auch nicht immer etwas Schlechtes, sie besiegten und befreiten damit auch Japan, sie halfen mit, Korea und Bosnien zu befreien, das waren positive Wendungen nach einer Invasion. Doch was den Irak betrifft, war das Ergebnis danach eine Katastrophe. Zuallererst wurde deutlich, dass es, anders als behauptet, keine Massenvernichtungswaffen gab. In den Gefängnissen wurde auch weiterhin gefoltert, wie es bereits unter Saddam Hussein geschah. Auch das Timing in der Zeit danach war schlecht. All das bereitete den Boden, auf dem der Terrorismus erstarkte. Es wirkte auf das Innenleben dieser Menschen und daraus entstand ein großer Hass.

ISIS ist drittens das Kind einer aggressiven Iranischen Regionalpolitik, die in den letzten Jahren immer schlimmer wurde.

Wem nutze der Machtwechsel im Irak? Den Schiiten, und diese verbanden sich immer mehr mit dem Iran, welcher seinerseits seinen Einfluss in den Irak ausdehnte, so dass man davon sprechen kann, dass die Amerikaner den Irak an den Iran ausgeliefert haben. Nun wurden die Sunniten unterdrückt, die ihrerseits unter Saddam Hussein die Schiiten unterdrückten, denn Saddam war Sunnit. Doch die Mehrheit der Menschen im Irak sind Schiiten. ISIS wiederum nutzte diese Situation aus, und brachte die Sunniten dazu, ISIS zu unterstützen.

ISIS ist viertens das Kind eines Salafistennetzwerkes in der Golfregion (in Saudi Arabien und anderen Staaten).

Die Salafisten sind eine Bewegung von Fundamentalisten mit einem sehr starken traditionellen Glauben. Sie führen ihre Geschichte auf die ersten drei Generationen nach Mohammed zurück und sind der Meinung, dass dies die Lebensweise ist, wie ein Moslem leben sollte. Dies sind Menschen wie die Wahhabiten, die schon im Zusammenhang mit Saudi Arabien erwähnt wurden. Sie sind finanziell gut ausgestattet, sehr gut organisiert und sehr puritanisch eingestellt. Sie genießen die Mittel der Moderne, doch sie weisen den modernen Ethos komplett zurück. Alles was aus dieser Richtung kommt, wird von ihnen als Kolonialismus betrachtet. Sie streben nach dem reinen Islam, den sie als die Verkündung der reinen Werte betrachten. Salafisten und Wahabiten stellen ein großes Problem dar, wenn sie das weiterhin vertreten, was sie heute vertreten. Sollte ISIS eines Tages besiegt sein, dann werden andere Gruppen wie diese folgen. Aus diesem Grund ist es so wichtig, Innerlichkeit und nicht nur Äußerlichkeit zu betrachten, weil die Motivationen, die Menschen antreiben, aus der inneren Entwicklung kommen. Dies kommt in der folgenden 5. Aussage zum Ausdruck.

ISIS ist fünftens der Ableger einer tiefgreifenden Krise, die zutiefst im Denken einiger islamistischen Gruppen verankert ist. Diese Gruppe haben versagt in der Bewältigung der gegenwärtigen Probleme der Welt und suchen ihr Heil nun in einem illusionären Modell, das sie demonstrativ der Zeit des siebten Jahrhunderts entnehmen, und von dem sie glauben, damit die Antworten auf alle gegenwärtigen Fragen zu finden.

Hier haben wir die Quelle eines geistigen Bezugsrahmens angesprochen. Es gibt gesunde und ungesunde Ausprägungen von Bezugsrahmen, im Bezug zu der Entwicklungsstufe von der sie herkommen. ISIS ist eine der bösartigsten und ungesundesten Ausdrucksformen eines traditionellen Bezugsrahmens.

Eine Menge Menschen können sich mit den Zielen von ISIS anfreunden, doch sie lehnen deren Methoden und Mittel ab. Wenn man mit diesen Menschen spricht und von Demokratie und Menschenrechten spricht, dann übernehmen sie die demokratische Sprache und erwähnen beispielsweise die Sekte der Amischen in den USA oder die orthodoxen Juden in New York. Sie weisen darauf hin, wie konservativ diese Menschen sind, die ja auch die Moderne und Technologie ablehnen. Und diese Menschen haben dennoch ihre Ziele erreicht und leben diese auch, und sie haben dies ohne Gewalt erreicht. Das ist eine interessante Perspektive, doch sie ist auch nur teilweise richtig und teilweise falsch, weil diese Menschen nicht nur ihr Leben leben, sondern weil sie auch möchten, dass andere so leben, auch wenn sie dies anderen nicht mit Gewalt auferlegen. ISIS jedoch ist gewalttätig.

ISIS ist sechstens die Frucht von Gewalt oder einer sehr gewaltvollen Umgebung.

 

Was im Hinblick auf diese Liste noch bemerkenswert erscheint ist:

Mit Ausnahme von Punkt 2 – der amerikanischen Invasion – sind alle anderen Faktoren der Region zuzuordnen, und dem Zustand in dem sie sich befindet. Dieser Zustand ist auch unter dem Einfluss der europäischen Kolonialisierung entstanden, und auch dem kalten Krieg, aber in letzter Zeit vor allem durch das Verhalten der örtlich verantwortlich handelnden Autoritäten.

Dies unterstreicht erneut die These, dass wir es hier mit einem mittelalterlichen, traditionellen Bezugsrahmen als Hauptproblem zu tun haben, auf das sich alle anderen Faktoren zurückführen lassen.

Ja, die Vereinigten Staaten sind für eine Menge verantwortlich, aber …

Während zahlreiche namhafte Konservative in den USA nach wie vor alle Muslime über den gleichen Kamm scheren, und unaufrichtig die bedeutende Rolle der Vereinigten Staaten unter George Bush, die zu dieser schlimmen Situation geführt hat, nicht sehen wollen, haben viele westliche und muslimische Analysten richtigerweise auf diese Rolle der USA hingewiesen und deren Außenpolitik der zurückliegenden Jahrzehnte kritisiert. Das ist gut. Andererseits haben aber auch Menschen wie Shadi Hamid von der Brookings Institution Präsident Obama richtigerweise dafür kritisiert, dass er nicht früher in Syrien militärisch eingegriffen hat. Hätte er es getan, dann hätte die Krise nicht dieses Ausmaß angenommen. Auch das ist gut.

Diese Kritiken sind wichtig. Dennoch sind viele, die so schreiben oder kommentieren, einschließlich der westlichen progressiven Linken, ganz versessen darauf, die Amerikanischen Konservation als Verantwortliche zu sehen, und vernachlässigen dabei oft die Rolle der regionalen Politik und des Islam.

Das ist ganz sicher nicht gut.

Alle diese Ansätze betonen weiterhin die äußere Dimension, äußere Interventionen und Einflüsse, und ignorieren innere subjektive und kollektive Überzeugungen und deren enormen Einfluss auf das Verhalten.

Was auch noch eine große Rolle dabei spielt sind Schattenprojektionen. Dieses Projizieren und Schattenboxen scheint vielen wichtiger zu sein, als sich wirklich um die Lösung der Probleme zu kümmern.

 

Teil 3 Islam’s Krise der Moderne

Betrachten wir einige der typischen muslimischen Reaktionen auf ISIS

Der Islam ist eine Religion des Friedens!“

Der Islam hat nichts mit dem so genannten Islamischen Staat zu tun!“

Der Islam verurteilt den Terrorismus!“

Das Problem dabei ist, nichts davon bringt uns heute weiter. Vielleicht hätte dies uns noch vor zehn Jahren weiter gebracht. Doch heute, nach dem arabischen Frühling in einigen arabischen Staaten und nach dem Auftauchen des „Islamischen Staates“ bringt es uns nicht weiter, jedenfalls nicht im Westen.

Ja, der etablierte Mainstream-Islam und die islamische Theologie verurteilen Terrorismus. Das absichtliche Töten von Zivilisten, vor allem von Frauen und Kindern, wird unmissverständlich verurteilt, doch darum geht es hier nicht. Zu sagen, dass das, wofür ISIS eintritt „absolut nichts mit dem Islam zu tun hat“, wie es oft als Sofortreaktion geschieht, ist weder richtig noch hilfreich.

Diejenigen, die sagen, dass der Islam nichts damit zu tun hat, übersehen die Attraktivität und Anziehungskraft von ISIS, die so viele Menschen aus aller Welt dort hingezogen hat. Die Errichtung eines Kalifats hat eine Resonanz, auch wenn die Methoden nicht akzeptiert werden.

In der muslimischen Welt, sagt Amir, in der er aufgewachsen ist, ist er mit einer Opfererzählung großgeworden: einst waren die Muslime eine große Zivilisation, doch dann kam der Westen. Dabei wird ein falscher Stolz erzeugt und das muss erkannt werden. ISIS ist ein mythisch-pathologischer Ausdruck des Islam, doch auch der Islam als Ganzes muss untersucht werden, was eine mentale Gymnastik erfordert – warum sollte der Islam kritisiert werden, wenn doch die USA diese Außenpolitik betreiben und der CIA Menschen foltert, ist das nicht viel eher zu kritisieren?

Wir müssen uns klarmachen, dass Gruppen wie ISIS nicht aus einem ideologischen oder soziopolitischen Vakuum aufgetaucht sind. Wir müssen uns klarmachen, dass dies die schlimmste und extremste Manifestation aus dieser Region heraus ist, die wir bisher gesehen haben, und es ist etwas das vorhersehbar war.

Und dazu gehören ein Verständnis der Entwicklungsstufen und die oben aufgeführten sechs Faktoren. Alle vier Quadranten haben einen Beitrag dazu. Es ist wichtig, dass Menschen in einem offenen und sicheren Rahmen über alle diese Themen sprechen können, was jedoch sehr schwierig zu bewerkstelligen ist.

Während der Terrorismus und das Abschlachten von Frauen und Kindern offensichtlich nicht islamisch sind, kann dies von der Errichtung eines „Islamischen Staates“, der zur Herstellung von „Gerechtigkeit“ die Sharia durchsetzt, nicht gesagt werden. Dieses Vorhaben stößt auf viel Resonanz und wird von vielen Muslimen unterstützt (auch wenn die Methoden dabei keine Zustimmung finden).

Es herrscht in der islamischen Welt keine Einigkeit darin, was ein gutes Leben und einen gerechten Staat ausmachen. Und ohne einen Sieg in diesem Bereich von Vorstellungen und Ideen wird sich das Problem eher noch verschlimmern.

Es gibt Mohammed den Propheten in der islamischen Tradition. Hier fehlt oft die Unterscheidung, die Unterscheidung des spirituellen Bereiches vom sozialen, politischen oder vom künstlerischen Bereich. Diese Bereiche müssen autonom sein, so dass sie entsprechend ihrer eigenen Regeln sein können, und Menschen sich in diesen Bereichen auf eine gesündere Weise entwickeln können. Es gibt bereits eine lebhafte Diskussion über islamische Schriften, doch eine Menge Menschen trauen sich noch nicht, sich mit dem Lebensbeispiel von Mohammed zu beschäftigen. Das wird sehr heilig gehalten und das Thema ist ein Minenfeld. Doch wir müssen uns damit beschäftigen und darüber reden. Mohammed war nicht nur ein Mystiker, er war auch ein politischer Führer, ein Militäroberhaupt, und natürlich war er auch ein Mensch. Er sprach nicht nur als der Botschafter Gottes, als politischer Anführer oder als Armeeoberhaupt zu den Menschen, er sprach auch als ein einfacher Mensch. Und diese Bereiche sind nicht ausreichend differenziert, so wie wir das heute kennen. Doch das wird so gut wie gar nicht diskutiert. Konnte er sich als ein Militärführer an die Genfer Konvention halten, als einen heutigen Standard im Kriegsfall? Kann seine Kriegsführung heute noch vorbildhaft sein? Betrachten wir die Militärethik, die er zu seiner Zeit etablierte, dann war diese zu dieser Zeit sehr fortschrittlich. Zu seiner Zeit war es üblich, alles niederzubrennen und auch Frauen und Kinder zu töten. Er führte ein, dass Frauen, Kinder und Ältere nicht getötet werden dürfen, und dass auch nicht gebrandschatzt werden darf. Einzig Krieger dürfen getötet werden. Er war zu seiner Zeit ein Sozialrevolutionär und führte sehr Fortschrittliches ein. Doch heute wird diese historische Perspektive nicht gesehen, die Menschen erkennen nicht den historischen Kontext an, in dem dies alles geschah. Wenn man das tut, dann übernimmt man nicht mehr einfach alles, was er getan hat in die heutige moderne Welt. Die Sharia war zu ihrer Zeit ein Fortschritt, doch heute, nach der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, ist es kein Fortschritt mehr.

Max Weber beschrieb, als ein wesentliches Kennzeichen der Moderne, die Differenzierung der Wertesphären – das Wahre, Schön und Gute, bzw. Wissenschaft, Kunst und Moral. Bis dahin war alles von der Kirche abgedeckt, jedoch nicht integriert und nicht differenziert. Mit der Differenzierung konnten sich die Bereiche frei entwickeln. Das brachte den Fortschritt der Moderne. Die Sharia hat das nicht. Die Shariapolizei kann sich in alles einmischen und tut es auch, in jeden Lebensbereich. Die Totalität des Lebens wird davon erfasst, und das wird mit einer spirituellen Totalität oder Einheit verwechselt. Letztendlich ist es jedoch Totalitarismus. Doch wenn wir in der Lage sind, diese Sphären zu differenzieren, können wir wertschätzen, was der Islam im spirituellen Bereich alles zu bieten hat, und auch im politischen Bereich zu seiner Zeit. Dann können wir in unserer heutigen Zeit darüber reden, wie wir damit umgehen.

 

Wenn die „Guten“ in Games of Thrones Enthauptungen durchführen

Jeder Mensch mit einer humanistischen Weltsicht wird öffentliche Auspeitschungen und Enthauptungen als abstoßend und als extreme Formen von Bestrafung empfinden.

Viele Muslims in der ganzen Welt empfinden dies jedoch nicht so, auch wenn sie sich gegen Terrorismus aussprechen und diesen verurteilen. Sie sehen diese Maßnahmen als übliche Formen von angewandter Justiz, von denen sie sich sogar eine verbreitetere Anwendung in der ganzen Gesellschaft wünschen. Und dies ist nicht so, weil die Menschen, die diese Praktiken akzeptieren, schlechte und böse Menschen sind. (Im Gegenteil, oft sind es freundliche, liebevolle und vernünftige Menschen). Und es ist auch nicht so, dass es diesen Menschen an Bildung mangelt. (Im Gegenteil, viele von ihnen sind hervorragende Ärzte, Ingenieure usw.).

Der Grund dafür ist, dass ihre moralische Weltsicht inspiriert ist von einer mehr mittelalterlichen, und daher, aus ihrer Perspektive, „reineren“ Ausdrucksform des Islam – unverfälscht durch eine „Westvergiftung“ oder Moderne. Es ist eine Ausdrucksform, die sie darin inspiriert, Gottes Gebote so zu ehren, wie sie in den ursprünglichen und heiligen Texten niedergelegt wurden.

Und diese Texte werden wortwörtlich als das Wort Gottes verstanden, so wie das Fundamentalisten überall tun, auch christliche Fundamentalisten. Ken verweist in diesem Zusammenhang erneut auf die Arbeit und das Buch Stufen des Glaubens von James Fowler.

Das liegt auch daran, dass Mohammed eben auch als ein moralischer Führer gesehen wird. Dies bedeutet nicht, dass Mohammed unmoralisch gehandelt hat. Wir müssen seine Handlungen jedoch vor dem Hintergrund und dem Kontext der Zeit sehen, in der er gelebt hat. Er war zu seiner Zeit seiner Zeit voraus, und in diesem Sinn auch visionär und revolutionär. Doch er lebte eben auch in seiner Zeit. Und an diesem Punkt ist die Diskussion für viele Menschen beendet. Ist es in Ordnung, Mädchen im Kindesalter zu (ver)heiraten, wie es zu Mohammeds Zeiten üblich war? Man kann bei der Erörterung dieser Frage die kognitive Dissonanz auf den Gesichtern der Menschen in Diskussionen sehen. Nach unseren heutigen Standards eindeutig nicht, wir haben uns weiterentwickelt. Und auch Mohammed wollte die Gesellschaft seiner Zeit weiterentwickeln. Es wurden ihm Macht, Geld und ein Harem angeboten, doch er wollte all dies nicht. Er wollte die Armut abschaffen und den Reichtum umverteilen. Und er handelte sowohl als ein spiritueller, als ein politischer, wie auch als ein militärischer Führer, und gleichzeitig war er ein ganz normaler Mensch. Heute schätzen und genießen auch die Menschen in der muslimischen Welt die Früchte der Moderne, doch diejenigen, über die wir hier sprechen, lehnen deren moralische Grundlagen ab.

Es ist ein wesentliches Merkmal von Entwicklungsstufen, dass, sobald eine Stufe historisch in Erscheinung getreten ist (archaisch zu magisch zu mythisch zu rational zu pluralistisch zu integral …), diese Stufe existent bleibt. Und jeder Mensch beginnt seine Entwicklung gewissermaßen wieder mit dem kleinen Einmaleins und durchläuft die gesamte Stufenreihe, von Stufe und Stufe. Dies bedeutet nicht, dass sich auch in einer „modernen“ Gesellschaft jeder Mensch auf der modernen Entwicklungsstufe befindet, und es bedeutet auch nicht, dass alle kulturellen Bereiche „modern“ sind. Die Menschen in einer Kultur decken das gesamte Spektrum der Entwicklung ab, auch über den gegenwärtigen Entwicklungsschwerpunkt einer Kultur hinaus. In diesem Sinn ist eine Gesellschaft daher nie nur „modern“ oder nur „traditionell“.

Viele Probleme, welche Menschen mit der Moderne in Verbindung bringen, entstammen einem mittelalterlichen, vor-modernen Bewusstsein, welches sich jedoch moderner Technologie bedient. Und das ist die Herausforderung der Moderne, dass, auch wenn ihre führenden Prinzipien von einer höheren Entwicklungsstufe kommen, dennoch die Gesamtbevölkerung sich nicht als Ganzes in ihrer Entwicklung auf dieser Stufe befindet. Schaut man sich die heutigen Probleme in der Welt an, dann stammen diese größtenteils von der Kombination von Menschen mit einem mittelalterlichen Bewusstsein bei einer gleichzeitigen Verwendung moderner Technologie.

Vergessen wir dabei nicht, dass ein Land wie Pakistan über Atomwaffen verfügt. Erst kürzlich mussten wir die Ermordung von 120 Kindern durch die pakistanischen Taliban erleben, aus einer „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ Mentalität heraus. Die Vorstellung, dass diese Atomwaffen in die falschen Hände geraten, ist ein Alptraum.

Viele dieser Menschen, mit anderen Worten, sind wie die „guten“ Charaktere im Game of Thrones, die Justizpraktiken wie Enthauptungen und Kreuzigungen befürworten. Ihre mittelalterliche moralische Weltsicht „läuft“ mit einer Software des 7. Jahrhunderts auf einer Hardware des 21. Jahrhunderts.

Dafür ist Saudi Arabien ein gutes Beispiel. Ein weiterer, in dem Beitrag von Amir Nasr eingebetteter Clip macht dies deutlich.

Nehmen wir als ein Beispiel einen Menschen wie Mo Ansar.

In diesem Clip aus einer BBC Dokumentation wird er herausgefordert von Maajid Nawaz,

einem früheren islamischen Extremisten, der sich zu einem liberalen Reformer gewandelt hat.

Es ist interessant zu sehen, wie sich Mo Ansar windet, wenn eine klare Antwort von ihm verlangt wird auf die Frage, ob das Abschneiden der Hände eine gerechte Bestrafung für Diebe darstellt.

Es ist so wichtig, dass wir Menschen wir Maajid haben, die solche konfrontierenden Diskussionen ganz anders führen können, als dies ein westlicher Journalist könnte. Zwar lehnt in diesem Gespräch Mo Ansar das Abschlagen der Hände eines Diebes „unter den gegenwärtigen Umständen“ ab, doch unter „idealen Bedingungen eines islamischen Staates“ vermeidet er eine klare Antwort auf die Frage, ob dann auch noch Enthauptungen und das Abschlagen der Hände abzulehnen sind.

Hier haben wir einen vernünftigen und gebildeten Briten, der nach wie vor unter dem Einfluss eines früheren Ballasts steht, und sich einer Veränderung und Modernisierung verweigert. Er bezieht sich auf für ihn ahistorische und religiös in Stein gemeißelte Werte und Praktiken. Das ist der Knackpunkt und Kern bei dieser Thematik. Man kann Menschen nicht einfach nur durch Reden aus ihrer Entwicklungsstufe herausargumentieren. Logik, Fakten oder Daten werden nicht zur Kenntnis genommen. Es ist der Bezugsrahmen, durch den hindurch all dies interpretiert wird. Beginnt man gegenüber einem christlichen Fundamentalisten beispielsweise, gegen Aussagen der Bibel zu argumentieren, dann wird das – und das kommt aus dem eigenen Bezugsrahmen – als ein dämonischer Einfluss und eine dämonische Stimme gesehen. Und diese Stimme ist böse, sie kommt vom Teufel, und so wird diese Kritik gesehen. Man kann jemanden da nicht „herausreden“. Argumente kommen nicht an, wissenschaftliche Beweise haben keine Aussagekraft. „Die Fossilien, oh ja, die hat Gott am fünften Schöpfungstag erschaffen“. Teil 4 Warum das von Bedeutung ist Um ISIS wirklich bekämpfen zu können und zukünftige Ableger und Nachfolger zu verhindern, müssen wir den archaischen Bezugsrahmen der ISIS hervorgebracht hat, bekämpfen. Durch ihn wurden die Grausamkeiten möglich und auch „salonfähig“. ISIS ist kein Ausdruck des Islam an sich, sondern ein Ausdruck des Islams durch eine mittelalterliche, anti-moderne Weltsicht, beeinflusst und unterstützt durch die heutigen politischen Konflikte in der Region. Die folgende Abbildung von The Institute for Cultural Evolution, weist auf die evolutionären Entwicklungsstufen hin, durch welche sich Weltsichten hindurchentwickeln.

Durch diese unterschiedlichen Weltsichten wird auch Religion interpretiert, was bedeutet, dass der gleiche religiöse Text jeweils anders interpretiert wird.

ISIS interpretiert sehr mythisch-wortwörtlich, woraus sich folgende Charakteristiken ergeben:
- autoritär,
- streng hierarchisch,
- militaristisch,
- eine „wir gegen die anderen“ Mentalität,
- extrem sexistisch und patriarchal,
- im Besitz des einzig wahren Weges,
- kann alle Ungläubigen töten,

Dahinter steht nicht nur eine Überzeugung oder ein Glaube, sondern es handelt sich um einen Bezugsrahmen, verankert im Geist eines jeden Individuums auf dieser Entwicklungsstufe, und das sind die meisten Mitglieder von ISIS.

Viele Menschen aus westlichen Ländern und anderen Teilen der Welt sind zu ISIS gekommen, weil sie sich – aus einer inneren Perspektive heraus gesehen – in ihrer Heimat allein fühlen, unverbunden, keinen Sinn dort finden und keine Bedeutung haben, und all dies bei ISIS finden. Doch es bleibt auch eine offene Frage, wie jemand, der, sagen wir, in England aufgewachsen ist, zu dieser radikalen Weltsicht konvertieren kann und auf dieser mythischen Stufe lebt, auch wenn er oder sie in einer säkularen Umgebung aufgewachsen ist?

Dies ist möglich genau wegen der durch und durch säkularen Umgebung. Menschen verfügen über ein breites Spektrum verschiedener Intelligenzen, und eine davon ist die spirituelle Intelligenz. James Fowler definiert die spirituelle Intelligenz als dasjenige, was für Menschen von letztendlicher Bedeutung ist. Ein Problem der Moderne ist, dass aufgrund des schnellen Fortschritts der materialistischen Naturwissenschaften die Tendenz bestand und besteht, so etwas wie eine spirituelle Dimension einfach wegzulassen. Hinzu kommt, dass die einzige Art von Religion, welche im Westen stattfand, im Wesentlichen und bezogen auf die Strukturen des Bewusstseins, mythische Erzählungen waren. Die meisten Menschen der säkularen Welt wollten das hinter sich lassen – sie dachten zuallererst an die Grausamkeiten, die im Namen Gottes verübt worden waren. So wurde die Moderne nicht nur anti-religiös sondern auch anti-spirituell. Das hätte nicht so kommen müssen, aber so ist die Entwicklung gelaufen. Auf diese Weise entsteht ein spiritueller „Hunger“ bei vielen, die in der modernen Welt aufwachsen, der dort jedoch nicht gestillt wird. Diese Menschen haben im Verlauf ihres Bildungsweges wenig gelernt im Hinblick auf geisteswissenschaftliche Unterscheidung, z. B. bezüglich unterschiedlicher spiritueller Erfahrungen oder von Entwicklungspsychologie, und dann hören sie ISIS über Gott sprechen und das spricht sie an. Es hört sich kraftvoll an und holt sie auf ihrer mythischen Entwicklungsebene ab: „Gott ist alles, er kümmert sich um alles, auch um dich“, doch dieser Gott ist totalitär. Das ist keine wirkliche Spiritualität, doch für jemanden der dies nicht unterscheiden kann, hört sich das erst einmal so an. Im Laufe der Zeit kann dann diese Einsicht kommen, doch bis dahin können die Menschen schon tot sein, oder geopfert worden sein, oder sie wurden ermordet …

Das menschliche Herz hat ein grundlegendes Verlangen nach dem Wahren, Schönen und Guten. Wenn irgendetwas davon in einer Kultur fehlt, dann wird das von den Mitgliedern dieser Kultur gefühlt. Der Körper würde keinen Hunger spüren, wenn es keine Nahrung gäbe. Und die Seele würde nicht hungern, wenn es keinen GEIST gäbe. Wenn das in einer Kultur fehlt, erzeugt man spirituellen Hunger bei Menschen. Und die Substitute, die Menschen dann für sich finden, sind oft sehr merkwürdig. Eines davon sind Unsterblichkeitsprojekte, wie Otto Rank dies bezeichnete. Anstatt der wirklichen Ewigkeit, dem zeitlosen JETZT, suchen wir nach Dingen, die in der Zeit ewig andauern sollen, und das sind unsere Unsterblichkeitsprojekte. Hätten wir eine unmittelbare Erfahrung der Zeitlosigkeit in unserer Spritualität, würden wir diese Projekte sofort aufgeben. Doch stattdessen jagen wir Macht, Geld, Erfolg, Status usw. hinterher. Die Moderne ersetzte den mythisch-wortwörtlichen Gott nicht durch etwas anderes. Das hätte geschehen können, es gibt ja viele Menschen auf der rationalen Entwicklungsstufe die z. B. ein rationales Christentum haben, und darüber gibt es viele Bücher. James Fowlers Arbeit zeigt ganz klar, dass die rationale Entwicklungsstufe auch eine spirituelle Stufe ist. Doch das wurde gesellschaftlich kaum gelebt. Gesehen wurde nur der wortwörtlich-mythische Gott, und der wurde abgelehnt und mit ihm die gesamte spirituelle Intelligenz.

Unterschätzen wir bitte nicht den beachtlichen Schaden, den eine transnationale Gruppe mit einer Moral des 7. Jahrhunderts, einem tiefsitzenden Hass und mit den Waffen des 21. Jahrhunderts anrichten kann. Heute ist es der Irak, Syrien und Libyen. Morgen kann es Jordanien, Libanon und auch den Nordosten Saudi Arabiens treffen. Die Aufgabe die vor uns liegt ist auf eine erschreckende Weise dringend.

Es gibt viele Stimmen zu diesem Thema, doch die grundlegenden Aspekte werden oft übersehen, und zwar die inneren Faktoren und eine Entwicklungsperspektive. Hinzu kommt, dass, selbst wenn ISIS erfolgreich bekämpft würde und besiegt wäre, das Thema bliebe, und andere weitermachen können.

Doch es gibt auch gute Gründe optimistisch zu sein. Bildung und Erziehung, das Internet mit Information und sozialen Medien, all dies kann zu einer Lösung der eigenen kognitiven Dissonanzen hinsichtlich dessen, was sich ereignet, beitragen. Das Informationszeitalter ist diesbezüglich auf der Seite der Moderne. Die Evolution geht voran, von Anbeginn an, immer weiter, zu immer mehr äußerlicher Komplexität und innerlicher Bewusstheit. Doch dies braucht Zeit, und die Entwicklung verläuft in Schlingen und Schlaufen. Vor 400 Jahren entwickelte sich das weltzentrische Bewusstsein in immer mehr Individuen. Doch bis heute befinden sich noch ca. 70% der Menschen auf einer ethnozentrischen Entwicklungsstufe. Ist der Zeitraum, den wir betrachten, nur lang genug, ist der Ausblick jedoch optimistisch. Dies lehrt uns Bescheidenheit und Demut.

Es wird in dieser Frage keinen Sieg oder Fortschritt geben, wenn nicht eine weitreichende Debatte unter Muslimen über die Rolle des Islam im öffentlichen Leben stattfindet. Dazu gehört eine Ermutigung hin zu einer humanistischen Modernisierung der moralischen Anschauungen aus dem Mittelalter. Die betroffene Region kann sich nicht weiterentwickeln ohne die Schaffung einer eigenen, gesunden, modernen Weltanschauung und einem entsprechenden politischen Programm.

Darüber hinaus ist es wichtig zu verstehen, dass der so genannte Arabische Frühling nicht gescheitert ist. Beurteilt man Revolutionen im Zeitraum weniger Jahre, dann sieht es wie ein Scheitern aus. Mit Ausnahme von Tunesien, wo große Fortschritte geschehen, sind die Protestbewegungen der anderen Länder des Arabischen Frühlings weit entfernt von den Zielen von „Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde“, doch das bedeutet nicht, dass dies nicht noch erreicht werden kann. Die Gründe, welche die Aufstände hervorgerufen haben, sind immer noch vorhanden und die Probleme ungelöst. Daher wird die Dynamik weitergehen. Revolutionen sind soziokulturelle Prozesse über lange Zeiträume. Die Aufstände in der arabischen Welt haben die Augen geöffnet. Die lange Zeit unterdrückte Diskussion über zwei der problematischsten kulturellen Leiden:
1) die patriarchale Autorität und 2) die Krise der Modernen des Islam und seine Rolle im öffentlichen Leben hat begonnen.

„Dies musste eines Tages hervorbrechen, doch ich habe nicht damit gerechnet, dass es so schlimm werden würde und solche Ausmaße annehmen würde. Niemals war die Zeit dringlicher, um die Diskussion über diese Themen in den Vordergrund zu stellen.“

 


1Anmerkung: Dies bezieht sich auf das Game of Thrones – Das Lied von Eis und Feuer Computer-Rollenspiel des französischen Entwicklers Cyanide Studio. Es ist ein Begleitprodukt der gleichnamigen Fantasy-Fernsehserie und basiert wie diese auf der Fantasyromanreihe Das Lied von Eis und Feuer des US-amerikanischen Autors George R. R. Martin. (Quelle: Wikipedia)

(aus: Online Journal Nr. 51)