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24.4.2017 : 7:18 : +0200

WikiLeaks, Privatsphäre und Öffentlichkeit

Quelle: WikiLeaks

Michael Habecker

Die Veröffentlichungen von WikiLeaks polarisieren die Öffentlichkeit. Was für die einen eine Demonstration von Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit und Transparenz darstellt, ist für die anderen ein verbrecherischer Landesverrat. WikiLeaks und andere Plattformen nutzen das Internet, um als „geheim“ oder „vertraulich“ eingestufte Dokumente meist staatlicher Institutionen zu veröffentlichen. Dürfen sie das oder sollen sie das?

Dazu ein paar Überlegungen unter Zuhilfenahme der integralen Landkarte – und vorab einige theoretische Hinweise.

Individuelle und soziale Holons

Ken Wilber unterscheidet bei den Bausteinen der Existenz, die er „Holons“ nennt, individuelle und soziale Holons. Erstere sind individuelle, empfindende Wesen wie Menschen, letztere sind aus diesen zusammengesetzte Gemeinschaften wie Staaten, aber auch z. B. Beziehungen und Familien. Beide sind gleichwertig und gleichermaßen wichtig, ohne jedoch gleich zu sein.[1] Ohne Individuen keine Gemeinschaft und umgekehrt. Holons als Teil/Ganzes, so ihre Definition, sind u. a. durch – wie Wilber es nennt – Agenz und Kommunion charakterisiert. Die Agenz ist ein Ausdruck ihres Ganzheitsaspektes und ihrer Identität, die Kommunion ein Ausdruck ihres Teil-Aspektes. Jedes Holon, d. h. jeder Mensch und jede Gemeinschaft, ist damit immer „privat“ für sich (Agenz) und gleichzeitig immer auch „sozial“ in Beziehung zu anderen Holons (Kommunion). Beides ist für die Existenz und das Überleben jedes Holons elementar. Ohne Ganzheitsaspekt hört jedes Holon auf, als ein Holon zu existieren, und ohne Teilheitsaspekt auch, weil jedes Holon auf Austauschbeziehungen für sein Überleben angewiesen ist. Allgemein gesprochen bedeutet dies, dass jedes Holon 

a)     das Recht hat, „für sich“ zu sein, und gleichzeitig auch

b)    eine Pflicht hat im und zum Miteinander gegenüber anderen Holons.

Ersteres leitet sich aus der Agenz ab, Letzteres aus der Kommunion.

Was hat das mit den WikiLeaks zu tun? WikiLeaks stellt Öffentlichkeit (b) her und veröffentlicht Dokumente, die von Organisationen als geheim eingestuft werden. Damit sorgt WikiLeaks für Kommunion und Kommunikation, sehr zum Ärger der betroffenen Staaten, die sich auf ihr „privates“ Recht zur Geheimhaltung berufen. Wer hat nun recht? Allgemein kann man sagen beide, jeweils zur Hälfte, jeweils Agenz oder Kommunion betonend. Wegen der Gleichwertigkeit von Individualität und Gemeinschaft einerseits und privater Agenz und öffentlicher Kommunion andererseits kann man generell nicht sagen, dass es immer besser ist, Informationen zu veröffentlichen oder Informationen zurückzuhalten, sondern es kommt, einmal mehr, auf den Kontext und auf die Ebene von Bewusstheit an, die dabei eingenommen werden.

Das Spannungsfeld Privat/Öffentlich

Schauen wir uns das Spannungsfeld von Privatsphäre und Öffentlichkeit noch genauer an. Dieses Spannungsfeld besteht

a)     zwischen Individuen, z. B. in einer Beziehung: Jeder der Partner hat das Recht, Dinge auch für sich zu behalten. Wenn Partner sich gegenseitig ausspionieren, wird dies als Vertrauensbruch empfunden und bedeutet meist das Ende einer Beziehung.[2] Gleichzeitig hat jeder der Partner die Pflicht, sich mitzuteilen, was überhaupt erst zu Beziehung führt. Wie weit kann und soll das gehen? Diese Frage stellt sich in jedem Augenblick in jeder Beziehung.

b)    zwischen Individuum und Staat (und umgekehrt). Jedes Individuum hat ein Recht auf Privatsphäre gegenüber dem Staat. Wird diese nicht respektiert, spricht man von „Gesinnungsschnüffelei“ oder einem „Überwachungsstaat“. Gleichzeitig lebt ein Staat, wie eine große Beziehung, davon, dass sich seine Mitglieder in ihn einbringen. Wenn in einem Rechtsstaat Unrecht nicht kommuniziert, geahndet und bekämpft wird, ist er bald am Ende, wie das Beispiel der Weimarer Republik uns gezeigt hat. Hohe Werte wie Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung können nur dann in einer Gemeinschaft überleben, wenn ihre Mitglieder dafür eintreten. Um sich als eine Agenz, als ein „Wir“, behaupten zu können, haben alle Staaten der Welt Institutionen aufgebaut, mit denen sie sich selbst schützen, beispielsweise „Staatssicherheit“ oder „Verfassungsschutz“. Gerade in totalitären Staaten sind damit oft fürchterliche Erfahrungen von staatlichem Unrecht verbunden, und es kommt, wie auch bei Individuen, entscheidend darauf an, welche Bewusstheit und welcher Geist von der Regierung eines Gemeinwesen vertreten wird. Weiterhin wichtig und richtig ist, dass Menschen, die ein öffentliches Amt einnehmen, und auch Organisationen als Ganzes, sich eine besondere öffentliche Beobachtung gefallen lassen müssen, weil sie Macht und Einfluss ausüben und damit das Schicksal anderer Menschen beeinflussen. Wo hört das öffentliche Interesse auf und wo fängt das private Interesse an? Dies ist die Frage, die sich jeden Augenblick im Verhältnis von Staat (und dessen VertreterInnen) und Individuum stellt. 

c)     zwischen Staat und Staat (oder Gemeinschaft und Gemeinschaft). Jeder Staat hat ein Recht, er selbst zu sein, und auch die positive Pflicht, mit anderen Staaten in Austauschbeziehungen zu stehen – keine Agenz ohne Kommunion. Die unterschiedliche Identität zweier Gemeinschaften macht einen sinnvollen Austausch überhaupt erst möglich. Diese Beziehungen haben in der Menschheitsgeschichte verfeindete Stämme zu Nationen zusammengeführt und sie führen auch, so die Hoffnung, eines Tages die Nationen zu einer Weltgemeinschaft zusammen, die nicht von einem Staat dominiert, sondern von den am weitesten entwickelten Werten wie den allgemeinen Menschenrechten regiert wird. Gleichzeitig haben diese sozialen Einheiten auch ein Recht auf Eigenständigkeit und, in diesem Sinne, auch auf „Privatsphäre“.

Entwicklung

Konflikte im Zusammenhang mit den WikiLeaks-Veröffentlichungen sind ein Beispiel dafür, wie dringend notwendig eine Betrachtung von Entwicklungsstufen ist. Ohne die Betrachtung der vertikalen Dimension des Lebens wird eine Integration der unterschiedlichen Meinungen nicht möglich. Auf jeder der Entwicklungsstufen – egozentrisch, ethnozentrisch, weltzentrisch – stellt sich die Frage, was kommuniziert werden soll und was nicht, und wird jeweils anders beantwortet – individuell und kollektiv (= staatlich). Egozentrisch wird die Kommunikation (oder deren Unterlassung) allein an den persönlichen Interessen ausgerichtet, ohne Berücksichtigung anderer Interessen und Perspektiven. Ethnozentrisch steht das Wohl der eigenen Gemeinschaft/Nation im Vordergrund. Nachteile für andere Nationen oder Menschen werden in Kauf genommen oder sogar herbeigeführt. Erst auf der weltzentrischen Entwicklungsstufe steht das Wohl aller Menschen im Blickpunkt und nicht nur das der eigenen Person oder das einer bestimmten Gemeinschaft, und daher wird erst auf dieser Stufe die Veröffentlichung (oder das Zurückhalten von Informationen) aus der Perspektive aller möglichen Betroffenen entschieden.

Schattenarbeit

In diesem Sinne ergibt sich hier immer auch eine Gelegenheit zur Bewusstwerdung und Schattenarbeit, sowohl für jeden Einzelnen wie auch für Gemeinschaften wie Staaten. Worum geht es wirklich bei einem Akt der Kommunikation (oder deren Unterlassung)? Geht es um Denunziation, Intrige, Mobbing, Unterschlagung, Irreführung, Manipulation, Rache? Oder geht es um Aufklärung, mehr Bewusstheit für alle, Entwicklung und Wachstum? Wobei, um es noch einmal zu betonen, sowohl das Verbreiten von Informationen wie auch das Unterlassen ihrer Verbreitung zu beidem beitragen kann. Wer beispielsweise meint, die Veröffentlichung von Bauanleitungen für Atombomben führe zu mehr Bewusstheit, darf sich nicht wundern, wenn Atombomben überall auf der Welt „bewusst“ zusammengebaut werden und dann auch zum Einsatz kommen. Eine integrale Betrachtungsweise nimmt immer so viele Perspektiven der Betroffenen wie möglich vorher ein und stellt sich Fragen wie: Wem schadet das, was ich vorhabe, und wem nützt es? Und wie viel Segen und wie viel Leid bringe ich damit insgesamt in die Welt? 

Das Internet gibt uns heute auf eine nie dagewesene Weise die Möglichkeit zur Herstellung von Öffentlichkeit. Doch das führt nicht grundsätzlich zu mehr Bewusstheit und Entwicklung. Es kommt darauf an,

a)     welchen Wahrheitsgehalt eine Information enthält und aus welcher Quelle sie stammt,

b)    wer die Information mit welchen (bewussten oder unbewussten) Absichten an wen weitergibt (oder zurückhält),

c)     wer sie erhält und was er oder sie, verknüpft mit seinen oder ihren (bewussten oder unbewussten) Absichten daraus macht.

Dies gilt auch für WikiLeaks und für grundsätzlich jede „Enthüllung“. Es gibt kein Patentrezept zum Umgang mit vertraulichen Informationen, sondern in jedem Einzelfall ist eine Nutzen/Schaden-Abwägung sorgfältig durchzuführen, durch die vorherige Einnahme der Perspektiven aller Betroffenen und eine Reflektion über mögliche Auswirkungen. Dass WikiLeaks Textstellen vor der Veröffentlichung schwärzt, ist ein Hinweis darauf, dass die Auswirkungen von Veröffentlichungen auf Betroffene zumindest überdacht werden.

Es steht außer Frage, dass Kommunikation einer der ganz großen Förderer von Entwicklung und Evolution ist. Wir sind immer schon und von Anfang an „Wesen in Beziehung“. Durch unsere Entwicklung und Bewusstwerdung sind wir in der Lage, immer umfassendere Perspektiven einzunehmen, und können dadurch die Folgen unserer Handlungen (oder auch unseres Nicht-Handelns) auf andere abschätzen und die Verantwortung dafür übernehmen. Durch immer mehr Bewusstheit können Organisationen wie WikiLeaks – und jeder und jede von uns – dies auf immer verantwortlichere Weise tun.  


[1] Zu den wichtigen Gemeinsamkeiten aber auch Unterschieden von Individualität und Kollektivität siehe Wilbers Excerpt C.

[2] Würde WikiLeaks beispielsweise die meist anonymen Lieferanten vertraulicher Informationen nennen, würde es sehr bald keine Informationen mehr bekommen. Zum „Schutz von Informanten“ praktiziert WikiLeaks eine Vertraulichkeit, die den Organisationen, über die Vertrauliches veröffentlicht wird, nicht zugestanden wird. Daran wird deutlich, dass es WikiLeaks und anderen Organisationen mit gleicher Zielrichtung nicht um eine radikale „Offenheit in alle Richtungen“ geht, sondern um eine Offenheit, die auf Staaten oder Organisationen zielt.


Quelle: integrale perspektiven, Nr.  18, März 2011