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25.2.2017 : 19:06 : +0100

Wikileaks Analyse

„Little Brother is watching you“

Das Phänomen WikiLeaks aus integraler Sicht

von Dennis Wittrock

Mit spektakulären Veröffentlichungen einer rauen Menge von als „Top Secret“ eingestuften Daten, im jüngsten Fall von rund 250.000 diplomatischen Depeschen der amerikanischen Regierung, katapultierte sich die Webseite „WikiLeaks“ und ihr Gründer und ihre Galionsfigur Julian Assange, über Nacht zu einem Global Player der Weltpolitik. WikiLeaks schlägt eine Menge Wellen und das Imperium schlägt zurück. Eine Bestandsaufnahme der Ereignisse, gepaart mit einer integralen Analyse eines Zeitgeist-Phänomens der Internet-Ära.

Angela Merkel ist „wie Teflon“ und Außenminister Westerwelle wird als „eitel und inkompetent“ charakterisiert. Was man da aus offiziellen Depeschen des US-Botschafters in Berlin entnehmen kann, scheint die Aufregung um WikiLeaks auf den ersten Blick nicht zu rechtfertigen. „Das ist nicht gerade neu“ oder „Das hätte ich Ihnen auch sagen können“ sind die wohl meistzitierten Reaktionen. Doch ein Blick auf die Hintergründe offenbart rasch die Brisanz und die Dimension der Enthüllungen der umstrittenen Internet-Plattform. Stellen Sie sich vor, Sie sollen eine öffentliche Rede halten, die weltweit live im Fernsehen übertragen wird. Als Sie ans Mikrofon treten wollen, kommt jemand von hinten und zieht Ihnen Ihr komplettes Beinkleid blank. So ungefähr muss sich Hillary Clinton gefühlt haben, als offenbar wurde, dass WikiLeaks eine viertel Million klassifizierter Dokumente für jedermann einsehbar im Internet veröffentlicht hat. Spätestens da waren die Augen der Weltöffentlichkeit auf WikiLeaks gerichtet. (Die Namensähnlichkeit mit „Wikipedia“ besteht übrigens stark zum Leidwesen der beliebten Internet-Enzyklopädie, die es schwer hat, sich in der öffentlichen Sphäre von Assanges Aktivitäten abzugrenzen.) Es folgt der Versuch einer Rekapitulation der wichtigsten Stationen, die bis zu diesem spektakulären Coup geführt haben.

Eine Chronik der rasanten Geschichte von WikiLeaks

Schon in seiner Jugend war der gebürtige Australier Julian Assange ein begabter Hacker, dem bereits zu Beginn der Internet-Ära das Kunststück gelang, in den Zentralcomputer der NASA und des US-Militärs einzudringen. Früh erkannte er das Potential des Internets für sozialen Aktivismus und gründete 2006 seine Plattform WikiLeaks. Hier sollten „geleakte“, also durchgesickerte Geheiminformationen, die von öffentlichem Interesse und gesellschaftlicher Relevanz sind, von Informanten anonym hinterlegt und später veröffentlicht werden. Als sein Projekt immer mehr Know-how und Ressourcen erforderte, arbeitete er mit dem deutschen „Chaos Computer Club“, darunter Daniel Domscheit-Berg, zusammen. Die ersten „Leaks“ waren unter anderem Informationen, die einen ausschlaggebenden Einfluss auf den Ausgang eines Wahlkampfes in einem afrikanischen Land hatten, sowie Enthüllungen, die WikiLeaks von Scientology-Aussteigern zugespielt wurden.

2009 sorgte die Veröffentlichung interner Dokumente der isländischen Kaupthing Bank, die später tief in der Finanzkrise verwickelt war, für Wirbel. Fünf Minuten vor Sendetermin landete eine Verfügung auf dem Tisch des Nachrichten-Moderators, dass der geplante Bericht darüber im isländischen Fernsehen nicht gesendet werden sollte. Statt dessen zeigte der Sender kurzerhand einen Screenshot von WikiLeaks mit der Aufforderung, dass sich die Zuschauer selber auf der Webseite informieren sollten. Dies führte zur nationalen Popularität der Webseite in Island. Assange und sein Mitstreiter entwarfen spontan einen Gesetzesentwurf, der dafür sorgen sollte, dass Islands Mediengesetzgebung das Land in ein Äquivalent dessen verwandeln sollte, was die Cayman Islands für Geldwäscher sind: eine sichere Insel für investigativen Journalismus. Das isländische Parlament nickte den Vorschlag ab. 

Der erste globale Paukenschlag kam im April 2010, als WikiLeaks das Video „Collateral Murder“ veröffentlichte. Auf dem Clip ist zu sehen, mit welcher Menschenverachtung US-Soldaten im Kampfeinsatz harmlose Passanten aus sicherer Entfernung aus einem Kampfhubschrauber niedermetzeln. Die Presseagentur Reuters, deren zwei Mitarbeiter bei dieser Aktion ums Leben kamen, hatte sich zuvor vergeblich um die Herausgabe des Videomaterials bei den amerikanischen Militärs bemüht. Die Bilder gingen um die Welt. Im  Juli 2010 veröffentlichte WikiLeaks die Kriegstagebücher aus Afghanistan, eine Sammlung interner militärischer Aufzeichnungen, die die Grausamkeit  und Absurdität des Kriegsgeschehens in akribischem Detail dokumentieren. Darauf folgten die Kriegstagebücher („War Logs“) aus dem Irak, mit 391.832 Berichten die bis dato größte Menge veröffentlichter Geheimdokumente überhaupt. Neu war zu diesem Zeitpunkt die strategische Kollaboration mit renommierten Medienpartnern, dem britischen „Guardian“, der „New York Times“ und dem „Spiegel“. Die schiere Masse der sensiblen Informationen überstieg die editorialen Kapazitäten des WikiLeaks-Teams. Gleichzeitig erreichte Assange mit seiner spektakulären Publikation über die Kanäle etablierter Presseorgane (international konkurrierende Redaktionen kollaborieren erstmals zur Aufarbeitung des Materials) eine enorme Aufmerksamkeit für das Anliegen seiner Organisation – was letztlich den finanziellen Support der Non-Profit-Organisation durch Spenden sichern sollte. Im Laufe des Jahres 2010 veröffentlichte seine Internetplattform mehr geheime Dokumente als die gesammelte Weltpresse zusammen. (Assange kommentiert dies in einem Interview als Armutszeugnis für die Presse, die ihrem investigativen Auftrag nicht genügend nachkomme.) Die „Cablegate-Affäre“ mit den diplomatischen Depeschen setzte der Veröffentlichungsoffensive die Krone auf.

Das Imperium schlägt zurück

Zwischenzeitlich wurde der US-Soldat Bradley Manning in Untersuchungshaft genommen, der WikiLeaks angeblich die Geheimdokumente übermittelt haben soll. In einem Chat hat er sich offenbar dem Falschen anvertraut und muss nun mit dem Schlimmsten rechnen, bis ihm vor einem Militärgericht der Prozess wegen Hochverrats gemacht wird. Menschenrechtsorganisationen berichten, dass er derzeit (Januar 2011) unter menschenverachtenden Bedingungen in Isolationshaft festgehalten wird. Die US-Regierung übt massiven Druck aus, um die Aktivitäten von WikiLeaks zu unterbinden, insbesondere, um die Geldströme zu kappen. Amazon weigert sich, WikiLeaks weiter auf seinen Servern zu hosten, PayPal friert Spendenkonten zur Unterstützung von WikiLeaks ein, Mastercard, Visa, die Schweizer Postfinance sowie die Bank of America (über die Assange weitere Enthüllungen in 2011 angekündigt hat) stellen ihre Dienste in Bezug auf WikiLeaks ein und begründen dies weitgehend mit einem Verstoß gegen Ihre Geschäftsbedingungen. Die chaotisch organisierte Hacker-Gruppierung „Anonymous“ bläst mit DDOS (Distributed Denial of Service)–Attacken zum Gegenangriff und legt in der „Operation Payback“ durch massenhafte Anfragen vorübergehend diverse Webseiten lahm, darunter auch die von Mastercard.

Die Obama-Administration sucht indes fieberhaft nach einer Gesetzesgrundlage, aufgrund derer sie Assanges Aktivitäten kriminalisieren kann. WikiLeaks versteht sich als journalistische Organisation, deren investigative und publizistische Aktivitäten unter den Schutz des Verfassungszusatzes der Pressefreiheit fallen – was seit jeher eine zentrale Säule der amerikanischen Demokratie war und ist. Da sie selber keine sensiblen Daten entwendet, sondern lediglich von anonymen Informanten entgegennimmt und publiziert bzw. an die Presse übermittelt, tut sie etwas, das auch die „New York Times“ tut, oder zumindest tun sollte. Letztere gerät selber unter öffentlichen Druck durch die Kooperation mit WikiLeaks, beruft sich aber ebenfalls auf das First Amendment der amerikanischen Verfassung. Amerika ist in der Zwickmühle. Nationale Sicherheit oder Pressefreiheit? Die konservative Propaganda-Maschinerie läuft heiß. Sarah Palin (deren gehackter E-Mail-Account bereits 2008 auf WikiLeaks zu lesen war) ordnet WikiLeaks derselben Kategorie zu wie die Taliban und fordert Assanges Verfolgung. Der prominente US-Politiker Mike Huckabee fordert öffentlich die Hinrichtung Assanges. Fox-News-Kommentator Bob Beckel ruft öffentlich dazu auf, „den Hurensohn auf illegale Weise“ zu erschießen.

Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange

Den US-Behörden spielt ein internationaler Haftbefehl in die Karten, den eine schwedische Richterin gegen Assange ausstellt. Assange soll in Schweden zwei Frauen gegen ihren Willen zu ungeschütztem Sex ohne Kondom, ein Straftatbestand nach schwedischem Recht, gedrängt haben. Die Frauen wandten sich vor Ort an eine lokale Polizeistation, gaben aber an, dass sie in den Geschlechtsverkehr eingewilligt hatten und sich aktuell auch nicht von Assange bedroht fühlten. Ein erster Haftbefehl wurde von der zuständigen Staatsanwältin wegen Geringfügigkeit fallengelassen. In der Darstellung des „Spiegel“ hatte Assange, dem neben seinem exzentrischen Charakter eine gewisse Promiskuität nachgesagt wird, eine Dreiecks-Affäre mit den beiden Frauen, welche, nachdem diese aufgeflogen war, sich dann angeblich aus Rache gegen Assange solidarisiert haben und an die Polizei getreten sind. Assange spricht von einer „Schmierkampagne“ gegen seine Person.

Einige Zeit später wird ein zweiter internationaler Haftbefehl ausgestellt, dieses Mal von einer anderen Richterin in einem anderen Ort. Assange, der sich in England befindet,  meldet sich auf der Polizeistation, um mit den schwedischen Behörden zu kooperieren, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen und die konkreten Inhalte der Vorwürfe gegen ihn zu erfahren. Diese werden ihm nicht mitgeteilt. Stattdessen wird er unvorbereitet in Gewahrsein genommen, mit der Begründung, dass akute Fluchtgefahr bestehe. Er befürchtet eine Auslieferung nach Schweden, von wo aus er weiter in die USA ausgeliefert werden kann, wo er wiederum nach eigenen Angaben kein faires Verfahren gegen seine Person erwartet. Der Prozess gegen Assange trifft auf breites Medieninteresse. Prominente Unterstützer zahlen die nötige Kaution und Assange wird gestattet, unter Hausarrest mit elektronischer Fußfessel und täglicher Meldepflicht, auf dem Anwesen eines Unterstützers auf den weiteren Verlauf des Auslieferungsverfahrens zu warten.

Die Hydra der „Mirror“-Seiten und Assanges „Lebensversicherung“

Der Natur des Internets gemäß, gingen die Versuche der US-Administration, den Flaschengeist der digitalen Information wieder zurück in die Flasche zu zwingen, komplett nach hinten los. Hunderte Sympathisanten spiegelten die Inhalte der gesperrten Domain www.WikiLeaks.org auf so genannte „Mirror“-Seiten. Wie die mythologische Hydra, der an der Stelle eines abgeschlagenen Kopfes zwei neue wachsen, schießen ständig neue Kopien von WikiLeaks und zahlreicher neuer, von ihr inspirierter Seiten, z.B. „OpenLeaks“ (ein Projekt von Domscheit-Berg) aus dem Boden – was die Zensurbemühungen der US-Behörden als geradezu naiv erscheinen lässt.

Außerdem wird derzeit im Internet eine „Lebensversicherung“ in Form einer hochgradig verschlüsselten „Informations-Atombombe“ bzw. „Giftpille“ mit hochgradig sensiblen Dateien in mehreren Gigabyte Umfang auf verschiedenen Servern hinterlegt. Sollte Assange Gewalt zugefügt werden – so die Drohung – werde der Schlüssel veröffentlicht und die Information wären auf einen Schlag zugänglich. Die Story liest sich wie ein Agententhriller aus der Feder eines Hollywood-Regisseurs. Wie stellt sich aber das Ganze nun durch eine integrale Brille betrachtet dar?

Eine Integrale Analyse von WikiLeaks

Transparenz/Geheimhaltung und Quadranten-/Zonen-Aspekte

Das zentrale polare Gegensatzpaar, um das sich das WikiLeaks-Thema dreht, ist das Verhältnis von Transparenz zu Geheimhaltung. Wo ist Transparenz nötig und  gerechtfertigt, wo Geheimhaltung? Wie man sich denken kann, umarmt eine integrale Sicht beide Wahrheiten dieser grundlegenden Polarität. Ein Kongressberater kommentierte kürzlich den Umgang mit klassifizierten Informationen im amerikanischen Regierungsapparat mit der Metapher eines Zauns. Es werde ein Riesen-Terrain mit einem niedrigen Zaun geschützt. WikiLeaks hingegen wirft die Frage auf, ob nicht besser ein kleines Terrain wirklich sensibler Daten mit einem sehr hohen Zaun gesichert werden sollte. Wenn ALLES „Top Secret“ ist, dann ist nichts geheim. Umgekehrt: Wenn ALLES transparent ist, ist nichts transparent. Um maximale Transparenz zu fördern, muss selbst WikiLeaks – paradoxerweise – seine Informanten und Strukturen durch Geheimhaltung schützen – und zwar um so stärker, desto brisanter die durchgesickerten Informationen sind.

Transparenz war seit jeher den Mächtigen ein Dorn im Auge, deren unethisches Verhalten (OR) möglichst nicht Gegenstand der öffentlichen Kommunikation (UL) sein und auch nicht im Fokus der immanenten Korrekturmechanismen der Systemhorizontes (UR) stehen sollte. Aber auch innerpsychisch (OL) ist das Individuum gezwungen, sich selber die „bösen“ oder egoistischen Intentionen schleierhaft und intransparent zu machen – mittels des Mechanismus der Verdrängung. Intransparenz muss in allen Quadranten herrschen, sonst funktioniert sie nicht richtig.

WikiLeaks und das Internet injizieren hier neue Aspekte in die Situation. Die schiere Fülle, Schnelligkeit, Transportierbarkeit und Verfügbarkeit von digital kodierter Information, allesamt UR-Aspekte technischer Artefakte der postmodernen Informationsgesellschaft, gepaart mit individuellen und kollektiven weltzentrischen Werten (OL+UL), bringen eine neue Verhaltensoption für das Individuum hervor (OR), die es in die Lage versetzt, buchstäblich eine Weltmacht wie die USA ins Wanken zu bringen – zumindest hinsichtlich der Werte, die diese in ihrer Verfassung kodifiziert haben

Der „Whistleblower“ Daniel Ellsberg, der 1971 die Pentagon-Papiere an die Presse weitergab, mit denen die amerikanische Öffentlichkeit über die Täuschungsmanöver ihrer Regierung im Vietnamkrieg informiert wurde, musste seinerzeit die 7.000 Seiten Dokumente heimlich von Hand kopieren und im Papierformat der Presse übermitteln. Diese Datenmenge passt heute bequem auf einen USB-Stick und kann innerhalb von Sekunden übertragen werden. Information wird dadurch unkontrollierbar. Was über einen solchen Kanal durchsickert, kann innerhalb kürzester Zeit globale Reperkussionen im System erzeugen (UR), nicht unähnlich dem Schmetterlingseffekt aus der Chaos-Theorie.

In Wilber-V-Begriffen gesprochen, findet in Zone 7 (UR) eine Erweiterung des Systemhorizontes durch digitale Artefakte statt, d.h. die Art und Weise, wie das System sich seine Umwelt autopoietisch mithilfe von Kommunikationsprozessen und digitalen Informationsflüssen repräsentiert, wird rapide beschleunigt. Einfach gesagt: Was ich heute für einen Unsinn mache, kann schon morgen auf der Titelseite der Tageszeitung stehen. In Zone 3 (UL) findet sich dazu das Analogon des öffentlichen Diskurses, der idealerweise – wenn es nach Habermas’scher kommunikativer Vernunft abliefe – den zwanglosen Zwang des besseren Arguments (rationale Ebene des Austausches) gelten ließe und an weltzentrischer Moral ausgerichtet wäre. Das ist das Idealbild einer aufgeklärten Öffentlichkeit in einer rechtsstaatlich verfassten Zivilgesellschaft, hinter dem die westlichen Nationen mit ihrem globalen Führungsanspruch selbst zum Teil stark hinterherhinken, wie das Beispiel Italiens beweist. (In Eros, Kosmos, Logos spricht Wilber zurecht davon, dass der Übergang auf diese Ebene der Rationalität in globaler Hinsicht ein größerer Bewusstseinssprung wäre, als der, den sich die New-Age-Anhänger in ihren Licht-Visionen ausmalen.)

Bewusstseinsebenen

Am Fall WikiLeaks kann man wunderbar demonstrieren, welche Ebenen moralischer, kognitiver und Werte-Entwicklung miteinander im Clinch liegen und wie es durch die Unkenntnis des Phänomens Entwicklung im öffentlichen Diskurs (ein Problem, das Wilber als „Flachland“ bezeichnet) zu partialen Ansichten kommt. Zunächst einmal ist hier eine massive Prä-/Post-Konfusion (oder auch Prä-/Trans-Verwechslung) zu beobachten, bei der Elemente prä- und post-konventionellen Verhaltens und entsprechender Werte entweder verwechselt oder in einem Topf geworfen werden, weil sie beide nicht-konventionell sind und daher ähnlich aussehen.

So gibt es zum einen das Bild des anarchischen Hackers mit krimineller Energie, der aus Gründen persönlicher Selbstbeweihräucherung auf kriminelle Weise sensible Regierungsdaten stiehlt und ohne Rücksicht auf Verluste veröffentlicht. So stellt sich WikiLeaks der konventionellen, traditionell geprägten Ebene in den USA dar. Naturgemäß hat diese ethnozentrische Ebene auch kein Problem damit, aus einem ausgeprägten Nationalismus heraus, die Sicherheitsinteressen der USA in den Vordergrund zu stellen und den „Hochverräter“ Assange medial (und real) zum Schafott zu führen, Rechtsstaat hin oder her („My country, right or wrong!“). Postkonventionelle Impulse Assanges werden reduziert auf prä-konventionelle Verbrechen.

Liberalere Stimmen (moderne Ebene) wägen das Sicherheitsinteresse der USA gegen das fundamentale demokratische Prinzip der Pressefreiheit ab und beziehen vor diesem Hintergrund Stellung – durchaus nicht unkritisch in Bezug auf WikiLeaks, aber vor allem nicht unkritisch in Bezug auf die Bedrohung weltzentrischer Werte (Pressefreiheit) durch konservative Stimmen. Das Urteil von dieser Ebene ist nicht eindeutig, aber rekurriert zumindest auf allgemeine Prinzipien, die kognitiv zueinander ins Verhältnis gesetzt werden (können) und ist insgesamt bereits post-konventionell.

Postmoderne Vertreter hängen größtenteils der utopischen Ansicht an, dass sozialer Aktivismus via Internet die ganze Welt verändern wird, neigen dazu, Assange als eine Art „digitalen Robin Hood“ und WikiLeaks als das „Napster der Regierenden“ (Michael Seemann, Die Zeit) zu idealisieren und unterstützen, was sie als Graswurzel-Kampf gegen globale Ungerechtigkeit der Mächtigen und Reichen wahrnehmen, mittels Demonstrationen, Online-Petitionen, moralischer, persönlicher und finanzieller Unterstützung.

Dann gibt es noch klar prä-konventionelle Elemente, die ebenfalls in die Gesamtsituation einfließen. Das sind zum einen Individuen, die prä-konventionell, egozentrisch unterwegs sind („Niemand sagt mir, was ich zu tun habe!“) und sich mit den post-konventionellen Kräften im Kampf gegen die konventionelle Ebene verbünden. Die diffuse Hacker-Assoziation „Anonymous“ mit ihren Attacken gegen Mastercard.com und die Internetauftritte konservativer Regierungsvertreter fällt in diese Kategorie. Zum Anderen gibt es die ungesunde Variante der postmodernen Ebene, das „Boomeritis“-Phänomen, welches Wilber beschreibt, bei dem innerpsychisch (OL) prä- und post-konventionelle Elemente eine unheilvolle Synthese eingehen, die egozentrische Antriebe unter dem Deckmäntelchen hehrer Weltverbesserungs-Aspirationen beherbergt – nur weil beides nicht-konventionell ist.

Die Entwicklung des Vorgehens von WikiLeaks

WikiLeaks selbst zeigt Aspekte der gesunden und der pathologischen postmodernen Ebene. Nach der Veröffentlichung der „Afghanistan War Logs“ hagelte es (erwartungsgemäß) Kritik von Seiten konservativer Beobachter und vor allem aus dem US-Militär. Hier seien militärische Details preisgegeben worden, die die Truppen im Kampfeinsatz gefährden.  Selbst Menschenrechtsorganisationen äußerten Bedenken über uneditierte Informationen, die Rückschlüsse auf Informanten zuließen und dadurch deren Leben in Gefahr brächten. Eine Depesche mit der Auflistung potentieller Terrorziele wurde als Steilvorlage für Al Kaida betrachtet. WikiLeaks beteuert bis heute, dass innerhalb ihres vierjährigen Bestehens noch kein Mensch physischen Schaden durch die Veröffentlichungen davongetragen habe und selbst das Pentagon hat dieser Aussage bisher noch nicht widersprochen.

Dennoch scheint die Lernerfahrung bei WikiLeaks darin bestanden zu haben, dass der Prozess der Editierung der Information („Schwärzung“ sensibler Inhalte) mehr Aufmerksamkeit bekommen hat und dass man durch stärkere Kooperation mit etablierten Presseinstitutionen versucht, deren Hilfestellung und personelle Ressourcen hierbei zu nutzen. Auch wurde vor der Veröffentlichung der Depeschen die amerikanische Regierung kontaktiert, mit der Bitte, diejenigen Depeschen zu nennen, die besonders sorgfältig editiert werden sollten, um möglichen Schaden zu verhindern, was von dieser jedoch verweigert wurde. Zudem wurde gegenüber den Kriegstagebüchern die Rate der Freisetzung der Informationen verlangsamt. Von den 250.000 Depeschen sind derzeit erst rund 2.000 veröffentlicht, der Rest folgt im Abstand mehrerer Monate, um der Öffentlichkeit Zeit zum Verdauen zu geben. 

Ursprünglich war die Hauptseite im kollektiv editierbaren Wiki-Format angelegt, d.h. die User konnten in pluralistischer Manier direkt an dem Material mitarbeiten wie an der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Heute ist man in der Darstellung zu einer klassischen Form zurückgekehrt, wobei die editoriale Verantwortung auf die Kernredaktion eingeschränkt wird. Auch das kann man als Lern- oder Reifungsprozess der Organisation betrachten.

Transparenz und Ebenen des Bewusstseins

„Was ist so schlimm an kompletter Transparenz? Wenn ich nichts zu verbergen habe, dann können doch ruhig alle alles über mich erfahren, oder nicht?“ Nun ja, spätestens die Postmoderne lehrt uns, dass Wissen und Macht untrennbar sind. Parallel dazu ist die Gleichzeitigkeit der Ebenen des Bewusstseins eine beständige Tatsache. Es wird immer Menschen geben, deren Intentionen entlang des Spektrums egozentrischer, ethnozentrischer und weltzentrischer Motive liegen. Die meisten Postmodernen misstrauen der völligen informationellen Transparenz und wehren sich zurecht gegenüber Daten-Sammelwut des Staates und der Unternehmen.

Eine Subgruppe spirituell gesinnter Postmoderner hingegen hält tapfer das Banner kompletter Transparenz aufrecht, sitzt dabei jedoch in naiver Weise der weltfremden Annahme auf, dass im Grunde alle Menschen nur das Beste füreinander wollen. Sensible persönliche Daten wie Einkommensverhältnisse oder Krankenakten sollten möglichst nicht anderen Individuen auf der ego- oder ethnozentrischen Stufe offen stehen. Die sind selten „lieb“ und an Transparenz haben sie nur ein einseitiges Interesse. Auch WikiLeaks respektiert daher das Persönlichkeitsrecht auf informationelle Selbstbestimmung – andererseits gibt es Informationen, deren Unterdrückung der Öffentlichkeit Schaden zufügt, heraus.

Das Phänomen WikiLeaks ist nur in einem Umfeld weltzentrischer Gesetzgebung überhaupt möglich. Im Umfeld totalitärer, ethnozentrischer Regime ist es zum Scheitern verurteilt, ebenso wie Widerstandsgruppierungen im dritten Reich es waren. Die Moderne stärkte die Rolle des Individuums gegenüber dem Kollektiv und übertrug die Macht an den Volkssouverän. Rechtsstaatliche Gewaltenteilung und eine freie Presse sind die geronnene, kostbare Essenz langer, kollektiver Lernprozesse. Auch das steht auf dem Spiel, wenn die US-Administration nun „aggressive Schritte“ gegen WikiLeaks unternimmt. Da klingt es wie Hohn und Ironie in Richtung der westlichen Welt, wenn der russische Präsident Medwedjew gar den Friedensnobelpreis für Assange vorschlägt – insbesondere angesichts der Situation der Presse in seinem Land. Es bleibt abzuwarten, wie er auf die angekündigten Enthüllungen über Russland reagiert.  Von anderen Transparenz zu fordern, ist leicht, selber Transparenz zu ertragen dagegen nicht.

Ich möchte ferner unterscheiden zwischen äußerlicher und innerlicher Transparenz. Äußerliche Transparenz ist die Durchsichtigkeit des beobachtbaren individuellen und kollektiven Verhaltens, die WikiLeaks herstellt. Innerliche Transparenz hingegen ist in zwei Versionen denkbar. Erstens, dass ich mir selber über meine Motive (und Schatten) im Klaren bin und mich nicht selbst täusche (Zone 1). Zweitens, dass mir die Strukturen der Innerlichkeit und der Entwicklung transparent sind (Zone 2). Jean Gebser nannte diese Form von Durchsichtigkeit der Strukturen des Bewusstseins „Diaphanität“. Sie tritt erst auf der integralen Stufe der Entwicklung auf und ist daher selten zu finden.

Wikileaks hat einen kraftvollen Impuls in die Welt gesetzt und mit relativ einfachen Mitteln die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit erregt. Aber es fehlt eine solide Landkarte der Entwicklung, eine Transparenz der Ebenen, die involviert sind, wie sie zusammenhängen, welchen Wert sie jeweils für das Ganze haben und um welche spezifischen Pathologien man sich kümmern sollte. Die veröffentlichten Informationen stehen letztlich auch ethnozentrischen Regimes zur Verfügung und es ist praktisch unmöglich, alle Implikationen dieser Informationen vorauszusehen. Auf der anderen Seite wird wohl noch so einiges ans Licht kommen, von dem es gut ist, dass die Weltöffentlichkeit darüber Bescheid weiß. Man kann in beide Richtungen irren, WikiLeaks hat auf relativ verantwortliche Weise Position bezogen, was man nicht uneingeschränkt über die Parteien behaupten kann, deren Geheimnisse ans Licht kommen.

„Mut ist ansteckend“

Die Botschaft, die Wikileaks an die Mächtigen dieser Welt sendet, lautet: „Little Brother is watching you!“ Dunkle Machenschaften und gut gehütete Geheimnisse können leichter auffliegen. Durch das Medium Internet und sozialen Aktivismus à là WikiLeaks wird die Aufdeckung von Skandalen mit relativ einfachen Mitteln erheblich gefördert. Wenn etwas durchsickert, weiß es morgen die ganze Welt. Es ist ein gewagtes Unterfangen, auf dieser Ebene korrupten Regimes die Stirn zu bieten und sich zu exponieren, wie Assange es tut, um seiner Organisation ein öffentliches Gesicht zu verleihen. Man muss dazu bereit sein, ein Leben auf der Flucht vor Geheimdiensten und Auftragskillern zu führen. Ich habe großen Respekt vor dem Einsatz, den Assange im Kampf um die Wahrheit in die Waagschale wirft. Durch sein leidenschaftliches und beherztes Handeln überwindet er Zynismus, Lethargie und Opferattitüde im Angesicht von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er ist sicherlich ein schwieriger und eigensinniger Charakter, aber er zeigt Mut und kämpft für seine Ideale. Wer selber ohne Fehl und Tadel ist, werfe den ersten Stein.


Quelle: integrale perspektiven, Nr.  18, März 2011