Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Gesellschaft > Sport aus integraler Perspektive
DeutschEnglishFrancais
24.8.2017 : 6:53 : +0200

Sport aus integraler Perspektive

Michael Habecker

[Hinweis: Die in Kursivschrift gesetzten Zitate stammen, sofern nicht anderes angegeben,aus dem Dialog Sports and Spirituality zwischen Ken Wilber und David Meggyesy, einem früheren Footballstar, veröffentlicht auf integralnaked.com]

 

  • Die moderne olympische Idee gibt das grüne Empfinden wieder, wenn sie sagt, „nicht zu siegen, sondern dabei zu sein ist alles“
  • Ein Problem der Kommunikation transpersonaler Erfahrungen im Sport  ist, dass es dafür nur einen geringen gesellschaftlichen Raum und keine geeignete Sprache gibt
  • Football ähnelt einem Kriegspiel, es basiert auf Gewalt, es geht dabei um die Eroberung und Verteidigung von Gelände
  • Athleten können in den exakt gleichen Bereich gelangen, der typischerweise mit Künstlern oder Mystikern im nondualen Bewusstseinszustand in Verbindung gebracht wird

 

Das Thema Sport  - sowohl als individuelles wie auch kollektives und weltweit verbreitetes Phänomen - hat eine fast bis an den Menschheitsbeginn zurückreichende Tradition und erfreut sich einer ungebrochenen Beliebtheit und Faszination. Die Betrachtung dieses Phänomens aus einer integralen Perspektive ist Inhalt dieses Beitrages.

Das integrale Modell

Eine Rundreise durch das integrale Modell, dessen Grundzüge hier vorausgesetzt werden, kann uns dabei helfen, die unterschiedlichen Aspekte des Sports zu erhellen. Gleichzeitig kann die integrale Landkarte einmal mehr dazu benutzt werden, zwischen scheinbar völlig verschiedene Disziplinen wie Spiritualität und Sport eine gemeinsame Sprache zu finden, auf deren Basis Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlich werden können.

Entwicklungsebenen

Sport findet sich auf allen Ebenen menschlicher Existenz und ist, wie kaum etwas anderes, geeignet, die Unterschiedlichkeit und Charakteristik der Ebenen zu illustrieren. Am Beispiel des Regenbogenspektrums der Entwicklungsebenen:

Rot steht für die Ebene der Egozentrik, und ihre sportlichen Aspekte sind die des individuellen Kampfes und Sieges, auch bis zur Vernichtung des Gegners. Dabei ist alles erlaubt, und die einzige Regel, die es gibt ist die, dass keine Regeln gelten. In den meist zu Schaukämpfen abgemilderten freestyle Ringerwettkämpfen lässt sich diese Entwicklungsstruktur gut erkennen.

Die soziozentrische Bernstein-Ebene führt Regeln in den Sport ein, an die sich die Athleten zu halten haben. Damit hat dieses Struktur auch im Sport eine wesentliche Sozialisierungsfunktion, bei welcher der Egozentrik Schranken gesetzt werden. Gleichzeitig steht diese Strukturstufe auch für den Kameradschafts- und Teamgeist im Sport, „das Team ist der Sieger“, auch „wir gegen die anderen“ oder sogar das Gefühl „wir gegen den Rest der Welt“.

Die nächsthöhere Entwicklungsstufe ist Orange, und sie führt den Sport aus der Soziozentrik heraus, hin zu einer weltzentrischen Veranstaltung, bei der es neben dem Ich-Erleben und dem Wir-Gefühl auch auf Hightech, Business, Politik, und erstmals auf eine weltzentrische oder globale Perspektive auf den Sport ankommt. Der Gegner wird als gleichwertiger Mensch gesehen, und neben der Einhaltung der Regeln gibt es einen Bereich der Fairness im miteinander Umgehen, jedoch in einem (Ausscheidungs-)Wettbewerb: „Möge der/die Bessere gewinnen!“.

Der menschliche Aspekt des Sports tritt noch mehr in der nächsthöheren grünen Entwicklungsstufe hervor, wo Begriffe wie eine win/win Situation erstmals auftauchen, und Spiele erfunden werden bei denen es keine Verlierer mehr gibt. Die olympische Idee der Neuzeit ist eine grüne, weltzentrische Idee der Völkerverständigung. Bei den noch höheren Entwicklungsebenen treten dann beim Sport immer mehr die spirituellen Dimensionen hervor, bei denen Sport den Zugang und die Entfaltung immer höherer Potenziale der Menschen und der Menschheit insgesamt unterstützt. 

„Entwicklungshöhe beschreibt nicht nur den Entwicklungsfortschritt, sondern nimmt auch Einfluss auf das allgemeine kulturelle Empfinden und die Bedeutung, die den Sport umgibt, sowohl was den Zuschauer als auch was den Athleten selbst betrifft. So erlaubt beispielsweise der Sport den Fans ein bestimmtes Maß an Magenta-Ritualen, einen gesunden Rahmen für rote Aggressionen, eine Bernstein Zugehörigkeit zu einem bestimmten Team einer Stadt, einem Land, einer Nation usw. Für die Athleten war der Sport historisch eine außergewöhnliche Möglichkeit, um Menschen von Rot zu Bernstein zu bringen, bei der die Rohheit des Ego gezügelt wird, und die oft durch Testosteron angetriebene Identität durch ein Selbst-Opfer mittels Disziplin und Zusammenarbeit auf eine höhere Ebene gehoben wird, als eine Voraussetzung für die orangen Prinzipien von Äußergewöhnlichkeit und Leistung.

Diese Entwicklungsstrukturen bestimmen ebenso die allgemeinen Werte von Sportlichkeit, mit denen der Athlet seinen Sport betreibt. Dabei konzentriert sich Rot auf die Glorie des Sieges, Bernstein erinnert uns daran, dass „es um die Mannschaft geht“, Orange sagt uns, dass „es nicht nur um Gewinnen oder Verlieren, sondern um das Spielen des Spiels“ geht, und die moderne olympische Idee gibt das grüne Empfinden wieder, wenn sie sagt, „nicht Siegen, sondern dabei sein ist alles“.

„Diese unterschiedlichen Modi von Sportlichkeit sind besonders in der heutigen Welt wichtig, in der sich der Sport in einer aggressiven Businesswelt wiederfindet, was zu einer Verstärkung des Macht-Egos führt. Ohne die Verinnerlichung der ethischen Sensibilität der Bernstein Ebene und noch höherer Strukturen passiert es sehr schnell, dass sich das Ego von der Illusion des sich zu wichtig Nehmens verführen lässt, was dazu führt, dass Athleten zu Mega-Maniacs werden, die sich in einer orangen Welt des Ruhms verlaufen, was die moralischen Überschreitungen von Menschen wie Michael Vick [A. d. Ü.: Amerikanischer Footballspieler, der illegale Hundekämpfe unterstützte], Kobe Bryant [A. d. Ü.: Amerikanischer Baseballspiele,r dem eine Vergewaltigung zur Last gelegt wird] , Tonya Harding [A. d. Ü.: Amerikanische Eiskunstläuferin, die an einem Attentat auf eine Konkurrentin  beteiligt war], und vielen anderen erklärt.“

Entwicklungslinien

„Das integrale Modell sagt, dass das menschliche Wesen aus unterschiedlichen „Intelligenzen“, Talenten und Fähigkeiten besteht, von denen sich jede durch verschiedene Entwicklungsstufen von Tiefe, Komplexität und Kompetenz entwickelt. Beispiel für diese “multiplen Intelligenzen” (oder “Entwicklungslinien”) sind: kognitive Fähigkeiten, kinästhetische Intelligenz, moralische Entwicklung, ästhetische und wahrnehmende Fähigkeiten, usw... „Athletik“ bezieht sich dabei auf eine Kombination verschiedener Entwicklungslinien mit jeweils unterschiedlicher Bedeutung. Dabei ist von besonderem Interesse, dass bei all diesen Entwicklungslinien, wenn sie sich auf die derzeit höchste Entwicklungsstufe hinbewegen (Petrol, Türkis, Indigo und darüber hinaus), sie Eigenschaften anzunehmen beginnen die mit dem Wort „trans-rational“ oder einfacher „spirituell“ bezeichnet werden können; was der Grund dafür ist, dass sich bei vielen Zuschauern, wenn Michael Jordan [ein gefeierter amerikanischer Baseballspieler] sein Bestes gibt, das gleiche Gefühl einstellen kann, wie etwa  bei der Lektüre der Poesie eines Sufi Mystikers.“.

Athlet, Zuschauer und Perspektiven

Die Quadranten (als Perspektiven des In-der-Welt-Seins) machen die Dimensionen des Sports sichtbar. Der obere linke Quadrant steht für alles das, was subjektiv und individuell erlebbar ist beim Sport, sowohl für den Athleten wie auch für den Zuschauer, die ganze Fülle von Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen, die der Sport mit sich bringt, im Stadion oder vor dem Fernseher. Der linke untere Quadrant steht für das Wir-Erleben, z. B. einer Mannschaft oder einer Fernsehgemeinschaft eines Fußballspiels von Millionen von Menschen. Das „Sommermärchen“ der Fußball-WM 2006 in Deutschland oder die Fußball EM, die dieses Jahr in Österreich und der Schweiz stattfand, sind exemplarische Beispiele für nationale Wir-Erlebnisse weltweit – von kollektiver Euphorie (bei Sieg) bis zu nationaler Trauer (bei einer Niederlage). Der rechte obere Quadrant steht für das Verhalten, die Physiologie, Funktionalität, Bewegung, und alles individuelle Messbare beim Sport, vom Hightech Windkanal zur Laufoptimierung bis hin zum Doping zur Leistungssteigerung, vor allem in der orangen Gesellschaft der Gegenwart ein Phänomen. Der rechte untere Quadrant steht für das „System Sport“ bzw. das Sportbusiness, und den damit zusammenhängenden politisch-sozio-ökonomischen Strukturen.

Ein Problem der Kommunikation transpersonaler Erfahrungen des Sport ist, dass es dafür nur einen geringen gesellschaftlichen Raum und keine geeignete Sprache gibt.  Beim Unausgesprochene im Sport [unspoken stuff] ist das Problem, dass es dafür im unteren linken Quadranten keine Sprache gibt, auch wenn es der Sportler (im oberen linken Quadranten) erfährt – und die Frage ist, welche Terminologie es geben kann, damit die spirituelle Komponente dessen, was Athleten tun und erfahren, ausgedrückt werden kann ... Doch auch wenn der Sport vielleicht nicht die Sprache entwickelt hat, um zu beschreiben, was geschieht, so hat er doch viele längst anerkannte Möglichkeiten und Methoden entwickelt,  um in diese spirituellen, nichtdualen Zustände einzutreten.

Typologien

Die Typologische Vielfalt sorgt (nicht nur) beim  Sport dafür, dass es niemals langweilig wird. Es gibt sehr viele unterschiedliche Richtungen, Stile, Techniken und Arten, etwas mit dem Körper zu tun, wobei beim Leistungssport sich sehr schnell diejenige Methode durchsetzt, welche die besten Ergebnisse verspricht. Als ich in den 60ger Jahren im Leichtathletikverein die Hochsprungtechnik lernte, gab es die Scherentechnik und den „straddle“ (Wälzsprung) zur Auswahl. Dann entwickelte der Amerikaner Richard Fosbury den nach ihm benannten Flop, bei dem man mit dem Rücken zuerst die Latte überquert, und diese Technik setzte sich dann schnell als erfolgreichste durch. 

Sport und Gesellschaft

Die Wechselwirkungen zwischen Sport und Gesellschaft sind vielfältig, dazu ein paar Beispiele: Jede Gesellschaft mit ihrem kollektiven Schwerpunkt „instrumentalisiert“ den Sport zu ihren Zwecken, was sich besonders dadurch zeigt, wie Gastgebernationen die Olympischen Spiele für ihre Zwecke einsetzen - von den Nazis 1936 bis zu China 2008.

Eine weitere Facette ist die des Geschlechterverhältnisses im Sport. Von der Forderung für körperliche Ertüchtigungen auch für Mädchen am Beginn der Frauenbewegung bis hin zu boxenden und Fußball spielenden Frauen war es ein weiter Weg, ein Weg der ideologische Vorurteile überwand, ohne biologische Unterschiede zu verwischen. So treten nach wie vor in den meisten Sportarten Männer nicht gegen Frauen an, weil Frauen aufgrund ihrer durchschnittlich geringeren Körperkraft gegen Männer chancenlos wären. Als Zuschauerrinnen waren Frauen schon im Altertum zugelassen, doch erst 1973 moderierte eine Frau (Carmen Thomas) erstmals im Deutschen Fernsehen eine Sportsendung: „Das aktuelle Sportstudio“. Landesweite „Berühmtheit“ erlangte sie am 21. Juli 1973 durch einen Versprecher, bei dem sie den Traditionsfußballverein FC Schalke 04 als „FC Schalke 05“ ansagte. Die Bild-Zeitung forderte daraufhin ihre Entlassung. Mittlerweile sind Frauen aus der Sportmoderation nicht mehr wegzudenken.

Einen weiteren Aspekt, der Sport, Individuen und Gesellschaft verbindet, könnte man etwa so formulieren: „Sage mir, welchen Sport du betreibst (oder magst), und ich sage dir, wer du bist“, was sowohl individuell wie auch kollektiv gilt. In dem Eingangs erwähnten Dialog zwischen Wilber und Meggyesy beschreibt dieser den amerikanischen Football mit folgenden Worten: Football ähnelt einem Kriegspiel, es basiert auf Gewalt, es geht dabei um die Eroberung und Verteidigung von Gelände. Es hat sich aus Fußball und Rugby entwickelt und wurde zu einem amerikanischen Spiel, das derartig gewalttätig ist, dass im Jahr 1907 siebzehn Studenten durch das Spiel ums Leben kamen. Teddy Roosevelt, der damalige Präsident, erwog, diesen Sport wegen seiner Gewalt zu verbieten. Dieses Spiel fasste hier Fuß auf der Grundlage einer sozialdarwinistischen Sichtweise eines „Überlebens des Stärksten“, und das Spiel machte daraus Ernst, wurde als eine Art Überlebenskampf inszeniert Wir sind die einzige Nation weltweit, die dieses Spiel spielt, und man kann sich die Frage stellen, was es über unsere Kultur aussagt, welche Werte darin zum Ausdruck kommen. Das sind interessante Fraggestellungen, und zwar für alle Kulturen. Alle Gesellschaften benutzen ihre Athleten als einen Ausdruck ihrer Art zu leben, ihrer Werte usw. Die Sowjets haben es getan, wir haben es getan, das ist nichts Neues, Menschen werden dadurch mobilisiert.

Gleichzeitig kann Sport aber auch auf das höchste Potenzial des Individuums und der Gesellschaft hinweisen, und die Frage stellt sich als eine gesellschaftliche Aufgabe, wie, neben dem breiten Raum, den der Sport auf „Boulevardniveau“ einnimmt, die höheren Aspekte des Sports mehr in den Vordergrund gerückt werden können. Wir stehen hier vor der Frage, in welchem Kontext die Möglichkeit besteht, all diese Aspekte des Sports zu würdigen, und Sport nicht nur als einen Ausdruck von rot-blau-oranger Wettkampfmacht, wo es nur ums Gewinnen geht, eingebunden in ein bisschen Teamwork, zu sehen, sondern Sport mehr als einen Weg zur Selbstverwirklichung und zur Selbsttranszendenz zu sehen, all dem, was die Menschheit eint, und nicht nur auf das zu schauen, was die Menschen voneinander trennt.

Dies führt uns geradewegs zur Verbindung von Sport und Spiritualität. 

Sport, Bewusstseinszustände und Spiritualität

Sport und Spiritualität, etwas Kontrastreicheres kann man sich kaum vorstellen. Auf der einen Seite der Athlet oder die Athletin, kraftstrotzend und physisch in Topform, auf der anderen Seite ein meditativer Mensch (oder auch Mönch), asketisch und nach innen gekehrt. So oder so ähnlich könnten Assoziationen zwischen den beiden Bereichen aussehen. Und doch wissen wir bereits über einen möglichen Zusammenhang, der uns vor allem aus den östlichen Kulturen bekannt ist.

Seit dem Beginn der Zivilisation war Sport ein Bestandteil der menschlichen Gesellschaft. Von den militaristischen Wettkämpfen im alten China, Griechenland und Ägypten, bis zum enormen Aufstieg des Massen- und Zuschauersports mit dem Beginn der industriellen Revolution, haben die Athleten der Gesellschaft als ein Beispiel für menschlichen Triumph, Willenskraft, für Kameradschaft und für herausragende Leistungen gedient, sowie als ein Beispiel für persönliche Disziplin, dem Erreichen von Zielen und der laufenden Verbesserungen. In vielerlei Weise repräsentiert Sport das Beste des menschlichen Geistes. Und doch empfinden manche eine Verbindung von Sport und Spiritualität als merkwürdig, so als wenn es sich dabei um zwei ganz unabhängig voneinander existierende Aspekte menschlichen Lebens handeln würde. Überschneidungen werden zwar bei Kampfsportarten wie Kung Fu erkennbar, aber was hat Spiritualität mit modernen westlichen Sportarten wie Fußball, Baseball, oder Basketball zu tun? Spiele wie diese beziehen ihre Kraft aus erdverbundenen Elementen wie Blut, Schweiß, Tränen und Testosteron, wohingegen Spiritualität meist eine Rolle spielt bei den entfernteren, himmlisch-unendlichen Angelegenheiten unserer tragisch-endlichen, menschlichen Existenz. Doch derartige Vorstellung sind sehr eng und begrenzt, und werden weder der Fülle und Komplexitätdes Sports noch jener der Spiritualität gerecht. Ein Athlet kann durch den Sport ebenso zu Tugend, Erleuchtung und Selbsttranszendenz gelangen wie ein Mönch innerhalb einer spirituellen Tradition. Ebenso kann ein Mönch persönliche Kraft und Stärke, Durchsetzungsvermögen, Verkörperung und Erdung durch seine spirituelle Praxis erlangen wie ein Athlet in seinem Sport.

Die auffallendste Parallele dabei sind die sowohl beim Sport wie auch in der spirituellen Praxis auftretenden Zustandsveränderungen. Diese Erfahrungen werden oft beschrieben mit Worten wie „im Zwischenbereich sein“[in the zone] oder „aus dem Kopf raus sein“. Athleten können in den exakt gleichen Bereich gelangen, der typischerweise mit Künstlern oder Mystikern im nondualen Bewusstseinszustand in Verbindung gebracht wird – Zustände von absoluter Selbsttranszendenz und einem unbehinderten kreativen Fließen. Diese nondualen „Flow-Zustände“ (zusammen mit dem grobstofflichen, dem subtilen, dem kausalen und dem Zeugenzustand) bilden das Herzstück jeder esoterischen und kontemplativen Form von spiritueller Praxis der Weltreligionen. Auch wenn sie alle unterschiedliche Bezeichnungen und metaphysische Voraussetzungen haben und aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten stammen, gibt es ganz erstaunliche Übereinstimmungen in all den verschiedenen Beschreibungen. Ein Anlass, von einer Einheit auszugehen, die diesen spirituellen Erfahrungen und Ausdrucksweisen der Menschheitsgeschichte zu Grunde liegt ... Diese nondualen „Gipfelerfahrungen“ werden von der sportinteressierten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, was hauptsächlich daran liegt, dass es dafür in dieser Öffentlichkeit keine geeignete Sprache gibt, mit welcher dieser Erfahrungen kommuniziert und außerhalb der Sportarena in den Alltag übermittelt werden können. Doch ob diese Zustände nun wahrgenommen werden oder nicht, praktisch jeder Athlet hatte oder hat sein oder ihr Erleben vom „Zwischenbereich“ – dem anstrengungslosen Zusammenfallen von Sportler,  Gegner, Zuschauer und dem Spiel, bei dem alles, was bleibt, ein erotischer Duft von frisch geschnittenem Grass ist, ein Eindruck der warmen Sonne auf der Haut, und die zeitlupenhafte Raserei eines spielenden Kosmos.

Ken Wilber betont in diesem Zusammenhang den transformierenden Aspekt des Sports: Im Sport sehen wir zwei Hauptmöglichkeiten der Transformation. Die eine ist, wenn Kinder und Jungendliche sehr individualistisch mit dem Sport beginnen, dass sie sich dann von Rot zu Bernstein oder von Egozentrisch zu Ethnozentrisch entwickeln, von der persönlichen Stärke hin zur Stärke des Teams. Das ist eine der wesentlichen Transformationen, die der Sport leistet. Es gibt aber auch eine weitere Transformation bei Menschen, die sich auf einer modernen und postmodernen Entwicklungsstufe befinden, und je mehr diese Menschen als persönliche und transzendente Zustände einen Flow oder das Zeugenbewusstsein erfahren, desto mehr kann sie das dabei unterstützen, sich vertikal weiter zu entwickeln.

In diesem Sinn, so Ken, stellt der Sport eine „verborgene Religion“ dar; und zwar für das Individuum als auch für die zuschauende Gemeinschaft. Es ist von großer Bedeutung für dieses Land [USA] zu erkennen, dass ein Sporttraining auch ein spirituelles Training ist. Dies ist weitgehend unbekannt. Im Unterschied zu den westlichen klösterlichen Traditionen, bei denen das Zustandstraining ohne eine kinästhetische Komponente geschieht, hat der Sport diese kinästhetische Komponente. Sport ist eine verborgene Kirche, zu der mehr Amerikaner gehen als zu jeder anderen Kirche – Sport am Wochenende, das ist für viele ihr Gottesdienst. [Lachen]. Die Menschen manchen dann Erfahrungen im „Zwischenbereich“, wissen im Grunde nicht genau, was da eigentlich  passiert, aber sie hatten einen tollen Tag und großartige Erlebnisse. Sie befinden  sich in diesen Flow-Zuständen von Angesicht zu Angesicht mit Gott, sind eins mit der höchsten Identität, dem letztendlichen Wesensgrund ... Es gibt eine eigene Psychologie der Masse und es ist nicht nur die der Herdenmentalität. Diese spielt dabei zwar auch eine Rolle, doch es geschieht noch etwas Tieferes. Deswegen kommen die Fans auch immer wieder. Dabei kommt es natürlich, wie schon gesagt,  auch auf die Interpretation dieser Augenblicke an ... die Athleten sind im Wesentlichen spirituelle und transzendente Helden. In dem wir ihnen zuschauen, können wir selber an diesen transzendenten Erfahrungen teilhaben. Es passiert auf beiden Seiten; im Athleten selbst, aber auch innerhalb einer riesigen Zuschauermenge. 

Persönliches

Ich liebe es, auf und mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Dafür lasse ich jedes Autocabrio stehen (na ja, fast jedes). Mein Vater hat mir das Fahrradfahren beigebracht, er lief so lange hinter mir her, bis er nicht mehr mitkam. Als ich beim erste Mal bemerkte, dass mein Vater den Gepäckträger des Rades nicht mehr hielt, fiel ich vor Schreck gleich hin. Später, als Student, kurvte ich in den Semesterferien mit dem Rad quer durch Europa, anfangs noch mit dem geliehenen Drahtesel meines Bruders, mit dem ich – ohne Gangschaltung –  immerhin Schwarzwald und Vogesen überquerte. Später war ich dann mit 10 Gängen und 20 kg Gepäck unterwegs, von Skandinavien bis Italien. Mittlerweile habe ich ein paar Gänge zurückgeschaltet, und das konkrete Fahrradabenteuer beschränkt sich auf den Transport von Getränkekisten beim Einkaufen, doch die Faszination des Unterwegssein aus eigener Kraft, die mit diesem Sport verbunden ist, ist für mich ungebrochen. Die großen Straßenrennen, allen voran die Tour de France, schaue ich mir immer noch gerne an, trotz Doping, Big Business & Co. Die gewaltige Landschaft, die dabei durchquert wird, die vielen psychodynamischen und taktischen Aspekte, das Spektrum der unterschiedlichen Motivationen, von sehr egozentrisch bis zu ziemlich spirituell, die heroischen Einzelleistungen, das Team als Wir-Kraft, über das Menschmögliche hinauszugehen und alles zu geben – die unterschiedlichen Facetten des Menschsein drücken sich in diesem Sport für mich wie in keinem anderem aus.

Wir Menschen haben den Sport erfunden, auch um über uns selbst hinauszuwachsen, persönlich und gemeinschaftlich – kann es etwas Schöneres geben?

MH-8-2008

Doping

Doping lässt sich, wie jedes andere Phänomen im Sport, auch als ein integrales Phänomen betrachten. Beginnend beim oberen linken Quadranten, und der darin enthaltenen persönlichen Entwicklung, hat Doping dort seine (intentionale) Ursache in einer ich-bezogenen Haltung, die besagt, dass der eigene Vorteil wichtiger ist als die Spielregeln des Wettkampfes, an dem man teilnimmt. Anders gesagt, je niedriger der Entwicklungsschwerpunkt, desto wahrscheinlicher ist Doping. Die persönliche Fragestellung des Sportlers (der Sportlerin) dabei lautet, „Halte ich mich an die Regeln, auch zu dem Preis, den es mich kosten kann (z. B. zu wissen, dass sich andere nicht an die Regeln halten, oder dass es Möglichkeiten der Regelumgehung gibt, die nicht entdeckt werden können)?“

Im rechten oberen Quadranten zeigt sich Doping im geänderten Verhalten des Sportlers und der Beeinflussung seiner Physiologie, messbar u.a. im Harn und Blut. Im unteren linken Quadranten werden die kulturellen Bedingungen des Doping erkennbar, die Kultur des Sportes, um den es geht, und die Kultur der Gesellschaft, in der dieser Sport stattfindet. So sagte Bjarne Riis, einst Gewinner der Tour de France, in einem Interview nach seiner aktiven Radsportzeit: „Jetzt ist die Zeit gekommen, die Karten auf den Tisch zu legen. Ich habe Doping genommen. Ich habe Epo genommen. Das war Teil meines Alltags ... So war die Zeit nun einmal damals. Ich war Radsportler zu den Bedingungen, die es damals gab. Ich bin froh, dass die Bedingungen heute nicht so sind.“ Diese gemeinschaftlich geteilten „Bedingungen“, die in einem Sport zu einer Zeit üblich sind, sind der kulturelle Rahmen in dem Sport stattfindet, und ebenfalls einen Einfluss auf die individuellen Intentionen und Handlungen ausübt. In der Perspektive des unteren rechten Quadranten schließlich werden die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen erkennbar. Im Fall von Doping gehören dazu die Doping-Technologie, Herstellung und Vertrieb, das dazugehörige Business usw.

Wie gesagt, jede Entwicklungsebene hat jeweils ihre eigene Doping-Mentalität, ihre Doping-Kultur, ihr Doping-Verhalten, und ihr Doping-System und die Technologie. Oberhalb der persönlichen Entwicklungsstufe, von der ab der Wettkampfgegner als ein Partner im Sport gesehen wird, gibt es (intentional) kein Doping mehr, und die Spielregeln werden eingehalten. Doch was die technologische Entwicklung angeht, sind dem Doping auch in Zukunft buchstäblich keine Grenzen gesetzt. Daher bietet der integrale Ansatz auch gute Voraussetzungen für eine wirksame Dopingkontrolle, bei der sowohl die äußerlichen technologisch-medizinischen Aspekte berücksichtigt werden, als auch die innerlichen individuellen und kulturellen Aspekte von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und persönlicher Integrität und Fairness. Technologische Entwicklung lässt sich kaum eindämmen, daher spielt einmal mehr die innere Entwicklung, individuell und kollektiv, eine Schlüsselrolle bei der Beantwortung der Fragen zu dieser Thematik.  MH-9-2008

 


Quelle: IP 11, 2008