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24.4.2017 : 7:18 : +0200

Stefan Zweig über die Monotonisierung der Kulturen

 

Stefan Zweig (* 28. November 1881 in Wien, † 22. Februar 1942 in Petrópolis bei Rio de Janeiro) war ein bedeutender österreichischer Schriftsteller. Eine seiner ganz großen Begabungen war sein Gespür für Psychologisches, für das Innere sowohl von Individuen wie auch von Gemeinschaften und Kulturen. In einem Aufsatz von 1925 mit der Überschrift „Die Monotonisierung der Welt“ beschreibt Zweig ebenso klarsichtig wie vorausschauend die Schattenseiten einer Globalisierung, wie wir es heute nennen, bei der aus einer bunten Vielfalt graue Eintönigkeit, Uniformität und eben Monotonisierung wird. „Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die individuellen Gebräuche der Völker schleifen sich ab, die Trachten werden uniform, die Sitten international. Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinandergeschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr die Städte einander ähnlich.“

Dieses „Ineinanderschieben der Kulturen“ erläutert er am Beispiel verschiedener Symptome wie dem Tanz („Heute tanzen Millionen Menschen von Kapstadt bis Stockholm, von Buenos Aires bis Kalkutta denselben Tanz, nach denselben fünf oder sechs kurzatmigen, unpersönlichen Melodien ...“), der Mode („Kein Kaiser, kein Khan der Weltgeschichte hatte ähnliche Macht, kein Gebot des Geistes ähnliche Geschwindigkeit erlebt. Das Christentum, der Sozialismus brauchten Jahrhunderte und Jahrzehnte, um eine Gefolgschaft zu gewinnen, um ihre Gebote über so viele Menschen wirksam zu machen, wie ein Pariser Schneider sie heute in acht Tagen hörig macht“) dem Kino („Wiederum unermeßliche Gleichheit über alle Länder und Sprachen hin“) und dem Radio („Alle diese Erfindungen haben nur einen Sinn: Gleichzeitigkeit. Der Londoner, Pariser und der Wiener hören in der gleichen Sekunde dasselbe, und diese Gleichzeitigkeit, diese Uniformität berauscht durch das Überdimensionale“). Als „Konsequenzen“ sieht Zweig ein „Aufhören aller Individualität bis ins Äußerliche“, eine „Gleichartigkeit der Seelen“ und ein „Absterben des Individuellen zugunsten des Typus“.

Als Ursprungsort dieser „furchtbare[n] Welle, die uns alles Farbige, alles Eigenförmige aus dem Leben wegzuschwemmen droht“ erkennt er die „amerikanische Langeweile, die dort aus jedem Stein und Haus der nummerierten Straßen aufsteigt“, eine Langeweile, die „fahrig, nervös und aggressiv“ ist. Alle Bemühungen, diese Entwicklung aufzuhalten, sind „ein Blatt Papier, gegen einen Orkan geworfen“. Ein Zeitgeist, der „Vergnügen zu bieten [hat], ohne Anstrengung zu fordern“, ist nicht aufzuhalten, und daher lautet Zweigs Empfehlung: „keine Gegenwehr!“ Als „Rettung“ bleibt nur die „Flucht in uns selbst“, denn „wenn wir uns der wachsenden Gleichförmigkeit dieser Welt auch mit der Seele verweigern, so wohnen wir doch dankbar treu im Unzerstörbaren dieser Welt, das immer jenseits aller Wandlungen bleibt“, ein Hinweis, der sich auf die Absolutheitsdimension eines „Ruhe in der Unendlichkeit“ beziehen könnte.

Zweigs Text ist eine sehr weitsichtige Analyse von dem, was Ken Wilber in „Eros, Kosmos, Logos“ mit „Flachland“ bezeichnet, eine Welt voller gleichförmiger Oberflächen, ohne Innerlichkeit, Tiefe und Bedeutung. Was würde Zweig, der 1942 auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs in Brasilien freiwillig aus dem Leben schied, zu unserer heutigen postmodernen Welt sagen? Vieles seiner damaligen Skepsis ist real geworden, ja sogar noch weit schlimmer, als von ihm beschrieben, doch es gibt auch viele Chancen und Hoffnungen, gerade bezüglich dessen, was Zweig mit der Hinwendung zum „Unzerstörbaren“ meint. „Lebe Dein endliches Selbst, und ruhe in der Unendlichkeit“, ist ein mittlerweile in integralen Kreisen, aber auch darüber hinaus oft zitiertes Wilber- Wort. Wir können auf die Kraft, Kreativität und schöpferische Gestaltungswirkung der Evolution vertrauen. Sie hat Unvorstellbares bewirkt und wird dies weiterhin tun. Gleichzeitig, und daran erinnert uns Zweig, sind wir gut beraten, genau hinzuschauen, auch auf die Schattenseiten und Verwerfungen von Entwicklung, vor deren Hintergrund das Licht umso heller scheint.

 

Alle Zitate sind dem Buch Stefan Zweig, „Die Monotonisierung der Welt“, Bibliothek Suhrkamp entnommen.


Quellen: IP 14 – 11/2009