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26.4.2017 : 11:57 : +0200

Zur Evolution eines integralen Wir-Raumes

Terry Patten – Ken Wilber
(ausgewählte Abschnitte aus einem Telefondialog. Ein ausführliches Transskript ist in der Ausgabe 44 des Online Journal veröffentlicht)


•  Ein “Wir” ist die Art, wie sich GEIST selbst erfährt. In der wechselseitigen Wahrnehmung zweier schaut des wahre SELBST einen an.

• Wir-Übungen helfen Menschen über die unsichtbaren Grenzen ihrer persönlichen Subjektivität hinauszugehen.

• Wir-Übungen können das individuelle meditative Erwachen über turiya zu turyatita fördern.

• Ein Wir-Raum hat sein eigenes Netzwerk einer Nexus-Agenz, und wenn wir in all die Nexi hineinspüren, dann spiegelt uns allen dieses gemeinsame Feld unser Wahres Selbst.

•  Jede Wir-Raum Praxis ist gekennzeichnet durch ihre jeweiligen Injunktionen und Intentionen:
◦ Injunktionen wie: „Achte auf den Wir-Raum”, „Bleibe radikal gegenwärtig”, „Gib dich dem Bezeugen hin”, „Lasse Beurteilungen los“, „Sei ehrlich und durchlässig“, „Knüpfe an das an, was andere sagen“, usw.
◦  Intentionen wie: transpersonale Intimität,  hohe Bewusstseinszustände, den Impuls der Evolution formulieren, eine sich entwickelnde Kultur inmitten einer globalen Krise, das Erwachen höherer intuitiver Fähigkeiten, usw.

• Jedes Mitglied eines Wir hat eine Erfahrungen die er/sie mit allen anderen teilt, und ebenso seine/ihre ganz eigenen Erfahrungen und Perspektiven.

• Es gibt eine Hingabe in das Bezeugen und es gibt ebenso eine Hingabe über das Bezeugen hinaus, in welchem der Abstand nehmende Betrachter einem nichtdualen Gewahrsein Platz macht.

• Es gibt zahlreiche intersubjektive Wir-Felder in denen wir teilnehmen, und jedes von ihnen bringt andere Entwicklungsstufen zum Ausdruck.

• Einer der Gründe, warum Wir-Praktiken so populär sind, ist der, dass wir den Eros fühlen können, den kreativen Schritt in das Neue, in unserer gemeinsame Erforschung eines neuen evolutionären Geländes einer höheren Intersubjektivität

• Die 3-1-2 Abfolge hat eine besondere Bedeutung (Annäherung an ein Thema von außen über eine Perspektive einer 3. Person (Es), eigene Erfahrungen einer 1. Person durch individuelle Praxis (Ich), Erweiterung und Vertiefung durch Austausch und gemeinschaftliche Praxis einer 2. Person).

• Das gemeinschaftliche Erleben von Bewusstseinszuständen ist ebenso wichtig wie gemeinschaftliche Bewusstseinsstrukturen.
◦  Zu Zuständen ist der Zugang einfacher als zu Stufen, welche gemeinsam geschaffen werden müssen.
◦ Die meisten Wir-Praktiken beginnen als Zustandspraktiken, doch ein intersubjektives  3-1-2  Lernen ist möglich und führt zu höheren gemeinschaftlichen Stufen.
Viele spirituelle Praktiken konzentrieren sich auf den Ich-Raum, und das ist sehr wichtig und wird es immer auch sein. Was wir dabei im Ich-Raum versuchen ist, zuerst das Ego zurückzustellen, indem wir es im Zeugenbewusstsein beobachten. Doch dann versuchen wir noch einen Schritt weiterzugehen und auch noch den Zeugen loszulassen, den Seher, und damit auch jegliche Subjektivität loszulassen, um in der nichtdualen Soheit aufzugehen. Darin schauen wir nicht länger auf ein Objekt, sondern Objekte erscheinen im eigenen Gewahrsein, selbstmanifestierend und selbstbefreiend. In den Traditionen bedeutet dies die Bewegung von turya, den reinen Zeugen, zu turyatita, jenseits des Zeugen.
Wenn wir uns Wir-Praktiken zuwenden, dann können diese uns darin unterstützen, über das Erleben von Selbstbezogenheit oder Subjektivität in unserem Bewusstsein hinauszugehen. Wenn wir auf ein Wir ausgerichtet sind, dann sind wir – per Definition – nicht auf das Ich ausgerichtet. Das ist einer der unausgesprochenen Attraktoren der Praktiken im Wir-Raum. Das Ich wird losgelassen, und die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Wir, und der Abstand nehmende Betrachter oder die Betrachterin kann leichter einem nichtdualen Bewusstheit den Weg bereiten, wo die gesamte manifeste Welt selbst-bewusst und selbst-befreit erscheint und nicht nur das Objekt eines höheren Subjektes ist. Ob es nun so formuliert wird oder nicht, das sich Herausbewegen aus dem Ich-Raum kann unterstützt werden, als ein Loslassen eines jeglichen Empfindens eines getrennten Selbst, einschließlich eines getrennten höheren Selbst oder einem getrennten Zeugen.
Wenn wir eine Wir-Praxis mit der Absicht einer Problemlösung machen, dann müssen wir uns klar machen, dass wir in allen vier Quadranten aktiv werden müssen – ein gegenseitiges Verständnis reicht nicht aus. Wir müssen auch in den rechtsseitigen Quadranten handeln. Und dann gibt es noch allgemeine Entwicklungshöhen – magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral, über-integral, oder, mehr technisch, Perspektiven, die von einer 1. Person bis zur 7. Person reichen.
Es gibt nicht einfach einen Wir-Raum, sondern einen Wir-Raum mit unterschiedlichen Ebenen oder Schichten von Entwicklungshöhe. Eine Gruppe auf der Höhe einer Perspektive der 2. Person  beispielsweise unterscheidet sich sehr von einer Gruppe auf der Höhe einer Perspektive der 5. Person. Das wird oft übersehen, doch es ist ganz zentral.
Es ist wichtig zu erkennen, dass jedes Individuum nach wie vor eine eigene einzigartige Erfahrung dieses gemeinschaftlichen Wir-Raumes macht, weil jede(r) auf das Gleiche aus einer unterschiedlichen Perspektive schaut.
Es ist wichtig sich klar zu machen, dass ein Wir-Raum ein soziales Holon ist und kein individuelles Holon. Und auch wenn ein wahres SELBST gegenwärtig ist, wie auch beim individuellen Holon, hat ein soziales Holon keine dominante Monade. Manche ziehen Vergleiche zur Gruppe als einem einzigen Organismus, mit einer dominanten Monade und einem kontrollierenden Selbst, doch das ist nicht richtig. Das ist ein wichtiger Hinweis, den wir uns merken sollten.
In der gegenseitigen Betrachtung unterschiedlicher Ichs in einem Wir sehen dieses Ichs den GEIST im Anderen – im Wunder des Wir.
Das ist das, was eine Landkartenbeschreibung in Form der AQAL Landkarte leistet, als eine Kommunikation in der Sprache einer dritten Person. So fängt es an. Daraus muss dann individuelle Praxis folgen, als eine Praxis einer ersten Person, und daraus wiederum entwickelt sich natürlicherweise eine Betonung von Intersubjektivität, die zweite Person. Das ist eine 3-1-2 Abfolge, die wir auch in der Geschichte unserer integralen Bewegung erkennen.

(aus: integrale perspektiven Nr. 28)