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24.8.2017 : 6:55 : +0200

Stadtschreiber – Eindrücke aus erster Hand

 

 

Völkerverständigung geht nicht theoretisch und am Schreibtisch, sondern nur persönlich, praktisch und auf der Straße oder dem Feld. Sie erfordert unseren Einsatz als ganzer Mensch, und unser sich auf den Weg machen zur Begegnung mit anderen Menschen und deren Kulturen. Erst so gewinnen wir Eindrücke aus erster Hand, die unverzichtbar sind für wahre Gemeinschaft und Völkerverständigung, als die lebendigen Zellen einer globalen Weltnation, wo nicht nur äußerliche Strukturen immer schneller miteinander vernetzt werden, sondern in der sich Menschen begegnen und einander berühren und erfahren.

Im Rahmen des AKSHAR Gemeinschaftsprojektes (ins Leben gerufen und unterstützt vom Goethe- Institut in Indien, des Netzwerks der Literaturhäuser in Deutschland, des für den Buchmessen-Auftritt Indiens zuständigen National Book Trust in Delhi sowie der staatlichen indischen Sahitya Akademie) reisten zwischen Juni und Oktober 2006 sieben indische und sieben deutsche Autoren für vier Wochen in das jeweils andere Land und berichteten in Tagebuch- Notizen von ihren Impressionen und Erfahrungen.Während der Frankfurter Buchmesse im Oktober traten sie gemeinsam auf und tauschten sich aus. Wir möchten hier Beiträge zweier Autoren wiedergeben, von Mogalli Ganesh aus München und von Kristof Magnusson aus Pune in Indien.

 

 

Tagebuch von Mogalli Ganesh

14.-22. September 2006, Empfindungen der ersten Tage

Als ich aus Indien nach München kam, gelang es mir nur schwer, Ordnung in meine Gefühle zu bringen, da ich Europa zum ersten Mal erlebe. Schon die Landung auf dem Frankfurter Flughafen war eine Überraschung; in meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so großen Flughafen gesehen. Doch ich fand mich ohne Schwierigkeiten bei der Abfertigung und in den unterirdischen Gängen zurecht ... Nach [einer] unerfreulichen Mahlzeit ging ich in mein Apartment, um mich auszuruhen. Aber das war eine trügerische Hoffnung. Kaum hatte ich mich hingelegt, flatterten mir wie Vögel meine Frau und meine Kinder in den Sinn. Eine Vogelmutter mit ihren Jungen. Ich fand keine Ruhe. Ich bin sehr gefühlvoll, wenn es um meine Familie geht. In Indien geht man nicht gern lange fort und lässt sie allein zurück. Meine Kinder riefen nach mir, streiften mich mit ihren kleinen Flügeln: Oh Papa, lieber süßer Papa, wann kommst du nach Hause? Bitte, komm schnell, sonst kommen wir in deine Träume und tragen dich auf unseren Flügeln zurück in dein Land! Irgendwann versuchte ich sie auf dem Handy anzurufen, das sich leider als unbrauchbar erwies, da es nicht über die große Distanz funktionierte. Ich war sehr traurig, und meine Frau fragte mich immer wieder, wie es mir gehe. Ich erinnerte mich an all die besorgten Ratschläge, die sie mir gegeben hat. Ich fühlte mich körperlich und geistig elend ...

In Indien scheint es irgendwie nicht so viele Regeln zu geben.

 

Zum ersten Mal kochte ich am Abend ein eigenes Reisgericht. Was ich da erfand, wäre bei uns unmöglich. Zuerst gab ich Reis in Wasser, dann fügte ich Käse, Eingelegtes, Nüsse und Dosenfleisch hinzu und mischte alles in einer Schale. Es roch nach einer Mischung aus allem. Zumindest der Basmati hatte einen guten Duft. Am nächsten Tag kochte ich dann, wie wir es zu Hause machen. Das fiel mir leichter. Nach einigen Tagen fühlte ich mich wieder normal und begann das Neue zu sehen. Die Straßen wurden mir vertraut. Nach drei Tagen ging ich alleine ohne Begleitung spazieren. Ich besuchte Kustermann, ein großes Haushaltsgeschäft, um mir all die Dinge anzuschauen, die man hier kaufen kann. Es war wie jedes Kaufhaus in einer Großstadt. Auch in unseren Städten gibt es riesige Shoppingkomplexe. Die Menschen hier erledigen ihre Einkäufe auf unglaublich kühle Art. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand handelt. In Indien ist Feilschen ein Muss. Es ist Teil der Beziehung zwischen Käufer und Verkäufer. Aber hier gibt es keine Diskussion mit Ladeninhabern, kein Handeln, kein Probieren, keinen Rabatt, keinerlei Hinweis auf eine menschliche Beziehung. Ich fürchtete mich vor den Preisen. Diese an Geld orientierte Welt und der mechanische Stil des Einkaufens machten es mir schwer. Ich ging hinaus, um die Maximilianstraße entlang zu schlendern. Diese Straße ist zu teuer für jeden normalen Menschen auf der Welt. Gern hätte ich mir die ärmste Straße der Stadt angeschaut. Ich weiß nicht, wo ich in Deutschland eine solche Straße oder ein Armeleuteviertel finden könnte. Später ging ich zum Literaturhaus, um mich mit Verena wegen des Abendprogramms zu treffen. Ich erfuhr etwas über die Lesungen und die Diskussion. Unruhig und aufgeregt kehrte ich in mein Apartment zurück und ruhte mich ein wenig aus. Der Abend verlief sehr gut. Ich war aufgeregt, auf der Bühne zu sein. Ich saß da, vor all den neuen Gesichtern, hatte viele Worte, die ausgesprochen werden wollten. Cornelia bat mich, zuerst ein paar Worte in meiner Muttersprache zu sagen. Meine Muttersprache ist wie die Milch meiner Mutter für mich, sagte ich. Ich bin aus dem Land der Unberührbaren. Ich versuche meine eigene Gemeinschaft zu schaffen, mit zumindest etwas menschlicher Liebe und Gleichheit, mit all meinem Blut und meinem Atem, und sie den Augen der Welt zu zeigen. Das ist die Art von Gesellschaft, zu der ich gehöre. Meine Gemeinschaft, damit meine ich mein Volk, hungert nach Liebe und wird doch von allen unterdrückt ...

 

Übersetzung: Ursula Gräfe

Tagebuch von Kristof Magnusson

(aus Pune/Indien) 23. August 2006

In der indischen Ausgabe der Elle standen Tips, was man alles gegen die Monsun-Depression tun kann, aber ich habe leider alle vergessen. Ich liege auf meinem Bett, nur mit einem Laken bedeckt, die Flügel des Ventilators drehen sich so schnell, dass ich sie nicht sehe. Obwohl es in Pune nicht so heiß ist wie anderswo in Indien, ist es doch ziemlich heiß. Vorhin im Supermarkt konnte ich nur mit Mühe dem Wunsch widerstehen, mir eine Tüte Tiefkühlerbsen zu kaufen, um sie mir auf die Stirn zu legen. Die Tips aus der Elle waren irgendwie besser, wenn ich mich richtig erinnere. Aus Erbsen und indischem Rahmkäse wird hier ein leckeres Gericht namens Mattar Paneer gekocht, das ich heute Mittag gegessen habe. Dazu gab es Fresh Lime Soda, das indische Äquivalent zur Apfelschorle. Nach dem Essen war ich in der Nähe des Fergusson College unterwegs, als Angehörige den in weiße Tücher gehüllten, mit Blumen geschmückten Leichnam einer jungen Frau zu einem Einäscherungsplatz trugen ...

Allein aus meinem Fenster kann ich zusehen, wie drei riesenhafte Neubauten in den Himmel wachsen, sehe, wie Bauarbeiter im 25. Stock auf Gerüsten aus Bambus stehen und Glasfassaden montieren. Diese Bürohäuser, DaimlerChrysler ist auch hier, die Filialen von Subway´s, die Coffee Shops; die Leute, die einem zur Begrüßung die Hand geben, mit denen man sich auf englisch oder sogar deutsch unterhält, geben mir das Gefühl, dass es zumindest innerhalb der Mittelklasse irgendwie so ist wie in Europa auch. Stimmt natürlich nicht, aber ist es nicht schon erstaunlich genug, dass man überhaupt auf diese Idee kommen kann? Dass es ein Indien gibt, das einen für eine Weile vergessen lässt, wie groß die kulturellen Unterschiede sind? Ich treffe mich mit Vikram, er ist Mitte zwanzig, freundlich, ehrgeizig, betreibt seine eigene Sprachenschule, hat ein nagelneues Mobiltelefon, eine schicke Uhr, wir essen Toast und sprechen über Kinofilme. Doch als er mir später seine große Wohnung zeigt, ist das erste, was ich sehe, ein Schrein mit einem Bild von seinem Guru ... Erst als wir auf der Straße stehen, wird mir bewusst, dass „mitnehmen“, „vorbeifahren“ Motorrad bedeutet. Ich bin noch nie Motorrad gefahren, da ich auch in Deutschland ein sicherheitsbesessener Europäer bin ... Ich fragte Vikram, wann ich mich denn nun zu welcher Seite lehnen müsste, und er antwortete: „Du kannst dich gern zu einer Seite lehnen, wenn du etwas sehen möchtest.“ In Indien scheint es irgendwie nicht so viele Regeln zu geben.

Ich also, also: wir also, auf dem Motorrad auf der North Main Road, parallel zum Mula-Mutha-River, immer geradeaus, bis Wiesen kommen, Ziegen, Kühe, dann links ein Neubaugebiet. Zehnstöckige Bauboomneubauten, noch ohne Farbe und Fenster, deren Fassadengestaltung geradezu grotesk verspielt wirkt: hier ein Erker, dort ein Balkönchen, und das im 10. Stock. Das Mariplex-Kino mit seinen sechs Sälen ist schon fertig. McDonald´s hat eröffnet, bei Kentucky Fried Chicken putzt eine Frau in violettem Sari die Fenster. Neben Filmen wie „Ahista, Ahista“ läuft „The Man“ mit Samuel L. Jackson, unweit des Mariplex wirbt am Straßenrand ein Plakat für Unterhaltungselektronik: „Entertainment will never be the same again“.

Auf dem Weg zurück in die Stadt fahren wir an einem Ausflugslokal vorbei, das Swiss Cheese Gardens heißt. Ich denke nur noch gelegentlich an Schädelbrüche und Querschnittslähmungen, denn eigentlich macht Motorradfahren echt Spaß. Ich freue mich, dass Vikram mir Pune zeigt, das früher einmal Poona hieß.


Quelle: IP 14 – 11/2009