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26.4.2017 : 11:43 : +0200

Postmoderne Selbstständigkeit

Stephan Gerd Meyer

Die Realität der Selbstständigkeit als Arbeits- und Le­bensform hat sich in den letzten 20 Jahren wesent­lich verändert. Lange sah der Archetyp der klassischen Selbstständigen so aus, dass sie vorwiegend an ihrem eigenen Vorankommen interessiert sind, rund um die Uhr für ihre Fir­ma arbeiten, vorwiegend kaufmännisch und gewinnorientiert denken und handeln, gut verdienen, Angestellte haben, immer unter Strom stehen und es zu einem gewissen Ansehen in ihren regionalen gesellschaftlichen Kreisen bringen. Die eigene Ge­sundheit und die Familie stehen dabei häufig hintenan, weil es eben nicht anders geht.

Wer im Internet zum Thema „Existenzgründung“ oder „Unternehmer“ surft, findet immer noch vorwiegend Ge­schichten, Wettbewerbe und Angebote aus der „Start-Up- Glitzerwelt“: Begriffe wie Vorsprung, Erfolg, Leidenschaft, Innovation, hochmotiviert, vielversprechend und chancenreich dominieren die Texte, die Bilder zeigen fröhlich-dynamische Menschen im Business-Dress, mit Laptops, Sportwagen und schicken modernen Büros. Sie zeigen die vorwiegend wirt­schaftlich orientierten Selbstständigen und vermitteln die Illusion, dass diese Ausrichtung Erfolg verspricht.

Wer Erfolg an der Umsetzung von Werten misst, die neben der materiellen Ebene auch ideelle Inhalte haben, verlangt deutlich mehr. Ein grösseres Bild entsteht, in dem Menschen, Ereignisse und Systeme nicht benutzt werden, um voran zu kommen, sondern als Bestandteil unseres Lebens gewert­schätzt und respektiert werden. Der materielle Erfolg ist nicht mehr das Ziel, sondern der Zweck, um etwas zu bewir­ken, zu verändern oder zu verbessern. Wer mit dem Selbst­ständig Sein höhere Ziele verfolgt, muss das Ego ernst neh­men, darf sich aber nicht von ihm dominieren lassen.

Erfolg in diesem Sinne kann dann sein, mehr Zeit für die eigenen Kinder oder die Pflege der Gesundheit zu haben, mit dem verdienten Geld eine Stiftung zu gründen, die der Natur oder nachhaltigen Projekten zugute kommt, oder durch das eigene Geschäft Qualitäten zu schaffen, von denen die Men­schen und der Planet langfristig profitieren.

Höhere Ziele verlangen ein grösseres Bild

Die Welt braucht mehr spirituell orientierte Selbstständige

Die postmoderne Selbstständigkeit, nach der der Grossteil der heutigen Existenzgründungen ausgerichtet ist, beruht in einem viel höheren Masse auf den individuellen Interessen und Talen­ten der Gründer, auf Zufriedenheit und Lebensqualität, koope­rativen Arbeitsformen ohne Angestellte, flexiblen Arbeitszeiten und -orten und einer grossen persönlichen Freiheit der Grün­der. Diese „Firmen“ sind häufig Einzelunternehmen oder Frei­berufler, die Buchführung macht ein Steuerbüro, das primäre Interesse liegt nicht im Geldverdienen sondern in der Verwirk­lichung von Zielen, die eng an die Persönlichkeiten der Grün­der geknüpft sind. Natürlich soll aus dieser Tätigkeit der eigene Lebensunterhalt bestritten werden, aber die reine Gewinnma­ximierung als Unternehmensziel ist zunehmend unattraktiver geworden. Genauso wichtig sind heute Ideale und Werte, sozi­ale und ökologische Verantwortung, persönliches Wachstum, Nutzen und Sinn des eigenen Schaffens und das Verständnis, dass die Arbeit ein wesentlicher Teil des Lebens ist und deshalb Qualitäten haben muss, die auch mit den privaten Ansprüchen kompatibel sind. Der Begriff „work-life-balance“ ist aus dieser Sichtweise überholt, da es sich bei Arbeit und Leben nicht mehr um gegensätzliche Pole handelt, sondern um Bestandteile des­selben Ganzen. Postmoderne Selbstständige integrieren ihre persönlichen Überzeugungen und Entwicklungen in den Ar­beitsalltag, anstatt sie nur nach Feierabend zu leben.

Nutze Deine Potenziale und übernimm Verantwortung

Führen und geführt werden

Wer Verantwortung trägt, muss Entscheidungen treffen und immer wieder die Weichen stellen für die nächsten Schritte und den weiteren Weg. Jede Entscheidung für etwas ist eine gegen etwas anderes. Und jede führt zu Konsequenzen, die erfreulich oder unerfreulich sein können. Die meisten Selbstständigen treffen permanent Entscheidungen, deren Konsequenzen sie selbst zu verantworten haben - mit ihrem Geld, ihrer Zeit, ihrer Kraft, letztlich mit wesentlichen Anteilen ihrer Existenz. Und genau das ist für viele auch die Motivation zum Selbstständig sein: Selbst entscheiden dürfen, was zu tun ist, wann, von wem und auf welche Art und Weise. Selbst profitieren zu können von den Resultaten, sei es als finanzieller Gewinn, Lernprozess, Er­weiterung des Horizonts, Zuwachs an Wahlmöglichkeiten oder am besten alles zugleich. Selbst spüren zu dürfen worum es geht und worum nicht.

Entscheiden heisst auch führen - sich selbst, das Unterneh­men, die Kunden, die Partner und, falls vorhanden, auch die an­gestellten Mitarbeiter. Das fängt schon dabei an, die Arbeitszei­ten selbst zu bestimmen: Wann stehest Du morgens auf, wann arbeitest Du, wie lange am Tag und wie oft in der Woche? Das klassische Bild von den Arbeitszeiten der Selbstständigen ist die 60-bis-80-Stunden-Woche, ohne freie Abende und Wochenen­den. Das gibt es durchaus, für manche immer, für andere vor­übergehend, aber es gibt auch immer mehr Selbstständige mit einer 40-, 30- oder 20-Stunden-Woche. Das hängt dann mit der nächsten Entscheidung zusammen: Wieviel Geld brauchst Du, vieviel musst oder willst Du verdienen? Reich zu werden moti­viert immer noch etliche Unternehmer, die Lebensqualität zu steigern ist aber das Ziel, das vielen immer wichtiger wird. Das muss keine Entscheidung gegen´s Geld verdienen sein - ganz im Gegenteil lässt es sich auch miteinander verknüpfen, wenn bei­des eine hohe Priorität besitzt.

Obwohl Selbstständige jeden Tag viele Entscheidungen tref­fen, können sie die Resultate nicht vorhersehen. Egal wie gut oder schlecht sie etwas machen, der Erfolg hängt auch von Um­ständen ab, die sie zwar beeinflussen können, aber nicht be­stimmen. Es ist ein Spiel mit vielen Unbekannten, das viel Freu­de macht, wenn es Dir gelingt, Dich im passenden Augenblick führen zu lassen, von Zufällen, Unfällen, Schicksalen, Ereignis­sen und Kräften, denen Du als Mensch ganz natürlich ausgelie­fert bist, wie alle anderen Wesen auf der Erde auch.

Entscheiden heisst verantworten und führen

Wer entscheidet also wann?

Aus diesem Blickwinkel ist das Quadranten-Modell der Integ­ralen Theorie interessant. Von den vier Quadranten gibt es nur einen, der ganz Deiner eigenen Kontrolle unterliegt: ICH ( in­dividuell + subjektiv ). Die anderen drei Quadranten zeigen die Zusammenhänge auf, denen die Entwicklung und der Erfolg von Unternehmen zugleich auch noch unterliegt: ES ( individu­ell + objektiv ), WIR ( kollektiv + subjektiv ) und ALLES ( kollek­tiv + objektiv ).

ICH

Den direkten Einfluss hast Du im ICH-Quadran­ten auf die inneren Konditionen des Geschäfts. Damit gibst Du dem Unternehmen Inhalte, Struk­turen, Regeln und Ziele und prägst es durch Deine Potenziale, Werte, Grenzen und Ängste.

ES

Die äusseren Umstände, die Dich selbst und Dein Unternehmen direkt betreffen, finden sich im ES-Quadranten. Du musst Dich ihnen stellen und kannst sie steuern, aber sie werden Dich auch for­dern und beeinflussen.

WIR

Ohne andere Menschen wird es nicht funktio­nieren, im WIR-Quadranten entscheidet das Ge­lingen der Interaktion mit anderen über die Ent­wicklungen und Ergebnisse. Hier spielen auch die Werte und Ziele Deiner Partner und Kunden eine entscheidende Rolle.

ALLES

Die äusseren Umstände, die viele Menschen betreffen und da­mit direkte und indirekte Einflüsse auf Dein Geschäft haben, finden sich im ALLES-Quadranten.

Selbstständige befinden sich in einem Fliessgleichgewicht der Kräfte aus allen vier Quadranten, denen sie permanent ausge­setzt sind. Manche dieser Kräfte wirken ganz unmittelbar und werden sehr bewusst, andere wirken recht indirekt, im Hinter­grund und mehr oder weniger unbewusst. Wer sie alle kennt und berücksichtigt, kann jederzeit Entwicklungen, Risiken und Möglichkeiten erkennen und frühzeitig im Bereich des eigenen Einflusses darauf reagieren.

Jede Veränderung in jedem Quadranten kann als Prüfung betrachtet werden, um die eigene Position und die eigenen Ziele kritisch zu beleuchten und ggf. zu korrigieren. Die Selbst­ständigkeit wird dadurch zur Reise ins Unbekannte, herausfor­dernd, lebendig und vielseitig - sie schärft kontinuierlich Deine Sinne und führt Dir regelmässig Deine Potenziale und Grenzen vor Augen.

Dein Einfluss ist wesentlich und doch begrenzt